Hochwasser

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-97 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Hochwasser führt zu nationaler Euphorie

Überblick

Die Medien posaunen den national angesagten Stolz auf die Katastrophenbewältigung heraus, Soldateneinsatz und Bürgersinn schweißen das Volk zusammen. Die geschäftliche Benutzung des Ostens ist gesichert. Wenn es Tschechen und Polen härter trifft, dann trifft’s die Richtigen.

Hochwasser führt zu nationaler Euphorie

„Wozu das Gemeinwesen in Deutschland doch fähig ist“ (SZ) – I

Als hätte die Großwetterlage die Rede des Präsidenten an die Nation vernommen, beschert sie derselben Ende Juli eine Jahrhundertflut, und es geht ein Ruck durch die Nation.

Er geht los bei den Menschen vor Ort, die nach Auskunft der vaterländischen Beobachter zusammenrücken und zusammenhelfen, daß den Zusehern das Herz übergeht. Kein Eigennutz, kein Streit stört das Gemeinschaftswerk – wenn man nur von den Streitfällen absehen will, die solange kolportiert werden, bis die Bundeswehr das Kommando übernimmt. Das hohe Lob der Zwangsgemeinschaft sieht auch vom Zwang gerne ab: Das Bild des spontan erblühenden Gemeinschaftssinns wird weder von Polizeieinsätzen noch von gesetzlich vorgesehenen Zwangsverpflichtungen getrübt.

Als nächstes rückt der deutsche Bürger mit seinem Gelände zusammen: 2 Wochen angewandte Heimatkunde von der Maas bis an die Oder, vom Alten Fritz bis zu Stalins Schlacht an den Seelower Höhen haben erbracht: Das strukturschwache Gebiet an der polnischen Grenze – es ist urdeutsch, verdient also unser aller Anteilnahme.

Dann rückt die Bundeswehr ein. Sie funktioniert, kann organisieren, wie von unsichtbaren Fäden gelenkt (FAZ 2.8.97), nämlich per Funk, kann klotzen, 30000 Soldaten, 11 Millionen Sandsäckeeine Materialschlacht ohnegleichen (SZ 11.8.) Die Wehrmacht verfügt über erstklassiges Gerät, Tornados, Entgiftungskompanien usf. Der Gewaltapparat, den sich die Republik hält, ist zur hemmungslosen Bewunderung freigegeben. Daß der für andere Aufgaben erfunden worden ist, tut nichts zur Sache. Da zeigt sich doch der ganze Sinn des Soldatseins (FAZ 4.8.), wenn Soldaten einmal außerhalb ihres Aufgabenbereichs antreten. Zum Beweis werden „Pazifisten“ vom Schlage des brandenburgischen Umweltministers Platzek einvernommen:

„Hat der Pazifist Platzek das Militär schätzen gelernt?“ „…tief beeindruckt und zwar nachhaltig“. (Spiegel 4.8.97)

Denn: Die Bundeswehr hilft den Menschen. Das stimmt zwar nicht ganz, es braucht schon ein gewisses Ausmaß von Katastrophe, das ein nennenswertes Stück nationalen Gebiets und Reichtums bedroht, damit der staatliche Einsatzbeschluß ergeht. Wenn aber einmal alles so schön ununterscheidbar geflutet wird, ist die Gelegenheit da, daß sich Menschen und Armee in die Arme fallen. Das Kritikverbot wird explizit gemacht zur endgültigen Tucholsky-Widerlegung: Von wegen Soldaten sind Mörder, Soldaten sind Sandsackträger. Wenigstens möchte man sie so sehen dürfen:

„Daß aber die Welt besser führe, wenn die Armeen immer und an allen Orten nur Helfer wären, sollte als Vision über Hohenwutzen, Ratzdorf oder Brieskow-Finkenheerd stehenbleiben dürfen.“ (SZ 7.8.97)

Zuguterletzt schweißt die Bundeswehr die Nation zusammen:

„Die Märker des Oderlandes sehen in den Soldaten „ihre“ Jungs, und viele dieser Jungs erkennen hier zum erstenmal einen Sinn in ihrem Soldatsein.“ (FAZ 4.8.)

Der Kanzler ernennt sie zur Armee unseres Volkes, nicht zu verwechseln mit der „Volksarmee“, der das Totalitäre schon in den Namen geschrieben war. Hier aber wächst ganz waldursprünglich die Nation zusammen. Das moralische Konstrukt, nach dem sich eine Nation durch ihr inneres Gefühlsleben auszeichnen soll und die Ossis weniger an ihrer massenhaften Verwandlung in Sozialfälle leiden als an der Kälte im großdeutschen Raum, organisiert sich seine Bestätigung: Es darf gespendet werden, die geballte Prominenz aus Politik und Hitparade heizt die nationale Nächstenliebe an. Die Mauer in den Köpfen bricht zusammen (Spiegel 28.7.), Ossis und Wessis wollen keine „Ossis“ und „Wessis“ mehr kennen.

„Wozu das Gemeinwesen in Deutschland doch fähig ist“ – II

Ein Wohltätigkeitsspektakel in der üblichen unverkennbaren Schäbigkeit geht los. Die Bundesregierung spendiert eine Soforthilfe von ca. 2000 DM pro Kopf – an ruinierte Existenzen. Vorher schon ruiniert durch das wirkliche Gemeinwesen und seine marktwirtschaftliche Rechnungsweise, das sich die Ossis einverleibt hat, und jetzt erst recht. Für die Vorstellung, daß die Bundeswehr die Häuser wieder instandsetzen könnte, langt auch die visionäre Kraft der SZ nicht. Das wirkliche Gemeinwesen „hilft“ eben ganz im Rahmen seiner gültigen Rechnungsweisen; nach denen haben seine Mitglieder als Privatsubjekte zu fungieren, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, auch wenn sie das dank der gültigen Rechnungsweisen nicht können; selbstverständlich ist auch der Schaden, den die Flut an Haus und Hof angerichtet hat, in erster Linie ihre private Angelegenheit und nicht die des Gemeinwesens. Das bietet zinsgünstige Kredite – für überschuldete Figuren, die sich nicht einmal ihre alten Kredite leisten können und die, weil sie keine Sicherheiten bieten können, auch keine Kredite bekommen. Spendiert wird auch die zinslose Stundung von Steuern und Pacht, eine humane Pause vor der Zwangsvollstreckung. Dazu kommt noch ein neues großes ABM-Programm zur Wiederherstellung nationaler Infrastruktur. Die zuständigen Ämter werden von Meldungen überflutet und lassen dementieren, daß so viele gebraucht werden. Dafür ist die Hilfe „für die Menschen“ dann doch nicht gedacht, daß sich die Scharen von Arbeitslosen in der Zone ein Einkommen verschaffen.

Keine nationale Instanz will abseits stehen und auf die PR-Gelegenheit verzichten. Die Telekom erläßt überfluteten Volksgenossen die Grundgebühr und spendiert Freieinheiten für nicht benützbare Telefone; die Bundesbahn teilt an nachweislich Betroffene Freifahrtscheine aus. Die zuständige Versicherung versichert, daß sie schnell und unbürokratisch…, muß sich aber verständlicherweise vorrangig anderen Betroffenen zuwenden, damit die nicht anfangen, gegen Allianz-Aktien zu spekulieren. Zwar hat man das komplette Versicherungsgeschäft der alten Zone übernommen, in dem die Versicherten unsäglicherweise automatisch gegen Hochwasser zu unsäglich niedrigen Preisen versichert waren – aber andererseits kann man gesunde Bilanzen vorzeigen, nach denen man auch im Beitrittsgebiet inzwischen gut verdient. Zudem ist es gelungen, vorher eine erkleckliche Anzahl von Zonis zur Kündigung der alten Verträge zu überreden. Zwecks Vertrauensstiftung in die Gewinnträchtigkeit der Allianz und ihrer Aktien wird man umfassend über die kluge Geschäftspolitik des Unternehmens informiert, dank der die Prämie für Hochwasser sehr teuer ist und von Bewohnern typischer Hochwassergebiete wie etwa der Altstädte von Köln und Passau auch nicht gezeichnet werden kann. Alles andere wäre nämlich eine Sozialisierung von Schäden. (SZ 29.7.)

Die Post hinwiederum spendiert eine Sondermarke, um den gerührten Volksmassen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das ist nämlich die richtige Adresse für die Sozialisierung von Schäden. Der eine Teil unseres erstklassigen Gemeinwesens, die berufenen Geldscheffler der Nation, kann und darf beim Geldscheffeln schließlich nicht locker lassen; für die Mildtätigkeit ist daher der andere Teil vorgesehen, dessen Lohn bekanntlich zu hoch ist und deshalb für ein paar zusätzliche Opfer allemal reicht. Ein schöner Zug dieses Gemeinwesens in Deutschland, daß es die Armen dazu anhält, sich untereinander auszuhelfen, damit das Geschäftsleben seinen Gang gehen kann.

Das deutsche Volk kapiert und zeigt, was in ihm steckt: Spenden fließen reichlich, so daß womöglich sogar die Opfer entschädigt werden. Umso mehr besteht der Bürger, vertreten durch die öffentlich-rechtlichen Volksanwälte, dann allerdings auf seinem Recht auf Kontrolle, was die korrekte Verteilung angeht: Natürlich schnell und unbürokratisch, aber auch gerecht, damit sich nicht einzelne auf unsere Kosten sanieren. (Heute Journal, 11.8.) Ohne das gehörige Maß an Gehässigkeit gegenüber denjenigen, die womöglich ihr Opfer nicht bringen wollen, funktioniert kein ordentlicher Gemeinschaftssinn.

„Wozu das Gemeinwesen in Deutschland doch fähig ist“ – III

Während die einen an der Oder noch Sandsäcke schichten, räumen die anderen im nationalen Gesinnungshaushalt auf. Als ob sie einer Mannschaft von Schwerhörigen gegenüberstünden, fassen die National-Didaktiker den Sinn der moralischen Botschaften noch einmal im Klartext zusammen und beglückwünschen sich und ihr Publikum zu der gelungenen Veranstaltung: Falls jemand noch meinen sollte, es sei um die Hochwassergefahr gegangen – um die Pflege demokratischer Werte war uns allen zu tun.

Die Presse lobt sich: für Transparenz gesorgt… Deutschland wußte von Anbeginn Bescheid (SZ 4.8.); lobt die Politiker, die sich nicht aus Profilierungssucht als die eigentlichen Helden in Szene setzen (FAZ 4.8.), sondern damit, daß sie das nicht tun. Die Politiker loben sich selber noch einmal dafür, Herzog z.B. ist erst so spät gekommen, weil er den Helfern nicht im Weg stehen wollte. Und alle loben die gelungene Arbeit an der Selbstdarstellung der Nation: Sie hat die Antwort auf die Herzog-Rede gegeben, es geht doch! Von wegen Bürokratie:

„Deutschland schwerfällig, langatmig, bürokratisch? Mag ja alles sein, aber nicht in dieser Situation… funktioniert perfekt.“ (SZ 4.8.97)

Von wegen Miesmacher:

„Sie straft jene Miesmacher Lügen, die beharrlich von der unvermindert fortbestehenden Teilung der Deutschen, von Entsolidarisierung reden…“ (FAZ 4.8.)

Von wegen Rechtsradikalismus in der Bundeswehr:

„Wo so ersichtlich Redlichkeit, Anstand und Hilfsbereitschaft am Werke sind, haben die „Glatzen“ nichts verloren. Da blüht ihr Weizen nicht, ganz abgesehen von der Tatsache, daß die dort tätigen Bundeswehrler immer noch eine Hand frei hätten, um den Brüdern heimzuleuchten.“ (SZ 7.8.) (Es sei denn, sie müssen gerade selbst in Dresden Ausländerbaracken anzünden.)

Von wegen Bundeswehrskandale:

„Außerdem darf man jetzt daran glauben, daß die Bundeswehr eine durchaus brauchbare Truppe ist, wenn man ihr nur eine vernünftige Aufgabe gibt.“ (SZ 4.8.)

Man darf. Ernstlich glauben muß niemand, daß die Zweckbestimmung der Bundeswehr im Retten von Witwen und Waisen besteht, man darf sich einfach zu der Sichtweise bekennen. Man darf sich auch dazu bekennen, daß man nichts anderes als bezahlter Lobhudler der Nation sein möchte. Wir sind ein freies Land.

Das Gemeinwesen, das an sich selbst lauter vorbildliche Züge entdeckt, ist folglich zu einigem berechtigt.

„Wozu das Gemeinwesen in Deutschland doch fähig ist“ – IV

Schließlich sind noch ein paar Ausländer an der Flutkatastrophe beteiligt, so daß Klärungsbedarf hinsichtlich der Schuldfrage aufkommt. Wer hat nicht richtig funktioniert, nachdem die Bundesrepublik die alten Hochwasser-Verträge aus DDR-Zeiten gekündigt hatte? Wer hat nicht so funktioniert wie der deutsche Musterstaat? Daß die Flutwelle in Tschechien und Polen zuerst und in ganz anderen Dimensionen zugeschlagen hat, daß diese Nationen dank ihres marktwirtschaftlichen Gesundschrumpfens mit ihrer Bundeswehr nicht so klotzen können wie wir, berechtigt uns ja wohl dazu, dort eine totale Inkompetenz der Regierung zu verzeichnen. Da zudem die Tschechen in ihrem unverschämten Nationalstolz glauben, auf deutsche Hilfe verzichten zu können, muß ihnen haarklein vorgerechnet werden, wie sehr sie versagt haben.

Denen werden wir schon helfen. Wo kam denn das viele Wasser her? Wer wohnt denn am Oberlauf der Oder? Wenn dem Kanzler schon das schwere Wort „Retentionsräume“ glatt von der Zunge geht, ist klar, wessen Industrie und wessen kleinliche Rechnungen deutschen Flüssen im Weg stehen.

„‚Laßt den Flüssen ihren Lauf!‘ hat der Kanzler, auf dem bedrohten Deich von Ratzdorf stehend, schon gefordert. Dazu gehört nicht zuletzt eine entschlossene Wiederaufforstung der Wälder am Oberlauf der Flüsse, ein Rückbau der dort ihre Betten immer weiter einengenden Betonierung der Ufer und die Verlegung der in unmittelbarer Ufernähe entstandenen chemischen und anderen mit gefährlichen Schadstoffen arbeitenden Fabriken.“ (FAZ 4.8.97)

Und wenn diese Nationen das Geld dafür nicht haben, weil sie voll und ganz damit beschäftigt sind, sich DM zu verdienen, wenn dort nicht nur ein Stück Staatsgebiet, sondern Staatsbilanzen verwüstet worden sind, bedeutet das nur, daß sie sich umso mehr als anständige Objekte deutscher Hilfe aufzuführen haben.


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