Entlassungen bei Allianz

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-06 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Grundkurs Ideologiekritik – heute:
„Trotz Rekordgewinnen: Allianz streicht 7500 Arbeitsplätze“ Was heißt da „trotz“?

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Entlassungen finden doch wegen des Gewinns statt: Damit sich noch mehr von ihm in der Bilanz einfindet, entlässt der Betrieb Mitarbeiter, die er dazu nicht mehr braucht. Gegen alle Realität wird so getan, als bestünde da ein Gegensatz zwischen Gewinn und Streichen von Arbeitsplätzen. Das Unternehmen führt doch gerade wieder einmal praktisch vor, dass das eine die Methode fürs andere ist, und das ist auch für niemanden, der schon mal was von Rationalisierung gehört hat, eine Neuheit oder gar ein Geheimnis. Wieso also „trotz“?

Grundkurs Ideologiekritik – heute:
Trotz Rekordgewinnen: Allianz streicht 7500 Arbeitsplätze Was heißt da „trotz“?

Die Entlassungen finden doch wegen des Gewinns statt: Damit sich noch mehr von ihm in der Bilanz einfindet, entlässt der Betrieb Mitarbeiter, die er dazu nicht mehr braucht. Gegen alle Realität wird so getan, als bestünde da ein Gegensatz zwischen Gewinn und Streichen von Arbeitsplätzen. Das Unternehmen führt doch gerade wieder einmal praktisch vor, dass das eine die Methode fürs andere ist, und das ist auch für niemanden, der schon mal was von Rationalisierung gehört hat, eine Neuheit oder gar ein Geheimnis. Wieso also trotz?

Weil die Menschheit gelernt hat, dass der höhere Auftrag, in dem Unternehmer unterwegs sind, darin besteht, „Arbeit zu schaffen“, sie den Beruf des Arbeitgebers ausüben, wenn sie sich um den Gewinn kümmern. Sie hat sich so Unfug eintrichtern lassen wie den, dass „die Gewinne von heute die Arbeitsplätze von morgen“ seien, und glaubt gerne daran, dass der Erfolg des Unternehmens in Gestalt von „sicheren Arbeitsplätzen“ auch der Belegschaft zugute zu kommen hat. Dass also der Profit des Unternehmens – zumindest irgendwie – auch ein Mittel der Belange derjenigen ist und zu sein hat, die fürs Unternehmen arbeiten. Und wenn dann so ein Unternehmen Gewinn macht und Leute entlässt, findet man sich in seinem doch nur allzu berechtigten Anspruch betrogen: Das findet man ungerecht und ist empört.

Diese Empörung taugt nicht viel. Wer sie an den Tag legt, hat längst geschluckt, dass sein privates Fortkommen eine abhängige Variable des Gewinns ist, den andere einstreichen, sein eingebildeter Anspruch umgekehrt ganz darin aufgeht, an einem „Arbeitsplatz“ gegen Lohn arbeiten zu dürfen. Als diese abhängige Variable ist der Klageführer unbedingt dafür, dass das Unternehmen Gewinn machen soll. Er hat eingesehen, dass ein Unternehmen, das Verluste macht, „Kosten sparen“ und entsprechend seine Belegschaft dezimieren muss. Nicht minder klar ist ihm, dass es, um „wieder schwarze Zahlen“ schreiben und „im globalen Wettbewerb mithalten“ zu können, rationalisieren muss. Nur die Konsequenz aus all dem, was er eingesehen und akzeptiert hat, weigert er sich zu ziehen: Dass dann eben auch der Gewinn der letzte Zweck des Unternehmens ist und es auf die Beschäftigten nur als Mittel für diesen Zweck ankommt, ihre Dienste also nur gefragt sind, wenn sie sich fürs Unternehmen rentieren. Und dafür, dass sie dies tun, sorgt das Unternehmen praktisch – indem es laufend die Kosten für die Arbeit senkt, mit und ohne Entlassungen.

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Dem Volk in seiner Empörung können Politiker und Öffentlichkeit diesmal nur beipflichten: Erneut entlässt ein Konzern in großem Umfang, der gleichzeitig Milliardengewinne erwirtschaftet, beschwert sich die ‚Süddeutsche‘, Kanzlerin Merkel hält die Entscheidung der Allianz, die sie nicht korrigieren kann, für bedauerlich. Sie selbst haben diesen systemtragenden Schwindel ja jahrelang in die Welt gesetzt und für seine Verbreitung gesorgt, wonach „Wachstum Arbeitsplätze schafft“. Das war das Versprechen, mit dem das Volk sich unter ihrer Anleitung einbilden durfte, der Geschäftserfolg des Kapitals käme auch ihm zugute. Also lässt man sich es auch nicht nehmen, das so betreute Volk dann weiter an die Hand zu nehmen, wenn es in seiner Lebenslüge ein wenig irritiert wird. Man bringt zum Ausdruck, dass es mit seinen Sorgen bei der Regierung gut aufgehoben ist und dass man dort die Irritation und das ihr zugrundeliegende Gerechtigkeitsempfinden nur zu gut versteht. Das ist dann allerdings keineswegs das letzte Wort, sondern der Auftakt dazu, die ‚verständlichen‘ Beschwerden zurechtzurücken. Die für Volkes Meinung Zuständigen gehen regelmäßig dazu über, auch für diese ‚empörenden‘ Entlassungen dann doch wieder gute Gründe ins Feld zu führen, den „Arbeitsplatz“ zuallererst. Ein Volk, das schon so viel eingesehen hat und billigt, wird ja wohl auch verstehen können, dass Unternehmen gerade wegen des hohen Auftrags, in dem sie unterwegs sind, ihre „Gewinnsituation“ auch „für die Zukunft sichern“, also heute entlassen müssen, um die verbleibenden „Arbeitsplätze sichern“ und morgen wieder mehr von denen „schaffen“ zu können: Gerade ein vorausschauendes Unternehmen entlässt seine überflüssigen Mitarbeiter genau dann, wenn der Konzern gesund ist, sich nicht in einer tiefen Krise befindet und Notoperationen vornehmen muss! So nageln Regierende und Öffentlichkeit das Volk auf seinen dummen Glauben fest und weisen es zugleich zurecht: Aus dem verletzten Gerechtigkeitsempfinden lässt sich ein Anspruch auf „Beschäftigung“ jedenfalls nicht ableiten. Entlassungen darf das Volk jederzeit und zusammen mit seiner Kanzlerin für bedauerlich halten. Es muss aber einsehen, dass sie einfach unvermeidlich sind.

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Manchmal aber finden Politiker an den Lebenslügen, die sie selbst in die Welt gesetzt und heftig kultiviert haben, keinen Geschmack mehr: Rüttgers wiederholte, die Union müsse sich von ‚Lebenslügen‘ verabschieden, wie der, dass niedrige Steuern zu mehr Investitionen und Arbeitsplätzen führten. (SZ, 7.8.06) Der Aufrichtigkeit verpflichtet, wie er nun einmal ist, hält der Mann es einfach nicht mehr aus, dem Volk in Form einer Wirkungskette das Versprechen von mehr Arbeitsplätzen zu unterbreiten. Er ist nämlich der Auffassung, dass es seiner Partei nicht gut tut, wenn die sich allzu sehr und immerzu nur mit Steuernachlässen fürs Kapital profiliert und der dem Volk in Aussicht gestellte Nutzen auf Dauer ausbleibt. Daher will er unbedingt das soziale Profil seines Wahlvereins schärfen – was er damit auch schon getan hat: Wenn die Partei den Unternehmen in Zukunft Steuern schenkt, dann tut sie es, ohne dies dem Volk als Königsweg zu „mehr Arbeitsplätzen“ zu verkaufen.


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