Der Fall Friedman

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-03 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Michel Friedman – noch ein Aufstieg und Fall
Der deutschen Demokratie geht eine politmoralisch besonders wertvolle Nervensäge verloren

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Als deutscher Jude ist Friedman die Verkörperung des geläuterten und veredelten bundesdeutschen Patriotismus, der in der CDU dafür bürgt, dass auch bei den Konservativen das gute schlechte Gewissen der Nation zuhause ist. Als diese Symbolfigur bedient er im öffentlich Rechtlichen das Bedürfnis der Leute nach glaubwürdiger Führung, indem er in Schaukämpfen mit Politikerpersönlichkeiten deren jeweilige Verkörperung von Recht und Moral gnadenlos vorführt. Dummerweise strauchelt er am eigenen Maßstab und setzt damit den bundesdeutschen Anti-Antisemitismus einer Bewährungsprobe aus.

Michel Friedman – noch ein Aufstieg und Fall
Der deutschen Demokratie geht eine politmoralisch besonders wertvolle Nervensäge verloren

Die „öffentliche Hinrichtung“ – um es mit den Worten seines Anwaltes zu sagen –, die Michel Friedman erleiden musste, kostete ihn nicht das Leben, aber immerhin seinen angestammten „Platz in der 1. Reihe“. Seine politischen Ämter, seine Talkrunde in der ARD und damit überhaupt seine öffentliche Reputation, alles fürs Erste im Eimer:

„… klipp und klar und ohne Wenn und Aber: Ja, ich habe einen Fehler gemacht. Ich werde alle öffentlichen Ämter, die ich innehabe, jetzt zurückgeben. … Menschen machen Fehler. Menschen irren sich. Auch ich (!) habe Fehler gemacht. Auch ich (!) habe mich geirrt. Das soll nicht mein Verhalten relativieren oder gar verharmlosen. Ich sage es nur, weil ich erklären möchte, dass auch ich (!) nur ein Mensch bin.“ (Friedman am 8.7.)

Die stilvolle Erklärung zeigt noch, was für ein Mensch da zurücktreten muss. Geschickt vermeidet er durch das schlicht erweiternde auch auszusprechen, was dessen penetrante Wiederholung gleichwohl mitteilt: Sogar Friedman ist „ein Mensch“, der „Fehler macht“ und „sich irrt“ (inwiefern eigentlich?) In seiner Not macht sich der Elitemensch gemein mit den Jedermanns und ist auch nur so schlecht wie diese. Solche Bescheidenheit selbst in dieser schweren Stunde zeugt von dem gediegenen Selbstbewusstsein, das Friedman sich in den Jahren seines öffentlich-politischen Wirkens gleich mehrfach verdient hat.

Das ging schon früh los. Der junge Michel beginnt seine Karriere damit, dass er aus dem Schicksal der jüdischen Opfer des Faschismus – seine Familie war durch Oskar Schindlers Liste gerade noch davor gerettet worden – eine vorwärts weisende Lehre zieht: Er wird von vornherein als „selbstbewusster Jude“ auftreten, und zwar in dem Deutschland, das unbedingt der Rechtsnachfolger des Dritten Reiches sein wollte. Die neue Führung in Westdeutschland hatte sich und dem deutschen Volke auch eine Lehre aus dem Judenmord verordnet: Damit das Land als Teil des Westens anerkannt und zur Weltpolitik wieder zugelassen wird, schämt sich das nationale Kollektiv für die Untaten des erfolglosen Vorgängers, akzeptiert eine Verantwortung dafür und verpflichtet sich, pekuniär und politisch-moralisch, auf unbedingte Parteilichkeit für das weltweite Judentum und den sich völkisch definierenden Staat Israel. An dieser demutsvoll auftretenden nationalen Heuchelei in Gestalt des Anti-Antisemitismus – zu erfüllende Bedingung und wohlkalkuliertes Mittel einer neuen Souveränität im Namen des deutschen Volkes – hat der junge Friedman nicht nur nichts auszusetzen, er beschließt, sie für sich auszunützen: Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat ein paar schöne Posten zu vergeben mit einer unbestreitbar hohen moralischen Wertschätzung, weil der bundesdeutsche Staat den Juden einen hohen politischen Stellenwert einräumt – seiner internationalen diplomatischen Reputation wegen. Damit macht Michel eine Karriere: Als Stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats darf er über die Einhaltung dieser nationalen Verpflichtung wachen, dafür bezeugt er mit seiner deutschen Staatsangehörigkeit aber auch, dass sich der deutsche Nationalismus nach dem Holocaust geläutert und veredelt hat. Der selbstbewusste deutsche Jude repräsentiert nun den Gipfel einer bundesdeutschen patriotischen Moral.

Dann tritt Friedman in die CDU ein. Auch dies kein schlechter Einfall. Er gehört zwar nicht der namensgebenden christlichen Glaubensgemeinschaft an, kann dort aber schon wieder seine Person als Symbolfigur in einer Art Gegengeschäft karrierefördernd einsetzen: Wegen seiner jüdischen Qualifikation wählen ihn die Delegierten bis in den Parteivorstand und machen den konservativen Juden zum parteieigenen Mahner in Sachen Asyl- und Ausländerpolitik, Nationalismus und Rassismus – und dadurch zum Kronzeugen, dass bei der rechten Volkspartei in Deutschland auch das gute schlechte Gewissen der Nation bestens aufgehoben ist. Friedman gewinnt dafür Statur als Parteipolitiker, seine politmoralische Autorität findet eine gewisse Anbindung an den praktizierten Nationalismus einer staatstragenden Partei: Michel ist nicht mehr bloß repräsentativer deutscher Jude, sondern auch noch ein jüdischer deutscher Politiker.

Mit dem Ruf politmoralischer Integrität bekommt Friedman schließlich einen Sendeplatz angeboten, den er glanzvoll im Sinne des öffentlich-rechtlichen Medienauftrages ausfüllt – eindeutig der vorläufige Höhepunkt seiner Karriere: Er darf im Fernsehen, zuerst regional, dann im Hauptprogramm der ARD, mit Politikern „talken“, die, wie sich bald herausstellt, sich vor seiner „Respektlosigkeit“ und seinem „inquisitorischen“ Fragestil gehörig in Acht nehmen müssen: „Vorsicht Friedman!“ Von ihm darf sich die politische Elite keine einfühlsame Hofberichterstattung erwarten; da fühlt vielmehr eine unabhängige Autorität den Politikern einmal heftig auf den Zahn und zersägt, wo es ihr angebracht erscheint, gnadenlos deren aufpoliertes, werbendes Image. ‚Plumpe Populisten‘ wie etwa seinen Berliner Parteikollegen Frank Steffel fertigt Friedman in der Funktion eines ideellen Gesamt-Ausländerbeauftragten ab. Steffel hat in seiner politischen Jugend zu „unseren ausländischen Mitbürgern“ nachweislich einmal „Kanaken“ gesagt, also nicht die rechten höflichen Worte für diese „Problemfälle“ gefunden; diese Wortwahl lässt ihm Friedmans „political correctness“ nicht durchgehen. Erklären, Entschuldigen, Leugnen – alles lässt den Spitzenkandidaten im Wahlkampf ums Berliner Rathaus gegenüber Friedmans Nachhaken gleich schlecht aussehen, so dass man sagen kann, der Moderator hat dessen Karriere beendet. Aber moralisch eher wertvollen, prinzipienfesten Politikern wie dem Grünen Christian Ströbele oder Ottmar Schreiner, dem „Parteirebellen“ der SPD, geht es nicht besser. Solche Politiker konfrontiert Friedman mit ihren eigenen Idealen und Alternativen und fordert unnachgiebig Konsequenz bei der Verwirklichung von etwas ein, was er selbstverständlich gar nicht verwirklicht sehen will. Das jeweilige Gute, das sich Sozis, Grüne, PDSler auf die Fahnen schreiben, hält er für national schädlichen Blödsinn, beruhigt sich aber gar nicht, wenn es ihm gelingt aufzudecken, dass auch dessen Vertreter diesen „Blödsinn“ nicht ganz wörtlich nehmen. Im Gegenteil, dann frohlockt Friedman, denn er hat wieder einmal Sprücheklopfer und Phrasendrescher entlarvt, die ihre hohe Gesinnung nur zu Werbezwecken vor sich hertragen und jederzeit bereit sind, sie dem Machterhalt, der rot-grünen Regierungsfähigkeit, der eigenen Karriere oder sonstigen persönlichen Vorteilen zu opfern. Friedmans Inquisition befasst sich gar nicht mit dem Inhalt politischer Ziele, sondern – alle Ideale anderer Leute sind dafür gleich recht – ausschließlich mit der Konsistenz von Reden und Handeln. Seine penetranten Kreuzverhöre kreisen immer nur und nur immer wieder um die Frage, ob das regierte Volk seinen Politikern auch glauben darf, wenn die mit hohen Werten und großen Zielen um sein Vertrauen werben. Den Zweifel von Regierten, die ihren Herren alles glauben wollen, sich aber nicht sicher sind, ob sie das auch wirklich tun dürfen, erhebt Friedmann zum Maß aller demokratischen Urteilskompetenz. Mit seinen Glaubwürdigkeitstests weckt, bedient und fördert Friedman ausschließlich dieses Bedürfnis nach einer Führung, die ihre Gefolgschaft auch verdient – gerade dann, wenn er dem Zweifel neue Nahrung verschafft, das Renommee seiner Gäste ein wenig ramponiert und sie als politische Sprücheklopfer blamiert.

Aber damit nicht genug. Friedman kann die Kategorie der Glaubwürdigkeit auch nach der anderen Seite hin ausspielen, und das tut er, sobald er den Eindruck gewinnt, sein Gesprächspartner nehme seine Gesinnung – wie verlangt – tatsächlich ernst, stelle sich wegen einer Überzeugung gegen Mehrheiten und lasse die Rücksicht auf die Regierungsfähigkeit seiner Partei, die Haltbarkeit der Koalition, auf Karriere und Amt fahren. Dann läuft das Spielchen umgekehrt: Friedmann entlarvt nun den Gesinnungsfesten als sturen Rechthaber und selbstgerechte schöne Seele, der die Reinheit ihrer Absichten wichtiger ist als das reale Gute, das ein Politiker nur im Amt und mit den Mitteln der Macht in die Welt bringen kann. So zeugen Ströbeles „Gesinnungspazifismus“ oder Otmar Schreiners „soziale Gerechtigkeit“, die gerade noch in der Gefahr waren, als billige Phrasen entlarvt zu werden, von einem verantwortungslosen Gebrauch des Mandats, sobald sein Inhaber sie wirklich zur Richtschnur in der parlamentarischen Abstimmung macht; dann werden nämlich „notwendige außenpolitische Entscheidungen“ und „Reformen“ verhindert. Wirklich glaubwürdig wäre nur ein Politiker, der sich nicht zu fein ist, für seine Werte und Ziele auch den politischen Konkurrenzkampf mit seinen unfeinen Methoden und realistischen Kompromissen zu betreiben. Gerade auf dem Feld der blanken Erfolgstüchtigkeit des Politikers, seiner Ausstrahlung von Erfolgsfähigkeit, gibt der unbestechliche Friedman keinen Fußbreit nach und blamiert Aufschneider: Der abservierte, also erfolglose ehemalige SPD-Vorsitzende Lafontaine – das merkt ein moralischer Wadenbeißer wie Michel gleich – steht nicht in der „Verantwortung“ und schon deswegen schwer im Verdacht, bloß ein vorlauter Sprücheklopfer zu sein, der mit moralischen Titeln wie „Gerechtigkeit“ hausieren geht. Dem kommt er deshalb mit der Praxis-Frage, wie ernst es ihm denn überhaupt damit wäre, auf dem SPD-Parteitag aufzumarschieren und seine Position dort zur Abstimmung zu stellen – und wenn er das dann nicht zu tun gedenkt, sind alle seine moralisch noch so fein fundierten politischen Inhalte und Alternativen schlagartig entzaubert.

Mit dieser perfiden Tour hat sich Friedman den Ruf intellektueller Brillanz erworben. Wenn er in sturer Befolgung seines primitiven Strickmusters den ‚Gesinnungsethiker‘, den Vertreter guter Absichten, gegen den ‚Verantwortungsethiker‘ der Macht ausspielt und umgekehrt, beweist er nicht nur geistige Überlegenheit, wie man sie in einer reifen Demokratie versteht: Er bringt tatsächlich den ultimativen Gütetest für Politiker auf den Punkt, den diese Staatsform zu bieten hat. Er stellt die beiden zusammengehörigen Seiten der Politikerpersönlichkeit – den um Glaubwürdigkeit bemühten Moralisten und den Erfolg ausstrahlenden Machtmenschen – polemisch gegeneinander, besteht gegenüber seinen Kandidaten eisern auf der Identität von Macht und Moral und geht dabei selbstverständlich davon aus, dass die von ihm präsentierten Figuren allesamt den Vergleich mit dem Idealbild der wahren demokratischen Führernatur nicht bestehen. Seine illustren Gäste kommen dennoch freiwillig und gerne zum Tête-à-Tête auf der roten Couch, weil der Maßstab, an dem sie so streng gemessen werden, der ihre ist: An ihm wollen sie sich bewähren und vor ihren Wählern brillieren.

Derart ist der politische Stoff des zeitgemäßen Infotainment. Das politmoralische Urteilsvermögen des Publikums, auf das es in der Demokratie ankommt, erhält in Friedmans Show Stoff zur Unterhaltung. Im Zusammenspiel der dramatis personae entsteht ein feiner Schaukampf, der erstens polarisiert und zweitens ein Vergnügen der sportlichen Art verspricht. Friedman bietet dem Zuschauer die Sorte Respektlosigkeit, die der sich gegen die Politiker, die er nicht leiden kann, immer selbst gerne herausgenommen hätte, die er aber gegenüber den Politikern, die er leiden kann, völlig unangebracht findet. Deshalb wird im Kampf zwischen ihm und seinem Gast Partei ergriffen und mitgefiebert. Schafft es der Moderator, den Prominenten zur Strecke zu bringen? Oder gelingt es dem ehrbaren Volksvertreter, sich gegen die Infamie des Showmasters halbwegs aus der Affäre zu ziehen? So fasst sich das Ringen um eine möglichst gelungene Inszenierung der glaubwürdigen Politikerpersönlichkeit auf der einen, ihrer gekonnten Demontage auf der anderen Seite konsequent in einem Schlagabtausch zusammen, in dem es allein noch darum geht, wer mit wie gut gegebenen und retournierten Gemeinheiten, gut oder schlecht verarbeiteten Invektiven wem zeigt, wo in Sachen Schlagfertigkeit der Hammer hängt und sein Gegenüber mundtot zu machen versteht.

Mit seiner Show hat sich die politische Person Friedman wahre Verdienste um die politische Kultur erworben, und er hätte diese Kultur gewiss weiter pflegen dürfen, solange genügend aufgeklärte Bürger seine Tour goutieren und die Quote stimmt. Leider ist ihm die Berliner Staatsanwaltschaft in die Quere gekommen. Staatsanwälte ermitteln wegen Kokainbesitzes und Großhandelsbestellungen von Edelprostituierten bei osteuropäischen Zuhältern; die Medien erfüllen ihre Pflicht und breiten Details vor der interessierten Öffentlichkeit aus. Man bedient das Recht des gemeinen Volkes auf Teilhabe am Schicksal seiner Elite und legt ihm den nationalen Besinnungsaufsatz vor, ob hier mehr eine menschliche Tragödie (Bild) oder eher ein Fall zutiefst unmenschlicher Sklaverei im internationalen Frauenhandel (Der Spiegel, 28) vorliegt. Die Verstöße gegen das Rauschmittelgesetz und das Menschenhandelsverbot, wegen denen er zu einer Geldstrafe verknackt wird, haben zwar mit den Leistungen des politischen Showmasters nichts zu tun. Offenbar gewordene private Fehltritte untergraben aber das Gesamtkunstwerk der glaubwürdigen öffentlichen Person – und die noble demokratische Qualität Glaubwürdigkeit braucht eben auch ein Fernsehfritze, der seinen Talk-Gästen die Glaubwürdigkeit abspricht. Die Presse genießt es, den Mann, der die politische Klasse am Bild einer moralisch sauberen und erfolgreichen Politprominenz misst und scheitern lässt, nach seinen Methoden fertig zu machen. Mitten in der lustvollen Demontage des öffentlichen Glaubwürdigkeitsjägers kommt die Frage auf, ob „wir“ das überhaupt dürfen – bei einem Juden! Werden da nicht antisemitische Muster erkennbar, wenn ein zersetzend argumentierender, jüdischer Moderator öffentlich hingerichtet wird? Der Zentralrat der Juden schlägt schon mal Alarm. Dagegen andere: Gerade bei einem Juden darf man keine Ausnahme machen, das signalisiert Normalität, alles andere würde ein gestörtes Verhältnis und verdrängten Antisemitismus verraten. Schließlich tritt Friedman zurück, die Presse wird ein bisschen milde und plädiert eher auf tragische Verstrickung – und die Öffentlichkeit gratuliert sich dazu, dass sie den Fall ganz ohne Antisemitismus abgewickelt hat.


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