Italien und seine Erdbebenopfer

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-97 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Italien, seine Erdbebenopfer und ein deutscher Kommentar

Überblick

Italien lässt seine Erdbebenopfer in Notlagern versauern. Die deutsche Öffentlichkeit macht aus dem politischen Unwillen der italienischen Regierung eine nationale Unfähigkeit und damit ein patriotisches Bekenntnis zu deutschen Fähigkeiten.

Italien, seine Erdbebenopfer und ein deutscher Kommentar

Italien ist zweifelsohne eine potente Nato- und Euro-Nation. Das Land hat nicht die geringsten Schwierigkeiten, mit einer Schiffsflotte die Adria über Monate hinweg zu kontrollieren, damit keine albanischen Hungerleider italienischen Boden betreten können.

Andererseits zeigt sich dieselbe Nation außerstande, angesichts der seit September absehbaren Tatsache, daß der Winter kommt, dafür zu sorgen, daß die Erdbebenopfer in Mittelitalien untergebracht werden.

Kein Problem hinwiederum besteht darin, daß ungefähr einmal täglich Fernsehmannschaften in die Notlager einfallen, um am Abend der Nation vorzuführen, daß man dort in Zelten und Wohnwagen tatsächlich friert. Und es ist in der päpstlichen Nation auch nicht das geringste Problem, Geld für den zügigen Wiederaufbau des „kulturellen Erbes“ in der Hochburg der Bigotterie, in Assisi, aufzutreiben und es standesgemäß herzurichten.

Die deutsche Tagesschau hat sich an diesem Fall wieder einmal ihr Urteil über typisch italienische Mißwirtschaft bestätigt. Diese Einsortierung sorgt auf zweifache Weise für die korrekte demokratische Ausrichtung der aufgerufenen Empörung: Zum einen erklärt sich der staatliche Umgang mit den Erdbebenopfern nicht aus den politischen Prioritäten, die in Italien gelten, sondern eben aus dem „Miß…“; der politische Unwille wird mit einer nationalen Unfähigkeit entschuldigt. Wie immer und überall im Reich der Demokratie darf nicht von politischen Absichten sondern nur von politischem Scheitern die Rede sein. Zum anderen läßt sich diese Unfähigkeit dann patriotisch im Lichte der eigenen Fähigkeit besichtigen, damit auch klar herauskommt, daß in Deutschland alles ganz anders aussieht. Schließlich können sich die deutschen Hochwasseropfer angesichts der privaten Spendenwut nicht beklagen, und die deutschen Prinzipien im Umgang mit sozialem Ausschuß geraten erst gar nicht in den Verdacht, Geldmangel oder eben eine „Miß“wirtschaft könnte der Grund für die schäbige Behandlung von Armen sein. Umgekehrt ist man sich ja ziemlich einig darüber, daß die zu gute Behandlung der Armen der Grund für den Geldmangel der Nation ist.


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