Guttenbergs Rücktritt – von Lichtgestalten und anderen Amtsinhabern

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-11 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Guttenbergs Rücktritt – von Lichtgestalten und anderen Amtsinhabern:
Charisma als demokratische Karrieremethode

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Gut, der Minister ist weg, die Aufregung vorbei. Aber nicht einmal die kritischsten Kritiker, die ihn während seiner Amtszeit für rechtlich und politisch fragwürdige Entscheidungen und für seine unseriösen Inszenierungen gescholten haben, wollen sich so richtig darüber freuen, dass der gegelte Windbeutel endlich das Feld geräumt hat. Guttenberg hat eben doch seine Verdienste, die auch einem demokratischen Großkritiker eine Verbeugung abnötigen, und angesichts der Lücke, die er hinterlässt, kommt eher Sehnsucht auf: „Auch die Demokratie braucht einen gewissen Zauber.“ (Prantl, SZ, 5./6.3.) Nach dem Geschmack des Kommentators ist das Land nicht gerade gesegnet mit Männern für „das große Gefühl“ und mit „Gesalbten“, die „von Natur aus die Richtigen sind“ (ebd.), sondern eher geschlagen mit „den Kauders, Seehofers, Gabriels und Brüderles“ bei denen „keiner an Charisma“ denkt (ebd.) und die, anders als der verabschiedete Freiherr, der erwünschten politischen Zauberkunststücke offenbar nicht mächtig sind.

Guttenbergs Rücktritt – von Lichtgestalten und anderen Amtsinhabern:
Charisma als demokratische Karrieremethode

Gut, der Minister ist weg, die Aufregung vorbei. Aber nicht einmal die kritischsten Kritiker, die ihn während seiner Amtszeit für rechtlich und politisch fragwürdige Entscheidungen und für seine unseriösen Inszenierungen gescholten haben, wollen sich so richtig darüber freuen, dass der gegelte Windbeutel endlich das Feld geräumt hat. Guttenberg hat eben doch seine Verdienste, die auch einem demokratischen Großkritiker eine Verbeugung abnötigen, und angesichts der Lücke, die er hinterlässt, kommt eher Sehnsucht auf: Auch die Demokratie braucht einen gewissen Zauber. (Prantl, SZ, 5./6.3.) Nach dem Geschmack des Kommentators ist das Land nicht gerade gesegnet mit Männern für das große Gefühl und mit Gesalbten, die von Natur aus die Richtigen sind (ebd.), sondern eher geschlagen mit den Kauders, Seehofers, Gabriels und Brüderles bei denen keiner an Charisma denkt (ebd.) und die, anders als der verabschiedete Freiherr, der erwünschten politischen Zauberkunststücke offenbar nicht mächtig sind.

Die Presse, die die Politik im Namen des kleinen Mannes beobachtet, hatte Guttenberg ohnehin schon seit langem adoptiert – als Lichtgestalt der deutschen Politik (Bild, 5.3.), die den Glanz der großen Welt in deutsche Wohnzimmer gebracht hat:

„Kaum ein Politiker hat echten Glamour. Bei Karl-Theodor zu Guttenberg ist das anders. Er sieht toll aus, ist wirtschaftlich unabhängig, strahlt Kompetenz aus, hat eine junge attraktive, kluge Frau und wirkt bei alldem sehr authentisch.“

Bild-Chefredakteur Diekmann goutiert kennerhaft die Methoden – Zurichtung der äußeren Erscheinung, selbstbewusste Demonstration der eigenen Eitelkeit und wirksames Ausstrahlen von Könnerschaft und unverbogen-echter Persönlichkeit –, mit denen man es als Amtsträger der „politischen Klasse“ zur glanzvollen Figur bringen kann, verkauft zum Abschied noch ein paar Bild-T-Shirts (KT find ich GUTT!, 7,50 Euro) und bedauert im Übrigen, zusammen mit den Kollegen von der seriösen Presse, dass die gesamte Politik mit Guttenberg einen verliert, der die Menschen eben für diese Politik begeistern konnte. (Bild, 8.3.) Von solchen Figuren, so die herrschende Meinung, sollte es mehr geben. Von den Kauders, Brüderles und Merkels, die dem Volk ihre jeweils alternativlose Politik verkünden, ohne dass dieses in begeisterte Hochrufe auf solche Führer ausbricht, gibt es dagegen nach sachkundiger Beurteilung mehr als genug.

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Dass solche Typen aber überhaupt darauf hin beobachtet und danach beurteilt werden, ob sie ihre Aufgaben mit mehr oder weniger persönlicher Aura und ansteckender Begeisterung erledigen, hat als banale Voraussetzung ihr Amt, den Umstand eben, dass sie in herausgehobener Position die Nation führen und die Inhaber und Exekutoren der politischen Gewalt sind. So gibt ihre praktische Machtstellung die sachliche Grundlage für das volkstümliche und öffentlich gepflegte Vorurteil ab, die Inhaber solch einflussreicher Ämter müssten doch auch über außergewöhnliche persönliche Eigenschaften verfügen. Dafür, dass das zutrifft, ist mit dem Erlangen des Amtes der Beweis zunächst schon irgendwie erbracht, andererseits aber auch der ständig neu aufgelegte Prüfungsbedarf in der Welt, ob der Amtsinhaber es – schon, noch und wirklich – verdient, dort oben zu stehen, wo er steht.

Die Frage will fortlaufend beantwortet sein, zumal dort, wo im Rahmen demokratischen Herrschaftswesens die Persönlichkeit von Politikern und das Bild, das sich die Öffentlichkeit zurechtlegt und dem Publikum anbietet, nicht unwichtig sind für den Zugang zu und den Verbleib in den Führungsämtern des Systems. Deswegen ist die medial betreute Selbstdarstellung von Politikern eine dauerhafte Begleitveranstaltung jeder politischen Amtsführung in Regierung und regierungswilliger Opposition.

Die gewöhnliche Wochentagsausgabe des politischen Führers muss sich dabei meistens mit der Bedeutsamkeit zufriedengeben, die seiner Person durch die Wichtigkeit des Amtes, durch die damit verbundene Machtfülle und die gewaltgestützte Entscheidungskompetenz zuwächst, die in den oberen Rängen nicht selten die Verfügungsbefugnis über Milliardenbeträge und allerlei menschliche Schicksale einschließt. Das macht schon Eindruck bei den aktiv wahlberechtigten Betroffenen und stattet die Persönlichkeit des Amtsinhabers mit der Bedeutung der höheren Gewalt aus, über die sie verfügt, hebt sie also beträchtlich über das Niveau der Normalsterblichen hinaus. Damit können Politiker und der um sie und für sie veranstaltete demokratische Personenkult schon sehr gut leben: Öffentlichkeit und Wählerschaft sind durchaus bereit, sich von einer persönlich glaubwürdig gelebten Kultur machtvoller Pflichterfüllung überzeugen zu lassen: Einem, der sich als verantwortungsschwerer Diener seines Amtes geriert, sich selbst als Person gar nicht, als Sachwalter einer regierenden Amtsgewalt aber sehr wichtig nimmt und seine ganze Kraft einer erfolgreichen Amtsführung widmet, wird gerne persönliche Führungskraft bescheinigt und ihm dann, wenn die Aufforderung ergeht, die Stimme (wieder) gegeben.

Und dann gibt es da bekanntlich noch die anderen: Die Lichtgestalten unter den Politikern eben, zu denen – siehe oben – auch der fränkische CSU-Mann bis zu seinem tiefen Fall gehört haben soll; die, denen die Herzen zufliegen und denen jedes hohe Amt zugetraut und gewünscht wird, noch bevor sie es als Beweis ihrer persönlichen Klasse überhaupt erreicht haben. Solche Leute – die großen Kennedys wie die kleinen Guttenbergs – haben es offenbar geschafft, ganz getrennt von aktuellen Ämtern als Führungsfiguren zu gelten, sodass es eigentlich die wichtigen nationalen Chefposten sind, denen man solche Männer und Frauen wünscht, weil die dem Amt und dem Land nur guttun können.

Die landläufige Begeisterung für diese Sonderanfertigungen auf dem Personaltableau der politischen Führung williger Völker will allerdings nichts mehr davon wissen, dass die gewöhnlichen Politiker und die verehrten Überflieger einiges gemeinsam haben, und dass bei den Gesalbten, denen, die von Natur aus die Richtigen sind, dann, wenn sie als besondere politische Talente die Führungskonkurrenz aufmischen, im Unterschied zu den anderen nur erfolgreich die Erinnerung daran ausgelöscht ist, was jeden demokratischen Politiker ausmacht: dass sie alle Produkte von Parteikarrieren sind, und Beginn, Verlauf und Erfolg ihrer Laufbahnen, der sich dann im Erreichen wichtiger Kommandostellen im politischen System manifestiert, sich den berechnenden Konkurrenzspekulationen der jeweiligen Parteiapparate verdanken. Die beurteilen die Konkurrenzfähigkeit ihrer Nachwuchskräfte, die sich über die Ochsentour der Parteiarbeit von ganz unten oder als Quereinsteiger für den Beruf des Politikers bewerben, anhand bekannter Maßstäbe: Verlangt sind skrupellose Durchsetzungsfähigkeit gegen parteiinterne und -externe Wettbewerber; bedingungslose Loyalität gegenüber der gerade aktuellen Parteiführung, aber auch der richtige Riecher, wenn ein Führungswechsel bevorsteht; erfolgversprechendes Talent zu Selbstdarstellung und Agitation und andere Fertigkeiten und Eigenschaften des Charakters, der, einem volkstümlichen, halb verächtlichen, halb bewundernden Diktum zufolge, von der Politik verdorben wird. Nach Maßgabe solcher Kriterien teilen Parteiführungen ihren hoffnungsvollen Jungpolitikern Protektion und Chancen zu, zu denen vor allem sichere Listenplätze oder Wahlkreise gehören für – nach und nach immer wichtigere – Kandidaturen und Ämter.

Haben dann die konkurrierenden politischen Lager aus ihren Nachrückern wichtige Amtsinhaber gemacht, sind diese zumindest schon von Amts wegen mehr oder minder markante Persönlichkeiten in den Führungszirkeln der Republik.

Die Spreu der stinknormalen Karrieristen scheidet sich vom Weizen der charismatischen Führer aber an dem Geschick, eben diesen eigenen Charakter des Parteikarrieristen und sich selbst als Produkt politischer Konkurrenzmanöver erfolgreich zu dementieren: Wer als Politiker außergewöhnlich sein will, dem sollte es tunlichst gelingen, sich als Gegenentwurf zum landläufigen Funktionär und karrierebewussten Berufspolitiker darzustellen und sich zum Zweck seines Aufstiegs in der Politik erkennbar außerhalb, besser noch über den Machtspielen und Postenrangeleien des üblichen politischen Getriebes zu positionieren; und er muss dergestalt über dem jeweils gerade von ihm ausgeübten Amt stehen, dass jedenfalls der Eindruck vermieden wird, er leite nur daraus seine Kompetenz ab; klar sein muss vielmehr, dass sein Wirken darin besteht, kraft naturwüchsig vorhandener, also mitgebrachter Kompetenz dem Amt erst Inhalt, Kontur und Bedeutung zu verleihen; nicht Diener der gestellten politischen Aufgabe zu sein, sondern sie durch seinen Charakter zu prägen und es dahin zu bringen, mit seiner Führungsfähigkeit als Glücksfall für im Prinzip jedes Amt zu gelten. So methodisch banal geht Charisma, das selbstredend nur im Verhältnis zum Volk funktioniert: Da dieses selbst für seine Belange nicht zuständig ist, sie statt dessen an Politiker delegiert hat, setzt es seine zutraulichen Hoffnungen ganz in die Führungsfähigkeiten des zur Verantwortung drängenden Leitungspersonals. Wer aus dessen Kreisen es hinbekommt, sich als Kandidat für vertrauenswürdige Führerschaft zu inszenieren und Herrschaftsverhältnisse in Vertrauen oder sogar begeisterte Zustimmung zu seiner Person zu übersetzen, der hat Charisma.

Auf diese schlichten Techniken der karriereförderlichen Selbstdarstellung hat sich Guttenberg offenbar besonders gut verstanden. Und die Voraussetzungen für den angepeilten Erfolg hätten besser nicht sein können. Als jungem, reichem und – nach herrschendem Geschmack – gut aussehendem Mann von Geblüt, der ohnehin alles hat, fällt es dem CSU-Karrieristen leicht, seine Unabhängigkeit von dem ihm zugeschanzten Posten bis hin zum Bundestagsmandat zu behaupten: Er hätte es nun wirklich nicht nötig, sich das politische Geschäft anzutun! Was nur den Schluss zulässt, dass er sich um der guten Sache des Gemeinwesens willen, ja aus Leidenschaft für die Politik, für die öffentlichen Angelegenheiten engagiert. Darauf hinzuweisen wird er nicht müde, falls irgendjemand nicht von selbst auf diesen Schluss verfallen sollte, und ist von sich und davon, wie er seine Aufgaben meistert, demonstrativ begeistert. Die eitle Selbstinszenierung eines Mitglieds der gesellschaftlichen Elite, das sich auch immer wieder leutselig zu seiner Anhängerschaft im eigenen Volk herablässt, gereicht ihm nicht zum Nachteil, sondern steigert eher seine Beliebtheit: Dass er sich aus der fremden – glamourösen – Welt adeligen Reichtums zu den gewöhnlichen Leuten neigt, um sich aus freien Stücken und ohne erkennbare materielle Berechnungen um deren Führung verdient zu machen, und zudem dieses Verhältnis zum Volk – sowohl den elitären Abstand zu ihm als auch die eigene Volksnähe – öffentlich zelebriert und inszeniert, das gefällt auch den wichtigen Leuten in der Partei. Die hat auf so eine Figur gewartet und tut alles dafür, dass sich die glänzenden Karrierevoraussetzungen ihres vielversprechenden jungen Mannes möglichst bald in überragenden Beliebtheitswerten niederschlagen: Sie fördert ihn nach Kräften, rückt ihn als modernen, weltoffenen und adelig-kultivierten CSU-Konservativen in den Vordergrund und sorgt dafür, dass seine innerparteilichen Neider keinen Schaden anrichten können.

Dass die Partei so auf den Mann setzt, nimmt die einschlägige Presse zum Anlass für umfangreiche sympathisierende Berichte über den neuen Hoffnungsträger der Union. Die Beliebtheit, die sie ihm mit verschafft, hat er verdient, meint die Bild-Zeitung schon beizeiten und stellt in ihrer laufenden Guttenberg-Berichterstattung den Ausnahmecharakter dieses Mannes von Anfang an heraus. Er bietet, in einer Person vereint, endlich einmal alles, was man sich von einem Politiker nur wünschen kann: Edle Herkunft, akademische Bildung und Unabhängigkeit und Leidenschaft für die Politik, und eben – zusammen mit seiner Frau – ein wirklich hübsches Bild in den Medien.

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So bauen Seehofer und seine CSU-Führung die Nachwuchskraft aus Franken Schritt für Schritt auf: Sie machen Guttenberg erst zum CSU-Generalsekretär und dann, als der Posten frei wird und die CSU das Zugriffsrecht hat, zum Nachfolger des als schwerfällig und inkompetent geltenden Wirtschaftsministers Glos. Damit ist der Freiherr im Zuge seines komentenhaften Aufstiegs nicht nur der jüngste Minister, den die Republik je hatte (Spiegel, 42/2010), sondern nimmt sogleich die Gelegenheit wahr zu demonstrieren, dass mit ihm nicht nur ein neuer Schwung und Stil in Regierung und Amt einziehen, sondern er vorhat, das Ministerium mit seinen originär guttenbergschen ordnungspolitischen Grundsätzen und konservativer Grundhaltung als programmatischer Ausrichtung (Guttenberg, Biographie) zu prägen. Der Mann hat sich also endgültig auf das Gleis hin zum außerordentlichen, eben charismatischen Führer gesetzt, dem es nicht genügt, als Wirtschaftsminister die Geschäftsordnung des nationalen Kapitalismus erfolgreich zu betreuen und den Standort als Biotop weltmarktfähigen Geschäfts. Die politische Pflege des Wirtschaftswachstums, die das gewöhnliche Geschäft des Ministeriums ausmacht, will er nicht ohne fortwährende Verweise auf Grundsätze und Grundhaltungen erledigen, denen endlich einmal wieder Geltung zu verschaffen er, Guttenberg, berufen ist. Eine Gelegenheit, seine stets betonte Prinzipientreue einmal praktisch zu beweisen, fällt ihm mit der Opel-Krise in den Schoß: Kapitalistische Ordnungspolitik gebietet nach den Grundsätzen des Ministers ganz eindeutig, Opel in die Insolvenz gehen zu lassen! Da die Tendenz in der übrigen Regierung stark ist, die Firma mit Staatsgeld am Leben zu halten, verbindet Guttenberg seine prinzipienfeste Option mit einer Rücktrittsdrohung. Als die nicht fruchtet und gegen den Wirtschaftsminister entschieden und in Politik und Medien die Einlösung seines Rücktrittsangebotes diskutiert wird, präsentiert er seine ganz eigene Lagedefinition: Machtspielchen um Posten macht ein Guttenberg grundsätzlich nicht mit, und nur weil die Regierung so prinzipienlos ist, ihm nicht zu folgen, wirft er das Amt nicht weg – er bleibt Minister. Die schlichte Inszenierung ist ein voller Erfolg und das, was von der Affäre an ihm hängen bleibt, schmückt ihn, anstatt ihm zu schaden: Ein junger Politiker von ungewöhnlicher Prinzipientreue hat sich was getraut und bleibt uns, weil er sich aus den Berliner Intrigen heraushält, Gott sei Dank erhalten!

Wer Wirtschaft kann, kann auch Verteidigung. Guttenberg wird Verteidigungsminister und führt sofort vor, wie wichtig in diesen Zeiten er für dieses schwierige Amt ist: Er kann zwar die völkerrechtlich verdruckste Qualifikation des Afghanistan-Krieges als Nicht-Krieg auch nicht ändern. Aber dass sich das, was da passiert, für die Soldaten wie ein Krieg anfühlt, das will er schon einmal ganz ehrlich zu Protokoll geben, damit die Sicht seiner Männer offiziell machen, ins Recht setzen und sich mit dieser Sichtweise solidarisieren: So gibt er sich erneut als Anti-Politiker, der sich von den Grenzen seiner Amtspflicht nicht davon abhalten lässt, einmal ganz klar zu sagen, was in Afghanistan eigentlich los ist; und der mit der ganzen Freiheit seines adlig-edlen Menschentums die Lage, ihre Erfordernisse und seine Auffassung vom Amt definiert. Das gilt als politisch mutig, worauf der Minister selbst oft genug hinzuweisen nicht versäumt. Persönlichen Mut setzt er in Szene bei seinen regelmäßigen Truppenbesuchen, die er, sobald ein Journalist zuhört, mit der verdammten Pflicht und dem Anstand, der sich gehört zu begründen weiß. Das klingt markig und landsernah und bringt neben der Ehrlichkeit auch den Anstand in den Krieg. Er steht auf Seiten der kämpfenden Truppe und bringt sich auf zahllosen Fotostrecken in kleidsamen Tarnklamotten und Splitterweste selbst ein wenig als Kämpfer rüber: Ein Minister der Soldaten, der der politischen Klasse nicht nur sagt, was Sache ist, sondern mit Gattin und Talkmaster sogar zur Kriegsweihnacht an den Hindukusch fliegt! Als die Männer des Ministers in Kundus neben einem Tanklaster eine Hundertschaft afghanische Dörfler plattmachen, changiert seine Auffassung zwar ein wenig zwischen militärisch angemessen und unangemessen, was aber durch erwiesene Tatkraft bei der Entlassung zweier führender Beamter des Ministeriums ausgeglichen wird; eine Technik, die der Minister bei Unannehmlichkeiten auf dem Schulschiff Gorch Fock noch einmal erfolgreich einsetzt.

Als Guttenberg dann die Misslichkeiten mit seinem falschen Doktortitel ereilen, versucht er ein letztes Mal seine Sicht der Dinge als Maßstab der Beurteilung durchzusetzen, zunächst noch unterstützt von Partei und Kanzlerin. Aber seine abgebrühten Hinweise auf die Kleinlichkeit der Kritik an seinen bedauerlichen wissenschaftlichen Fehlern angesichts dessen, dass in Afghanistan doch eben wieder deutsche Soldaten gefallen seien, worum er sich gerade und weiterhin mit aller guttenbergschen Hingabe dringend kümmern müsse, helfen nicht mehr. Zwar stehen BILD und die Umfragemehrheiten noch fest zu ihm, aber diejenigen, die den famosen Freiherrn gemacht haben, lassen dann doch irgendwann aus ihren Erwägungen die Luft aus seinem so lang und fleißig aufgepumpten Charisma: Er ist am Ende eben doch nichts anderes als ein Funktionär von Gnaden seiner Partei und der Kanzlerin, die sich einen Minister, den man ungestraft Betrüger nennen darf, nicht auf Dauer leisten wollen. Auch wenn er mit seiner besonderen Art der Vertrauenswerbung für die Macht der Regierenden eine Zeit lang noch so erfolgreich war – irgendwann beginnt sein Lager von ihm abzurücken, sodass ihm dann doch bloß der Rücktritt bleibt: Auch den noch als höchstpersönliche Entscheidung im Geiste seiner berühmten Prinzipientreue vorzutragen und nicht als den Beschluss der Leute, die ihn dorthin gebracht haben, das ist Guttenberg sich schuldig. Der behauptet am Ende zu gehen, weil ihm alles zuviel geworden sei. Das könnte auch für die Kanzlerin gelten, die für Guttenberg einen ausgesprochen unglamourösen Nachfolger bestimmt, der sich von Anfang an als Gegenprogramm zum Exminister inszeniert, und zusammen mit der Kanzlerin verkündet, dass in Zukunft noch mehr Sachlichkeit beim Regieren angesagt sei. Das ist ja recht. Aber die Sehnsucht nach ein wenig Glanz beim Regiertwerden, nach großen Gefühlen und Begeisterung für die eigenen Chefs – die bleibt natürlich. Die ist guten Demokraten auch in Zukunft erlaubt.


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