Der Einsturz der Mine San José in Chile: Ein Unglück wie aus dem Bilderbuch

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-10 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Der Einsturz der Mine San José in Chile: Ein Unglück wie aus dem Bilderbuch

Überblick

Ein Bergwerksunglück ist eigentlich nichts Besonderes. Weltweit kommen ständig Bergleute ums Leben. Der Abbau in der Tiefe ist gefährlich, die Rentabilität der Minen verlangt, dass gewisse Risiken eingegangen werden, und mit der Bereitschaft zu höheren Risiken können auch höhere Renditen erzielt werden. Das gilt überall, wo der Staat dafür sorgt, dass der Bergbau marktwirtschaftlich betrieben wird. Und eben auch in einer Bergbaunation wie Chile, wo die Arbeit in den Minen einen großen Teil des nationalen Reichtums schafft.

Wenn es mal wieder ein paar Tote gibt, ist das der Öffentlichkeit normalerweise keine große Nachricht wert.

Mitte Oktober ereignet sich aber ein Unglück von besonderem Reiz: Die verschütteten Bergleute kommen nämlich nicht einfach um, sondern sie schaffen es, in einem Schutzraum in 700 Meter Tiefe zu überleben. Nach zwei Wochen werden sie geortet, und wie sie da so sitzen, ausgemergelt und hilflos in der Grube, liefern sie den Stoff für ein großes Rührstück.

Der Einsturz der Mine San José in Chile: Ein Unglück wie aus dem Bilderbuch

Ein Bergwerksunglück ist eigentlich nichts Besonderes. Weltweit kommen ständig Bergleute ums Leben. Der Abbau in der Tiefe ist gefährlich, die Rentabilität der Minen verlangt, dass gewisse Risiken eingegangen werden, und mit der Bereitschaft zu höheren Risiken können auch höhere Renditen erzielt werden. Das gilt überall, wo der Staat dafür sorgt, dass der Bergbau marktwirtschaftlich betrieben wird. Und eben auch in einer Bergbaunation wie Chile, wo die Arbeit in den Minen einen großen Teil des nationalen Reichtums schafft.

Wenn es mal wieder ein paar Tote gibt, ist das der Öffentlichkeit normalerweise keine große Nachricht wert.

Mitte Oktober ereignet sich aber ein Unglück von besonderem Reiz: Die verschütteten Bergleute kommen nämlich nicht einfach um, sondern sie schaffen es, in einem Schutzraum in 700 Meter Tiefe zu überleben. Nach zwei Wochen werden sie geortet, und wie sie da so sitzen, ausgemergelt und hilflos in der Grube, liefern sie den Stoff für ein großes Rührstück.

Rettung steht an, und der Staat lässt sich nicht lumpen. Jetzt, im Unglück, wo die wirtschaftlichen Berechnungen obsolet, die Kumpels nicht mehr Arbeitskraft, sondern nur noch Menschen sind, erklärt er sich mit seinen Minenarbeitern solidarisch. Er sieht sich herausgefordert, um das Überleben der Verschütteten zu kämpfen.

Ohne Rücksicht auf Kosten lässt er eine technisch schwierige und aufwändige Rettungsaktion durchführen: Für die Bergung wird weltweit bestes Gerät besorgt, eine Weltraumkapsel umgebaut und die Kumpels werden von den besten Spezialisten, die die chilenische Marine und die NASA für solche Katastrophenszenarien aufzubieten haben, physisch und psychisch betreut. Mit der Rettungsaktion beweist sich der Staat ganz praktisch als machtvoller Schutzpatron, der willens und fähig ist, die beste Technik und das weltweit beste Know-how für sein Volk einzusetzen. Die staatliche Macht, von deren Erlaubnissen und Beschränkungen die Lebensgestaltung der Leute in jeder Hinsicht abhängt und die mit ihren Verfügungen dem Großteil der Bevölkerung das Leben schwer macht, zeigt sich hier, ganz unbedingt und selbstlos, als potente helfende Hand. Und damit auch jeder die Identität des Staates mit den Bedürfnissen der Leute mitkriegt, wird die Rettung nicht nur durchgeführt, sondern auch entsprechend inszeniert: Der Präsident setzt sich einen Helm auf, lässt sich als Bergarbeiter ablichten und das Elend der Kumpel wird zum Ausdruck chilenischer Tugend und chilenischen Heldentums stilisiert. Mit diesen Bildern wird die Lüge vom Staat und seinem Personal als Inkarnation einer großen Volksgemeinschaft in den Medien präsentiert.

Als die Bergung nach 69 Tagen endlich gelingt, gerät sie zur nationalen Jubelfeier: Die Rettungskapsel ist in den chilenischen Landesfarben bemalt. Noch bevor die Bergleute sie verlassen, bekommen sie eine Fahne in die Hand gedrückt, und als sie endlich ans Licht treten, wissen sie nicht, wen sie lieber umarmen sollen: die eigene Frau oder den Präsidenten. Tränen der Freude und der Rührung. Die ganze Nation ist ergriffen. Überall im Land gibt es Autokorsos mit Chi-Chi-Chi-Le-Le-Le-Rufen, wie nach einem nationalen Fußballerfolg.

Offenbar geht in den Köpfen der Leute sehr viel durcheinander: Erleichterung und Freude über eine Rettung, die nicht die ihre ist, vermischen sich ununterscheidbar mit einer absurden Dankbarkeit und einem absurden Stolz, der Nation anzugehören, der man sowieso nicht auskommt und die für das eigene Leben zum Beispiel so was Schönes wie die Existenz als Minenarbeiter bietet. So schafft es der chilenische Staat, aus dem Elend seiner Bergleute eine nationale Jubelveranstaltung zu machen.

Aber auch jenseits der chilenischen Grenze bietet die Inszenierung der Rettungsaktion Material zur sittlich-moralischen Erbauung. Das Schicksal der Eingeschlossenen wird weltweit übertragen. Möglichst hautnah, real time im Internet oder in bunten Erlebnisberichten der Tageszeitungen können die Zuschauer das Elend und Glück der Bergleute miterleben, deren Disziplin und Durchhaltevermögen und die Umsicht und Kenntnis der Retter bewundern und sich davon anrühren lassen, dass in dieser Geschichte die Tugenden und guten Absichten nicht den kleinlichen Berechnungen des Alltags zum Opfer fallen, sondern hier tatsächlich, wie sonst nur im Märchen, das Mächtige gut und das Gute mächtig ist: Das Wunder von San José.

Für die geistige Elite hält die Geschichte noch einen weiteren Genuss bereit. Insbesondere diejenigen, die als Öffentlichkeit das moderne Märchen für das einfache Volk organisieren, goutieren die Angelegenheit aus einer anderen, höheren Warte. Sie durchschauen die staatliche Inszenierung und begutachten die von ihnen bebilderte Lüge von der Nation als Solidargemeinschaft vom Standpunkt gelungener Volksbetörung:

„Werden Katastrophen professionell und zugleich menschlich gehandhabt, können sie viel zur nationalen Mythenbildung beitragen.“ (dieses und die folgenden Zitate aus SZ, 14.10.10)

Die professionellen Meinungsbildner der SZ verstehen eben was von Manipulation und wissen, welche Rolle einem Unglück in der staatlichen Betreuung der nationalen Volksseele zukommt – und die handwerklich saubere Arbeit von Präsident Piñera nötigt ihnen Respekt ab:

„Klingende Glocken, tanzende Menschen, ein Land im nationalen Rausch – und mittendrin Chiles Präsident Sebastián Piñera mit der Landesfahne in der Hand. Der Präsident hat alles richtig gemacht.“

Doch bei aller Professionalität der Volksbetörung: Dem erfolgreich geschaffenen Wunder von San José steht Realität einer Ausbeutungsgesellschaft mit ihren notorischen Unglücksfällen gegenüber, die den gerade so schön gepflegten Mythos der nationalen Einheit beschädigen könnte:

„Allerdings bergen erfolgreiche Inszenierungen die Gefahr, dass das Wesentliche zu kurz kommt: die Suche nach den Ursachen und ihre Behebung. Werden in den kommenden Monaten in Chile erneut Minenarbeiter verschüttet und hat die Regierung bis dahin die Sicherheitsauflagen nicht verschärft, dürfte die Freude der Chilenen in Wut umschlagen.“

Mit ein paar Sicherheitsauflagen sollte die Politik das positive Bild, das sie mit ihrer Inszenierung von der Nation geschaffen hat, schon unterfüttern. Nur dann nämlich kommt das Wesentliche nicht zu kurz, und es lässt sich auch mit den nächsten, absehbaren Unglücksfällen gut Staat machen.


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