Lebensmittelskandal Gammelfleisch

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-06 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Was das „Gammelfleisch“ lehrt:
Der Lohn von Otto Normalverbraucher reicht einfach nicht für ein ordentliches Leben

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„Gammelfleisch“ ist ein ziemlich ubiquitäres Phänomen. Mit dieser schonungslosen Offenlegung werden die Leser allerdings nicht allein gelassen. Eine fach- und sachkundige Öffentlichkeit erklärt ihnen nämlich gleich auf mehreren Ebenen, warum sie sich nicht zu wundern brauchen.

Was das „Gammelfleisch“ lehrt:
Der Lohn von Otto Normalverbraucher reicht einfach nicht für ein ordentliches Leben

„Gammelfleisch“ ist überall

Ende November waren etliche Verlautbarungen der folgenden Art dazu angetan, die Bürger prima auf das Weihnachtsfest einzustimmen:

„Verdorbenes Hackfleisch, stinkende Döner, schlieriges Roastbeef, angegammeltes Putenhack, Abfälle aus der Geflügelzucht – die Meldungen über das, was die Deutschen nichts ahnend Tag für Tag verspeisen, wurden immer ekliger. Tonnenweise hatten dubiose Firmen Gammelfleisch über die Republik verteilt“, fasste der Spiegel vom 28.11.05 zusammen. Und dem „Freitag“ war zu entnehmen: „Der Umgang mit abgelaufenen Fleischprodukten ist weder einer einzelnen Supermarktkette noch einem einzelnen Großhändler oder Hersteller zuzuordnen. Die Spuren führen quer durch die Republik. … Die Fleisch-Mafia ist überall. Selbst Ökofleisch soll betroffen sein.“ (Freitag, 9.12.) Auch die neuerdings so gelobte Zertifizierung, die den Kunden einen zuverlässigen Qualitätsmaßstab an die Hand geben soll, hat ihnen nichts genützt: „Sowohl die Einzelhandelskette Real als auch der Fleischhändler Thomsen in Kiel, die verdorbenes Fleisch umetikettiert und angeboten haben sollen, waren QS-zertifiziert.“ (Die Zeit, 1.12.)

Erklärtermaßen sind also nicht nur einzelne „gewissenlose Betrüger“ am Werk, die auf Kosten von Geschmacksnerven und Gesundheit der Verbraucher ihr Geschäft machen. „Gammelfleisch“ ist vielmehr ein ziemlich ubiquitäres Phänomen. Mit dieser schonungslosen Offenlegung werden die LeserInnen allerdings nicht alleine gelassen. Eine fach- und sachkundige Öffentlichkeit erklärt ihnen nämlich gleich auf mehreren Ebenen, warum sie sich nicht zu wundern brauchen.

1. Die Marktwirtschaft bringt fast zwangsläufig „Gammelfleisch“ hervor

  • „Die Gefahr krimineller Machenschaften wächst, seit Anbieter aus Osteuropa mit Billigprodukten auf den Markt drängen und deutsche Qualitätsware keine Abnehmer mehr findet. Um nicht auch noch für die Vernichtung des Fleisches bezahlen zu müssen, wird es auf der ‚Resterampe‘ oder dem ‚Drei-Tage-Markt‘, wie es in der Branche heißt, zum Sonderpreis verkauft. Die Käufer lagern die Ware tiefgefroren ein, um sie später umverpackt und umetikettiert mit einem Preisaufschlag auf den Markt zu bringen. Ein lohnendes Geschäft.“ (SZ, 24.11.)
  • „Die Schlachtereien aber müssen aus Kostengründen die Tierkörper fast zu 100 Prozent verwerten. Nur lassen sich viele Tierteile schwer vermarkten. ‚Das ist die logische Konsequenz des Preiskampfes‘, sagt Martin Fuchs, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Fleischerverbands, ‚die Margen sind so gering, dass es nicht mehr drin ist, Ware einfach wegzuschmeißen.‘ Also gibt es Spezialfirmen, die mit allem handeln, was so liegen bleibt.“ (Spiegel, 28.11.)
  • „Die Verlockung, Schlachtabfälle oder Fleisch jenseits des Verfallsdatums zu verwerten, ist obendrein durch den wachsenden Wettbewerb in der Branche gestiegen. Seit etwa vier Jahren bieten auch Discounter Frischfleisch an, was die gesamte Branche unter Druck gesetzt und einen beispiellosen Konzentrationsprozess ausgelöst hat, der noch nicht abgeschlossen ist. Maximal fünf Unternehmen würden in Zukunft noch eine wirklich bedeutende Rolle spielen. … Dies setze den kleineren Fleischverarbeiten zu – und habe manche von ihnen in die Illegalität getrieben.“ (ebd.)

Von lauter Zwängen der Konkurrenz sind sie also bedrängt, unsere eigentlich grundsoliden, hart arbeitenden Schlachthöfe und Fleischverarbeiter: Im Osten drohen erstens Billigheimer, gegen deren Ramsch- sie mit ihrer Qualitätsware made in Germany keine Chance haben. Da muss man sich nicht wundern, dass sie aus lauter Verzweiflung zu den bekannt ekelhaften Methoden greifen. Aber auch ihre beinharte Konkurrenz gegeneinander lässt zweitens unseren guten deutschen Schlachthöfen keine andere Wahl, als sich jener Abnehmer zu bedienen, die bei allem Haut-gout, der ihnen wie ihrer Ware anhängt, immerhin dafür sorgen, dass nichts liegen bleibt, die insofern also auch den guten Dienst leisten, noch den unappetitlichsten Abfall seiner wahren marktwirtschaftlichen Bestimmung zuführen – dass mit ihm ein Geschäft gemacht wird. Drittens droht auch auf diesem Markt den Kleinen der Verlust ihrer betrieblichen Existenz durch die Übermacht der Großen. Was Wunder also, dass David im Kampf gegen Goliath der Verlockung erliegt, sich auch einmal unsauberer Methoden zu bedienen! Eine Versuchung, die im Übrigen nicht nur der Zwang hervorruft, auch noch unter den bekannt widrigen Umständen auf jeden Fall ein Profitchen erwirtschaften zu müssen, sondern auch das gerade Gegenteil. Nämlich die Gelegenheiten, die dieser Markt bietet, wenn man nicht immer mit dem Lebensmittelgesetz unter dem Arm herumläuft:

„Die Möglichkeiten, Schlachtabfälle als lebensmitteltauglich zu deklarieren, sind riesig. Es locken Gewinnspannen von 300 Prozent. Auch beim Tiermehl, das nicht an landwirtschaftliche Nutztiere verfüttert werden darf, ist Betrug lukrativ. Dieser Dünger ist hochproteinhaltigem Futter gleichwertig, das das Zehnfache kostet.“ (T. Bode, Spiegel, 12.12.)

Dergestalt wird das lesende Publikum von seriösen Journalisten und Experten, die ansonsten auf die Marktwirtschaft als das beste aller (Wirtschafts-)Systeme nichts kommen lassen, ausführlich darüber aufgeklärt, dass diese einerseits eine Art Zwangsveranstaltung zur Produktion von Unappetitlichem, andererseits ein Reich der fast unbegrenzten Möglichkeiten ist, auf schmutzige Art und Weise ein Riesengeschäft zu machen. Der Sache nach ein vernichtendes Urteil, aus dem allerdings rein gar nichts in Bezug auf die inkriminierte Sache folgt. Und es kommen auch keinerlei Zweifel an dem von derselben Öffentlichkeit bis zum Erbrechen verkündeten Mantra von den segensreichen Wirkungen auf, welche die Konkurrenz allüberall entfalten würde, wenn man, i.e. Staat und Gewerkschaften, sie nur ließe. Mit einem dialektischen Fingerspitzengefühl, dessen Feinsinnigkeit seinesgleichen sucht, trennen Journalisten vielmehr den Umgang mit Gammelfleisch, für den sie eben noch die Verlockungen wie die Zwänge der Marktwirtschaft als lauter Notwendigkeiten ins Feld geführt haben, welche die Umgehung der bestehenden Vorschriften ziemlich nahe legen, wenn nicht gebieten, von seinen unappetitlichen bis gesundheitsschädigenden Wirkungen. Die sollen mit der Wirtschaftsweise, welche sie hervorbringt, jetzt auf einmal rein gar nichts mehr zu tun haben. Die „Riesensauerei“, da schließt sich die Öffentlichkeit vorbehaltlos dem Verdikt des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten an, ist vielmehr das Werk krimineller Elemente, die dergestalt gegen den eigentlichen, guten Auftrag unserer selbstverständlich über jeden Zweifel erhabenen Marktwirtschaft verstoßen, die Konsumenten stets mit dem Bestmöglichen zu versorgen. Also ist der Staat mit seinem Recht und den einschlägigen Kontrollen gefragt. Was sie ansonsten als Sünde wider jegliche „marktwirtschaftliche Vernunft“ geißelt, kommt der Öffentlichkeit jetzt nicht nur gerade recht. Es muss geradezu sein: Der Staat soll’s richten! Aber auch bei ihm muss man sich nicht wundern. Denn

2. Auch der Staat kann nicht so, wie er sollte

Einerseits belehrt der Ruf nach dem Staat uns darüber, dass die journalistischen Experten mit dem Fortgang der inkriminierten Geschäftspraktiken rechnen, womit sie ein weiteres Mal bestätigen, dass diese einfach zu unserer schönen Marktwirtschaft dazugehören. Andererseits liegt die kritische Frage nahe, weshalb „die Verantwortlichen“ es überhaupt so weit kommen ließen. Und da ist guter Rat billig. Jetzt wissen nämlich auf einmal alle, die vorher in ihren Leitartikeln „die Verschlankung der Verwaltung“ als oberste Staatsaufgabe angemahnt haben, dass dabei einen Fehler gemacht worden sein muss:

„Mehr Geld zum Beispiel für mehr Kontrolleure wollen die meisten Länder nicht ausgeben, manche, wie Bayern, haben in diesem Bereich Personal abgebaut.“ (SZ, 9.12.)

Und wo das Gammelfleisch zum Himmel stinkt, da lassen sich auch noch andere himmelschreiende Fehler der Politik ausmachen: So ist das zuständige Ministerium

„eine Fehlkonstruktion, … eine reine Lobby-Einrichtung von Agrarwirtschaft und Lebensmittelindustrie. … Man kann nicht die Interessen von Verbrauchern und Agrarlobby gleichzeitig vertreten. Die sind oftmals gegenläufig.“ (T. Bode, Spiegel, 12.12.)

Wären die beiden Abteilungen in unterschiedlichen Händen, hätte Herr Bode wahrscheinlich „Kommunikationsmängel zwischen zwei Ressorts, die auf enge Zusammenarbeit angewiesen sind“, für das Gammelfleisch verantwortlich gemacht. Durch die aktuelle Ressorteinteilung aber ist bzw. wird der Staat hin und hergerissen, weil er es immer allen gleichzeitig Recht machen will. Er ist quasi institutionell unfähig, entschlossen gegen die Fleischmafia vorzugehen, was Herrn Bode andererseits nicht daran hindert, sich von einer „harten Bestrafung der Unternehmen“ (ebd.) eine grundlegende Besserung zu versprechen. Allerdings ist das „staatliche Versagen“ nicht nur auf gewissermaßen strukturelle Mängel zurückzuführen. Denn so einig sich alle Kommentatoren und das politische Personal in der Forderung nach besseren und schärferen Kontrollen im Prinzip sind, so ‚realistisch‘ wird deren Umsetzbarkeit beurteilt:

„Um die Kontrollen tatsächlich wirksamer zu machen, müssten sie vielmehr einer neuen Logik gehorchen: Zurzeit kontrollieren nämlich ausgerechnet die kommunalen Veterinäruntersuchungsämter die Schlachthöfe. Interessenkollisionen sind da programmiert. Ein Kreisveterinär, der den möglicherweise größten Gewerbesteuerzahler seiner Gemeinde genauer als üblich inspiziert, muss jedenfalls ein mutiger Mensch sein.“ (Die Zeit, 1.12.)

Also gebietet die aktuell herrschende „Logik“, über deren Inhalt sich der Kommentar nicht weiter auslässt, weil er sie anscheinend als allgemein bekannt voraussetzt, nicht so genau hinzuschauen. Jedenfalls wenn das Mitglied der „Fleischmafia“ gleichzeitig der wichtigste Steuerzahler ist, also nicht nur nach inoffiziellen Maßstäben zur „Ehrenwerten Gesellschaft“ gehört. Das eröffnet einen Blick auf die Komplexität des Problems, nämlich das Dilemma, in dem die öffentliche Gewalt sich befindet. Ihre „Logik“ gebietet es eben, auf ihre Einnahmen zu achten. Geld stinkt schließlich nicht, auch wenn es mit Hilfe stinkender Fleischabfälle verdient wurde. Auch diese offenherzige Auskunft über das systemgemäße Zusammenspiel von Staat und – schmutzigem – Geschäft wird zu einem einzigen Entlastungsargument. Irgendwo muss der Staat schließlich sein Geld für seine vielen Aufgaben herkriegen. Deshalb kann er auch nicht einfach vor bzw. in jeden Schlachthof einen Aufpasser stellen, so wünschenswert es wäre. Also stecken nicht nur die Fleisch verarbeitenden Betriebe in der Zwickmühle zwischen notwendigem Gewinnstreben und den einschlägigen Vorschriften. Auch der, welcher diese durchzusetzen befugt ist, kann keineswegs so, wie er sollte. Deshalb müssen wir als Verbraucher uns auch nicht über die fehlenden effektiven Kontrollen wundern, sondern an die eigenen Nase fassen. Denn schließlich gilt:

3. Der knausrige Konsument bekommt, was er verdient

Die tiefe Erkenntnis des neuen Ministers für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hat der Öffentlichkeit sofort eingeleuchtet. Seehofer im Original: Die Geiz-ist-geil-Mentalität ist gerade bei Lebensmitteln hochgefährlich. Qualitativ hochwertige Lebensmittel haben ihren Preis! (Bild, 1.12.) Als habe sie nur auf ein Signal gewartet, um von der langweiligen, weil aus besagten Gründen fruchtlosen Diskussion über die Notwendigkeit verschärfter Kontrollen weg- und auf das eigentlich interessante Thema zu kommen. Exemplarisch dafür die folgende Volte:

„Doch verwundert fragt sich der Verbraucher: Warum sind nach den zahlreichen Ekel erregenden Lebensmittelskandalen der letzten 20 Jahre nicht längst hinreichend erfolgreiche Kontrollen aufgebaut worden? Weil dem Lebensmittelhandel im allgemeinen zu viel blindes Vertrauen entgegengebracht wurde und sich niemand so recht eine solche Dimension des Verbraucherbetrugs vorstellen wollte? Oder weil eine tranige Verwaltung ihrer Überwachungsaufgabe ungenügend nachgekommen ist?“

Derlei gewichtige Fragen wirft die Kölnische Rundschau vom 30.11. auf, um bruchlos zu „antworten“:

„Allerdings hat dies auch eine Menge mit der um sich greifenden ‚Geiz-ist-geil‘-Mentalität zu tun. Zwar sollen nun nicht die ‚Opfer‘ des Fleischskandals zu Tätern stilisiert werden. (Die Anführungszeichen verraten schon, dass genau das passieren wird.) Doch lohnt es schon das Nachdenken, wie Bauern, Schlachter und Händler noch Geld verdienen sollen, wenn Käufer vor allem Schnäppchen jagen. Qualität hat auch ihren Preis. Die 1000-Gramm-Ente für 1,99 Euro kann der seriöse Metzgerladen um die Ecke jedenfalls nicht anbieten.“

Nicht nur die Zeitung der Stadt des Karnevals sieht die Sache so. Die WDR-Talkshow „Hart, aber fair“ widmet ihre Sendung am 7.12. dem Thema: Gammelfleisch zum Schnäppchenpreis: Kriegen wir den Geizhals nicht voll? Laut FAZ befinden sich die Händler in verzweifelter Abwehrschlacht gegen die Verführungen einer ‚Geiz ist geil‘-Mentalität. (FAZ.net, 9.12.) Selbst der linke „Freitag“ meint: Der Verweis auf den Geiz ist nicht falsch. (Freitag, 9.12.)

König Kunde ist also das Zugpferd in dem marktwirtschaftlichen Dreigespann aus Fleisch-Produzenten bzw. –händlern, Staat und seiner Majestät. Er steckt als einziger in keinem Dilemma. Vielmehr zwingt sein Sparsamkeitswahn die Produzenten, ihn mit billigem Fleisch zu versorgen. Er ist also letztlich für seinen eigenen Schaden verantwortlich. Anstatt mit seiner „Geiz ist geil“-Parole die Geschäfte zu stürmen und damit Produzenten und Händler unter Druck zu setzen, sollte er, im Interesse aller Beteiligten, lieber mehr Geld ausgeben, dann bekäme er auch die entsprechend bessere Qualität.

Dabei ist der handfeste Schaden, welchen der Kunde angeblich auf Grund seines Geizes erleidet, ein einziges Dementi der Vorstellung, er sei der eigentliche Herr der Marktwirtschaft. Die Alternative „Billig, aber schlecht“ versus „Teuer, aber gut“ hat schließlich nicht er sich ausgedacht. Wenn es nach ihm ginge, um diesen in der Wirklichkeit der Marktwirtschaft eher unmaßgeblichen Standpunkt einzunehmen, sollte ja wohl möglichst alles billig und gut sein. Aber „das geht ja“ bekanntlich „nicht“. Und zwar weil sich von vorn bis hinten alles nach den geschäftlichen Kalkulationen der Anbieter zu richten hat. Die entscheiden nach Maßgabe ihrer Durchsetzung auf dem Markt erstens darüber, was überhaupt auf selbigen gelangt, zweitens in welcher Qualität und drittens zu welchem Preis. Dabei machen sie sich wechselseitig kräftig Konkurrenz. Eine Veranstaltung, die im Übrigen gänzlich überflüssig wäre, wäre der Kunde tatsächlich König. Weil er aber so ziemlich das Gegenteil ist, nämlich ein Mensch mit einem in den meisten Fällen sehr beschränkten Budget, und das wissen die unverschämten Moralisten in den Redaktionen auch ganz genau, gibt es die einschlägigen Angebote für jedes Marktsegment. Also für die Armen Billigstprodukte, deren Produktion sich dank Masse auch bei relativ kleiner Gewinnspanne lohnt. Schließlich soll ja auch noch der letzte Cent die Kassen der Anbieter füllen, die ihrerseits gleichzeitig mit der Lüge werben, teure Produkte garantierten Qualität. Inmitten derartiger Angebote darf der Kunde dann seinen Geschmack zur Geltung bringen und auswählen. Dabei ist er tatsächlich so frei, sich auch einmal etwas Teureres zu leisten – wenn er sich an anderer Stelle entsprechend einschränkt. An diese sehr relative Freiheit des Konsumenten wird anlässlich des „Gammelfleischs“ wieder einmal appelliert. Seine Beschränkung wird ignoriert bzw. der Umgang damit als Ausdruck einer falschen Einstellung kritisiert. Weil er immerzu die falschen Prioritäten setzt, braucht er sich ein letztes Mal nicht zu wundern, sondern soll sich ein Beispiel an den Italienern nehmen:

„Nach einer Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung ist für 62 Prozent der Deutschen der Preis wichtiger als die Qualität. Ganz anders etwa die Italiener: Zwei Drittel von ihnen halten Qualität für das Wichtigste beim Kauf von Lebensmitteln.“ (Spiegel, 28.11.)

Womit diese einzig senkrechte Einstellung belohnt wird, ist einer Meldung zu entnehmen, wonach 58.000 t Mehl, die mit einem krebserzeugenden Gift verseucht waren, im Mutterland von Pasta und Pizza einschlägig verarbeitet wurden. (Guardian Weekly, 20, 26.1.06)

Was momentan für Fleisch gilt, gilt bei anderer Gelegenheit für andere Produkte. Jeder „Skandal“, der die Mangelhaftigkeit bis Schädlichkeit eines Gebrauchsguts aufdeckt, ist Anlass für die öffentliche Rüge, dass die deutschen Konsumenten wieder einmal an der falschen Stelle sparen. Also haben sie auf alles mögliche Andere oder, so die Alternative, die ihnen aktuell angeboten wird, auf Fleisch ganz zu verzichten. Dauernd ist die Kunst des – richtigen – Einteilens gefordert. Auch so kann man ausdrücken, dass für einen durchschnittlichen Arbeitslohn ordentliche Gebrauchsgüter nicht zu haben sind.


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