Japan

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Japan
Erfolgsweg und aktuelle Krise der dritten Weltwirtschaftsmacht

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Überblick

Auch im fernen Osten wirft die postsowjetische „neue Weltordnung“ für die zweite WK-II-Verlierernation, die zur Weltwirtschaftsmacht herangewachsen ist, eine Menge Fragen auf. Also letztlich die Frage, wie Japan‘s Wille, zur Weltaufsichtsmacht in Konkurrenz zum amerikanischen Paten zu werden, umgesetzt werden soll – die Mittel das anzugehen sind trotz Dauerkrise vorhanden.

Japan
Erfolgsweg und aktuelle Krise der dritten Weltwirtschaftsmacht

Alle kapitalistischen Nationen haben ihre Krisensorgen. Sie verzeichnen ökonomische Wachstumseinbrüche, sind mit den nationalen Reichtumsquellen und ihren Erträgen unzufrieden, ringen um eine neue internationale Rolle und schlagen sich mit inneren Zweifeln an der Führungskraft der Regierenden herum. Ein Wunder, wenn Japan davon verschont geblieben wäre.

Ökonomisch ist dieses Land als Exportnation, bedeutender Finanzplatz und Kapitalstandort vom Weltmarkt abhängig, also auch Leidtragender der Überakkumulation des internationalisierten Kapitals. Auch diese Nation bilanziert ökonomische Mißerfolge, fehlendes Wachstum – und sie bilanziert das nicht bloß ökonomisch. Japan bemerkt angesichts der Krise seine vergleichsweise mangelnde Fähigkeit, Teile des Weltmarkts, der weltweiten Geschäftstätigkeit für sich zu sichern, gegen andere Nationen festzuhalten und den anderen vorzuenthalten.

Kein Wunder daher, daß Japan ein Hauptaktivist bei der Auseinandersetzung um die Neudefinition der weltpolitischen Kräfteverhältnisse ist, die in der „neuen Weltordnung“ die Staatenwelt, insbesondere ihre führenden Teilnehmer in Aufruhr versetzt hat. Die verbindliche politische Organisation des Weltmarkts und die militärische Beaufsichtigung der Staatenkonflikte ist zweifelhaft, weil Gegenstand der Konkurrenz geworden. Seitdem fühlt sich auch Japan vom drohenden Verlust seiner verläßlichen Grundlagen betroffen, registriert einen Mangel an politisch-militärischer Potenz und nimmt entschieden an den Bemühungen teil, bisherige Selbstverständlichkeiten in den Staatenbeziehungen in Frage zu stellen und in die Rolle einer Weltaufsichtsmacht hineinzuwachsen.

So stößt Japan an und auf die Schranken seines bisherigen Erfolgswegs und macht sich daran, sie zu überwinden.

I. Japans Aufstieg zur Exportnation

Von Japans imperialistischer Staatsräson, ein ostasiatisches Großreich zu erobern, hat die bedingungslose Kapitulation vor Amerikas Atombomben genausowenig übriggelassen wie von seinen Mitteln. Seine Nachkriegskarriere hat das demokratisierte Kaiserreich zu den Bedingungen gemacht, die der Sieger dem Verlierer diktiert hat: militärisch und weltpolitisch unter Vormundschaft der USA, ökonomisch mit der Chance, als Exportnation auf dem US-Markt Dollar zu verdienen; beides ohne die Vorteile eines Bündnisses mit dem Sieger unter Einschluß etwa gleichrangiger Nachbarn. Als Militärmacht ohne nationale Erfolgsperspektive hat Japan die Methoden des Dollar-Erwerbs mit zunehmendem Erfolg zu seiner neuen demokratischen Staatsräson gemacht.

1. Als Kriegsverlierer war Japan wie die BRD zunächst einmal völlig abhängig davon, welche Souveränität Amerika dem besiegten Feind zugestand, also welche Rolle ihm im Rahmen einer amerikanischen Weltmachtstrategie zugedacht war. Die ersten Maßnahmen der amerikanischen Besatzer waren darauf gerichtet, die militärische Aufsicht über die gesamte pazifische Region zu übernehmen und Japan nicht nur auf sein Kernreich zu beschränken, sondern den Staat dauerhaft zu entmachten, ihm die ökonomischen Grundlagen für seine imperialistischen Ambitionen zu entziehen und ein genehmes politisches System zu stiften.[1] Auch für dieses Land dachten die USA aber bald an neue Aufgaben.

So sollte Japan unter US-Aufsicht Teilnehmer der freien, vom Dollar beherrschten Weltmarktordnung und damit ein zuverlässiges Glied der amerikanisch geführten westlichen Welt werden. Dafür wurden finanzielle Hilfestellung geleistet, die Siegerauflagen schrittweise abgemildert, der Yen durch einen fixen Kurs an den Dollar angebunden und ausgewählte Industrien gefördert, vor allem die Textilindustrie, die von der Besatzungsmacht als exportfähig und zugleich strategisch unbedenklich angesehen wurde. Überkommene Feindseligkeit und langfristige Integrationsabsicht hielten sich durchaus noch die Waage – Japan sollte ein Land werden, auf dem man verläßlich seine Truppen stationieren konnte und das sich ökonomisch selber „trug“, nicht jedoch eine Wirtschaftsmacht mit dem Auftrag, durch ihre kapitalistische Schlagkraft die „Verteidigungsfähigkeit des westlichen Bündnisses“ zu stärken. Eine Vorzugsbehandlung wie der Frontstaat an der Hauptkampflinie in Europa, die BRD, genoß Japan erst einmal nicht.

Es dauerte aber nicht lange, und auch Japan sollte seinen positiven Beitrag zur Eindämmung des Kommunismus leisten: im Korea-Krieg. Die USA benutzten Japan nicht nur als ihre Aufmarschbasis – mit den entsprechenden Investitionen für militärische Anlagen und Ausrüstungen –, sondern auch als Zulieferer für ihren Rüstungsbedarf, vor allem an Stahl, Lastwagen und Schiffen. Die ursprünglichen Vorbehalte gegen das Wiedererstehen einer Schwerindustrie wurden aufgegeben; stattdessen wurde Japan mit Rohstoffen und technischen Hilfsmitteln zur Bedienung der schlagartig gewachsenen Nachfrage nach Rüstungsgütern befähigt. Der Krieg beglückte Japan so mit einem wirtschaftlichen Aufbauprogramm.

Hinzu kam, daß die USA dem Land geänderte Zukunftsperspektiven eröffneten. Die amerikanische Regierung beschloß, Japan bevorzugte Förderung im ostasiatischen Raum zukommen zu lassen, öffnete ihren Markt für japanische Exporte, die dort dann erst einmal die Stellung des Billigangebots bei Textilien, Spielzeug usw. einnahmen, und trat für die Einführung Japans in die internationalen Organisationen ein. Politisch wurde das neue Verhältnis im Friedensvertrag von 51 besiegelt, in dem Japan die territorialen Kriegsergebnisse anerkennen mußte. Im Rahmen ihrer antisowjetischen Globalstratgie vergaßen die USA sogar ihre Vorbehalte gegen die „militaristische Vergangenheit“ Japans und dachten an eine militärische Beteiligung; Außenminister Dulles forderte die Aufstellung einer japanischen Armee von 350.000 Mann.

2. Damit waren dem formell wieder souverän gewordenen Japan die Notwendigkeit und die begrenzten Möglichkeiten vorgegeben, sich zu einem Staat emporzuarbeiten, der auch in der neuen Weltlage wieder eine entscheidende Rolle spielt. Denn daß es darauf ankam, daran hatten die ostasiatischen Schicksalsgenossen Deutschlands keinen Zweifel, die genau wie die bundesrepublikanischen Frontstaatpolitiker unter ihrem Verliererstatus litten und an Revision dachten.

Unter diesem Gesichtspunkt enthielt das militärische „Kooperations“angebot der USA einen deutlichen Pferdefuß. Die Aufrüstung Japans war gleichbedeutend mit einer Unterordnung unter die strategischen Interessen der USA, die für die nationalen Machtbedürfnisse und die außenpolitischen Korrekturabsichten Japans überhaupt keine Chance boten, im Gegenteil. Während der BRD-Revisionismus im Rahmen der Nato-Strategie zur Eindämmung der Sowjetunion seinen Platz hatte und sogar ganz neue Mittel gewann, war der japanische Wille zur Wiederherstellung der nationalen Kriegsmacht gegen die USA mit ihrer ausgreifenden Präsenz im pazifischen Raum gerichtet und hat sich nicht mit deren Programm gedeckt, die dortige Front gegen den Kommunismus unter amerikanischer Kontrolle zu halten; der japanische Revisionismus konnte also auch nicht mit Unterstützung rechnen. Mit einem einseitigen Militärbündnis, wie die USA es ins Auge faßten, konnte Japan keine Mittel gegen seine Ohnmacht gewinnen; es hätte sich nicht gestärkt, sondern seinen erzwungenen Verzicht auf militärpolitische Souveränität zementiert. So sahen das jedenfalls Japans Politiker und verzichteten deswegen lieber auf außenpolitische Machtmittel, die nach ihren anspruchsvollen Maßstäben gar nicht ihnen gedient hätten. Japans militärischer Beitrag zum Weltgegensatz bestand folglich darin, den Schutz der Region an die USA abzutreten, die Stationierung der US-Truppen zu gewährleisten und sich vorläufig passiv zu halten.

Um so mehr konzentrierte Japan sich darauf, das andere Angebot auszunutzen, das der amerikanisch gestiftete Westen für die aufstiegswillige vormalige pazifische Großmacht wie für die anderen Verlierer bzw. ruinierten Mitsieger bereithielt: das Angebot, sich unter den neuen Weltmarktbedingungen ökonomisch als wichtige Macht zu behaupten und nationalen Reichtum zu akkumulieren. Es galt, sich in der von den USA initiierten Konkurrenz auf einem durch politische Aufsicht gestifteten gemeinsamen Weltmarkt zu etablieren, zu bewähren und durchzusetzen, auf dem das überlegene amerikanische Kapital überall die Maßstäbe vorgab und der Dollar erst einmal das einzige weltweit gültige Geschäftsmittel war.

Das Angebot hatte etwas Erdrückendes. Der Kapitalismusbaukasten war ja ziemlich radikal leergeräumt; ein lohnendes Geschäftsleben, das für die Nation als Quelle ihrer Bereicherung taugte und den Staatskredit auf eine produktive Basis stellte, mußte überhaupt erst wieder in Gang gebracht werden. Und das in einer Lage, wo jede Anstrengung, auf heimischem Boden eine Produktion in die Wege zu leiten, die ausreichend Überschüsse abwarf und entsprechendes Wachstum nach sich zog, auf die wirtschaftliche Übermacht Amerikas und die Überlegenheit seines weltweit tätigen Kapitals traf. Mit amerikanischen Kreditprogrammen nach Art und Umfang des Marshallplans war nicht zu rechnen, mit einem Interesse der US-Geschäftswelt vergleichbar dem an Westeuropa ebenfalls nicht. Vor allem aber fehlte Japan die Möglichkeit, sich durch ein wirtschaftspolitisches Bündnis mit gleichermaßen betroffenen Konkurrenten für die Bewährung an den US-Weltmarktmaßstäben günstigere Voraussetzungen zu schaffen, so wie die europäischen Staaten es mit ihrer EG taten: Die sicherte den beteiligten Staaten ja weit über ihre jeweiligen nationalen Grenzen hinaus einen geschäftsfähigen Markt zu Sonderkonditionen, beförderte die Entwicklung konkurrenzfähiger Kapitalgrößen, organisierte den Zugriff auf Rohstoffquellen, beflügelte das Geschäft in den jeweiligen nationalen Geldern, steigerte durch mehr und mehr gemeinschaftliche Garantien die Kreditfähigkeit aller Teilnehmernationen – und lieferte mit all dem auch den Stachel und die wachsenden Grundlagen für das Interesse an einer politischen Emanzipation von der US-Weltkontrolle. Japan dagegen war für seine Weltmarktbemühungen auf sein eigenes Hoheitsgebiet zurückgeworfen, befand sich also in der Notlage, als kapitalistisch rückständige, wesentlich auf sich selbst gestellte Nation sich in Konkurrenzverhältnissen bewähren zu müssen, die von ihm nicht zu beeinflussen waren. Die Bewältigung dieser Notlage konnte, das war den Kriegswirtschaftlern von gestern klar, nur das Werk des Staates selber sein. Er mußte einen weltmarktfähigen Kapitalismus stiften.

3. Zunächst mußte überhaupt auf heimischem Boden erst wieder eine kapitalistische Akkumulation in Gang gebracht werden. Dabei beherzigte der japanische Staat die elementare Notwendigkeit der freien Marktwirtschaft, von der die heutigen Konstrukteure eines Kapitalismus auf ehemals realsozialistischem Boden nichts wissen wollen: Nichts fand statt außerhalb seiner strengsten Kontrolle. Insbesondere der produktive Gebrauch des höchsten Gutes einer kapitalistischen Nation, des vom Staat gedruckten und garantierten Geldes, war gesetzlich genau reglementiert, weil dadurch schließlich der nationale Reichtum zustandekommen sollte: kapitalistischer Überschuß zum exklusiven Gebrauch des japanischen Staates und seiner geschäftstüchtigen Bürger. Die Freiheit, erwirtschaftete Überschüsse in das Geld anderer Nationen zu tauschen und anderswo anzuwenden, kam deswegen genausowenig in Betracht wie die Erlaubnis an auswärtige Interessenten, sich – für national gar nicht zweckmäßige Vorhaben womöglich – japanischer Geschäftsmittel zu bedienen; und als so etwas in Betracht kam, wurde es gründlich vertagt; aus dem guten kapitalistischen Grund, daß eine nationale Akkumulation erst einmal auf breiter Front und mit konkurrenzfähigen Raten in Gang gekommen sein und ausgiebig gewirkt haben muß, bevor die Währung, die die Akkumulationsergebnisse national bilanziert, sich mit dem Geschäftsmittel anderer Staaten vergleichen und jedermann für alle kapitalistischen Zwecke zur Verfügung stehen kann. Mit einem Wort: Der japanische Staat stiftete seinen Kapitalisten, zu deren eigenem Besten, eine Binnenwährung, verbot zunächst und reglementierte später den Kauf von Dollar mit Yen und umgekehrt und überhaupt jeden grenzüberschreitenden Kapitalverkehr.

Zweitens garantierte der Staat mit seiner Geld- und Rechtshoheit nicht bloß, wie in einem fertigen kapitalistischen Land, allgemeine Voraussetzungen des Geschäfts, unter denen dann produktive Kapitalisten und Bankenwelt um Marktanteile, Kredite und Finanzgeschäfte konkurrieren. Er sorgte selber für einen inneren Markt, geschäftsfähige Kapitale sowie verfügbare Kreditmittel und setzte dafür, wo nötig, die Konkurrenz aus oder stellte sie unter strikte politische Kontrolle:

  • Er schützte nach seinen Bedürfnissen den Markt vor unerwünschten Importen und sicherte die erwünschten zu Vorzugsbedingungen. Durch hohe Außenzölle, insbesondere auf Konsumgüter, und Importquoten in wichtigen Güterbereichen wurde der Markt für heimische Produzenten reserviert, während notwendige Rohstoffe steuer- und zollfrei importiert werden konnten und der Erwerb von Lizenzen steuerlich begünstigt wurde. Das an weltweitem Geschäftsleben interessierte Amerika akzeptierte wie beim gemeinsamen Markt der EG auch bei Japan solche Ausnahmen von den GATT-Regeln.
  • Der Staat organisierte das Zustandekommen schlagkräftiger Großunternehmen und ließ ihnen besondere Förderung zukommen. Dabei konnte er an die Vorkriegstradition der sogenannten ‚Zaibatsu-Familien‘ – staatlich geschaffene Kartelle – anknüpfen. Deren von den USA verfügte Auflösung und das Kartellverbot wurden aufgehoben, Branchenkartelle in den Bereichen geschaffen, auf die es dem Staat besonders ankam, und ausgiebig subventioniert.
  • Das Kreditwesen wurde den Bedürfnissen des industriellen Aufbaus untergeordnet; die nationalen Banken sollten ausreichende und für die produktiven Geschäftsbedürfnisse erschwingliche Kredite gewährleisten; deren Preis und Masse regelte daher der Staat. Der Zins für Bankkredite wurde staatlich reglementiert und unabhängig von Konjunkturen und den Interessen des Finanzkapitals niedrig gehalten, zum Ausgleich für billige Refinanzierung bei der Zentralbank und geringe Einlagezinsen gesorgt. Die privaten Rentenkassen und das Postsparkassenwesen wurden für das gewünschte Wachstum der Kreditmittel regelrecht verplant. Auf der anderen Seite überwachte und beschränkte der Staat die Kreditvergabe, vor allem zwischen den Banken, um die knappe Geldkraft der Nation im Dienste der von ihm gewünschten produktiven Geschäfte zu kanalisieren. Die noch heute als japanische Besonderheit registrierte hohe Verschuldung der Unternehmen bei den Banken und der Banken bei der Zentralbank ist das Ergebnis einer staatlichen Kreditpolitik, die die Banken vom internationalen Finanzgeschäft ausschloß, sie auf die Bedienung des steigenden Kreditbedarfs der heimischen Produzenten festlegte und mit der Zentralbank für die Verfügbarkeit ausreichender Mittel zur Behebung des Kreditmangels einstand.
  • Die Brauchbarkeit der nationalen Arbeiterklasse war durch die extensive Ausdehnung des Arbeitstages und ein niedriges Lohnniveau gesichert. Die Zweiteilung in „Stammarbeiter“ in den großen Unternehmen, die für das Privileg der Unkündbarkeit und vergleichsweise hoher, je nach Betriebserfolg modifizierter Löhne alle Ansprüche an ihre Arbeitskraft hinzunehmen haben, und „Zeitarbeiter“, die im wesentlichen die nationalen Niedriglohnklassen bilden, sorgte für die kapitalgemäße Konkurrenz der Arbeiterschaft auf japanisch.

4. Die Einrichtung einer von der Weltmarktkonkurrenz abgeschirmten nationalen Produktion und Zirkulation war von vornherein auf die erfolgreiche Teilnahme am Weltmarkt gerichtet, und das konnte für Japan – noch ausschließlicher und dauerhafter als für die Europäer – nur heißen: das universale Geschäftsmittel Dollar zu akkumulieren. Japan wollte und konnte nicht selbstgenügsam auf die Erträge setzen, die eine Kapitalakkumulation in seinen engen Grenzen mit seinen beschränkten Geschäftsmitteln abwarf. Die nationalen Bemühungen waren darauf ausgerichtet, die Zahlungsfähigkeit anderer Nationen auszunutzen, durch Export aus dem Weltmarkt, also vor allem aus dem US-Wachstum Reichtum in Dollarform herauszuziehen. Folglich stellte der Staat die Handelsbilanz in den Mittelpunkt seiner Wirtschaftspolitik: Um jeden Preis mußte die nationale Industrie Exporterfolge erzielen. Hilfestellung leistete das Heimatland des Dollarreichtums insofern, als es frühzeitig seinen Markt für Japan öffnete; im Vertrauen, daß dadurch amerikanisches Wachstum befördert würde.

Der „Preis“ für den andauernden Exporterfolg war der, daß die Abtrennung der nationalen von der internationalen Zirkulation durch einen nicht oder nicht voll konvertiblen Yen auch dann noch festgehalten wurde, als die Phase der Not des kapitalistischen Wiederaufbaus längst vorbei war und japanische Unternehmen bereits bedeutsamere Erfolge auf dem US-Markt erzielten. Den Kapitalisten blieb staatlich garantiert, daß ihre Rechnung mit Yen-Kostpreis und Yen-Profit immer aufging, wie auch immer es um ihre Dollar-Erlöse stand. Dafür verblieben diese allerdings in der Hand des Staates; den Kapitalisten blieb das kapitalistische Menschenrecht vorenthalten, sich mit ihren Überschüssen frei in der ganzen Welt nach den besten Anlagemöglichkeiten umzutun.

Dabei wurde gleichzeitig in Japan alles getan, um in Sachen Kapitalproduktivität, also Kostpreis und Profit, die Weltspitze zu erreichen.[2] Die Förderung von Industrie- und Handelskartellen, die Zoll- und die Handelspolitik standen unter dem Diktat, nationale Großkonzerne mit ausreichendem Umfang und den notwendigen technischen und Geldmitteln zu schaffen, die zu einer amerikanischem Standard entsprechenden Produktion fähig waren, und ihnen darüberhinaus mit staatlich betreuten Exportbemühungen möglichst viele Marktchancen auswärts zu eröffnen. Der Staatskredit wurde auf die Unterstützung der Exportunternehmen konzentriert. Was lange Zeit als „billiges Abkupfern“, „Marktlücken aggressiv erobern“, „Preis-Dumping“ usw. beredet wurde, das war die Leistung des japanischen Staates, den Exportkapitalisten mit allen Mitteln eine konkurrenzfähige Kostenkalkulation in Yen zu ermöglichen, um auf den internationalen Märkten, allen voran auf dem amerikanischen, Gewinne in Dollar und vergleichbaren Währungen zu erzielen. Der Maßnahmenkatalog war umfangreich, aber schlicht: Begünstigungen aller Art für im Export tätige Kapitalisten, Bevorzugung auf dem inneren Markt, einseitige Zuwendungen aus der Staatskasse, entsprechende staatliche Kreditlenkung. Für die Steigerung der Leistungsfähigkeit der Exportunternehmen wurden die verdienten Dollar dann auch wieder ausgegeben: zur Finanzierung des Imports der Produktionsmittel, die das innere Geschäftsleben – noch – nicht hervorbrachte.

5. Mit diesem staatlich gelenkten Kapitalismus ist Japan erfolgreich gewesen. Mit den Exporterfolgen ist auch das Binnenwachstum, die Akkumulation im eigenen Land gestiegen. Japan hat sich zum Kapitalstandort entwickelt, der laufend an auswärtiger, vor allem amerikanischer Zahlungsfähigkeit verdiente, dessen Geschäftsumfang im eigenen Land in dem Maße wuchs, wie er sich an auswärtigem Wachstum bediente, der dadurch dem Staat nicht nur wachsende Dollarguthaben sicherte, sondern auch den japanischen Nationalkredit selbst mit einer steigenden Akkumulation von Reichtum untermauerte. Das ist die Quintessenz des „japanischen Wirtschaftswunders“.

II. Japan im Übergang zur Weltwirtschaftsmacht

Nach mehr als drei Jahrzehnten eines von Staats wegen auf Exporterfolg hinreglementierten Kapitalismus hat Japan seine Binnenwährung schließlich voll konvertibel gemacht und damit seinen erfolgreichen Exportunternehmen den Weg des weltweiten Kapitalexports eröffnet. Die Folgen waren außerdem beträchtliche Aufwertungen des Yen und eine rasante Akkumulation im Kreditgewerbe. Der Aufstieg des nationalen Kreditmittels zur Weltwährung blieb dabei befangen in den Sonderbeziehungen der japanischen Wirtschaft zu Amerika, nämlich der Konzentration des Exports auf den US-Markt und der Finanzanlagen auf die Dollarschulden des US-Staatshaushalts. Dieser Widerspruch war der Grund und zugleich, wirtschaftspolitisch zurechtdefiniert und dementsprechend ideologisch verdreht, der Gegenstand fortwährender handels-, wirtschafts- und währungspolitischer Auseinandersetzungen und Vereinbarungen zwischen der US-Administration und den politischen Repräsentanten der japanischen Wirtschaftsmacht.

1. Durch den Erfolg der japanischen Exportwirtschaft wurden die Methoden dieses Erfolgs überholt; neben den Fortentwicklungen des kapitalistischen Weltmarkts erwiesen sie sich als zunehmend hinderlich; vom alles entscheidenden Handelspartner USA wurden sie immer nachdrücklicher für unfair und weltmarktwidrig erklärt: Die Trennung zwischen japanischer Binnenökonomie und Exportwirtschaft, grundgelegt durch die sehr beschränkte Konvertibilität des Yen und abgesichert durch staatliche Kreditbewirtschaftung, Exportförderung und Importbeschränkung, wurde unhaltbar.

  • In Amerika war man mit der negativen Bilanz des Japan-Handels immer dann unzufrieden, wenn die Konkurrenz von jenseits des Pazifik wichtigen nationalen Unternehmen das Geschäft verdarb – also mit der Zeit immer öfter. Und weil solche Geschäftsschädigung von einem Land ausging, dem doch Amerika selbst Geschäftsfähigkeit verliehen und die Bedingungen dafür diktiert hatte, geriet die Unzufriedenheit zu einer zunehmend fundamentalen Kritik an der ganzen Art, wie Japan sich ökonomisch als Exportmacht organisierte – mit der größten Selbstverständlichkeit betrachteten US-Politiker es als ihre Sache, den Japanern in amerikanischem Interesse eine wirtschaftspolitische Wende vorzuschreiben. Kritisiert wurde insbesondere die „Abschließung des japanischen Kapitalmarkts“, „Normalisierung“ verlangt. Wirksam wurden die Interventionen von US-Seite trotzdem erst, als sie mit entsprechenden Kalkulationen japanischer Unternehmen und einem neuen Standpunkt der japanischen Wirtschaftspolitik zusammentrafen – und deswegen auch in etwas anderem Sinne als von den USA gemeint.
  • Die japanischen Exportfirmen hatten eine Größe erreicht, bei der sich für weitere Geschäftsausweitungen – nach dem schon immer beachteten Vorbild amerikanischer und europäischer Multis – viel eher die Gründung auswärtiger Niederlassungen und Fabriken anbot als der Weg immer bloß weiter gesteigerter Exporte vom heimatlichen Boden aus; dies um so mehr, weil protektionistische Schranken gegen japanische Ausfuhren angedroht wurden. Die japanischen Banken fanden sich angesichts der nationalen Akkumulationsraten mit der Verwaltung von Sparkonten und staatlich dirigierten Anleihen gleichfalls nicht ausgelastet, vielmehr im Vergleich mit ausländischen Kreditinstituten in ihrer Handlungsfreiheit und ihren Geschäftsmöglichkeiten ungebührlich und unzweckmäßig eingeschränkt: Devisen waren verfügbar, aber nicht frei in Geschäftsmittel auf dem Kreditmarkt zu verwandeln, weder auf dem einheimischen noch auf dem weltweiten; die Chancen zur Schöpfung und Vermehrung von Kredit in nationaler Währung waren nicht im entferntesten ausgenutzt. Zudem kam mit dem Interesse japanischer Industrieunternehmen an Auslandsinvestitionen das Bedürfnis der Banken auf, solche Unternehmungen zu finanzieren: mit frei verfügbaren Dollar, mit frei konvertierbaren Yen und mit frei ausleihbarem Auslandskapital – lauter Geschäfte, die den nationalen Finanzinstituten verwehrt waren.
  • Vom Standpunkt der Wirtschaftspolitik aus war zu registrieren, daß die nationalen Dollareinnahmen aus Exportgeschäften sich mittlerweile in Größenordnungen akkumulierten, die im Rahmen der alten Zielsetzung und Methodik – sich zur Exportmacht aufzubauen – gar keinen zusätzlichen Nutzen mehr brachten, stattdessen von den wichtigsten Handelspartnern mit protektionistischen Drohungen quittiert wurden; ihr kapitalistisch zweckmäßigerer Gebrauch stand an. Dies um so mehr, als die paar Länder, die Japan als seine Konkurrenten auf dem Weltmarkt betrachtete, bereits vorgemacht hatten, wie das zu bewerkstelligen war: Sie hatten den Übergang zur Teilnahme am Weltkapitalmarkt hinter sich und waren dabei, ihre eigene Währung zur international gängigen kapitalistischen Münze und gleichwertigen Alternative zum Weltgeld aus den USA aufzubauen. Mit dem Aufstieg der D-Mark zur europäischen Leitwährung wurde so allmählich ein neuer Erfolgsmaßstab für kapitalistische Nationen aufgestellt: Es ging nicht mehr um die Anhäufung von Dollar, sondern um die Macht, der selbstgedruckten Währung praktische Anerkennung als Weltgeld zu verschaffen, dadurch nämlich, daß es von Kapitalisten der ganzen Welt aus freier Berechnung als universelles Geschäftsmittel benutzt wird. Um die Konkurrenz auf diesem Feld kam Japan nicht herum, wenn es nicht mit all seinen Exporterfolgen auf dem Status eines immer gigantischeren, aber auch immer anfälligeren Anhängsels fremder Märkte, namentlich der US-Wirtschaft hocken bleiben wollte.

2. In der japanischen Führung setzte sich jedenfalls die „Fortschrittsfraktion“ durch: Anfang der 80er Jahre wurde der Kapitalverkehr von Japan aus und nach Japan hinein freigegeben, der Yen vollständig konvertibel gemacht. Der Erfolg gab den Reformern recht: Der Yen erwies sich im freien Handel sofort als ungemein „stabil“, und das mit ihm bewerkstelligte Geschäftsleben nahm im Lauf der 80er Jahre einen enormen Aufschwung:

  • Zum einen wurde die nationale Exportindustrie durch Kapitalexport auf eine neue, breitere Basis gestellt. Ausgewählte Nachbarstaaten wurden mit geeigneten Fabriken – „verlängerten Werkbänken“ – vollgestellt; mit dem Ergebnis, daß die Handelsbilanz der USA auch gegenüber diesen „kleinen Tigern“ wachsende Defizite verzeichnete und die Konzernbilanz japanischer Firmen, die darüber zu Multis wurden, entsprechende Wachstumsraten. Außerdem wurden in den Zielländern des japanischen Exports und vor allem beim Haupthandelspartner nicht bloß Verkaufsniederlassungen, sondern zunehmend auch Produktionsstätten hochgezogen, mit denen die Eroberung von Marktanteilen kräftig vorankam. Deswegen sanken auch die Ziffern des Warenexports überhaupt nicht, im Gegenteil: Die Außenhandelsbilanzen der USA und Japans registrieren seither zusätzlich den steigenden Binnenumsatz der von Japan aus agierenden Weltunternehmen.
  • Zum andern begann die Karriere Tokios als internationales Finanzzentrum. Denn für das neu geschaffene Recht, auf verdiente oder noch zu verdienende Dollar im Inland Yen-Kredit zu nehmen und auf in Yen erwirtschaftete oder erhoffte Erträge hin Dollarschulden zu machen und dafür alle, auch bisher verbotene Kunstgriffe der spekulativen Kreditschöpfung anzuwenden, gab es reichlichste Verwendung. Endlich hatte das japanische Finanzkapital freien Zugriff auf Anlagemöglichkeiten in aller Welt und im Amerika Ronald Reagans einen erstklassigen Kunden mit schier unendlichem Kreditbedarf; ihre Blitzkarriere zur weltgrößten Schuldnernation machten die USA im wesentlichen mit Finanzmitteln des Partners, der auf dem US-Markt die meisten Dollar verdiente. Umgekehrt beteiligte sich Geldkapital aus aller Welt an der Spekulation auf das Wachstum erstklassiger japanischer Spekulationsgelegenheiten.

Die amerikanische Forderung nach einer durchgreifenden „Liberalisierung“ der japanische Ökonomie wurde also erfüllt. Das Ergebnis war eine gerechte Quittung für den Wahn der Dollar-Macht, eine nach ihren Vorgaben funktionierende Weltwirtschaft könne gar nicht anders als den Bilanzen des amerikanischen Staates nützen, sowie für ihren gerade gegen Japan ohne jede diplomatische Rücksicht vollstreckten Rechtsanspruch, andern Staaten in deren Kapitalismus hineinzuregieren: Keine US-Bilanz kam in Ordnung, dafür die japanische Konkurrenz in Amerika gewaltig voran.

3. Eben deswegen sah sich Japan mit Reaktionen der USA konfrontiert, die dem Staat seine noch nicht überwundenen Schranken deutlich machten:

  • Der Exportmacht Japan wurden freiwillige Selbstbeschränkungen bei der Ausfuhr und der Eroberung von Marktanteilen abverlangt, bei Strafe protektionistischer Maßnahmen der Handelspartner. Die „Voluntary Restraint Agreements“, die tatsächlich zustandekamen, trafen die japanischen Exportfirmen nicht besonders hart: Sie machten sich mit Betrieben in den USA heimisch, entwickelten sich also beschleunigt zu Multis. Weil folglich keine merkliche Verschönerung ihrer Handelsbilanz zustandekam, faßten die Amerikaner mit „Local Content“-Klauseln nach, die bei bestimmten Endprodukten einen bestimmten Prozentsatz einheimischer Zulieferungen – bei Autos z.B. zwei Drittel – vorschreiben. Auch das hat die USA nicht von ihrem notorischen Defizit erlöst: Solange die USA an den von ihnen selbst weltweit verbindlich gemachten Welthandelsprinzipien festhalten, lassen sich überlegene Konkurrenten schlecht durch Vorschriften niederkämpfen; mit nationalen Schutzgesetzen zur Geschäftstätigkeit fremdländischer Firmen unterstreicht der in die Defensive gedrängte Staat, bei aller gerechten Empörung über unfaire Ausländer, im Grunde nur die Unterlegenheit der Kapitalisten, denen er damit nützen will. Daher bewirkten auch die den Japanern abgerungenen Zusagen, bestimmten Waren aus den USA einen Mindestabsatz zu garantieren, nicht viel – auf amerikanische Beschwerden hin, daß wieder einmal keine Rechnung aufgegangen wäre, antworteten die japanischen Stellen bisweilen höflich, die US-Partner hätten Qualitätsanforderungen und Lieferfristen nicht eingehalten… Dennoch waren solche Interventionen und die damit verknüpften Drohungen mit einem „Handelskrieg“ durchaus eine Lektion für die japanische Seite: Im Handelsverkehr mit den USA hatte sich bei aller Überlegenheit der eigenen Exportindustrie und wachsenden Überschüssen überhaupt nichts von der in jedem anderen Verhältnis fälligen wirtschaftspolitischen Konsequenz eingestellt, daß der minder konkurrenztüchtige Partner, an den Rand seiner Zahlungsfähigkeit geraten, zum Spielball der Wirtschaftsinteressen des Stärkeren wird und sich dessen Vorstellungen von einer nutzbringenden Sanierung seines Ladens fügen muß. Im Verhältnis zum großen, unbeschränkt verschuldungsfähigen Amerika blieb umgekehrt die Exportnation Japan gerade wegen der Einseitigkeit ihrer Handelserfolge erpreßbar; in dem Maße nämlich, wie ihr eigener ökonomischer Bestand von den dort eroberten Marktanteilen abhängig bleibt und der feindselige große Partner keine gleichartigen Vorteile auf dem japanischen Markt zu verlieren hat. Ähnliches gilt für die wundervolle Freundschaft zwischen Japan und der EG.
  • Die aufstrebende Finanzmacht Japan sah sich seit 1983 mit einer unaufhaltsamen Abwertung des Dollar konfrontiert; einer Entwicklung, die von den US-Außenhändlern gewünscht worden war und im 1983 etablierten amerikanisch-japanischen Währungskomitee nicht gerade gemacht, aber mit dem erklärten Ziel gemanagt wurde, die Exportchancen der US-Industrie zu verbessern und den US-Import aus Japan durch Verteuerung zu erschweren. Auch diese Rechnung ging für die Amerikaner überhaupt nicht wunschgemäß auf; die Verschiebung der Austauschverhältnisse zwischen den Währungen macht solide Konkurrenzvorteile des exporttüchtigeren Handelspartners nicht wett; was sie allenfalls an dessen Erträgen aufzehrt, fügt sie der Größe und Wucht seines Kapitals hinzu. Tatsächlich avancierten Japans Banken mit der Aufwertung des Yen zu den – in Dollar gemessen – umsatzstärksten und finanzkräftigsten Instituten der kapitalistischen Welt. Zugleich war damit aber durchaus ein Schaden für die japanische Seite verbunden: Alle Dollar-Kredite aus Japan, also die Forderungen japanischer Exporteure wie vor allem die in den ersten Reagan-Jahren aufgehäuften Dollar-Guthaben japanischer Geldanleger verloren für ihre Inhaber, in eigener Währung gemessen, die Hälfte und mehr ihres Werts. Als Hauptgläubiger Amerikas waren die japanischen Kreditgeber eben auch am meisten von der einzigartigen Ausnahmestellung ihres Schuldners USA betroffen, der sich auswärts in eigener Währung verschulden kann, also auch bei noch so hoffnungsloser Verschuldung nie wie andere Nationen in die Not gerät, die Devisen seines Gläubigers verdienen und sich dabei dessen Konditionen fügen zu müssen, sondern den Wertverfall seines Kredits quasi automatisch auf den Gläubiger abwälzt.[3] Die Lektion für Japan war eindeutig: Für ein Land, das mit seinen kapitalistischen Reichtumsquellen und Erträgen in solchem Umfang als Welthandelsmacht und internationaler Kreditgeber auftritt, ist es geradezu ein Witz, daß sein Außenhandel nicht in der eigenen Währung fakturiert und Auslandskredite nicht in eigener Währung gegeben werden; für die drittgrößte kapitalistische Wirtschaftsmacht ist es der totale Widerspruch, daß es diese Rolle nicht mit dem von ihm selbst gedruckten und als Wertmaß garantierten Kreditmittel ausübt, sondern mit aus Amerika herausgezogenen Dollar, so als wären nach wie vor die und nicht der eigene Yen die letztgültige nationale Erscheinungsform kapitalistischen Reichtums.
  • Die autonome Wirtschaftsmacht Japan mußte sich schließlich immer weitergehende amerikanische Forderungen gefallen lassen, den eigenen Binnenmarkt für US-Waren und -Dienstleistungen zu öffnen und per Saldo amerikanischen Geschäftsleuten ähnlich viel zu verdienen zu geben, wie japanische Exporteure und Finanzkapitalisten vom US-Geschäft an sich gezogen hatten. In ihrer „Structural Impediment Initiative“, über die gegen Ende der 80er Jahre gestritten und sogar ein formelles Einvernehmen erzielt wurde, hielten die amerikanischen Kritiker den Wirtschaftspolitikern Japans alle möglichen Einrichtungen und von US-Standards abweichenden Gewohnheiten des Kaufens und Verkaufens, des Wohnens und Freizeitverhaltens, des Sparens und Spekulierens als ebensoviele „unfaire Praktiken“ zur Fernhaltung amerikanischer Konkurrenz vor und bestanden auf Änderung. Verlangt wurden darüber hinaus Programme zur Belebung der innerjapanischen Konjunktur, um auf dem Umweg über dann fällige japanische Importe das amerikanische Wirtschaftswachstum zu beleben. Neutral von außen betrachtet, handelte es sich um
„Forderungen, die jeder souveräne Staat eigentlich als ungebührliche Einmischung in seine inneren Angelegenheiten empfinden müßte und die in Japan einmal mehr gemischte Gefühle hinterlassen.“ (NZZ 30.6.90)

Die Absurdität dieses amerikanischen Ansinnens, Japan hätte seine Wirtschaft so umzuorganisieren und in Schwung zu bringen, daß der US-Kapitalismus sich daran aus seiner Krisenlage hochziehen könnte, ist eine Sache: Nicht, daß nicht tatsächlich US-Kapitalisten in Japan vielleicht mehr verdienen könnten; aber wenn sich die größte Wirtschaftsmacht mit Verkäufen auf dem japanischen Markt sanieren könnte, dann wäre sie ja nicht mehr die größte Wirtschaftsmacht.

Eine andere Sache ist die Lektion, die Japan dem Anspruch seines großen Partners auf nützliche Dienste dieser Art entnehmen konnte. Immerhin mußte die Nation sich vorhalten lassen, sie sei, in eklatantem Widerspruch zur Größe ihrer Wirtschaftskraft, ein exzentrischer, weil allzu einseitiger Teilnehmer an der Weltwirtschaft. Die leicht aberwitzigen amerikanischen Beschwerden über den „unterdrückten“ inneren Markt Japans – der Staat vernachlässigt die Infrastruktur und steckt sein Geld überproportional in den Export, die Konsumenten können wegen zu hoher Preise und fehlender Supermärkte ihr Geld nicht ausgeben usw. – mögen absurd sein; Japan bemerkt daran, daß es anfällig ist für die politischen Drohungen seiner Haupthandels„partner“, daß sein Markt, der Wirtschaftsraum, über den der Staat verläßlich kommandiert, mit dem der USA und der EG noch nicht vergleichbar ist. Die Nation war gewissermaßen herausgefordert, endgültig zum gleichrangigen Konkurrenten auf allen Gebieten des Kampfes um die nationale Macht, die aus dem erfolgreich vermehrten Geld kommt, zu werden.

III. Japans Schritt zur imperialistischen Emanzipation

Im Übergang zur postsowjetischen „neuen Weltordnung“, also einer neu eröffneten Konkurrenz der imperialistischen Nationen, findet Japan sich in einer kritischen Lage. Als Weltwirtschaftsmacht ist es endgültig zu groß für die Rolle des exportierenden und die fremde Staatsschuld finanzierenden Komplementärs der US-Ökonomie; im Vergleich mit Amerika und der EG ist es zu klein, was den vom Yen beherrschten Anteil am Weltmarkt betrifft. Die Lösung ist in Arbeit: (1) Die weltweite Wirtschaftskrise gibt Japan Anlaß, seinen Stellenwert als Kapitalstandort neu zu bewerten und umfassend auszubauen. (2) Dieses Vorhaben und das widersprüchliche Verhältnis zu Amerika lassen den Inselstaat als Mangel spüren, daß er mit seiner Währung keinen Staatenblock beherrscht. (3) Mit diesem Bedürfnis nach imperialistischer Blockbildung steht die Revision der außenpolitischen Staatsräson Japans und seines Status als Militärmacht an.

1. Auch Japan hat seit den ersten 90er Jahren eine Wirtschaftskrise durchzustehen; und die Beobachter aus den anderen kapitalistischen Zentren geben sich von den entwerteten Summen beeindruckt, faseln von „Bubbles Economy“ und sammeln „Fälle“ von („typisch“) japanischer „Maßlosigkeit“, als dürften sie bereits dem Absturz eines ungeliebten Konkurrenten zuschauen – und als hätten sie nie die maßlose Kreditexpansion im EWS registriert und die Buchverluste eines „schwarzen“ Wochentags an der NewYorker Börse zusammengezählt:

„Das Ausmaß der japanischen Verluste an Vermögenswerten während der letzten zwei Jahre war atemberaubend. Der japanische Wertpapiermarkt hat gegenüber seinem Höhepunkt 1.6 Billionen Dollar verloren… …sind auch die Grundstückswerte zusammengebrochen, an vielen Stellen fielen sie um 40 bis 50% in zwei Jahren. …machte neun Billionen an Papierwerten zunichte… Ein verwandtes Problem erwächst aus der Tatsache, daß, abgesichert durch diese trügerischen Land- und Aktienwerte, immense Kreditmittel aufgenommen und in verschiedene Investitionen gesteckt worden waren; einige waren vernünftig, andere unvernünftig, aber alle müssen jetzt in einem sehr viel schwierigeren finanziellen Umfeld zurückgezahlt werden. Kürzlich veröffentlichten Berichten zufolge hat Japan in den letzten fünf Jahren sogar drei Billionen Dollar in neue und verbesserte Produktions- und Herstellungsbetriebe aller Art investiert. Diese Zahl entspricht dem gesamten jährlichen Bruttosozialprodukt des Landes. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung war dies so, als ob man der Weltwirtschaft jedes Jahr das Äquivalent des Produktionspotentials Frankreichs hinzufügt.“ (Richard T. McCormack, Japans gefährliche Finanzkrise, Europa-Archiv Nov. 1992)

Ersichtlich wird aus solchen Schilderungen zuerst einmal, welchen enormen Aufschwung das Kreditgeschäft nach der „Freigabe“ des Yen genommen hat. Es kam ja heraus, daß das bis dahin mit aller Vorsicht vermehrte nationale Kreditgeld mit Leichtigkeit mehr wert war als das in den USA verdiente Weltgeld; gleichzeitig stellte sich heraus, daß die nationale Exportindustrie auch bei allen neu festgesetzten Yen-Dollar-Paritäten unschlagbar blieb. Dieser Befund erlaubte es, machte es nach kapitalistischer Logik geradezu unausweichlich, auf eine großartige Zukunft des in Yen bilanzierenden Kapitals zu spekulieren, also in sicherer Gewinnerwartung Kredit zu schaffen und diesen in die zukunftsträchtige Erneuerung und Ausweitung des nationalen Produktionspotentials zu stecken. Jede Handelsbilanz und jede Aufwertung des Yen bewies den Spekulanten, wie richtig sie lagen, und gab dem Kreditboom Auftrieb.

Entsprechend viel bricht natürlich auch zusammen, nachdem der ganz besondere 10-jährige Aufschwung geradewegs in die Überakkumulation hineingeführt hat und „Zukunftserwartungen“ revidiert werden. Die Entwertung beträchtlicher Geldvermögen verschärft die kritische Lage, in die die klassischen Geldquellen des Landes geraten sind: Ganz vieles geht nicht mehr so weiter wie bisher; die Nation sieht sich gezwungen, ihre Qualitäten als Standort überhaupt kritisch zu überprüfen. In Japan wird deswegen aber nicht auf Baisse spekuliert, sondern die Notwendigkeit der endgültigen Emanzipation von der Kultur des Dollar-Verdienens und US-Schulden-Kaufens zum nationalen Programm erhoben. Entsprechend gründlich jedenfalls geht die Nation die Krisenbewältigung an.

2. Der Staat leistet sich für ein „Konjunkturprogramm“ eine zusätzliche Verschuldung in Höhe von 160 Mrd. Dollar. Mit dieser „Spritze“ begegnet die Regierung einem erneuten dringlichen amerikanischen Antrag, mehr für die US-Konjunktur zu tun; in einem etwas anderen Sinn, als die Amerikaner es meinen:

„In ungewöhnlich barscher Form unterstrich der amerikanische Präsident (gegenüber Miyazawa) seine tiefe Unzufriedenheit mit dem ungenügenden Marktzugang für amerikanische Produkte in Japan. Eine enge Kooperation beider Staaten könne nur dann erfolgreich sein, wenn ‚echter Fortschritt bei der Beseitigung des 49-Milliarden-Dollar-Handelsdefizits‘ erzielt werde, sagte Clinton. Er forderte eine grundlegende Richtungsänderung in den bilateralen Beziehungen. … Das Ziel seien ‚sichtbare Ergebnisse in Form erhöhter amerikanischer Exporte in den japanischen Markt‘. Clintons Hinweis auf das bilaterale Halbleiterabkommen … wird von amerikanischen Handelsbeamten so interpretiert, daß er auf spezifischen quantitativen Zielen für bestimmte Produkte bestehen wird. Auch die früher … vereinbarte Quote für den Kauf amerikanischer Autoteile gilt Clinton als Vorbild. Der Handelsbeauftragte Mickey Cantor gab als die wichtigsten Bereiche für ‚sichtbare Exportresultate‘ elektronische Geräte, Halbleiter, Computer, Großcomputer, Autos und Autoersatzteile an. Weitere ‚Sorgenkinder‘ sind für Washington die finanziellen Dienstleistungen, Vertrieb und Konzessionen.“

In Verbindung mit dem Begehren nach einem japanischen Verschuldungsprogramm zur Wirtschaftsbelebung wird deutlich genug, daß die USA nichts geringeres im Sinn haben, als den nationalen Ertrag des japanischen Kapitalismus ein wenig umzuwidmen, nämlich zu ihren Gunsten.

„Präsident Miyazawa hat seinerseits in ungeschminkter Form die amerikanischen Forderungen nach quantitativen Verpflichtungen abgelehnt und deutlich vor einer Wende zum ‚organisierten Handel‘ gewarnt. Nachdrücklich verurteilte er auch den amerikanischen Hang zum ‚Unilateralismus‘. Fortschritte müßten auf den Prinzipien des freien Handels basieren. Miyazawa steht auf dem Standpunkt, daß durch das neue japanische Stimulierungsprogramm … die Exportnachfrage nach amerikanischen Produkten angeregt und das amerikanische Handelsdefizit zurückgehen werde.“ (FAZ 19.4.92)

Immerhin weist der japanische Ministerpräsident hier seinem eigenen Land die Rolle des Marktes zu, auf dem amerikanische Exporteure sich ein durch japanischen Staatskredit geschaffenes Yen-Guthaben verdienen können, und verweist damit den Partner USA höflich in die Rolle, die sein Land in der mittlerweile überwundenen Phase des bloßen Warenexports gespielt hat, nämlich in die der abhängigen äußeren Variablen des eigenen nationalen Wachstums. Das ist zumindest eine klare Auskunft über den wirtschaftspolitischen Zweck des „Stimulierungsprogramms“. Es geht da um einiges mehr als um eine neue Kanalisation für Tokio und einen Fonds zur Stabilisierung der Immobilienpreise: Die Milliarden sollen das Land aus der Krise herausführen, in die die Spekulation auf den Yen als die bessere kapitalistische Alternative zum Dollar, auf Tokio als neuen weltgrößten Finanzplatz und auf eine weltmarktbeherrschende Stellung des in Japan angelegten produktiven Kapitals und der von dort aus operierenden Multis geraten ist. Diese Spekulation soll also Recht bekommen, Japan zum Schwerpunkt der kapitalistischen Welt aufsteigen. 160 Milliarden zusätzliche Staatsverschuldung zur Krisenbewältigung – in einer kapitalistischen Staatenwelt, deren übrige Mitglieder mit „Sparprogrammen“ aller Art um die Solidität, teilweise um die Rettung ihres Kredits und ihrer Währung ringen: Das zeugt jedenfalls von einem beachtlich starken Anspruch auf Erfolg. Und der wird von der internationalen Finanzwelt durchaus honoriert: Die japanischen Staatsanleihen sind angeblich auch zu niedrigen Zinsen sehr gefragt; die Kreditwürdigkeit des Landes rangiert also hoch im Vergleich mit seinen Konkurrenten Amerika und in Europa.

3. Nach innen ist dieses Staatsprogramm mit den kapitalistischen Standardeinfällen verbunden, die sich die konkurrierenden Nationen allesamt mit ihrer „Sparpolitik“ auf die Tagesordnung gesetzt haben. Bemerkenswert sind, wegen der bislang herrschenden andersartigen Sitten auf diesem Gebiet, die neu angemeldeten Zweifel am japanischen Arbeitsmarkt. An den überlangen Arbeitszeiten wird jetzt moniert, ein Großteil dieser Stunden verstreiche absolut unproduktiv, als reines Absitzen aufgrund eingefleischter Moral; die lebenslange Beschäftigung wird jetzt als ernstes Hindernis für „Flexibilität“ empfunden, d.h. für die in der Krise geläufige „Repulsion“ der Arbeiterklasse. Japanische Kapitalisten, mittlerweile erfahren in den weltweit besten Methoden der Lohndrückerei, Mehrwertauspressung und Arbeitszeitgestaltung, halten „ihre“ Arbeiterklasse, gemessen daran, für tendentiell zurückgeblieben.

Wirkung zeigt die – im bösen wie im guten Sinn – kritische Lage der Nation freilich auch am anderen Ende der gesellschaftlichen Hierarchie. Immer mehr und immer wichtigere „graue Eminenzen“ des japanischen „Staatskapitalismus“ machen eine Blitzkarriere zu „korrupten Drahtziehern“, verdiente Staatsmänner werden als von großen Firmen gekaufte Kreaturen „entlarvt“, der gediegene und jahrzehntelang verläßliche Filz aus Geschäft und Politik wird wie eine „kriminelle Vereinigung“ behandelt, am altgewohnten System des Wählerstimmenerwerbs und sogar an den parlamentarischen Sitten im Kaiserreich werden ernsthafte Zweifel laut. Eine gründliche Neuformierung der Staatsmacht und ihrer bisherigen demokratischen Herrschaftstechniken erscheint fällig; und darüber erarbeitet sich die Nation den Standpunkt, daß es mit dem Verhältnis zwischen Staatsmacht und Geschäftsleben überhaupt nicht mehr so weitergeht wie bisher – was ja tatsächlich der Fall und sachlicher Ausgangspunkt der japanischen Spielart von „Politikverdrossenheit“ ist. „Schuld“ daran ist nicht bloß die Krise, die manche Symbiose von Geld und Macht zerschlägt: Es steht ja längst, von den „alten Kräften“ eingeleitet, das Programm auf der Tagesordnung, Japan von seinem alten Status als Exportnation endgültig wegzubringen und zu einem attraktiven Standort des Weltmarkts zu machen. Dadurch sind bereits die Sitten und Gebräuche des alten „Staatskapitalismus“ obsolet geworden. Daß diesem Fortschritt die Repräsentanten des bisherigen Erfolgs zum Opfer fallen, gehört zu dem kleinen bißchen ausgleichender Gerechtigkeit, das „die Geschichte“ manchmal auf Lager hat.

4. Erschüttert wird das Staatswesen außerdem dadurch, daß mit dem genannten Programm auch nach außen neue nationale Ziele definiert und die gewohnten Erfolgsmaßstäbe umgewertet werden. Zum Projekt einer vollgültigen, mit Europa und den USA – mindestens – gleichrangig konkurrierenden Weltwirtschaftsmacht Japan gehört nämlich die Behebung des letzten wesentlichen Defizits, das unter solch anspruchsvollem Kriterium der Nation anhaftet: die – vergleichsweise – mangelnde Masse, die die USA von sich aus besitzen – und sogar die Weltmacht des Kapitalismus selbst hält mittlerweile ihre Masse an Arbeitskräften, Kaufkraft und Überschuß für ungenügend und sucht sie durch die Nordamerikanische Freihandelszone NAFTA zu vergrößern! – und die der Konkurrent Deutschland sich gemeinsam mit Frankreich und Großbritannien in der EG verschafft. Notwendig ist die Verbreiterung der Basis der nationalen Kapitalakkumulation. In diesem Sinn bemüht sich die japanische Regierung schon seit längerem um die Schaffung eines regionalen Staatenblocks nach EG-Vorbild, in dem ihr Yen die maßgebliche Währung abgäbe, also den Wirtschaftserfolg der beteiligten Nationen gültig zusammenfassen und dadurch ein Stück mehr wirkliches Weltgeld würde.

Damit begegnet Japan allerdings amerikanischen Plänen, in denen für dieselbe Region eine etwas andere Verwendung vorgesehen ist, nämlich ihre definitive Anbindung an die USA und deren Dollar-Zone. Die Überlegungen des Vorsitzenden im Senatsausschuß für „International Trade“, Senator Baucus, eines „Falken“ in Handelsfragen, sind da sehr offen:

„Brüssel muß klar und deutlich gesagt werden, daß die USA die Aussicht auf eine selbstbezogene ‚Festung Europa‘ nicht tolerieren werden. Vielleicht läßt sich das am wirkungsvollsten dadurch angehen, daß wir Verhandlungen mit den pazifischen Randstaaten in Gang bringen.
Das Ziel dieser Verhandlungen sollte es nicht sein, einen Block zu schaffen, der Europa ausschließt. Wenn sich jedoch umgekehrt die pazifischen Randstaaten von Europa ausgeschlossen sehen, dann haben sie eine wirksame Gegendrohung zur Hand. Die Drohung einer ‚Festung Pazifik‘ ist die wirksamste Gegendrohung zur ‚Festung Europa‘.“

Auf höherer politischer Ebene wird dasselbe Programm diplomatischer ausgedrückt, als Einladung an Japan zur immerwährenden Partnerschaft mit den USA:

„Unsere Beziehungen zu Japan werden sogar noch wichtiger werden in den kommenden Jahrzehnten. …wo wir in der Welt auch hinsehen, von Osteuropa über Panama nach Kambodscha: Die USA und Japan arbeiten zusammen, um politische und ökonomische Wandlungen voranzutreiben, die die Kräfte der Demokratie und des Marktes stärken werden… Wir sprachen darüber, wie wir unsere globale Partnerschaft weiter ausdehnen können. Ich glaube, in den kommenden Jahren haben wir die einzigartige und herausfordernde Gelegenheit, unsere grenzüberschreitende Kooperation in internationalen Fragen sogar noch weiter auszudehnen, die Gelegenheit, den politischen ‚Trialog‘ zwischen den USA, Japan und unseren europäischen Verbündeten zu stärken…“ (George Bush, März 90, anläßlich des Besuches von Ministerpräsident Kaifu. Bill Clinton hat sich anläßlich des Miyazawa-Besuches im April ziemlich genauso geäußert.)

Auf Dauer Juniorpartner der USA zu bleiben: Das ist nun gerade nicht das Programm, das Japan für sich aus seinen nationalen Erfolgen und den amerikanischen Mahnungen abgeleitet hat, in der Weltwirtschaft für einen neuen Aufschwung zu sorgen. Für ihr Projekt einer regionalen Wirtschaftsblockbildung außerhalb amerikanischer Hegemonie setzt die Regierung in Tokio bereits einige Fakten: mit vermehrtem Kapitalexport in ostasiatische Länder, mit Wirtschaftshilfe für schwächere Mitglieder – und mit einer Diplomatie, die Südkorea zum bevorzugten Partner erklärt, aber auch zu Nordkorea Kontakte pflegt, die den Kaiser nach China und eigene Soldaten zum ersten Auslandseinsatz nach dem Krieg als UNO-Truppe nach Kambodscha schickt.

„Japan will sich an die Konstruktion eines großen asiatischen Hauses machen.“ (Handelsblatt 26.10.92)

5. Damit sind allerdings prinzipiellere Ordnungs-, d.h. Unterordnungsfragen aufgeworfen. Die USA bestehen nämlich gegen ihren mit Atombomben niedergekämpften Weltkriegsfeind von einst auf ihrer Ordnung der ostasiatischen Verhältnisse:

„Außenminister Baker verglich die amerikanische Asienpolitik mit einem Fächer, dessen einzelne Rippen in den USA zusammenlaufen und sie mit jedem Staat der Region bilateral verbinden. Er lehnte jeden ‚über Gebühr strukturierten Ansatz‘ ab und bevorzugte stattdessen eindeutig das ‚flexible construct‘ des Bilateralismus…
Als die ASEAN-Staaten auf ihrer vierten Gipfelkonferenz im Januar 1992 die Absicht besprachen, auch sicherheitspolitisch enger zusammenzuarbeiten, intervenierte Washington. Es konnte auch dem Vorschlag nichts abgewinnen, Japan organisatorisch mit den ASEAN-Staaten zu verbinden, um damit Anreiz oder Notwendigkeit japanischer Alleingänge zu beseitigen.“ (Ernst-Otto Czempiel, Die USA und Asien, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 27/92)

So wird Japan noch einmal auf seinen Unterschied zu dem anderen Weltkriegsverlierer gestoßen: Während Deutschland in Gestalt der BRD das nationale Glück hatte, im Bündnis mit den USA mit seinen westeuropäischen Gegnern zusammengeschlossen zu sein und in denen Partner für den Aufbau eines Europa mit begründeten Ambitionen auf vollständige Gleichrangigkeit mit der „Führungsmacht“ zu finden, ist Japan eine bilaterale „Rippe im Fächer“ der USA und außerdem bei seinen diplomatischen Vorstößen damit konfrontiert, daß seine Nachbarn sich noch genausogut wie die Japaner selbst, nur mit etwas anderer Tendenz, an die imperialistische Staatsräson des ehemaligen militaristischen Kaiserreichs erinnern. Um so mehr muß die Nation darauf bestehen, daß auch in Ostasien die Nachkriegszeit nunmehr zuende ist; daß die Landkarte – zunächst einmal im Norden des Inselstaats – nicht unveränderlich sein darf; daß der Ausschluß des Landes aus dem UNO-Weltsicherheitsrat unbedingt korrigiert werden muß: usw. Die Rolle des passiven antisowjetischen Vorpostens, den die USA als ihren „unsinkbaren Flugzeugträger“ unter ihren Atomschirm nahmen und der in dieser Konstellation weder die Notwendigkeit größeren militärischen Engagements noch ein lohnendes nationales Ziel dafür erkennen konnte, ist ja ohnehin ausgespielt.

Ganz mittellos für die neuen Vorhaben steht die Nation schon nicht mehr da:

„Zwar legte sich Japan doch eine Wehrmacht zu, hielt sie aber bis 1980 unter dem verschämten Titel ‚Selbstverteidigungstreitkräfte‘ einigermaßen unter Kontrolle. Diese Selbstbeschränkung wurde gesprengt, als Präsident Reagan Japan aufforderte, die Beschränkung des Verteidigungsbudgets auf maximal ein Prozent des BSP aufzugeben und die Verteidigung im Umkreis von 1000 Seemeilen zu übernehmen. Mit einem Rüstungsbudget von 4,3 Billionen Yen im Jahr 1991 blieb Japan nur noch hinter den Vereinigten Staaten zurück… Große Unternehmen wie Mitsubishi Heavy Industries beziehen ihre Gewinne schon zu einem Viertel aus dem Rüstungsgeschäft… Der amerikanisch-japanische Streit um den Bau des Jägers FSX zeigte den Vereinigten Staaten, daß Japan auch auf dem Gebiet der Militärtechnologie längst führend und ein potentieller Rivale auf dem Gebiet der Waffenverkäufe geworden war… Es gesteht jetzt wenigstens ein amerikanischer Entscheidungsträger (R.Holbrooke) ein, daß es falsch war, Japan zu höherer Aufrüstung zu veranlassen.“ (a.a.O.)

Wenn „amerikanische Entscheidungsträger“ die japanische Aufrüstung heute im Rückblick „falsch“ finden, dann tun sie nach wie vor mit der größten Unbekümmertheit so, als existiere eine eigene Meinung Japans über seine Ordnungsinteressen und Sicherheitsbedürfnisse gar nicht; sie gemeinden Japan in ihr pazifisches Weltordnungskonzept ein – aber sie müssen zugleich das Entstehen eines Konkurrenten zur Kenntnis nehmen, der aus der Kategorie des Handelsbilanzschädlings herauswächst.

[1] Eine neue Verfassung wurde dekretiert, die alle üblichen demokratischen Institutionen vorschreibt und festlegt, daß das „japanische Volk“ für immer „auf Krieg als das souveräne Recht der Nation“ und „auf die Androhung und die Anwendung von Gewalt als Mittel, internationale Streitigkeiten zu regeln“, verzichte; eine Bodenreform wurde verkündet und ein Programm zur Kapitalentflechtung ins Werk gesetzt.

[2] Die entscheidende Agentur dafür ist seit jeher das „Ministery of International Trade and Industry“ (MITI), eine Agentur mit weitreichenden Kompetenzen zur Planung und Lenkung von Investitionen und Unternehmensstrategien. Vielsagend sind die Parolen, unter die das MITI seine Fünfjahrespläne gestellt hat: Zunächst ging es beim Plan I (1956-60) noch um die Erreichung der wirtschaftlichen Selbständigkeit. Die Pläne II (1958-62), III (1961-70), IV (1964-68) gehörten zur Gruppe der Wachstum über Alles-Pläne, während sich die Pläne V (1967-71), VI (1970-75) und VII (1973-77) bei Beibehaltung des Wachstumsziels verstärkt mit den negativen Auswirkungen des BSO-Wachstums wie Preissteigerungen, Nachhinken der Industrieinfrastruktur und der Lebensqualität beschäftigten.

[3] Zur Verdeutlichung: Das sollte man doch einfach den Russen erlauben…!


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