Fischer in Namibia

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-03 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Wie Fischer einmal unsere Freunde in Deutsch-Südwest besucht hat

Überblick

1883 wurde Namibia wegen seiner Rohstoffe gewaltsam zur deutschen Kolonie gemacht, nach dem 1. Weltkrieg von Südafrika besetzt und nach dem Ende des Apartheidsystems schließlich unabhängig. Unter Berufung auf die schweren Zeiten, die man gemeinsam durchgemacht hat, will Deutschland ein neues Kapitel der „Zusammenarbeit“ aufschlagen: namibische Rohstoffe und Landwirtschaftsprodukte ziehen deutsches Geschäftsinteresse auf sich, der deutsche Außenminister macht Vorschläge, wie Namibia regiert werden soll, stellt klar, dass eine Enteignung weißer Farmer nicht erwünscht ist und fordert, dass Militär und Ordnungskräfte einen Beitrag zu einer afrikanischen Schutztruppe leisten sollen.

Wie Fischer einmal unsere Freunde in Deutsch-Südwest besucht hat

Wer in größeren Tageszeitungen gekramt hat, konnte zum Besuch von Außenminister Fischer in Namibia (vorher war Mali dran, nachher Südafrika) folgende Stichworte mitnehmen:

Deutschland bekennt sich zu seiner historischen Verantwortung. Zwar könne keine förmliche Entschuldigung für die Gräuel der Kolonialzeit ausgesprochen werden, weil man sonst der Klage der Hereros Recht gebe und finanzielle Entschädigung leisten müsse. Aber dafür sei man bereit, in besonderem Maße Entwicklungshilfe für das Land zu leisten.

Deutschland schlägt vor, dass Namibia Beiträge zu einer afrikanischen Schutztruppe leiste, die an Krisenherden eingesetzt werden sollte.

Deutschland warnt davor, Enteignungen weißer Farmer ins Auge zu fassen; Entwicklungen wie in Simbabwe seien nicht hilfreich für die guten Beziehungen.

Namibias Präsident Nujoma spricht von sehr guten Beziehungen. Das sei beruhigend, hört man von deutscher Seite, habe er doch vor nicht allzu langer Zeit für negative Schlagzeilen gesorgt, als er der Zeitung „Die Welt“ in einem Interview sehr barsch „Arroganz der Weißen“ attestiert hat, bloß weil sie ihn nach seinen Plänen befragt hatte („Das geht Sie gar nichts an!“).

Fischer erinnert an die „gemeinsame Geschichte“, die Deutschland und Namibia verbinde. Die ist für einen Mann wie ihn natürlich jederzeit Auftrag. Was war da eigentlich?

1.

Im Jahre 1883 entdeckte der Bremer Kaufmann Lüderitz eine Marktlücke. Ein ganzer Landstrich im Südwesten Afrikas war noch unbesetzt, herrenloses Land, lediglich von Eingeborenen bewohnt. Die Wüste Namib, die das ganze Küstenhinterland ausmachte, hatte Interessenten abgeschreckt; es gab lediglich den Flottenstützpunkt Walfischbay der Briten. Gleichzeitig machten Gerüchte die Runde, auch auf diesem Territorium könnten – wie in Südafrika – Gold, Diamanten und andere schöne Dinge begraben liegen. Lüderitz kaufte von schwarzen Stammesfürsten nach und nach große Areale an; dabei hatte er auch das Glück, dass die Vertragspartner die englische nicht von der ein wenig längeren deutschen Meile unterscheiden konnten. Da die britischen, portugiesischen und burischen Herren der anrainenden Kolonien dieses Treiben nicht gerne sahen, war eine Nachricht an die deutsche Regierung hilfreich: Kaiser Wilhelm schickte Kanonenboote und stellte die Region Südwest unter deutschen Schutz. Deutsche Farmen schossen aus dem Boden, Minengesellschaften suchten und fanden Bodenschätze, Eisenbahnlinien wurden angelegt. Schutztruppen waren freilich nicht nur wegen der kolonialen Konkurrenz notwendig – man bekam auch Probleme mit diversen Eingeborenenstämmen. Von ihren Lebensbedingungen, von Anbau-, Weide- und Wohnland getrennt, wurden sie ab und an böse, überfielen z.B. eine Militärstation zum Schutz der Bahnlinie zu den Kupferminen; deutsche Männer verloren ihr Leben, aber auch Nase, Ohren und Sonstiges. Das war nicht nützlich, ja schändlich. Der Kaiser verstärkte die Truppen und holte einen schon in China bei vergleichbaren Einsätzen positiv aufgefallenen Befehlshaber, General von Trotha. 1904 kam es am Waterberg zu einer Entscheidungsschlacht gegen den Stamm der Hereros. An ihm sollte ein Exempel statuiert werden (andere folgten später): Vernichtung eines aufsässigen Volkes, das keine andere Sprache versteht. Die überlebenden Reste des Gemetzels wurden in die Wüste getrieben und dort eingesperrt; später wurden dort Konzentrationslager errichtet, in denen überlebende Volksangehörige exzessive Sklavenarbeit zu verrichten hatten. So kam Ruhe und Ordnung in die Kolonie. 1915 war es dann aber aus mit der deutschen Herrlichkeit, weil der 1. Weltkrieg nicht so lief wie gewünscht. Südafrika nutzte die Gunst der Stunde, marschierte in Südwestafrika ein und besetzte das Land – und bekam dafür dann bald darauf vom Völkerbund ein Mandat. Damit war die erste Phase der „gemeinsamen Geschichte“ (Fischer) Deutschlands und Südwestafrikas zu Ende.

2.

Die deutschen Farmer durften freilich auch unter der südafrikanischen Mandatsherrschaft über Südwest auf ihren Ländereien bleiben. Kurzzeitig gab es unter Hitler den Plan, die Kolonie wieder heim ins Reich zu holen. Daraus wurde aber nichts. Die Beziehungen in der nächsten Phase zwischen Deutschland und Südwestafrika waren hauptsächlich indirekter Natur. Nach dem zweiten Weltkrieg war Südafrika zum Bollwerk des Westens im Kampf gegen sozialistische, für den sowjetischen Hauptfeind ausnutzbare Tendenzen im südlichen Afrika aufgestiegen. Die Nutzung der Ressourcen der südafrikanischen de facto Kolonie durch amerikanische, englische, deutsche Interessenten lief über Pretoria. Der Apartheids-Staat wurde, begleitet von einigem Gemurmel wg. Menschenrechtsverletzungen, aber auch Klarstellungen eines Franz-Josef Strauss, manche Völker seien einfach nicht reif für die Demokratie, in seiner Aufräumfunktion in der Region politisch unterstützt und militärisch mit aufgerüstet. Auch in Südwest gab es für ihn da einiges zu tun. Unter der Führung des heutigen Präsidenten kämpfte dort eine nationale Befreiungsbewegung, SWAPO genannt, für die Unabhängigkeit Südwestafrikas. Und diese Auseinandersetzung bot dem demokratisch gewendeten Nachkriegs-Deutschland dann erneut Gelegenheit sich – wg. spezieller historischer Verantwortung – im südlichen Afrika einzumischen. Mit einem UN-Beschluss im Handgepäck, der die südafrikanische Mandatsherrschaft für beendet erklärt, wässerte Genscher eine Zeit lang in der Region herum, um der Republik Südafrika klarzumachen, dass sie als Statthalter westlicher Interessen noch lange nicht zu Eigenmächtigkeiten berechtigt ist, sich mit denen vielmehr unbeliebt macht. Als eine der fünf zuständigen Westmächte beteiligte sich die BRD damals an den internationalen Anstrengungen, Südwestafrika in die Unabhängigkeit zu überführen, ohne die SWAPO dort an die Macht zu bringen. Das war die zweite Phase der „gemeinsamen Geschichte“ Deutschlands und Namibias.

3.

Dann kam der Zusammenbruch des Ostblocks. Die Ordnungsfunktion Südafrikas für den Westen hatte sich schon in den Jahren davor weitgehend erledigt. Dieser Staat übte Selbstkritik, beschloss die Aufhebung der Apartheid, um eine neue innere Stabilität des Landes zu stiften und ein Wirtschaftsleben auf die Beine zu stellen, in dem die Leistungsfähigkeit eines jeden gefragt war; sofern sie denn gefragt war. Für die SWAPO in Südwest war das ein historisches Geschenk. Sie war einfach nicht mehr zu übergehen und Namibia wurde nach langem Gezerre unter ihrer Führung unabhängige Republik. Frei kann die Regierung seitdem über das Geschick des Landes befinden, also mit der ökonomischen Abhängigkeit vom Weltmarkt zurechtkommen. Für Deutschland beginnt eine neue hoffnungsvolle Phase der „gemeinsamen Geschichte“. Unter Berufung auf die schweren Zeiten, die man zusammen durchgemacht hat, kann man endlich ein neues Kapitel der „Zusammenarbeit“ aufschlagen. Deutschland leistet Entwicklungshilfe und unser Außenminister hat einschlägig ambitionierte Geschäftsleute im Gepäck mit dabei. Die Rohstoffe des Landes, die Produkte der Farmen (nicht nur der nach wie vor deutschen) u. a. ziehen unser Geschäftsinteresse auf sich. Aber nicht nur das. Als Entwicklungshilfegeber hat unser Vertreter Ratschläge parat, wie dieses Land regiert werden sollte, welche Art Landreform erwünscht ist und welche nicht. Auch für die Ordnungs- und Streitkräfte Namibias weiß er die sinnvollste Art der Verwendung. Schöne Worte hat er für die Hereros dabei, aber natürlich kein Geld. So etwas braucht es nicht, weil die Taten von 1904 ff. ja erst seit 1948 unter dem Titel „Genozid“ international geächtet sind. Außerdem findet die Klage der Hereros auf Entschädigungszahlungen – anders als im Fall von Hitlers Zwangsarbeitern –, obwohl in den USA angestrengt, dort praktischerweise keinen politischen Paten. (Die USA sind selber mit ähnlichen leidigen Forderungen konfrontiert, die sie nicht gelten lassen.) Und im Übrigen sind solche Forderungen auch nicht gut, weil es Namibia nicht die nötige Einigkeit, sondern nur Streit zwischen Volksgruppen bringen würde – andere kolonial Unterdrückte wären zu Recht sauer, so die deutsche Einlassung, wenn speziell die Hereros von Deutschland Geld bekämen.

Zu hoffen bleibt für den Rechtsnachfolger Kaiser Wilhelms, dass unser Freund, Herr Nujoma, seinen unverständlichen verbalen Entgleisungen von wg. „Arroganz der Weißen“ keine Taten folgen lässt. Das würden wir nach so viel gemeinsamer Geschichte wirklich nicht nett finden.


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