Jost Stollmann

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Minister in spe Jost Stollmann
Der personifizierte „Ruck durch Deutschland“

Überblick

Ein deutscher Vorzeige-Yuppie tritt als Schattenminister für Wirtschaft für die SPD an. Die Öffentlichkeit beäugt ihn misstrauisch bis ablehnend ob seiner Qualitäten für das hohe Amt. Dagegen: 10 echt deutsche moderne Tugenden, die ihn auszeichnen.

Minister in spe Jost Stollmann
Der personifizierte „Ruck durch Deutschland“

Eine Knalltüte?

Blindgänger (Jusos); Oberflächlicher Möchtegernmodernisierer ohne Sachkenntnisse (Gewerkschafter); …läßt – kaum aus dem Urlaub zurück – bunte Ballons seines Selbstbewußtseins aufsteigen (FAZ); Ein Edel-Arbeitsloser (taz). Nicht besonders gut kommt er an, der vom Kanzlerkandidaten Schröder als Repräsentant der neuen Wirtschaftskompetenz und Innovationsfähigkeit der SPD ausgeguckte Quereinsteiger in die Politik. Eine ziemliche Pflaume, der Unternehmer Jost Stollmann. Ein Angeber und Dampfplauderer, irgendwo zwischen Größenwahn und Naivität (Spiegel) einzusortieren. Womöglich spinnt er vollkommen: „Das von Stollmann geplante fun-government scheint den Kontakt zu dieser Welt nicht nur hier und da, sondern überhaupt verloren zu haben.“ (FAZ, 25.7.98) So ein Mann im Amt des deutschen Wirtschaftsministers? Nicht auszudenken: Was mag jemand an der Spitze einer großen politischen Behörde anrichten, der sich damit brüstet, ‚keine Lust auf Konzern‘ zu haben, und der die notwendigen Abstimmungsprozesse als ‚Tanz um Worte‘ und ‚übliche Ritterspiele‘ verachtet? (Ebd.)

Sollte da wirklich jemand bei der Auswahl des Schattenministers für Wirtschaft so danebengegriffen haben? Wohl kaum. Bei genauerer Betrachtung ist die Sorge, da könnte ein in die große Politik stolpernder Yuppie ein hehres Amt beschädigen, absolut unbegründet. Im Gegenteil. Der Mann wäre ein echter Glücksfall für Deutschlands Wirtschaft. Denn die findet ja, wie sein Vorgänger entdeckte, in der Wirtschaft statt, und er hat bei sich alles vereint, was es für den bekannten großen „Ruck“ braucht, der durch das Land gehen muß :

Die Verkörperung aller modernen deutschen Tugenden!

1. Der Mann ist echt cool. Kritik? Schlechte Presse? Häme? Macht ihm gar nichts, da steht er einfach drüber. Das ist Werbung für ihn. Die sammelt er unter www.jost-stollmann.de in der Rubrik „bonmot“. Das ist souverän. Und sofort weiß die ganze Welt, daß der Mann politisches Rückgrat hat. Etwas anderes als die Macht des Amtes, das er will, beeindruckt ihn überhaupt nicht. Allenfalls noch der Erfolg. Aber der stellt sich mit seiner Person ja ein. Denn er selbst ist

2. ungemein erfolgreich. Er ist überhaupt von Haus aus der personifizierte Erfolgsmensch. Der hat in seinem Leben hauptberuflich eigentlich nur Karriere gemacht. Klar, daß es für erfolgreiche Menschen wie mich auch in Zukunft gar kein Scheitern geben kann. Schon allein mit seiner bloßen Nominierung hat Deutschland also jetzt schon gewonnen. Denn wo er ist, ist Zuversicht – Wir haben dem neuen Denken eine Hoffnung gegeben –, wer auf ihn setzt, hat Mut, den dann er höchstpersönlich, wenn er endlich loslegen darf, augenblicklich mit Erfolg belohnt. Das ist überhaupt nicht vermessen von ihm, denn Erfolg hat er einfach im Blut. Der ist

3. nämlich bei Stollmanns Tradition. Noch bevor er selbst so richtig erfolgreich wird, hat der junge Jost schon seinen ersten Riesenerfolg hinter sich. Wo so viele andere ihr Lebtag lang arbeiten können, wie sie wollen, und es dabei zu überhaupt nichts bringen, geht er einfach hin und erbt Vermögen. Seitdem hat er Geld, was in seinem Fall selbstverständlich auch nicht von ungefähr kommt. Denn schon im Alter von 29 Jahren weiß er, daß Geld im Grunde nur zu seiner eigenen Vermehrung gut ist. Zusammen mit dem Erbe, das er in die Tasche schiebt, tritt er daher auch gerne die Verpflichtung an, die nun einmal in einer halben Mio. steckt: Er haut sie nicht auf den Kopf, sondern gründet sein erstes eigenes Unternehmen. Freilich reicht sein Erbe nicht ganz dazu, doch die fehlenden Gelder borgt er sich einfach. Das zeigt erstens, wie

4. risikobereit er schon mit dreißig ist. Im Unterschied zu manch anderen Existenzgründern zweitens aber auch, wie extrem zukunftsorientiert er ist. Denn er macht es sich nicht bequem wie so viele andere, die aus Geld einfach nur mehr Geld machen. Nach einer dieser langweiligen Varianten von Ausbeutung – irgendeine Fabrik, irgendwelche Lohnarbeiter, Maschinen, irgendein Ramsch, der dann mühsam zu verkaufen ist – steht ihm der Sinn überhaupt nicht. Diese olle Industriegesellschaft interessiert ihn einfach nicht. Im Grundkurs an der Harvard Business School hört er, daß die digitale Dienstleistungsgesellschaft im Trend liegt, und in die zieht er sogleich um, zusammen mit seinem Startkapital. Er gründet die Firma CompuNet, und die kann einfach nicht anders, als schnell zum führenden herstellerunabhängigen deutschen Systemintegrator für verteilte Informationstechnik zu werden. So bringt er einen bescheidenen Vorschuß ein – und sahnt unglaublich viel Überschuß ab. Zukunftsbranche eben. Er hat einfach den richtigen Riecher. Woher das Geld kommt, das ihn reich macht, interessiert ihn nicht. Hauptsache, irgendwo da draußen, wo es mit produktiver Lohnarbeit verdient wird, liegt verteilte Informationstechnik herum. Die kann er dann integrieren.

5. Wachstum, Innovation und Erfolg verbinden sich daher zwangsläufig mit seiner Firma, noch viel mehr natürlich mit ihm, weil er sie schließlich gegründet hat. Die Insignien, die einen gut gerüsteten Wettbewerber im Zeitalter der Globalisierung einfach auszeichnen, sind von ihm nach dem Erfolg von CompuNet also gar nicht mehr wegzudenken, zumal er dann auch noch dafür Maßstäbe setzt, wie man dieser modernen Herausforderung erfolgreich trotzt. Erst macht er eine aggressive internationale Wachstumsstrategie auf und kauft sich in einem US-Konzern ein. Dann, wenn die Kurse es empfehlen, verkauft er seine Anteile wieder, und schon ist – neben dem nächsten Batzen Überschuß – auch gleich „eines der renommiertesten Weltunternehmen für den Standort Deutschland gewonnen“. Das ist deutsche Standortpolitik im Zeitalter der Globalisierung. Von einem, der sie instinktiv beherrscht. Der muß nur einfach sein Geld vermehren – und schon hat er einen nationalen Dienst getan. Den muß man gar nicht erst bitten, als Minister für Wirtschaft im Standort Deutschland alles richtig zu machen: der macht das einfach so. Freilich kommt eine so perfekte Beherrschung von Globalisierung nicht von ungefähr. Da steckt lebenslanges Lernen dahinter.

6. Denn J. S. kommt aus gutem Haus, ist Sohn einer erfolgreichen Unternehmerin und eines höheren Ministerialbeamten, also von Geburts wegen zur Elite gehörig. Das prägt selbstverständlich den Charakter. Das verbreitete Leiden eines mangelnden Selbstbewußtseins kennt so einer nicht. Der druckst nicht lang herum mit allem, was er ist und kann. Der sagt frei heraus, mit was für einem genialen Wesen man es bei ihm zu tun hat: Meine Kompaßnadel versucht nach Großartigkeit zu gehen (Spiegel). Das können die wenigsten von sich sagen. Er aber durchaus. Er ist einfach auf der Welt, um Großes in der Welt von morgen zu leisten. Sagt er von sich. Aber er redet nicht nur, sondern weiß auch genau, wovon. Er selbst hat nämlich in sich jene Größe, derer die Verrichtung großer Werke immer bedarf – Weitsichtigkeit, Mut, Visionskraft, Kreativität. Wie geschaffen ist er mit seiner geistigen Begabung für die Welt von morgen, was sich daran zeigt, wie unverzichtbar er schon für die von heute ist. Denn wenn nicht er es immer wieder sagte: Von wem sonst wüßte man denn, daß im Standort heute einfach alles alte Denke ist? Wenn nicht er, seine neue Denke und sein unermüdliches Verlangen wären, an Visionen zu arbeiten: Wüßte man dann vielleicht, daß außer ihm eigentlich alle kurzsichtig vor sich hinsumpfen, in Ermangelung feuriger Ideen einfach nur mutlos in die Zukunft blicken? Daß im Grunde er hier der einzige ist, der weiß, wo’s für alle langzugehen hat? Doch auch als Visionär wird man nicht einfach so geboren, das muß man können. Und er kann:

7. J. St. ist gebildet. Er ist fähig, in Abstraktionen zu denken. Das müssen Politiker unbedingt, weil anders die unüberschaubare Vielfalt, die sie zu regieren haben, gar nicht auf das Wesentliche zusammenzukürzen ist, auf das es immer ankommt. Und wenn Stollmann das nicht auch könnte, wäre aus ihm nie ein so erfolgreicher Unternehmer geworden. Denn wenn Unternehmen eine Idee haben, wie sie ein zahlungsfähiges Bedürfnis erst wecken und anschließend an ihm verdienen könnten, dann machen sie doch nur von einem Grundprinzip Gebrauch, welches Innovation heißt. Dieses ist ein Sachzwang, der nicht nur schon allenthalben waltet, denn selbstverständlich ist auch alles innovativ, was Renten- und sonstige Sozialpolitiker zur zügigen Verarmung ihrer Klientel unternehmen: Mehr, als erfolgreich ihre Angststarre vor den alten Strukturen des Sozialstaats abzulegen, tun sie doch gar nicht. Daß einfach alles anders und alles neu wird, ist überhaupt der Witz der Zukunft. Endlich weiß einmal einer genau zu sagen, was dieser „Wechsel“ ist, der auf das Land zukommt und den es deswegen auch politisch braucht: Deutschland steht an der Schwelle zur Wissensgesellschaft, die Welt um uns verändert sich dramatisch. Das Faszinierende und gleichzeitig Verunsichernde ist: Wir wissen gar nicht, was da alles genau auf uns zukommt. Aber im Prinzip wissen wir’s doch, Wissensgesellschaft eben. Eine Internet-Revolution, die zack, zack, zack geht und aus der ganzen Gesellschaft im Großen dasselbe macht wie die Fa. CompuNet im Kleinen: Sie können etwa einen ‚Agenten‘ von sich selber schaffen, der im Netz ihren Platz vertritt, dort reist, nach Gleichgesinnten sucht. Wenn sie wollen, rufen sie ihn zurück und geben ihm einen neuen Auftrag. Das ist weit entfernt von einer alten institutionellen Denke. Sehr richtig, und gerade weil es so weit weg ist, braucht diese neue Gesellschaft einen, der nicht nur mit Mausklicken groß geworden ist, sondern vor allem auch entschlossen in die Tasten haut. Und auch da ist Stollmann der richtige Mann. Er hat nämlich

8. Macherqualitäten, Führungswillen und Führungsstärke, und zwar in allen erdenklichen Belangen: Laßt uns hier auf der WEB-Seite reden… und dann machen wir. Was auch immer. Der Mann fackelt nicht lange, der redet, um zu machen. Wir haben keine Zeit für ideologische Debatten. Zum Pragmatismus gibt es keine Alternative. Das ist nämlich das leidige Problem, daß keiner den wahren Kern entdeckt, der in allem Hin und Her von Interessen in der deutschen Gesellschaft, aber auch in allen zögerlichen Abwägungen steckt, wie diese gescheit regiert gehört. Verkrustete Strukturen sind das alles. Die stellen sich der digitalen Zukunft entgegen, und diese eindeutige Sachlage vereinfacht die demokratische Beschlußfassung erheblich: Was behindert, muß halt weg. Das ist positiver Machtwille, daraus spricht die hohe Schule des Managements, das ist Sozialkompetenz: Führung, sonst nichts. Wofür eigentlich und wobei, ist da gar nicht so wichtig. Daß für Probleme immer Lösungen gefunden werden müssen, gilt doch eh für alles, das lernt man in Harvard schon im Aufbaukurs. Hauptsache also, einer ist da, der sich ganz ohne Ablenkung durch unnötige Sachfragen ganz darauf konzentriert, daß andere sie lösen: Ich bin kein Experte; ich kann Sachverstand zusammenholen… Meine Stärken sind mehr im Gestalten und Führen… Ich bringe Führungsfähigkeit ein und nicht Spezialistenwissen. Gerade sich mit nichts geistig belasten zu müssen: das hält den Kopf frei für die wichtige Aufgabe, anderen erfolgreich zu sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Tatkraft, die so umwerfend ist, daß sie gar nicht zu wissen braucht, worauf sie sich eigentlich wirft: Das qualifiziert den Mann zum Manager wie zum Minister. Ein guter Mensch kommt bei allem freilich schon auch noch zustande:

9. Stollmann hat auch Werte und ein zu ihnen passendes Menschenbild: Frei, selbstverantwortet, sozialverpflichtet, und dies alles verkörpert er sehr glaubwürdig. Mit der Freiheit, die ihm sein Vermögen verschafft, aus purer Selbstverantwortung, weil aus eigenem Antrieb und mit eigenem Geld sowie aus reiner sozialer Verpflichtung startet er eine Initiative: Schlafende Beamte? Unsinn! Nieten in Nadelstreifen? Blödsinn! Standort ohne Zukunft? Quatsch! Versagende Führer? Stuß! Der Mann tritt wirklich ein für das, was ihm wichtig ist, und das ist offensichtlich eine gute Sache: Im Kampf gegen die Standort-Miesmacher hat er seine eigene Berufung. Gegen alle Nörgler, Miesmacher und sonstige Querulanten, die Deutschland nur schlecht machen, baut er sich auf – mit Plakaten, denn das spart Zeit. Die griffige Botschaft, die er mit ihnen – zack, zack, zack – rüberbringt, soll ihrerseits niemanden schlechtmachen. Er will mit ihr nur unbedingt das Gute retten, das die dicke zweite Hälfte seines Menschenbildes ausmacht: Ein starker Staat und mündige, freie Bürger. Das ist mein Menschenbild. Und einer wie er hat eben nicht nur ein Bild von Staat und Mensch, sondern auch das entsprechende Pflichtbewußtsein, für die gute Sache, für die er ist, auch die fälligen guten Taten zu verrichten. Für Deutschland hat er ja schon als Unternehmer gewirkt. Jetzt muß er nur daran erinnert werden, daß der Standort wirklich ihn als ganzen Menschen braucht – schon ist er bereit. Denn den liebt er so wie sich selbst:

„Stern: Mit welchen Argumenten hat sie Schröder rumgekriegt?
Stollmann: Ich habe schon vor Jahren gesagt, wir müssen aufhören, den deutschen Standort mieszumachen. Und jetzt hat er mich beim Wort genommen. Da ist in meinem Kopf angegangen: Wir können nicht nur klagen. Wenn wir einen solchen Ruf bekommen, müssen wir auch mitarbeiten.
Stern: Wären Sie auch gefolgt, wenn Kohl Sie gerufen hätte?
Stollmann: Vorstellbar.“

10. Mit Stollmann kommt also ein garantiert guter deutscher Nationalist in die Politik. Der ist so unverkrampft, so herzerfrischend natürlich deutsch, daß es für alle übrigen im Standort eine einzige Wonne ist, wenn sie ihm nur zuhören: Anders als ‚gelernte‘ Politiker legt er seine Worte nicht auf die Goldwaage. So antwortet er auf die Frage, ob er gern in diesem Land lebt: ‚Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein.‘ Nicht im Traum käme ihm, der im patriotischen Amerika studiert hat, in den Sinn, daß dies ein Satz ist, den Rechtsradikale mißbraucht haben. (BamS, 9.8.) Ein Segen also, wenn dieser Mann sich dann auch noch praktisch der nationalen Verantwortung stellt, den Standort für alle kommenden Herausforderungen herzurichten. Daß er das nicht nur unbedingt will, sondern auch kann, steht fest: Ein deutscher Yuppie, der so ist, wie Westerwelle es gerne wäre, ist genau die Führungsperson, die dieser Standort braucht. Spätestens dann, wenn er das für ihn vorgesehene Amt wirklich bekleidet, wird man ihm als Person auch den Respekt erweisen, der dem Amtsinhaber gebührt. Bis es soweit ist, darf man sich über einen Knallkopf schon noch ein wenig mokieren, dem alle anerkannten Tugenden und Attitüden des modernen bürgerlichen Individuums so sehr in Geist und Gemüt gefahren sind, daß er als deren lebende Karikatur herumläuft.


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