Hurrikan in Cuba

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-04 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Katastrophen-Saison in der Karibik:
Hurrikan statt Sozialismus

Überblick

Es gibt also im karibischen „Armenhaus“ des kapitalistischen Amerika tatsächlich noch 1 Land, dessen Regierung die notwendigen Vorsorgemaßnahmen ergreift, um den Schaden der Leute in Folge der sich häufenden Wetterkatastrophen zu minimieren. Doch was auch immer die Kubaner – trotz Boykott und Embargo durch die imperialistische Welt – auf die Beine stellen, und sei es die menschenfreundlichste Katastrophen-Vorsorge: Die Öffentlichkeitsarbeiter der freien Welt lassen sich nicht täuschen und erkennen zuverlässig auch hinter solchen scheinbaren Erfolgen im Kampf gegen Naturkatastrophen die Fratze der Diktatur.

Katastrophen-Saison in der Karibik:
Hurrikan statt Sozialismus

„Die Flutkatastrophe auf Haiti, bei der bis Ende der Woche mindestens 1100 Menschen ums Leben kamen, hätte womöglich vermieden werden können, wenn die dort stationierten UNO-Friedenstruppen und die einheimischen Behörden ein Minimum an Katastrophenschutz betrieben hätten. Obwohl der Verlauf der Hurrikans überwacht wird und relativ genau vorausberechnet werden kann, sind die meisten Karibikstaaten nur unzureichend auf die Killerstürme vorbereitet: Gefährdete Zonen werden nicht rechtzeitig evakuiert, die Behörden überlassen die Bevölkerung zumeist ihrem Schicksal.“ (Spiegel, 40/04)

So geht es eben zu in einem Land, das, wie erst neulich ausführlich berichtet wurde, zu denen zählt, die in jeder Hinsicht abgeschrieben sind: Haitis offenbar unabänderliche Bestimmung ist und bleibt, der größte und elendeste der zahlreichen staatlichen Slums der Karibik zu sein. Der interessiert die Regierungen aus den besseren Vierteln der „internationalen Gemeinschaft“ überhaupt nur wegen seines ausgesprochen mangelhaften Herrschaftsapparats, der es zeitweise kaum mehr zu einer verlässlichen Postanschrift für die diplomatischen Beschwerden der von Armutsflüchtlingen, Drogenhandel und „politischer Instabilität“ belästigten imperialistischen Aufsichtsmächte bringt. Jeder weiß, dass die paar UN-Truppen aus Argentinien, Brasilien und Chile daran nichts ändern. Wäre ja auch ausgesprochen exotisch, wenn ausgerechnet im heruntergekommensten Winkel der „westlichen Hemisphäre“ wegen des landesüblichen Schlechtwetters und seiner unschönen Folgen plötzlich das große Sich-Kümmern um die verelendete Bevölkerung einreißen würde. Nein, es geht alles so vor sich, wie man es seit langem kennt, und wenn die Katastrophe dieses Jahr noch ein wenig schlimmer ist als sonst, wird der Bericht in der Tagesschau 25 Sekunden länger. Es gehört eben zur Normalität in der freien Welt, dass alljährlich in der Karibik – unter der fachkundigen Aufsicht von Hightech-Meteorologen – durch Hurrikans immer mehr Leute dran glauben müssen.

Das ist allerdings nur fast in der ganzen karibischen Inselwelt so und das fällt auch den Herren von der freien Presse auf: Eine rühmliche Ausnahme ist Kuba. (Spiegel, ebd.)

„Die Vereinten Nationen preisen die Hurrikan-Vorsorge auf der Insel als vorbildlich. Rechtzeitig hatten die kubanischen Behörden Hurrikan-Alarm ausgelöst … von 11 Millionen Bewohnern der größten der Antilleninseln waren zeitweise knapp 2 Millionen evakuiert. In der durchorganisierten und von den Comités de Defensa de la Revolución, den Nachbarschaftskomitees, kontrollierten Gesellschaft wusste jeder, was er im Notfall zu tun hatte. 3 Tage vor Eintreffen „Ivans“ wurden von besonders exponierten Küstenstreifen ganze Dorfschaften samt Kleintieren und Hausrat an sichere Orte gebracht. In aller Eile brachten Erntetrupps halbreife Bananen und Zitrusfrüchte ein, um möglichen Produktionsschäden vorzubeugen. Vorsorglich wurde die Stromversorgung in den gefährdeten Gebieten eingestellt … Touristen wurden in sichere Hotels verlegt“ (NZZ, 1.10.04).

Es gibt also im karibischen Armenhaus des kapitalistischen Amerika tatsächlich noch 1 Land, dessen Regierung die notwendigen Vorsorgemaßnahmen ergreift, um den Schaden der Leute in Folge der sich häufenden Wetterkatastrophen zu minimieren. Und das klappt dann auch noch, weil alle zusammenhelfen und der Notfall offenbar sorgfältig und vorausschauend von den zuständigen Behörden organisiert wird; mit dem Resultat, dass zwei Hurrikans sich über Kuba austoben, ohne dass es einen Toten zu beklagen gibt.

Doch was auch immer die Kubaner – trotz Boykott und Embargo durch die imperialistische Welt – auf die Beine stellen, und sei es die menschenfreundlichste Katastrophen-Vorsorge: Die Öffentlichkeitsarbeiter der freien Welt lassen sich nicht täuschen und erkennen zuverlässig auch hinter solchen scheinbaren Erfolgen im Kampf gegen Naturkatastrophen die Fratze der Diktatur:

„Die straffe staatliche Organisation der sozialistischen Inselrepublik erleichtert eine Hurrikan-Vorsorge: Nachbarschaftskomitees, die von der allmächtigen Kommunistischen Partei kontrolliert werden, können rasch überprüfen, ob alle Bewohner ihre Häuser verlassen haben; kaum jemand traute sich, gegen die Evakuierung Widerstand zu leisten.“ (Spiegel 40/2004, S.112).

Ja wenn das so ist! Wenn man als Partei allmächtig und straff organisiert ist, wenn man also sowieso die Bevölkerung von früh bis spät terrorisiert und überwacht, dann ist auch Hurrikan-Vorsorge kein großes Kunststück! Wenn man über Spitzel-Komitees verfügt, die die Leute aus den Häusern treiben, in denen sie offenbar gerne geblieben wären, wenn sie nicht zu viel Angst – vor der Partei, nicht vor dem Sturm, versteht sich! – gehabt hätten, um Widerstand gegen ihre Rettung zu leisten, dann tut man sich mit der Vorsorge leicht!

Worum handelt es sich also bei dieser geglückten Evakuierungsaktion wirklich? Um einen groß angelegten Fall kommunistischer Freiheitsberaubung, die den armen Kubanern auch noch in berechnender Absicht angetan wurde:

„Für Castro waren die beiden im Großen und Ganzen glimpflich und ohne Todesopfer verlaufenen Naturkatastrophen eine Gelegenheit, sein Image als fürsorgender Landesvater aufzupolieren, für die Parteihierarchie, die Existenzberechtigung der lendenlahmen Revolution unter Beweis zu stellen … ihnen (den Kubanern) galt es zu zeigen, wie wichtig gerade in Notzeiten ein fürsorgliches Kollektiv … und blinder Parteigehorsam sind.“ (NZZ, ebd.)

Da kennen die freien Meinungsbildner aus den Heimatländern des demokratischen Personenkults sich aus: Katastrophen sind immer eine gute Gelegenheit, einem damit befassten Parteimann ein lebenslanges Zeugnis als führungsstarker Macher und tatkräftige Politikerpersönlichkeit zu sichern, das ihn persönlich für höchste Führungsämter qualifiziert, wenn er nur wie weiland Helmut Schmidt oder jüngst der brandenburgische Platzek bei irgendeiner Flutkatastrophe einmal lang genug in Gummistiefeln vor einer Fernsehkamera auf und ab gelaufen ist.

Doch wo demokratische Politiker vor einer begeisterten Öffentlichkeit bei größeren Unglücksfällen aller Art ihre zupackende Art beweisen dürfen, mit der sie persönlich für die Stärke des Gemeinwesens stehen, so dass man sie gefälligst (wieder) wählt, ist Castros persönlicher Einsatz Zeichen seiner politischen Schwäche und ein Trick, mit dem er einen Beweis herbeischwindeln will – für etwas, was nach Auffassung der NZZ nicht zu beweisen ist: Die Wichtigkeit der Partei für die Wohlfahrt der Kubaner. So viele Kubaner, das ist klar, können Castro und seine Mannschaft gar nicht retten vor Hunger, Elend und Hurrikans, dass dafür der kubanischen Revolution die Existenzberechtigung bescheinigt würde.

Ein Stachel bleibt anscheinend doch. Da trifft es sich gut, dass Fidel dann noch über eine Stufe stolpert und damit zeigt, dass er so gebrechlich ist wie seine Revolution lendenlahm. Da ist dann endlich mal eine ehrliche humanitäre Botschaft ans Krankenbett aus den Führungskreisen des christlichen Abendlandes fällig:

„Wir alle hoffen, dass er so schnell wie möglich stirbt“ und nicht länger „Pluralismus sowie Marktwirtschaft unterdrückt“. (Loyola de Palacio, Vizepräsidentin der EU-Kommission, SZ, 23./24.10.04)

Womit sie natürlich, das hält sie für nötig, ausdrücklich dazu zu sagen, niemanden zu einer Mordtat angestiftet haben möchte; die Euthanasie-Wünsche aus Brüssel sollen fürs Erste genügen. Die ist man aber den eigenen weltpolitischen und diplomatischen Sitten wenigstens schuldig.

Wie die Kubaner eines Tages unter dem Regime von Pluralismus und Marktwirtschaft mit ihren Hurrikans und überhaupt zurechtkommen, das wird sich dann schon finden. Vermutlich auf die freiheitlich-haitianische Art.


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