EU-Diplomatie mit Russland

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Gipfeltreffen mit Boris:
Fehlgeburt einer Trojka

Überblick

Die europäische Diplomatie mit Jelzin setzt dessen Fiktion von Russland als Großmacht mit ihm als mächtigem Präsidenten in Szene – für die Dauer des Staatsbesuchs.

Gipfeltreffen mit Boris:
Fehlgeburt einer Troika

Boris Nikolajewitsch Jelzin hat sich erholt. Er wirft die gesamte Regierung raus. Alles Versager. Schnell erledigen. Als Nächstes: Ein großer imperialer Wurf muß her. Die weltpolitische Rolle, die das große Rußland hat, muß endlich so richtig zur Geltung kommen. Rußland braucht eine Vision. Alle großen Nationen haben ihre Visionen, Boris Nikolajewitsch weiß da Bescheid. Bismarcks Ausgleichspolitik. Das römische Triumvirat. Die zaristische Großmachtpolitik, Achsenmächte, Hitler-Stalin-Pakt: Wo immer Großes zu regeln war, war Rußland dabei. Jetzt wird schon wieder Großes auf den Weg gebracht, Europa neu formiert, eine neue Weltordnung gebaut. Da muß Rußland den ihm gebührenden Platz einnehmen. Das ist die Vision von Boris Nikolajewitsch.

Er ist sich ganz sicher, daß er mit der weltweit auf viele Freunde trifft. Das sind seine Kollegen, mit denen er auf ganz viel diplomatischen Treffen zu tun hat. Dort hat er mitbekommen, wie sie bei allen ihren politischen Vorhaben immer wieder aufs neue beteuern, die Belange Rußlands auf keinen Fall zu vergessen. Und in der Tat. Bei ihrer Neuordnung des Ostens, beim Umgang mit dem Irak oder den Balkanstaaten: Immer haben sie die Interessen Rußlands höflich behandelt. Das zeugt davon, daß im Grunde bei allen größeren weltpolitischen Angelegenheiten, bei denen Rußland gar nicht dabei ist, einfach nichts ohne Rußland läuft. Darauf läßt sich aufbauen. Zumal Boris Nikolajewitsch seine allerbesten Freunde auch persönlich kennt. Es sind die europäischen Experten für große politische Visionen. Die bauen gerade das Haus Europa zusammen, vermessen die Zukunft einer Grande Nation und ziehen aus einer neuen Mittellage ihre machtpolitischen Konsequenzen. Die sind wie er. Die können wie er in großen historischen Dimensionen denken. Und dabei sind sie auch noch so erfolgreich bei der Umsetzung von allem, was ihnen da vorschwebt. Wie begeistert müssen die von dem Umstand sein, daß Rußland sich ihnen zur Seite stellt!

Boris Nikolajewitsch arrangiert ein Treffen. Die allerbesten Freunde, Schak aus Paris und Gelmut aus Bonn, werden zum Tee geladen. Die Freunde zaudern etwas, der Ruhm der Geschichte, der ihnen entgegenwinkt, ist ihnen nicht so ganz geheuer. Ihnen reichen ihre eigenen Visionen eigentlich, mit ihrer Umsetzung haben sie schon ziemlich viel zu tun. Im übrigen laufen ihre Projekte, die sie dabei auf den Weg gebracht haben, ziemlich exakt auf das Gegenteil dessen hinaus, wovon Boris mit seiner Großmacht Rußland träumt. Andererseits: Wenn ihr guter russischer Freund, dem sie soviel Erfolg bei ihrer Politik zu verdanken haben, zum Stelldichein zwischen Großmachtpolitikern bittet, wollen sie ihm den kleinen Gefallen nicht verwehren. So viel Zeit muß neben der Erweiterung von NATO und EU, neben der Regelung wichtiger Fragen im Kosovo und anderswo in Europa und Eurasien, einfach sein. Also schenken sie, Realpolitiker, die sie sind, ihrem Kumpel eine Runde Diplomatie auf höchster Ebene – eigens zu dem Zweck, damit der sich mit seinen Visionen einmal so richtig aussprechen kann.

So legt Boris los. Mit seiner bekannt schweren Zunge schöpft er Einsichten aus der Historie, knüpft geschichtliche Traditionen, wie seine Gäste selbst es nicht besser könnten. Dann leitet er über zur so lehrreichen wie wechselvollen Geschichte der weltpolitischen Bündnisse, schwärmt von einer Verbindung Europas und Eurasiens, und dann schmiedet er die drei versammelten Großmächte im russischen Wort Troika zusammen. Allein die sei auf dem Sprung, der unipolaren Welt ein Ende zu bereiten (FAZ, 23.3.98). Er kennt nämlich die geheimen Wünsche seiner Freunde noch vom letzten gemeinsamen Saunabesuch. Da waren sie sich über diese unerträglichen Amerikaner ganz schnell einig, und das hat er sich gemerkt: Nur mit ihm sei der ewigen Vorherrschaft der unipolaren Welt ein Ende zu bereiten und der ewigen Vorherrschaft eines Staates eine Schranke gesetzt. (Ebd.)

Seine Freunde lächeln ein wenig geschmerzt. Nicht deswegen, weil die mitreisenden Spürhunde des Zeitgeistes den Hauch des Gestrigen (FAZ, 27.3.98) wittern und meinen, daß den Zar Boris das alte Großmachtdenken wieder eingeholt hätte (ebd.). Die übertreiben wie immer. Schak und Gelmut bleiben sachlich und ganz gelassen. Sie wissen, daß Großmachtdenken keine Großmacht schafft. Sie wissen auch, daß die russische Macht von gestern zerfallen ist und weiter zerfällt, privatisiert, verkauft, abgerüstet oder sonstwie zerlegt wird. Von dem Präsidenten, der da mit ihnen eine Troika schmieden will, wissen sie aus sicherer Quelle, daß es überhaupt nicht sicher ist, ob seine Macht noch über die Stadtgrenzen Moskaus hinausreicht. Sie wissen also, daß sie nur einen ambitionierten Aufschneider vor sich haben. Das ist einerseits ganz gut so, andererseits aber auch ein Problem, das diplomatisches Fingerspitzengefühl verlangt. Verprellen darf man den Kaspar auf keinen Fall. Womöglich hat man ihn dann nicht mehr lange als Ansprechpartner. Wer weiß, was dann aus diesem Rußland und seinen Raketen wird.

Also überspielen die beiden Gäste die Peinlichkeit des Antrags, mit Boris Nikolajewitsch weltmachtpolitisch gemeinsame Sache zu machen. Sie gratulieren dem Präsidenten zur gesundheitlichen Erholung. Sie hören seiner Vision zu, lachen ihn nicht aus. Im Unterschied zu ihrem Freund wissen sie, daß die Diplomatie ihre eigenen Regeln hat, und die nutzen sie weidlich. Sie schenken ihm die Gelegenheit, durch diplomatisch formvollendet inszeniertes Geplauder mit wirklich Mächtigen seine Fiktion von der russischen Großmacht und von ihm als ihrem mächtigen Präsidenten am Leben zu erhalten. Für die Dauer ihres Besuches wenigstens. Geschenke werden getauscht, man verspricht ein neues Treffen irgendwo und irgendwann. Boris Nikolajewitsch bekommt auch etwas Reelles. Drei echte Abkommen über Kultur, Abitur und eine Ausstellung, so daß er auch etwas vorzeigen kann. Damit haben die Freunde getan, was sie konnten, ihrem Freund zuhause politisch den Rücken zu stärken. Jetzt kann er damit angeben, daß Rußland prima unterwegs zur weltpolitischen Großmacht ist. Und sie haben es auch gerne, weil in eigenem Interesse getan. Sie haben den Visionen von Boris Nikolajewitsch zugehört, weil sie in Rußland sonst niemanden haben, bei dem sie die Wahrnehmung ihrer Interessen in vergleichbar guten Händen wüßten.

Die europäische Diplomatie mit Rußland ist ein Witz. Damit der Präsident dieses Landes im Amt bleibt, damit er wegen des Umstands, daß weder er Macht in Rußland hat noch sein Rußland eine respektable Macht ist, nicht vollends durchdreht und alles verkehrt macht, bietet man ihm die Diplomatie als Bühne, sich einmal so richtig als Präsident und ganz großer russischer Machtpolitiker aufführen zu können. Damit dieses diplomatische Notopfer auch wirklich keiner mißversteht, stellt Freund Gelmut gleich danach klar, daß er sich mit Freund Boris einen Scherz erlaubt hat und sich dieses Treffen gegen niemanden richtet (SZ, 27.3.98). Das ist dann endlich auch in den hiesigen Schreibstuben angekommen. Befreites Aufatmen: Troikas, Achsen, Illusionen heißt die Überschrift, unter der dann fachmännisch elaboriert wird, daß mit dem Verbund von Universitäten Rußland mehr gewinnt als mit der Allianz von Armeen. (Ebd.) So geht, kaum verkündet, gleich tags darauf die Vision von Boris Nikolajewitsch echt in die Geschichte ein.


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