Kokst Daum?

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-00 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Eine Frage, die das Land erschüttert:
Kokst Daum?

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Wenn „wir“ schon „zum Fußballentwicklungsland“ herabgesunken sind, wird ein ganzer Haufen patriotischer Vergehen diagnostiziert: es fehlen deutsche Tugenden im Team der Nationalelf wie eine Führungsfigur als Trainer! Der Patriotismus tobt und dann kokst Daum auch noch!

Eine Frage, die das Land erschüttert:
Kokst Daum?

Seit Monaten wälzt die Nation die Trainerfrage. Vorläufiger Clou ist eine „Schlammschlacht“, die um den Verdacht kreist, der designierte Mann nehme Kokain. Seither wird das Volk jeden Werktag gefragt, wen es wählen würde, wenn am nächsten Sonntag Bundestrainerwahlen wären. Zur Debatte steht nicht bloß der Name des neuen Trainerfuzzies, sondern die gelungene Erfüllung zweier Besetzungskriterien: erfolgstüchtig und moralisch sauber. Die Öffentlichkeit, die sich der Frage nach der geeigneten ‚Persönlichkeit‘ widmet, macht ernst mit der Überhöhung, von der sie scheinbar augenzwinkernd berichtet: Dass das Amt des Bundestrainers „der zweitwichtigste Posten der Republik“ ist und sein Anwärter von schrecklichem „Voyeurismus“ begleitet wird. Den bedient sie umgehend und betreut ihn verantwortungsvoll. Der „Sumpf aus Drogen, Sex und Gerüchten“ ist nicht nur unendlich interessant; die Prüfungskommission aus Millionen von deutschen Fußballfachmännern darf und soll sich auch in die Pose des Sittenwächters werfen, der den Charakter des Kandidaten auf Vorzeigbarkeit für die deutsche Jugend und in aller Welt untersucht. Das Volk schreibt einen kollektiven Besinnungsaufsatz „Haarspitzenanalyse: Fluch oder Segen“; und der Eignungstest der verdächtigen oder ungerecht verdächtigten, später kranken oder unsauberen Persönlichkeit Daums gerät zur Staatsaffäre oberen moralischen Kalibers.

Dabei sind Macher wie Publikum des Skandals keineswegs bekifft. Sie treibt ein allgemein anerkanntes höchstes geistiges Bedürfnis: der Patriotismus, der es sich nicht nehmen lässt, die Würde derjenigen, die dem nationalen Kollektiv vorstehen und seine Güte repräsentieren sollen, persönlich zu prüfen. Deshalb nimmt ein ganzes Volk die Kammerdienerperspektive ein; denn noch und gerade den privaten Aufführensweisen der auserwählten Figur wird der Beweis abverlangt, dass sie die hemmunglose Wertschätzung verdient, die Patrioten dem Amt und damit ihrem Inhaber schenken wollen. Diese in den unteren und oberen Rängen gepflegte Einstellung ist die „Droge“, die zu moralischen Höchstleistungen mit leicht verrückten Zügen anstachelt. Was die Nation alles in das Amt des Trainers hineinlegt, um ihre Maßstäbe dann als Eigenschaft der ehrbaren oder unzulänglichen Person abzurufen: Das ergibt ein überraschend logisches Drama.

1. Seit der „verkorksten EM“ ist es Gemeingut: „Wir“ sind zum „Fußballentwicklungsland“ herabgesunken, unsere Spieler sind „Rumpelfüßler“, die „erbärmlich“ kicken und vor allem „keinen Stolz empfinden, den Adler zu tragen“: Das bringt „Schande“ über ihr Herkunftsland. Der schlichte Befund, dass die Jungs schlechter spielen oder weniger können als andere, kommt nicht in Frage. Wenn Deutschland andauernd verliert, greifen die üblichen Entschuldigungen zu kurz. Denn eine Serie von Niederlagen ist für nationale Gemüter peinlich und wirft ein schlechtes Licht auf das Land; schließlich soll sich auf diesem Feld des Massenvergnügens seine Güte erweisen, hier treten also Würdenträger von Nationen gegeneinander an und hier werden die ernstesten Bewährungsproben einer Nation gegen andere bestanden oder eben nicht: Deutschland Weltmeister! – oder: Ganz Deutschland „blamiert“! Der Standpunkt der Ursachenforschung, der irgendwie unterstellt, dass Adlertragen zum Siegen berechtigt, begnügt sich daher nicht mehr mit Künstlerpech, Auswärtskomplex oder dem alten Sowjet-Linienrichter, der uns das Wembley-„Tor“ verpasst hat. Die Logik, derzufolge „uns“ ein ungeschriebenes Recht auf Tore gebührt, stürzt sich stattdessen entrüstet auf das eigene Spielermaterial sowie dessen Zampano und geißelt deren fehlende Fähigkeit zum Erfolg: Wir werden von Flaschen repräsentiert, also liegt ein eindeutiger Fall patriotischen Vergehens vor: Wo deutsche Nationalspieler nichts können, da fehlt es ihnen an der richtigen Einstellung zu ihrem Auftrag – Siegen für Deutschland –, also am gebührenden patriotischen Pflichtgefühl gegenüber der auftraggebenden Fangemeinde deutscher Siege. Unwürdige Repräsentation Deutschlands heißt der Tadel, den die gekränkte Patriotenseele in bierernsten Witzen über die Charakterlosigkeit ihrer Balltreter und deren Leithammel variiert, wenn laufend die Siege ausbleiben, auf die Anhänger Deutschlands ein Recht haben. Also klagen sie dessen Erfüllung gegenüber ihren 11 Vollzugsbeamten ein und fordern die Wiederherstellung der nationalen Ehre. Deshalb müssen wie in der wirklichen Politik „Köpfe rollen“.

2. Die allgemeine Diagnose „Wir haben nun mal keine besseren Spieler!“, die von deutschen Gen-Defekten bis zur Überfremdung der Liga alle Rassismen zu Rate zieht, führt zur Ausrufung der nationalen Fußballkrise und zur in solchen Fällen üblichen politischen Konsequenz: Der Übungsleiter übernimmt die Verantwortung für die Schmach und dankt ab. Auftragnehmer der Mission, die „Gurkentruppe“ wieder zur Weltspitze zu führen, sind die Herren Völler (bis 2001) und Daum. Ihre Berufung gilt der heiklen, im Erfolgsfall aber auch ruhmreichen Aufgabe, aus dem knappen Rohstoff nationaler Könner endlich wieder „ein Team zu formen“. Nach dem Dogma eines Vorgängers: „Nicht auf die Auf-, sondern auf die Einstellung kommt es an“, haben die Vorturner dabei weniger Fertigkeiten am Ball als die Fähigkeit zur Einbildung zu vermitteln, mehr zu können, als man zeigt, was die Männer auf dem Feld dazu befähigt, mehr zu zeigen, als sie können: Selbstbewusstsein heißt der Schwindel aus der Amateurfibel für Psychologie, der „Looser“ in „Gewinnertypen“ verwandelt und die Birne unserer Profis auf Siegeswillen und nationale Pflichterfüllung programmiert. „Die Rückkehr zu deutschen Tugenden“: Sich reinhängen, bis zum Umfallen kämpfen, ganz in diesem Unsinn aufgehen – das wollen wir sehen. Der aufgeklärte Glaube an personifizierten Erfolg diktiert die Arbeitsplatzbeschreibung unserer Traumelf und ihres Teamchefs: Der Wahn, die Charaktermaske Trainer verbürge Erfolg, sucht nach einer Führungsfigur, deren „Ausstrahlung“ das Schlachtenglück auf dem Rasen wendet. Die muss sich dadurch auszeichnen, dass sie genau das, was sie den Spielern beizubringen hat, selber glaubwürdig repräsentiert: den unbedingten Willen zum Erfolg und alles, was dazugehört: Denn – allen praktischen Widerlegungen zum Trotz – gilt letztlich immer noch das Anforderungsprofil, mit dem Herberger uns damals zum Weltmeister gemacht hat: Unsere Mannschaft hat eine eingeschworene Truppe zu sein, in der jeder an den Sieg glaubt, für den Sieg lebt, sich deshalb privat zusammenzureißt und in den ‚Dienst‘ am Ganzen stellt und nur auf dem Rasen hemmungslos aus sich herausgeht.

3. Die Bewunderung einer Figur, die sich dem Fußball so fanatisch verschreibt wie die legendären Uns Uwes oder Bundesbertis, kürt die Person zum Vorbild – für die große Fangemeinde, die die Sportelite als Verkörperung des Ideals der Erfolgstüchtigkeit verehren soll, die den Erfolg mittels Willensstärke, ‚Motivation‘, ‚positivem Denken‘ und ‚bedingungslosem Einsatz‘ herbeizwingt. Der Mann an der Spitze hat also ganz in der Sache – der Bedienung des Rechts auf deutsche Siege – aufzugehen, das als seine Pflicht zu begreifen und selber die Tugenden vorzuleben, auf die er die obersten Balltreter verpflichtet. Und weil Siege die Nation adeln, müssen sie – schon wieder aller sportlichen Alltagserfahrung zum Trotz – sauber erkämpft und im fairen Kampf errungen werden. Auch dafür hat der Trainer mit seiner Person einzustehen: Kurz – er muss sich als glaubwürdige Führungspersönlichkeit präsentieren, die bis in die Haarspitzen die sittlichen Qualitäten zur Anschauung bringt, die die öffentlichen Wächter und Förderer des sportlichen Wettbewerbs der Nationen dieser Veranstaltung zuschreiben und der Jugend ans Herz legen.

Auch wenn und gerade weil jedermann weiß, dass die sportliche Konkurrenz mit allen erlaubten und unerlaubten Erfolgsmittel betrieben wird, und allseits bekannt ist, dass die balltretende Prominenz in nicht geringer Zahl mit beiden Beinen im gehobenen Rotlicht- und Disco-Milieu steht: Der Volks-TÜV, der kritisch prüft, ob die Amtsträger ihre Sache auch gut machen und glaubwürdig darstellen, weiß, was ihm die obersten Vorbilder patriotischer Ertüchtigung als Menschen schuldig sind. Vor dem moralischen Volksgericht hat nicht nur der Bischof und der Kanzler, sondern auch der Teamchef im Puff nichts verloren. Wer nach Ämtern strebt, denen das Volk vertraut, hat die demokratische Lebenslüge der Vertrauenswürdigkeit durch tadelloses Benehmen zu verkörpern. Es gehört zum Trainerberuf dazu, als Persönlichkeit pro bono und contra malum, für Siegeswille und gegen Saufgelage zu werben; vom Geschäftsgebaren über Ernährungsgewohnheiten bis zum Liebesleben darf er sich nichts erlauben, was der hofberichterstattende Zeitgeist als abweichendes Verhalten definiert. Nebenbei bekennt sich die Aufklärungskampagne – wer „Keine Macht den Drogen“ predigt, hat „Vorbildfunktion“ – erfrischend offen zur sozialen Funktion des Fußballs: Er ist das politisch korrekte Opium fürs Volk; harte Werte, im deutschen Freundeskreis genossen, statt privater Exzesse sind die passenden Rauschmittel des Nationalgefühls.

Der Ruf eines „Fußballverrückten“ und „großen Motivators“ ist also ein klasse Bewerbungszeugnis für diesen Beruf; aber nie und nimmer ausreichend: Der Lebenswandel der Kandidaten hat den Kriterien der Rechtschaffenheit zu entsprechen, die ihn zum führenden Vertreter der Nation qualifizieren, zu dem ‚wir‘ aufschauen können. Denn Erfolg – das sollen die Massen an ihren Idolen studieren – hat und verdient letztlich nur der Anständige… Zum Idol eignet sich also nur, wem beides abgenommen wird.

4. So produziert der Personenkult das Bedürfnis nach Demontage gleich mit. Denn es ist ja wirklich schwer zu sagen, ob der „Flacker-Blick“ des „erfolgsbesessenen“ Christoph Daum einem sachgerechten Leistungs-Fanatismus oder dem Konsum einer sittenwidrigen Droge zuzuschreiben ist. Aber auf diesen Unterschied kommt es dem öffentlichen Untersuchungsausschuss gerade an, zumal wenn es um das oberste Amt geht, das Deutschland auf diesem Feld der Ehre zu vergeben hat – Cheftrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Prompt finden sich die Saubermänner, die auf „Aufklärung“ der üblen Nachrede dringen; die selbstverständlich nicht sie, sondern ganz andere in die Welt setzen. Wie es der Zufall will, ist es der Manager des mächtigsten Vereins und erklärten Meisterschaftskonkurrenten, der die Nation zur Musterung von Daums Haar anstachelt. Über die „finsteren Motive“ des Uli H. braucht man nicht zu spekulieren. Wer nach der angemessensten Besetzung des wichtigen Postens fragt und sich mit der gebotenen Heuchelei als selbstloser Funktionär sauberen Fußballs in Szene setzt und laut nach unwiderleglichen Beweisen der Integrität des Kandidaten von der Vereinskonkurrenz ruft, der reklamiert damit für sich und seinen Verein ganz selbstverständlich die Führungsposition im deutschen Fußball – nicht nur auf dem Spielfeld sondern auch und gerade dort, wo die sportpolitischen Weichen der Nation gestellt werden. Die Waffen des moralischen Kreuzverhörs muss der „Brandstifter“ nicht erst neu erfinden, wenn er das Ideal vom makellosen Sport bemüht, um die Befähigung des „ständig verschnupften Herrn Daum“ in Zweifel zu ziehen. Zu Hilfe kommt ihm dabei der Zufall, dass der sittlich astreine Übergangs-Rudi 2-3 Mal gewonnen und schnurstracks alle saudummen Insignien des Nationalhelden erworben hat, der mit seiner „ansteckenden Zuversicht“ (der Erfolg als Virus!) den Ball wieder ins richtige Tor blinzelt. Die Verhimmelung des Interimstrainers zur lange entbehrten „Identifikationsfigur“ beschert „uns“ ein süßes Problem: Warum nicht überhaupt der statt des zweifelhaften anderen? 5. Kokst Daum? Stimmt der garstige Verdacht oder beschädigt er das entzückende Amt? Die diffizile Frage spaltet die Nation. Zur Anstiftung zum wilden Moralisieren tritt die ebenso sittenstrenge Kritik, die Debatte um die Besetzung des ehrenvollen Postens sei selber von niederen Motiven getrieben, moralisch anrüchig und der hohen Sache abträglich: Die Öffentlichkeit bis zur Justizministerin fordert „den Stopp der unsäglichen Inquisition“, der sie leidenschaftlich beiwohnt, enttarnt den DFB als „letztes ZK der Welt“ (Frau Höhler) und verlangt den „Abtritt des vergreisten Sultanats“ (ein Komiker); sonst „steht der deutsche Fußball als Verlierer da“. So wird der Skandal im Namen heiligster Werte – der Schutz der Privatsphäre, der Rechtsstaat insgesamt, das Image des toleranten WM-Gastgebers 2006 und schließlich und vor allem das Ansehen des deutschen Fußballs überhaupt drohen Schaden zu nehmen – zurückgefahren. Eine Woche wird die Affäre so engagiert und verlogen, wie sie angezettelt wurde, beigelegt, ein „Friedensgipfel“ anberaumt und sich viel entschuldigt. Ankläger wie Verteidiger gemahnen sich der Verantwortung für die gemeinsame Sache Reparatur der deutschen Fußballehre, das Volk gibt Hoffnungsträger II neuen Kredit… 6. Dann „der Schock“: Daum kokst! Sein Abgang ist damit besiegelt, beschert der nationalen Ethik-Kommission aber auch schöne neue Forschungsgegenstände bezüglich des Tatbestandes, den jeder gewusst hat, der es wissen wollte: Wie kann man nur so blöd sein, warum hat denn keiner was gemerkt, hat er noch mehr Dreck am Stecken? Tenor der Fahndung nach gerichts- und sittlich verwertbaren Indizien im Schauprozess Bundesrepublik Deutschland gegen ihren Ex-Fast-Trainer: „Realitätsverlust“. Dass Daum vor lauter Verantwortung gegenüber der hohen Aufgabe ‚Fußball‘ durchgedreht ist, an der er sich mit und ohne die ‚Modedroge unserer Leistungsgesellschaft‘ bewähren wollte und sollte, wäre doch ein zu hässliches Urteil über diese Realität.


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