Kreuze in Auschwitz

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Schon wieder Probleme mit einer „zentralen Gedenkstätte“
Diesmal: Kreuze in Auschwitz

Überblick

Gedenkstätten sind Ausweis der Ehre einer Nation. Daher kommt es zum völkischen Streit zwischen polnischen und jüdischen Nationalisten über das Recht, in Auschwitz je eigene „Mahnmale“ hinzustellen. Die deutsche Öffentlichkeit sieht darin versäumte Vergangenheitsbewältigung.

Schon wieder Probleme mit einer „zentralen Gedenkstätte“ Diesmal: Kreuze in Auschwitz

Im September stehen auf dem „Kiesplatz“, einer ehemaligen Hinrichtungsstätte am Rande des Konzentrationslagers Auschwitz I, über 300 Kreuze. Vor knapp zehn Jahren war es noch ein einziges – ein acht Meter hohes Holzkreuz, das von einer Papstmesse aus dem Jahr 79 im Lager Birkenau (Auschwitz II) stammt, später ohne Erlaubnis der Kirchenleitung auf dem Kiesplatz aufgestellt wurde und an die 152 Polen erinnern soll, die dort 1941 von den deutschen Besatzern erschossen wurden. Auf Proteste jüdischer Organisationen gegen die Entweihung des größten jüdischen Friedhofs durch das Christensymbol sowie auf Gerüchte um die anstehende Entfernung des „Papstkreuzes“ reagieren polnische „Nationalkatholiken“ mit der Aufstellung neuer Kreuze. Ursprünglich sollten es 152 werden – für jeden der ermordeten Polen eines –; inzwischen lautet das ehrgeizige Ziel auf über 1000 bis zum Mai 99; und mit jedem Sonntag, der ins Land geht, werden es mehr.

Diese wundersame Vermehrung eines Artikels, der ansonsten in der westlichen Welt allerhöchsten Respekt genießt und beispielsweise aus bayrischen Klassenzimmern keinesfalls entfernt werden darf, gerät in Polen zum Problem. Gegenwärtig steht auf dem Programm offenbar, das Gedenken an die Shoa mit Kreuzen zu erdrücken. (FAZ, 4.8.98) Bei allem Verständnis, dessen sich die patriotische Begeisterung fürs Kreuz als nationales Symbol Polens erfreuen durfte, solange deren eindeutig antikommunistische Stoßrichtung hochwillkommen, weil politisch extrem nützlich war – mittlerweile tun sich hier Abgründe der polnischen Volksreligiösität (FAZ, 21.9.98) auf.

Auschwitz den Polen

Das kommunistische Joch haben die Polen ja nun glücklich abgeschüttelt. Endlich befreit von internationalistischen wie antifaschistischen Vorschriften, endlich nicht mehr behindert in ihrer traditionsreichen Gepflogenheit, sich das polnische „Wir“ als Freiheit des Christenmenschen und vice versa zu Gemüte zu führen, blüht der polnische Nationalismus auf. Und entsprechend betätigt er sich: Polnische Nationalkatholiken fühlen sich im eigenen Land entrechtet, weil Juden aus aller Welt gegen die massive Präsenz christlicher Symbolik am symbolträchtigen Ort der Massenvernichtung ihres Volkes protestieren. Ein „Komitee zur Verteidigung des Kreuzes“ formiert sich, das im Namen unabdingbarer Rechte der polnischen Nation – insbesondere und zuoberst des Rechts auf den richtigen Gott – Auschwitz den Juden als nationale Gedenkstätte zu entwinden trachtet. Verständnisvoll berichtet die Süddeutsche Zeitung:

„Für die meisten Polen ist Auschwitz nicht nur eine Metapher für den Holocaust: Auschwitz ist neben Warschau die größte nationale Opferstätte. Schätzungsweise 100000 Polen, die nicht Juden waren, sind in Auschwitz zu Tode gekommen. Die Frage lautet daher aus polnischer Sicht: Kann eine Opfergruppe eine Gedenkstätte monopolisieren?“ (SZ, 24.8.98)

„Opfergruppe“ ist gut: Die Opfer sind tot und können überhaupt nichts mehr, schon gar nicht miteinander um das Recht auf ein ehrendes Andenken streiten. Mit „nationalen Opferstätten“ ist das allerdings ganz was anderes: In solche Dinger legen höchst lebendige Nationen ihre Ehre. Im historischen Rückblick von Nationen auf ihr Schicksal sind „Opfer“ nämlich weit mehr als bloß ein beklagenswerter Tatbestand, der auf seine Ursache ein schlechtes Licht wirft: Sie ehren die nationale Sache, der sie geopfert wurden. Mit der rechten Parteilichkeit betrachtet, sind sie der denkbar nachdrücklichste Beleg für jene waldursprüngliche und eben bis zum Letzten verpflichtende „Solidargemeinschaft“, die „das Schicksal“ zwischen Volksgenossen wie sonst zwischen niemandem stiftet, und zeugen von der unwidersprechlichen Güte, der über jede menschliche Berechnung erhabenen Größe einer Sache, die dermaßen viele Menschenopfer wert ist – denn daß sie sie wert war, das anzuerkennen gebietet schon der Anstand gegenüber den Toten, die ja andernfalls ohne tieferen Sinn und höheren Zweck umgekommen wären. Und damit leisten die Leichen von einst einen immer aktuellen Beitrag zur bedingungslosen Wertschätzung der Sache, die alle Opfer überdauert hat: Ganz grundsätzlich setzen sie die Nation mit ihren sämtlichen gegenwärtigen Ansprüchen ins Recht, beglücken deren Anhänger mit dem unwiderleglichen Gefühl, gegen alle denkbaren Anfeindungen im Recht zu sein. Und verdienen deshalb eine Gedenkstätte, an der dieses nur den jeweiligen Stammesgenossen zustehende und verfügbare Rechtsbewußtsein zu Hause ist.

Mit diesem tiefen Sinn einer „nationalen Opferstätte“ ist es daher nun freilich unverträglich, daß Volksfremde daherkommen und an gleicher Stelle nicht bloß traurig sind, sondern ihrerseits demonstrieren möchten, daß in Wahrheit ihre nationale Sache mit den in Erinnerung gerufenen Greueln jede moralische Anfechtbarkeit hinter sich gelassen hat. Das patriotische Rechtsbewußtsein ist eine sehr exklusive Sache; zudem um so militanter, je drastischer es sich auf seine nationale Leidensgeschichte beruft. Ein bescheidener Hinweis darauf, daß andere auch Opfer zu beklagen hätten, muß da nicht bloß als unzulässige Relativierung, sondern als glatte Bestreitung der ins Recht gesetzten nationalen Rechtstitel gelten – und ist in der Tat ja auch nie bescheiden, sondern genau so gemeint. Deswegen kann es gar nicht ausbleiben, daß die Veranstalter eines ehrenden Angedenkens in Auschwitz mit ihren speziellen „Opfergruppen“ allen Ernstes in einen gehässigen Streit darüber geraten, wem die unauslöschliche Ehre der Opfer gebührt und folglich das Monopol aufs Mahnen und Erinnern zusteht.

Den polnischen Nationalisten von heute jedenfalls ist es selbstverständlich, daß der gottgefällige „polnische Leidensweg“ – immer eins aufs Haupt bekommen und dennoch wackere Polen geblieben – zu nichts geringerem als zu einem Nationalstolz berechtigt, der in Gestalt seiner Opfer mit schöner Ausschließlichkeit sich und eben nur sich feiert, so daß folglich das Gedenken an Millionen in Auschwitz ermordeter Juden in Polen nichts verloren haben kann. Wenn dort etwas zu feiern ansteht, dann das original polnische Märtyrertum im Zweiten Weltkrieg; wenn sich aus dem Mahnmal Auschwitz nationale Rechtstitel ableiten lassen, dann die „geschichtlich beglaubigten“ des polnischen Volkes. Ergo lautet der nationale Kampfauftrag auf Rückeroberung eines beschlagnahmten Anspruchstitels: Jedes Kreuz ein Akt der nationalen Selbstbehauptung; jeder Protest von jüdischer Seite ein Beweis mehr für die Notwendigkeit, den Juden zu zeigen, wer Herr im eigenen Hause ist. Wenn die sich durch die Kreuze gestört fühlen, so ein jüngst in „Radio Maryja“ unterbreiteter Vorschlag, wäre es doch wohl am Besten, die Asche der getöteten Juden aus Auschwitz nach Israel fortzuschaffen, wo ihrem Gedenken fraglos nichts mehr im Wege stünde – und die noch lebenden Nachfahren am besten gleich mit. Längst stellt sich den Kreuzesverteidigern nämlich die prinzipielle Frage, ob sich in Polen überhaupt Leute herumtreiben dürfen, die, selbst wenn sie sich taufen ließen, niemals richtige Polen werden könnten; ja ob das Land nicht schon längst solch unpolnischen Figuren in die Hände gefallen ist, die Polen regieren, um es zu ruinieren. Der freigesetzte polnische Nationalismus beflügelt seine Anhänger zu dem auch andernorts nicht unbekannten Standpunkt, alles, was ihnen an ihrer Nation mißfällt, sei volksfremden Einflüssen zuzuschreiben, die sich zu Unrecht und zum Schaden der eigentlich Dazugehörigen breitgemacht hätten. Mit dieser Fremdherrschaft von Leuten, die schließlich nur geduldete Gäste im Land seien, müsse Schluß gemacht werden, meint jedenfalls der ehemalige Solidarnosc-Abgeordnete und Vorsitzende des „Komitees zur Verteidigung des Kreuzes“ Switon (FAZ, 21.9.98); kompromißloser Kampf gegen Juden-Kommunisten-Freimaurer ist jedes guten Polen nationale Pflicht.

So etwas läßt natürlich der freien Weltpresse die Haare zu Berge stehen und kostet diesen ebenso freiheitsliebenden wie gottesfürchtigen Menschenschlag jede Menge internationale Sympathie. Das schafft Probleme.

Das Kreuz mit den Kreuzen

Der polnische Staatspräsident Alexander Kwasniewski warnt, daß der Streit um die Auschwitz-Kreuze das internationale Image Polens schwer schädigen kann. Die polnische Regierung bekundet allerdings auch ihre Ohnmacht in dieser Angelegenheit, weil der Kiesplatz sich in Privatbesitz befindet und in Polen niemand verboten werden kann, Kreuze aufzustellen. Darüber hinaus könne nicht von den Polen verlangt werden, daß sie auf die Symbole ihres Märtyrertums im Zweiten Weltkrieg verzichten. (SZ, 27.8.98) Andererseits müsse jetzt schnell dafür gesorgt werden, daß das Ansehen Polens im Ausland nicht noch größeren Schaden nehme (Handelsblatt, 26.8.98) – Antisemitismus kommt heutzutage nicht so gut an in der weiten Welt, schadet also nur dem eigentlichen Anliegen, sprich der polnischen Nation.

Mulmig wird es inzwischen auch der katholischen Kirche. Hat ihr Oberhaupt Kardinal Glemp noch im Juli tiefstes Verständnis für die Kreuze als Reaktion auf die ständige und wachsende Belästigung von jüdischer Seite geäußert, muß er sich im August von seinem päpstlichen Vorgesetzten zurückpfeifen lassen. Der mag zwar gut und gerne Edith Stein mit ihrer Heiligsprechung dem Judentum entreißen und der Ehre des Katholizismus als Blutzeugin einverleiben; am polnischen Antisemitismus von unten jedoch hat er – vor allem nach weltweiten Protesten, sogar von leibhaftigen US-Senatoren – kein Wohlgefallen mehr. Seine ehedem dringlich an sein Volk gerichtete Bitte, das Kreuz zu verteidigen, auf die sich die heutigen Kreuz-Fetischisten nur zu gern berufen, war ja auch tatsächlich nicht gegen jüdische Opferkonkurrenz gerichtet, sondern bloß gegen die realsozialistischen Gottesfeinde – Kommunismus, so wußte dieser Heilige Vater, paßt nicht zum Polen, weil dessen Menschennatur eben polnisch und katholisch ist. Doch wenn diese polnische Christenpflicht einmal anerkannt ist, dann gilt sie eben auch mitsamt ihren ursprünglich nicht gemeinten Konsequenzen und Fortsetzungen und findet notwendigerweise Anhänger, die die Meßlatte ihres frommen Polentums nicht mehr bloß an „moskauhörige Kommunisten“ anlegen, die es sowieso nicht mehr gibt, sondern auch an andere nicht ganz hergehörige Elemente. Aus der Ausschließlichkeit dieser Symbiose von Nation und Kirche erwächst zielsicher ein Haß gegen alles Nichtpolnische und Nichtkatholischedas Jüdische logischerweise eingeschlossen. Und das wird dann irgendwann peinlich: Am Ende gerät – Gott bewahre – die katholische Kirche in ein schlechtes Licht!

Also erhält der Primas der katholischen Kirche Polens den Auftrag, mäßigend auf seine aufgehetzten Klerikalfaschisten einzuwirken, wobei natürlich zu berücksichtigen ist, daß Nationalismus und Katholentum in Polen nach wie vor ihr unbestreitbar gutes Recht haben müssen und von der Kirche, ihrem traditionellen Repräsentanten, keinesfalls kritisiert werden. Die antisemitischen Konsequenzen dieses Rechts sind aber empfehlenswerterweise zu unterlassen:

„Der Kardinal erinnerte daran, daß die Greueltaten der Nationalsozialisten im besetzten Polen geschehen sind. Man dürfe deshalb nie vergessen, daß in dieser Zeit auch nichtjüdischen Polen großes Leid zugefügt wurde, so Glemp. Um so bedauerlicher sei es, daß ein Volk, dem in der Vergangenheit soviel Ungerechtigkeit zugefügt wurde, heute nicht genügend Verständnis aufbringe und nicht zu Kompromissen bereit sei.“ (Radio Vatikan, 28.8.98)

Etwas schwierig ist es schon, was der katholische Oberhirte da von seinen Schäfchen verlangt: Erst sollen sie ihrer nationalen Geschichte unbedingt die Lehre entnehmen dürfen, wegen des vielen Erlittenen auch zu Vielem berechtigt zu sein, um anschließend derselben Geschichte ausgerechnet das Gebot zur Kompromißbereitschaft abzulauschen – als wäre die Erinnerung eines Volkes an erduldete Ungerechtigkeiten etwas anderes als ein Aufruf zu Kompromißlosigkeit beim Eintreten fürs eigene nationale Recht. Kein Wunder, daß die bemühten kirchlichen Vermittlungsversuche im leidigen „Auschwitz-Streit“ – die Kreuze einfach anderswo aufstellen; oder nur ein Kreuz vor Ort belassen; oder gleich gar keine religiösen Symbole mehr, weder Kreuz noch Davidstern, in Auschwitz zeigen – nicht auf offene Ohren treffen. Oder vielmehr nur in einem Sinn: Die Anhänger von „Radio Maryja“ entnehmen den Windungen ihrer Seelsorger die bittere Erkenntnis, daß mittlerweile sogar ihre über alles geliebte katholische Kirche vor den Juden kapituliert hat. Um so pflichtbewußter versammelt sich das wahre Polentum auf dem Kiesplatz, um den Juden zu trotzen (Switon), polnische Skinheads sorgen fast täglich für einen Zuwachs an christlicher Symbolik – und Polens Episkopat und Regierung suchen händeringend nach einer Lösung

Die Gnade der deutschen Spätgeburt

Derweil betrachtet die deutsche Presse mit genußvollem Abscheu, wie sehr sich die mangelnde Verarbeitung ihrer Vergangenheit jetzt bei den Polen rächt. Viel Dumpfes, wenn nicht gar Düsteres enthüllt sich dort dem Betrachter: Unter den Kreuzaktivisten finden sich zahlreiche Skinheads – es sind also keine echten Katholiken, die sich auf dem Kiesplatz zu schaffen machen. Hinter einem Verband der Kriegsopfer läßt sich unschwer ein ehemaliger Mitarbeiter des polnischen Geheimdienstes SB ausmachen, der in den sechziger Jahren deutsche Banken und Juwelierläden überfallen haben soll – woran man sieht, daß keine Lehren gezogen wurden, weder aus dem Faschismus noch aus der kommunistischen Vergangenheit. Jetzt rächt sich andererseits aber auch, daß von der polnischen Kirche allzu lange verabsäumt wurde, den Gläubigen, also doch den echten Katholiken eine vertiefte, theologische Sicht des Kreuzes (FAZ) nahezubringen – die des Bayrischen Freistaats zum Beispiel, der sich neulich fast zu einem Aufstand gegen das Bundesverfassungsgericht genötigt sah…

Vor allem aber haben es die intellektuellen Wortführer Polens versäumt, sich ein Beispiel an der bundesdeutschen Vergangenheitsbewältigung zu nehmen:

„Allzu lange haben sie dazu geschwiegen, weshalb sie auch Verantwortung dafür tragen, daß die Anhänger eines dumpfen, düsteren Katholizismus von der Schoah kaum etwas wissen.“ (SZ, 24.8.98)

Wir Deutsche schaffen es hingegen, den Völkermord der deutschen Nation, zu der wir uns als unserer angestammten Heimat bekennen, ganz aufgeklärt als „unfaßbaren“ Opfergang des jüdischen Volkes zu bestaunen und der unendlichen moralischen Besserung, die seither mit uns passiert ist, in Form einer tiefsinnigen Debatte über die Machbarkeit eines „Holocaust-Denkmals“ ein ehrendes Mahnmal zu setzen. Das sollen die Polen uns erst einmal nachmachen!


© GegenStandpunkt-Verlag.