Evangelischer Kirchentag

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-97 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Evangelischer Kirchentag in Leipzig
Ein wenig gelungener Beitrag zur nationalen Sinnstiftung

Überblick

Mit der Frömmigkeitsmobilisierung durch den Kirchentag ist die Öffentlichkeit eher unzufrieden. Auch das Anhängen an kritische Bewegungen bringt der Kirche nicht mehr so viel wie früher.

Evangelischer Kirchentag in Leipzig
Ein wenig gelungener Beitrag zur nationalen Sinnstiftung

Bei Kirchentagen treffen sich die Gläubigen, beteuern ihre Freude in und an Christus, arbeiten mit der Bibel und hoffen, daß Ungläubige mal hereinschauen. Das allein wäre aber langweilig. Der spektakuläre Teil fängt da an, wo die Kirche sich zu ihrer „gesellschaftlichen Verantwortung“ bekennt. Da kommt dann die Politprominenz, zumindest aus der zweiten Liga, vorbei, um im Namen der nicht bloß guten, sondern auch frommen Absichten, mit denen sie die Macht im Staat anstreben bzw. ausüben helfen, für sich und ihren Club zu werben. Die Kirchenleitung ihrerseits spekuliert darauf, daß von der Würdigung ihres Engagements durch die Instanzen und Figuren, die in der Demokratie wirklich das Sagen haben, ein Werbeeffekt für ihren Verein ausgeht.

Der gemeinsame Nenner ist diesmal bereits mit dem Tagungsort angegeben: Leipzig, die Heldenstadt von neulich, in der die Kirche sich als Heimathafen für das Massenbedürfnis nach besseren politischen Herren bewähren durfte; mittlerweile einerseits Boomtown, andererseits einer von vielen Brennpunkten des damit verbundenen Elends sowie der gesamtnationalen Mißstimmung, die im Jahre 7 nach der Einheit allen Verantwortungsträgern Sorgen macht. Das Kirchentagsmotto von wegen Gerechtigkeit, Weg und Leben braucht es kaum, um klarzustellen, worum es geht: Die Kirche Luthers will mit moralischer Autorität eine gesamtvölkische Versöhnungsveranstaltung moderieren und damit der Nation einen guten Dienst leisten, damit deren Insassen sie wieder ernst und wichtig nehmen.

Daß das nur geht, wenn man erst einmal durch Klagen über Fehlentwicklungen, soziale Ungerechtigkeiten, enttäuschte gesamtvaterländische Hoffnungen und dergleichen mehr Problembewußtsein demonstriert, ist eigentlich klar – wie sollte die Kirche sich ohne Problem als dessen Lösung anbieten? Wo bliebe überhaupt die Sache mit der Erlösung ohne Jammertal? Etlichen Vertretern des nationalen Zeitgeistes, der das eigentliche deutsche Problem in mangelnden völkischen Glücksgefühlen ausgemacht hat, ist das allerdings schon zu dialektisch: Das fromme Gerede von einem Riß zwischen den Reichen und den Armen im Land finden sie linksradikal und den Tatbestand der nationalen Spaltung schon dadurch erfüllt, daß der ideologische Häuptling der PDS, André Brie, Gelegenheit zu dem Bekenntnis erhält, er hielte nichts – mehr! – von weltlichen Heilslehren. Auf der Seite kann die Kirche also gleich gar keinen Dank ernten für ihr frommes Bemühen, die sozialen Nebeneffekte des gesamtdeutschen Kapitalismus und die speziellen Gemeinheiten des herrschenden Anschluß-Nationalismus in einen schwierigen Fall zwischenmenschlicher Entfremdung umzudeuten, die nur durch Verbrüder- und -schwesterung im Zeichen des himmlischen Vaters, durch – Kirchentagssymbol! – tausendfach ausgestreckte Hände zu überwinden sei.

Auch sonst allerdings, in einer für derartige fromme Albernheiten durchaus aufgeschlossenen Öffentlichkeit, stößt der Kirchentag auf kein übermäßig erfreutes Echo. Vermißt wird schlicht – der positive Effekt: Kaum Zonis, die sich mit ihren altgedienten bundesdeutschen Volksgenossen, kaum Arbeitslose, die sich mit ihren Personalchefs und dem Sozialminister, kaum Arbeitsplatzbesitzer, die sich mit ihren Börsenmaklern und Globalisierungs-Politikern protestantisch versöhnen lassen wollen; nicht einmal Begeisterung für die Idee, Unternehmer, die nachweislich Arbeitsplätze schaffen, als gute Menschen zu prämiieren; überhaupt keine Anzeichen für eine Massenbewegung der klassenübergreifend guten Laune (wie neulich noch beim Fußballfest im Ruhrgebiet…). Kenner der Szene erinnern sich enttäuscht und mit leichter Sehnsucht an jene verflossenen großen Kirchentage, als eine über Bundesdeutschlands neue Atomraketen erschrockene Friedensbewegung sich im Namen des Herrn dazu hat bekehren lassen, die Gewalt vor allem im eigenen Herzen zu bekämpfen: Das war Aufbruchsstimmung; da hat das nationale Christentum noch echt was bewirkt im Land… Nicht so Leipzig. Von dem Protestantentreffen geht jedenfalls kein Ruck aus, wie der Präsident ihn doch so nachdrücklich angemahnt hat.

Bleibt die Schuldfrage. Und so fad wie der Kirchentag, so abgewogen fällt ihre Beantwortung aus: Ziemlich schuld sind die Profis aus dem Westen, die wieder mal alles an sich gerissen haben. Deutlich mehr schuld sind die Zonis, die einfach nicht mitmachen beim Grübeln und Lachen in Christo, weil sie immer noch nicht und noch nicht einmal die Kurve zur nationalen Durchschnittsfrömmigkeit hinkriegen. (Hauptsächlich schuld ist also wieder mal… na wer wohl!) Vielleicht hat sich aber auch die Kirche etwas zu sehr „auf sich zurückgezogen“ – doch was soll sie machen?

„Wir können nur werben, denn die Zeiten der gewaltsamen Missionen sind ja wohl vorbei“. (Bischof Kreß, Sachsen)

So ist es: Gewaltsame Missionen wickelt die Demokratie für ihre imperialistischen Belange ab, ohne kirchlichen Auftrag; da müssen die Pfarrer schon selbst sehen, wie sie mit ihrem Segen für gutes Gelingen Aufmerksamkeit auf sich lenken!


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