Deutschland im Jahr 2015

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-15 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Deutschland im Jahr 2015
Glanzleistungen demokratischer Regierungskunst

Systematischer Katalog: 
Länder & Abkommen: 
Überblick

I. Der Mindestlohn kommt!

Das Jahr beginnt mit einem großen Triumph der kleinen Koalitionspartei, die amtierende Ministerin für soziale Belange platzt vor Stolz aus allen Nähten: „Zehn Jahre streiten wir uns nun über das Für und Wider eines Mindestlohns und jetzt kommt er“ – ab dem ersten Januar gilt in Deutschland ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Frau Nahles hält es für „nicht übertrieben, zu behaupten: Wir setzen heute einen Meilenstein in der Arbeits- und Sozialpolitik der Bundesrepublik Deutschland.“

Was ist daran eigentlich so großartig?

II. Griechenland, Euro, Europa – gerettet!

Gegen Jahresmitte hat die Regierung einen Europa- und Euro-politischen Triumph zu verkünden: Sie hat die Griechen kleingekriegt. Nein, natürlich nicht „die Griechen“ – deren europäische Zukunft haben Merkel und Schäuble vielmehr in gemeinsamer Anstrengung gerettet. Kleingekriegt haben sie die griechische Regierung, die das höchste Gut verspielt hat, das in Europa zu haben ist: das Vertrauen der Regierenden in Berlin.

III. Die Flüchtlingskrise – „Wir schaffen das!“

Im Spätsommer des Jahres läuft die Kanzlerin zur Höchstform auf und verschafft sich mit einem kleinen Satz ihren ganz großen Auftritt. Ihre Botschaft ist angesichts der zunehmend eskalierenden Berichterstattung der deutschen Öffentlichkeit, die die Flüchtlingstrecks auf der Balkanroute begleitet, unmissverständlich: Lesbos, Aylan, Stacheldraht, der Kühllaster, der Budapester Hauptbahnhof ... eine gigantische humanitäre Katastrophe bahnt sich an, und sie bewegt sich auf Deutschland zu. So braucht die Kanzlerin nur drei Wörter, um damit dem ganzen Land eine menschlich gebotene Gemeinschaftsaufgabe anzusagen: „Wir schaffen das!“ Ein Riesenkompliment, das sie Deutschland damit ausstellt; ein Kompliment an die ganze Nation – an das potente Staatswesen wie alle seine mitfühlenden Insassen gleichermaßen: „Wer, wenn nicht wir ...“ kann da wirklich was bewegen und wird diese Flüchtlingskatastrophe bewältigen?

IV. Europas Kampf um die Werte – „nous sommes unis“

an einem Freitagabend gibt es einen Terroranschlag in Paris: Bombenanschläge neben dem Stadion, in dem gerade ein deutsch-französisches Fußballfreundschaftsspiel läuft, Schießereien in Bars und Cafés, eine stundenlange Exekution bei einem Rock-Konzert; in der Summe 130 Tote. Und sofort ist klar: „nichts ist mehr wie vorher“. Mit Paris „ändert sich alles“.

Wieso eigentlich?

Deutschland im Jahr 2015
Glanzleistungen demokratischer Regierungskunst

I. Der Mindestlohn kommt!

Das Jahr beginnt mit einem großen Triumph der kleinen Koalitionspartei, die amtierende Ministerin für soziale Belange platzt vor Stolz aus allen Nähten: Zehn Jahre streiten wir uns nun über das Für und Wider eines Mindestlohns und jetzt kommt er – ab dem ersten Januar gilt in Deutschland ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Frau Nahles hält es für nicht übertrieben, zu behaupten: Wir setzen heute einen Meilenstein in der Arbeits- und Sozialpolitik der Bundesrepublik Deutschland.

Was ist daran eigentlich so großartig?

Zunächst schlicht die Tatsache: dass sie den Mindestlohn überhaupt verwirklicht, d.h. mit aller staatlichen Macht durchgesetzt hat. Schließlich weiß jeder, gegen wen sie ihn durchgesetzt hat: vor allem gegen die versammelte deutsche Unternehmerschaft, die lange Zeit hartnäckigen Widerstand geleistet hat. Mit einem einzigen, so schlichten wie schlagenden Argument: ihrem privaten Gewinninteresse. So enthält das Selbstlob der Ministerin ein paar interessante Klarstellungen:

Erstens die, dass in dem Land, das sie mitregiert, das Interesse von Unternehmern an beliebig schlechter Bezahlung ihrer Dienstkräfte zur Verbesserung ihrer Gewinnkalkulation als maßgebliches Prinzip allen Wirtschaftens gilt. Zweitens bekennt sich die Ministerin fürs Soziale zu der ganz außerordentlichen Stellung dieses Partikularinteresses, von der die Unternehmer ihrerseits mit ihrer Drohung einfach ausgegangen sind, die sie für den Fall der Einführung des Mindestlohnes in den Raum gestellt haben: Zwingt man sie beim Löhne-Zahlen zur Einhaltung irgendeiner Untergrenze, behalten sie sich vor, die Löhne eben ganz zu streichen, also mit den Arbeitsplätzen deren ‚Besitzern‘ die Existenzgrundlage zu nehmen. Für ihren privaten Materialismus beanspruchen diese selbstbewussten Damen und Herren, dass dieser zugleich viel mehr als ein solcher ist – deshalb heißen sie ja auch ‚die Wirtschaft‘. Wenn schon von ihren Gewinnen abhängt, ob der Rest des Volkes überhaupt leben darf, dann sind niedrige Löhne nicht nur im Interesse ihres Gewinns, sondern glatt noch ein Dienst an denen und daher im Interesse derer, die von solchen Löhnen nicht leben können. Die Frau Sozialministerin, deren Beruf das politische Kommando über diese Gesellschaft ist, geht völlig selbstverständlich von dieser Abhängigkeit der ganzen Gesellschaft vom materiellen Privatinteresse der unternehmerischen Minderheit, von der materiellen Unterwerfung aller anderen unter deren ökonomisches Kommando, aus. Sie erklärt diese Abhängigkeit kraft ihres Amtes zum Sachzwang, der gilt. Und was sie da anerkennt, bereitet ihr zugleich Sorgen.

Als Ministerin fürs Soziale ist sie nämlich von Amts wegen um die Lage der Geringverdiener schwer besorgt: Da gibt es Millionen von Menschen, die fleißig arbeiten, aber bisher billig abgespeist wurden; Leute mit Vollzeitarbeit und trotzdem immer noch Hartz-IV-Fälle. Darin sind sie für Frau Nahles ein doppeltes Problem.

Einerseits ein menschliches. Sie sieht in der für Millionen von Menschen gültigen Gleichung von Arbeit in Vollzeit und einer Entlohnung unterhalb des Existenzminimums einen einzigen skandalösen Widerspruch – Fleiß gegen billiges Abspeisen, das haben die Beschäftigten nicht verdient. Und zwar in einer viel edleren als in schnöder materieller Hinsicht: Verdient hat der Mensch laut Frau Nahles, dass, wer Vollzeit arbeitet, auch von dieser Arbeit leben können muss. Und das heißt: Bei so tatkräftigen wie verzichtsbereiten Existenzen ist ein Mindestlohn nicht geschenkt, sondern verdient. Dass Menschen, die nicht bis zum Anschlag arbeiten, in diesem Land auch keine materielle Existenz zu erwarten haben, ist als moralischer Grundsatz abgehakt. Wenn aber massenhaft Leute, die dieses selbstverständliche Kriterium erfüllen, der Gemeinschaft trotzdem auf der Tasche liegen müssen, dann verletzt das eindeutig deren Würde. Die Menschenwürde fordert nämlich, dass unbedingter Fleiß und Verzichtsbereitschaft zumindest mit einem Existenzminimum entgolten werden: Auf so viel Anerkennung als nützliche Bürger haben auch die prekärsten Existenzen ein Recht.

Was allerdings noch gar nicht heißt, dass aus diesem Recht auch Wirklichkeit wird – es ist eben bloß ein moralisches. Es gibt da aber noch ein weiteres, und zwar echt materielles Problem, das der Würde der armen Leute ein politisches Gewicht gibt. Das haben die staatlichen Sozialkassen:

„Das Gesetz schützt Beschäftigte im Niedriglohnsektor vor Dumpinglöhnen und verringert so die Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die trotz Vollzeitbeschäftigung auf Sozialleistungen angewiesen sind.“

Erstens also sind die Sozialkassen nicht dafür da, dass sie von Bedürftigen in Anspruch genommen werden – schon gar nicht in steigendem Umfang. Und zweitens erst recht nicht dafür, dass die Arbeitgeber die Sozialkassen systematisch in ihre Lohndrückerei einpreisen. Dann wird aus einem standortnützlichen ‚Niedriglohnsektor‘ ein Vergehen namens ‚Dumpinglohn‘ und aus „Lohnaufstockungen“ vom Sozialamt die Subvention unfairer Konkurrenzmethoden der Unternehmer.

Also zweimal Für, einmal Wider: Die Abwägung zwischen diesen konkurrierenden Werten – legitime materielle Interessen von Gewicht, Menschenwürde, Staatsfinanzen – ist im reichsten Land Europas per se schon schwierig genug. Und eine eigene Herausforderung für die Regierung allein schon deswegen, weil das Kräfteverhältnis zwischen den Beteiligten auch schon klar ist.

Durchzusetzen ist ein Mindestlohn sowieso nur von Staats wegen gegen die Wirtschaft und ihre Lobby. Dass die Arbeitgeber den Teufel tun werden, sich an ein neues Gesetz zu halten, bloß weil es die Regierung per hoheitlichen Beschluss erlassen hat, dass der Mindestlohn also bloß einer auf dem Papier bleibt, der niemandem nützt, wenn er nicht auch irgendwie in der Wirklichkeit ankommt – das ist Frau Nahles völlig geläufig. Und das ist schon ein starkes Stück, denn immerhin bekennt sich hier die Vertreterin des staatlichen Gewaltmonopols zur Macht des Unternehmerinteresses, dessen Gültigkeit sie selbstverständlich anerkennt. Deshalb muss der Mindestlohn zwar gegen die Unternehmer durchgesetzt und seine praktische Einhaltung kontrolliert werden – dafür klopft sich die Frau jetzt schon stolz auf die Schulter –, aber allzu nahe treten will sie der Unternehmerschaft damit keinesfalls: Natürlich nehmen wir die Sorgen vieler Arbeitgeber ernst. Es wäre ja auch noch schöner, wenn die Mit-Inhaberin des politischen Kommandos über den Standort den Inhabern des ökonomischen Kommandos im Lande das Wasser abgraben wollte. Das herrschende materielle Interesse wird nicht mit dem Verweis auf das Gewaltmonopol niedergebügelt und die neue Rechtslage durchgesetzt, vielmehr betont die zuständige Ministerin, dass beim gesetzlichen Einspruch gegen grenzenlose Lohndrückerei das Einverständnis mit den Arbeitgebern gesucht wird.

Durchzusetzen ist ein Mindestlohn vor allem aber nur – und das streicht Frau Nahles besonders gerne heraus – von der mitregierenden Sozialdemokratie gegen die Verfechter der Arbeitgeberinteressen in der Mehrheitsfraktion der großen Koalition. Woraus gleich dreierlei hervorgeht:

Erstens ist das materielle Interesse der Unternehmer hierzulande nicht bloß anonymer Sachzwang und Gegenstand von Lobby-Arbeit, sondern selbstverständlicher fester Bestandteil der politischen Verantwortung, die gewissenhafte Parlamentarier fürs Gemeinwohl tragen. Gerade deswegen braucht es gewissenhafte Sozialdemokraten, die sich als mitregierende Genossen für eine Korrektur am derart herrschenden Interesse verdient machen.

Zweitens gebietet das sozialdemokratische Gewissen, sich beim Einsatz für die sozial Schwachen auf keinen Fall an den Verhältnissen zu vergreifen, die dauernd „sozial Schwache“ produzieren, sondern auf deren Stabilität hinzuwirken:

„Das Gesetz, das uns heute vorliegt, ist gut geworden und ein notwendiger Schritt. Es schafft sozialen Frieden und mehr soziale Stabilität, es schafft ein Stück mehr soziale Gerechtigkeit in unserem Land. Es ist wichtig und richtig, (…) dass Millionen Menschen endlich ihren verdienten Lohn bekommen. Das ist moderne soziale Marktwirtschaft im 21. Jahrhundert.“

Für nicht weniger, aber auch für nicht mehr als eine Korrektur an den herrschenden Interessen treten tapfere Sozialdemokraten ein: für Korrekturen, die den herrschenden Verhältnissen und der fraglosen Macht der geltenden ökonomischen Interessen einen modernen Zuschnitt und Haltbarkeit fürs laufende Jahrhundert garantieren sollen. Dafür wird unablässig immer noch ein „Stück soziale Gerechtigkeit“ durchgesetzt – 8,50 Euro die Stunde ganz ohne Gang zum Sozialamt! – und die Sicherung des sozialen Friedens beschworen, von dem jeder weiß, dass ihn in Wahrheit niemand gefährdet. So geht gelebte Sozialdemokratie!

Drittens gilt der Stolz der Ministerin nicht zuletzt, sondern zuerst dem errungenen Triumph im permanenten koalitionsinternen Ringen um die demokratisch wirklich entscheidende Frage: wer sich im Biotop der Regierenden als gestaltende Macht durchsetzt. Dass sie das geschafft hat, kann sie gar nicht oft genug betonen:

„Wir haben in den Koalitionsverhandlungen darauf bestanden, dass, wer Vollzeit arbeitet, auch von dieser Arbeit leben können muss.“

Das hat sie jetzt geschafft – und damit die politische Sache, für die sie zuständig ist, erfolgreich funktionalisiert für die eigentliche Sachfrage, um die es in der Demokratie andauernd geht: die ad personam gestellte und zu beantwortende Machtfrage. Ein Land, das über eine solche Sozialministerin verfügt, muss sich um den sozialen Frieden jedenfalls keine Sorgen machen.

II. Griechenland, Euro, Europa – gerettet!

Gegen Jahresmitte hat die Regierung einen Europa- und Euro-politischen Triumph zu verkünden: Sie hat die Griechen kleingekriegt. Nein, natürlich nicht „die Griechen“ – deren europäische Zukunft haben Merkel und Schäuble vielmehr in gemeinsamer Anstrengung gerettet. Kleingekriegt haben sie die griechische Regierung, die das höchste Gut verspielt hat, das in Europa zu haben ist: das Vertrauen der Regierenden in Berlin. Geschafft haben das Tsipras und Co. mit „taktischen Spielchen“ – gemeint sind verzweifelte Versuche der zu Jahresbeginn ins Amt gewählten, nach deutschen Begriffen ganz, ganz linken Mannschaft in Athen, von ihren volksfreundlichen Wahlversprechen wenigstens ein bisschen was, wenigstens einen Schein von Erfolg vor dem aus Brüssel verordneten „Reformkurs“ zu retten. Politiker, die nach der Wahl ernst nehmen, was sie vorher als alternativlos beschworen haben, sind demokratisch unzurechnungsfähig und keine seriösen Verhandlungspartner für die in Deutschland regierenden Anwälte der reinen ökonomischen Vernunft und der „Schwarzen Null“ im Staatshaushalt. Schon gar nicht, wenn der griechische Populismus in Gestalt eines Finanzministers daherkommt, der seine Kollegen als Wissenschaftler mit Argumenten zu Währungsfragen zu überzeugen sucht, also mit einer Besserwisserei nervt, hinter der doch gar nichts anderes als die Ohnmacht eines Staatsbankrotts steht. Wohingegen die Macht des Gläubigers dem Standpunkt der Berliner Reformpolitiker Recht gibt, dass Griechenland seinen Verbleib in der Euro-Zone mit „Sparmaßnahmen“ zu bezahlen hat, die den Lebensunterhalt des Volkes auf das Maß der verlorengegangenen Konkurrenzfähigkeit des Landes und der akkumulierten Defizite seiner Banken und seiner Herrschaft reduzieren.

Letzteres hat Berlin also am Ende doch noch durchgesetzt gegen eine nach allen Regeln der agitatorischen Kunst geächtete Regierungsmannschaft, die ihrem Volk die segensreiche „Rosskur“ einer Rettung durch Verelendung vorenthalten wollte. Doch das will die deutsche Führungsmacht in aller Bescheidenheit gar nicht als ihre wahre Leistung gewürdigt wissen. Viel bedeutender ist die fundamentale Bewährungsprobe, die die Berliner Verantwortlichen zu meistern hatten und gemeistert haben: Berichtet wird von einem „Spagat“ zwischen der Rettung des Euro und der Rettung Europas inklusive Griechenland.

Auf der einen Seite steht, als großes Sorgeobjekt, passenderweise anvertraut dem Hüter der „Schwarzen Null“, Minister Schäuble, der Wert unseres Geldes. Der ist nämlich durch den Gebrauch staatlicher Schulden für die schnöden Lebensbedürfnisse der „einfachen Leute“ gefährdet – grundsätzlich, nicht nur in Griechenland, dort aber exemplarisch. Auf deren Kosten muss er also bewahrt, im Ernstfall gerettet werden – grundsätzlich, nicht nur in Griechenland, dort aber exemplarisch. Das erklärt die Regierung ihrem Volk, setzt es also nachdrücklich in Kenntnis über den grundsätzlichen Gegensatz zwischen dem Geld, mit dem die Masse der „kleinen Leute“ über die Runden kommen muss, und dem Geldwert, dem die Regierung verpflichtet ist und um den es an den Finanzmärkten irgendwie entscheidend geht: Kriegt das Volk zu große Geldsummen in die Hand, unter denen die „Wettbewerbsfähigkeit“ des nationalen Kapitalstandorts leidet – und erst recht, wenn es die in die Hand kriegt, obwohl das Kapital schon nicht mehr konkurrenzfähig ist –, dann machen die Summen den Geldwert kaputt. Dabei mag das griechische Volk sich denken, was es will: Dem deutschen Volk wird diese Aufklärung über den Gegensatz zwischen „Wettbewerbsfähigkeit“ und Geldwert auf der einen Seite, auskömmlichen Masseneinkommen auf der anderen Seite in Form eines Kompliments verabreicht – eines Lobs der Regierung für sich selbst: Bei ihren eigenen Landeskindern hat sie rechtzeitig dafür gesorgt, dass die von den Massen mit ihren Lohnstückkosten verdienten und die vom Staat fürs Volk verwendeten Summen klein genug ausfallen, sodass sie dem Erfolg des Kapitalstandorts und dem Wert seines Geldes nicht in die Quere kommen. In der Kindersprache, die sich die Regierung für ihre Kommunikation mit dem Volk zugelegt hat: Sie hat „ihre Hausaufgaben gemacht“, rechtzeitig und erfolgreich. Deswegen traut sie sich auch, ihrem Volk gleich den Widerspruch zuzumuten, dass besagte „Hausaufgaben“ das Beste für „uns alle“ zum Inhalt haben: „Unser Geld“ hat seinen Wert bewahrt. Was für ein schöner Erfolg: Summe klein, aber dadurch Einheit stabil! So schafft das Possessivpronomen mit seiner Doppeldeutigkeit Einheit zwischen Führung und Volk – und klärt den Blick auf das griechische Problem: Dort muss das Volk an Entbehrungen nachholen, was eine falsche Politik ihm erspart hat, damit der Euro, „unser aller“ Euro, seinen Nennwert behält. Andernfalls muss man ihn dem Land dort wegnehmen, damit die anderen Völker für ihre rechtzeitigen Entbehrungen wenigstens von der Stabilität des Euro etwas haben, wenn schon nicht von der Anzahl, die die Mehrheit in die Finger kriegt. Und weil Griechenlands Regierung sich auf den Standpunkt versteift, noch weniger Euro fürs Überleben wären ihren Volksmassen nicht zuzumuten, bleibt im Grunde nur eins: der „Grexit“. Dann ist es eben vorbei.

So weit, so klar: die eine Seite des „Spagats“.

Auf der anderen Seite des breitbeinigen deutschen Auftritts stehen, als Sorgeobjekt der Kanzlerin, Europas Werte. Genauer: Europa als Wert; insbesondere der Euro als stärkster Ausdruck unseres Willens, die Völker Europas wirklich im Guten und Friedlichen zu vereinen. Was für ein schönes Bekenntnis: Deutschlands Idealismus der freiwilligen Einigung des Kontinents setzt auf die Notwendigkeit, ein und dasselbe „gute Geld“ zu verdienen; friedliche Subsumtion der Völker Europas unter ein einheitliches Regime geht nicht mit Gewalt, das funktioniert nur mit dem Sachzwang der Konkurrenz um ein und dieselbe Währung. Darauf setzt die Kanzlerin in ihrem gar nicht idealistischen Europa-Einigungs-Programm so fest, dass sie dafür plädiert, mit dem Geld die Einheit Europas zu retten. Dafür muss dann auch schon mal eine Summe her: Wenn die Griechen einsehen und akzeptieren und ihre Herrschaft beschließen lassen, dass der Euro nicht für sie und ihr Überleben da ist, dann kann er für die Einheit der Völker Europas da sein und ausnahmsweise in größerer Menge ausgeliehen werden. 86 Milliarden Kredit – an wen? Egal. An „die Griechen“ jedenfalls nicht. Umgekehrt: Auf deren nationales Schuldenkonto werden die 86 Milliarden jedenfalls gebucht. Und diese großherzige Tat erklärt die Berliner Regierung ihrem Volk als notwendiges Opfer, das sie stellvertretend für ihr gutgesinntes Volk bringen muss, um des Ideals einer gesamteuropäischen Völkergemeinschaft willen. Entscheidend daran: Deutschland lässt die ökonomischen Muskeln spielen – das Volk, das sich mittels Erledigung der anstehenden „Hausaufgaben“ für die nötige Muskelbildung hat benutzen lassen und weiter benutzen lässt, darf stolz darauf sein, dass „wir“ Europas Führungsmacht sind.

Unter dem Strich lautet also die große Leistung, die die Kanzlerin ihrem Publikum vermeldet: Die griechische Schuldenkrise war eine ungemein schwierige Herausforderung an die deutsche Regierungskunst, von deren Bemeisterung Wohlstand und Werte des Euro- und Europa-Bürgers abhängen. Dementsprechend großartig ist also die Härte und Unerbittlichkeit zu verstehen, mit der die Berliner Regierung die Problemlage zu Lasten ihrer unwürdigen griechischen Kollegen bereinigt hat; womit sie nebenher auch alle kleingeistigen euro- und europakritischen Einwände ihrer hauseigenen Bedenkenträger gleich noch mit in die Schranken weist. Von der politischen Sache, die auf diese Weise zur ultimativen Bewährungsprobe deutscher Regierungskunst aufbereitet worden ist, braucht niemand etwas zu verstehen, um die Hauptsache zu bemerken: Diese Nation ist zu nichts Geringerem berufen als zur Führung des Kontinents. Dafür lohnen sich die Opfer, die das deutsche Volk im Interesse der Konkurrenzfähigkeit deutscher Unternehmer schon längst erbracht hat; und erst recht die Opfer, um die – nicht nur – Griechenland samt Volk wegen der Konkurrenzschwäche seiner Unternehmen sowieso nicht herumkommt.

III. Die Flüchtlingskrise – „Wir schaffen das!“

Im Spätsommer des Jahres läuft die Kanzlerin zur Höchstform auf und verschafft sich mit einem kleinen Satz ihren ganz großen Auftritt. Ihre Botschaft ist angesichts der zunehmend eskalierenden Berichterstattung der deutschen Öffentlichkeit, die die Flüchtlingstrecks auf der Balkanroute begleitet, unmissverständlich: Lesbos, Aylan, Stacheldraht, der Kühllaster, der Budapester Hauptbahnhof ... eine gigantische humanitäre Katastrophe bahnt sich an, und sie bewegt sich auf Deutschland zu. So braucht die Kanzlerin nur drei Wörter, um damit dem ganzen Land eine menschlich gebotene Gemeinschaftsaufgabe anzusagen: Wir schaffen das! Ein Riesenkompliment, das sie Deutschland damit ausstellt; ein Kompliment an die ganze Nation – an das potente Staatswesen wie alle seine mitfühlenden Insassen gleichermaßen: Wer, wenn nicht wir ... kann da wirklich was bewegen und wird diese Flüchtlingskatastrophe bewältigen?

Fragt sich nur: wer denn eigentlich, wenn „wir“?

Von ihrer Kanzlerin angesprochen werden die Deutschen auf einer ganz privaten Ebene, quasi von Mensch zu Mensch: Alle ihre Landeskinder, und sie als eine von ihnen, sind ein wahrhaft humanitärer Samariterverein. Das sagt sie sehr nachdrücklich und halb beleidigt der Nation an: Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land. Was der Betroffenheit der Frau Merkel freilich überhaupt nur Bedeutung gibt, was ihre Ansage von einer Sonntagspredigt über die Nächstenliebe unterscheidet und zwar gewaltig, ist die Tatsache, dass die Chefin des Landes zu ihrem Fußvolk eben gar nicht einfach menschlich privat spricht. Was ihren Worten das Gewicht verleiht, so dass sich kraft ihrer Ansage in Sachen Katastrophenbewältigung wirklich was bewegt, ist zum einen die Potenz der deutschen Nation – und zum anderen, dass sie dieser Nation vorsteht. Dass sie nicht via Talk-Show und per Spendenaufruf, sondern per Anweisung an ein großes Beamtenheer alle Hebel der Kommandogewalt in der Hand hat, und dass die Potenzen, über die sie kommandiert, eine ordentliche Größe haben – das unterscheidet sie von allen anderen „Mitbürgern“, die sie so vereinnahmend anredet.

Diejenigen, die sich von ihrer Ansage als moralische Individuen in ihrer menschlichen Betroffenheit angesichts des Flüchtlingselends angesprochen fühlen, haben von sich aus so gut wie nichts in der Hand, um an der von ihrer Landeschefin angesagten Gemeinschaftsaufgabe mitwirken zu können. Ob sie alleine zur Tat schreiten oder gemeinsam was Nettes organisieren – sie kommen schnell an die Grenzen ihrer privaten Fähigkeiten. Und über irgendwelche Befugnisse verfügen sie schon gleich nicht: Was aus den Flüchtlingen und der Gemeinschaftsaufgabe überhaupt wird, darüber entscheiden praktisch die zuständigen Instanzen, nicht sie.

Das private Engagement ihrer Landeskinder ist der Kanzlerin jedoch sehr willkommen als Belegmaterial dafür, dass sie mit ihrem Kommando dem anständigen Deutschen aus dem Herzen spricht. Denn nur wegen der Gleichsetzung ihrer hoheitlichen Entscheidung, Flüchtlinge bis auf weiteres in irgendwelchen Lagern zu verstauen, mit dem Aufruhr von Mitleid und Hilfsbereitschaft, der sich im Lande rührt und den die Öffentlichkeit gebührend herausstellt, fällt auf die Nation das großartige Licht eines humanitären Gesamtkunstwerks, das die Regierungschefin stolz und dankbar macht: Die Welt sieht Deutschland als ein Land der Hoffnung und der Chancen. Wenn sie dann noch hinzufügt: Und das war wahrlich nicht immer so und damit implizit auf die Großtaten des Dritten Reichs anspielt, dann stellt sie ihre politischen Entscheidungen in einen historischen Zusammenhang, der von ihrer Größe zeugt und ihr unbedingte Zustimmung sichern soll. Sie wird schon wissen, warum sie dieses große Kaliber bemüht: Es gehört schließlich zum Weltbild der Mehrheit in ihrer eigenen Partei, alles, was einem an Deutschland missfallen kann, der Überfremdung der Nation durch illegale Ausländer und sonstige Migranten zur Last zu legen. Mit ihrer Ansage: ... dann ist das nicht mein Land! will sie diesen Widerständen von vornherein den Schneid abkaufen.

Das geht schief. Gegen ihr „freundliches Gesicht“ wird aus Regierungskreisen entschiedener Einspruch erhoben: Das ist nicht zu verkraften, das war ein Fehler! tönt der Vorsitzende der kleinen Schwesterpartei. Vor lauter Gastfreundschaft und Humanismus, so sein Vorwurf, ignoriert und überschreitet die Kanzlerin – pflichtwidrig und leichtfertig – die Grenzen der Belastbarkeit.

Welche Grenzen meint er eigentlich? Die Belastung der freiwilligen Helfer, die bis zur Erschöpfung Decken verteilen? Oder die seiner Polizisten, die haufenweise Überstunden schieben? Der Bürgermeister, der Landratsämter? Ja, einerseits schon irgendwie auch; aber wenn er nur das im Blick hätte, dann hätte er ja selbst die Mittel in der Hand, Entlastung zu organisieren. Als Vorwurf an die Flüchtlingspolitik der Chefin des Landes taugt das alles nur, insofern er mehr das Große Ganze, das deutsche Volk im Sinn hat. Angespielt wird schon eher auf Belastungen, die der Masse seiner Adressaten gleich vor Augen stehen, wenn die Grundeigentümer sich zu Wort melden und Subventionen für mehr Mietwohnungsbau fordern und wenn prompt auch die Unternehmer großzügig ihre Hilfe anbieten – „aber nur ohne Mindestlohn!“, versteht sich. Die vielen anderen Menschen im Land, die weder Baugrund noch eine Firma haben, hören gleich die Erinnerung an die Lasten ihres alltäglichen Kampfes um Wohnung, Lohn und Arbeitsplatz, also an ihren konkurrenzgeschädigten Materialismus heraus – und sollen das auch. Aber wenn es wirklich um den ginge, hätte Seehofer reichlich weit sachlichere Anlässe, „Grenzen der Belastbarkeit“ auszurufen, als ausgerechnet die zunehmende Zahl von Flüchtlingen, die ganz bestimmt weder Wohnungen noch Arbeitsplätze zu vergeben haben, geschweige denn für das Zahlen von Löhnen zuständig sind.

Worauf Seehofer abzielt, das ist derselbe gemeine Fehlschluss, den die Kanzlerin kennt und mit ihren Lobpreisungen für das großartige Deutschland für sich vereinnahmen will: der Fehlschluss von den Nöten, die das System der Konkurrenz um die elementaren Lebensbedingungen Gelderwerb und Wohnraum erzeugt, auf Fremde, denen auch nichts anderes bevorsteht, also auf zusätzliche Konkurrenten von außen als die Verursacher aller einschlägigen Drangsale. Die Grenzen der Belastbarkeit sind demnach solche der Belastung des patriotischen Gemüts, das „die Fremden“ für alle Belastungen verantwortlich macht. Seehofers verlogener Appell richtet sich an den Geist des Nationalismus, der alle Härten der Konkurrenz im Dienst an der dafür zuständigen Staatsgewalt im Namen der Heimat heiligt und sich als Gemeinschaftsgefühl in der Ausgrenzung „Fremder“ am besten gefällt: Fremdenhass als das Remedium – das nichts heilt, sondern nur auf lauter Enttäuschungen schließen lässt, die zur deutschen Konkurrenzgesellschaft für ihre Insassen offenbar zwangsläufig dazugehören. Wenn Seehofer mit der größten Selbstverständlichkeit daran „erinnert“, dass die Stimmung des Volkes zu kippen droht, als wenn das eine natürliche Regung wäre, dann beruft er sich auf eben diesen Kollektivgeist patriotischer Bürger und gibt zu erkennen, wie sehr sich der Staat auf den verlässt.

Aber so leicht lässt die Kanzlerin sich nicht von ihrem Kurs abbringen. Der hat nämlich einen politischen Inhalt, und den verrät sie nebenher auch noch:

„Wir sprechen in einer Zeit, in der Europa wieder eine große Herausforderung zu bewältigen hat. Es ist eine Bewährungsprobe historischen Ausmaßes ... das zu schaffen, ist eine europäische und letztlich eine globale Aufgabe.“

Was im Klartext heißt, dass „wir es“ schaffen, wenn Deutschland in Europa die Maßstäbe setzt, wie mit dieser Fluchtbewegung umgegangen werden muss. Dafür steht der hohe Wert des Humanismus der deutschen Nation: für ein Stück Europa- und Weltpolitik. Wenn es hierzulande schon keiner kapiert, Frau Merkels Amtskollegen aus den Nachbarstaaten merken es sofort.

Das Ganze mündet in die Sache, um die es in der Demokratie immerzu geht: die Konkurrenz der Führungsfiguren um die Macht. Highlight in diesem Gezerre ist die Konfrontation zwischen Seehofer und Merkel auf dem CSU-Parteitag. Viel wichtiger als das vielbeweinte Schicksal von Millionen Flüchtlingen ist da auf einmal die Viertelstunde, in der Seehofer Merkel „auf offener Bühne abkanzelt“. Zu der Schäbigkeit dieses permanenten demokratischen Machtkampfs gehört zugleich dessen Veredelung zum Kampf um Werte. Merkel steht für die Idealisierung ihrer Politik zur praktizierten Moral der „Hilfe für die Schwachen“, die wir uns schuldig sind; weltweite Nächstenliebe als letztlicher Grund für die Politik, die sie macht – woran bei aller Verlogenheit der Standpunkt der nationalen Stärke und Größe noch deutlich genug hervortritt. Seehofer repräsentiert dagegen den Standpunkt, dass an „den Werten“, worin auch immer sie bestehen mögen, allein entscheidend ist: es sind unsere, nicht die der Migranten, die daran erst angepasst – nämlich „integriert“ – werden müssen. Ein kleines Possessivpronomen – und schon ist klargestellt, wer hierzulande erstens das Sagen und zweitens ein allerhöchstes Recht darauf hat und wer drittens zu parieren hat. So erteilen die Kanzlerin und ihr bayerischer Ministerpräsident in ihrem Streit auch noch eine aufschlussreiche Lektion über die Werte Europas.

Ist dieser Werte-Diskurs noch zu toppen? Aus dem richtigen Anlass: ja.

IV. Europas Kampf um die Werte – „nous sommes unis“

Das Jahr neigt sich seinem Ende zu – und beschert Deutschlands Herrschaften noch einen ganz besonderen Auftritt. Zwar nur einen in der zweiten Reihe, dafür in der denkbar größten Angelegenheit.

Da gibt es nämlich an einem Freitagabend einen Terroranschlag in Paris: Bombenanschläge neben dem Stadion, in dem gerade ein deutsch-französisches Fußballfreundschaftsspiel läuft, Schießereien in Bars und Cafés, eine stundenlange Exekution bei einem Rock-Konzert; in der Summe 130 Tote. Und sofort ist klar: nichts ist mehr wie vorher. Mit Paris ändert sich alles.

Wieso eigentlich?

Rein sachlich genommen reiht der Anschlag sich ein in eine ganze Kette terroristischer Großaktionen: gegen ein Schiitenviertel in Beirut, gegen russische Touristen im Sinai-Flieger, gegen oppositionelle Kurden und deren Sympathisanten in der Türkei, gegen Christen in Nigeria; und die Terroropfer im Irak zählt schon längst niemand mehr... Mit Paris kann man die aber gar nicht vergleichen. Pariser Opfer stehen mit ihnen völlig selbstverständlich nicht auf einer Stufe.

Was macht den Unterschied?

Auf den ersten Blick ist klar: Paris ist einem Deutschen, einem zivilisierten Mitteleuropäer unmittelbar nah; dort ist es im Prinzip wie hier. Und jedenfalls ganz anders als da, wo die Leute sowieso ganz anders leben. Wo in ihrem Alltag so viel Elend und Gewalt herrscht, dass sie daran irgendwie gewöhnt sind. Für solche Leute spendet man – vielleicht; aber auch das bestätigt nur: So richtig vom eigenen Schlag sind die nicht. Für die ändert sich mit einem Massenmord mehr nicht so viel – und für den Gang der Weltgeschichte schon gar nicht.

Das ist anders, wenn es gesittete Europäer trifft; noch dazu, wenn die sich gerade einem gesitteten Feierabend hingeben. Da ist nämlich nicht bloß der abendländische Bürger, der sich ganz gut selbst als Kunde in einem Pariser Bistro vorstellen kann, gefühlsmäßig betroffen. Da sind sofort die Figuren, die den Gang der Weltgeschichte professionell managen, mit einer Diagnose geistig vor Ort. Die Repräsentanten europäischer Staatsgewalt identifizieren mit der Autorität ihres Amtes das eigentliche Anschlagsopfer, und zwar links wie rechts des Rheins dasselbe: unsere Werte.

Welche?

Das erklären die dafür Zuständigen ganz locker mit einem Blick auf die heile Welt aus Fußball und Konzerten, Bars und Flaniermeilen, über die der Terror „hereingebrochen“ ist: Ziel der Anschläge ist unsere Lebensart. Die ist, so – nämlich von den kommandierenden Herren dieser Lebensweise durch die Brille ihrer terroristischen Feinde – betrachtet, nicht mehr das, was sie ist: das Absacken nach einem Alltag des Gelderwerbs, die bemühte Kompensation der gewohnten Drangsale der Konkurrenz, der kleine Luxus, den man sich gönnt, wenn schon sonst nicht allzu viel läuft... Aus höherer Warte besichtigt sind die Vergnügungen des Alltags erstens der wahre und eigentliche Inhalt abendländischer Lebensart – also nicht die Hetze des Berufslebens, nicht die Armut derer, die noch nicht einmal ein Berufsleben haben, sondern die Freizeit, die dann noch übrig bleibt, und der Spaß, den man sich dann noch leisten kann. Zweitens steht dieser banale Inhalt nicht für sich selbst, sondern dafür, dass der Mensch im Abendland das alles darf: für die Freiheit, die er dort genießt, wo sein Staat sie ihm lässt. Und weil Freiheit und Vergnügen in Paris in so idealer Weise zusammenfallen, ist drittens klar, dass sich dort Bahn bricht, was im Grunde jeder Mensch sich von tiefstem Herzen wünscht, also die unverfälschte Menschennatur freigesetzt und verwirklicht ist. Womit das Wichtigste an „unseren Werten“ klargestellt wäre: das Feindbild vom bösen Fanatiker, der sich am Wesen des Menschen schlechthin vergeht. Und noch wichtiger: das Bild von der Staatsgewalt als Hüter der menschennatürlichen Freiheit, mit dem die Vertreter dieser Gewalt sich ins Spiel bringen.

Denn denen kommt es ja auch dann, wenn sie vor einer trauernden Gemeinde ihre Reden halten, weder auf die Freizeitsitten ihrer angepassten Jugend noch auf die conditio humana als solche an, sondern auf die Schlussfolgerung, die sich ihnen aufdrängt, die aber auch nur Machthaber von ihrem Kaliber ziehen können: Sie sorgen dafür, dass „nach Paris alles anders“ wird. Das ist für sie das Entscheidende: Sie beziehen die Gewalttaten der Terroristen auf sich, auf ihr Gewaltmonopol. Sie erklären sich, nämlich ihre durchgreifende Hoheit über die „Lebensart“ ihrer Bürger für angegriffen. Und sie machen nicht einfach weiter wie bisher, sondern machen mobil. Der französische Präsident ergreift die Gelegenheit und tut, was nur wenige seiner Kollegen tun könnten, ohne sich zu blamieren: Er erklärt „dem Terrorismus“ den Krieg, mit einem Bombenflugzeug pro Terroropfer, und weiß auch schon, wo er den führen will, gegen wen – und vor allem: mit wem. Die ganze Welt, vor allem aber Europa und hier insbesondere der deutsche Nachbar sind herzlich eingeladen, mit einem umfänglich und längerfristig angelegten nahöstlichen Feldzug dafür zu sorgen, dass die Weltgeschichte wirklich nicht mehr weiterläuft wie zuvor.

An der Stelle hat die Staatsmacht in Berlin ihren Auftritt. Man trauert öffentlich, erklärt sich für mit-terrorisiert und macht für sich aus Frankreichs Kriegserklärung, was man für passend, nämlich für notwendig und hinreichend hält, um für das weitere Weltgeschehen „Verantwortung zu übernehmen“: Berlin gewährt dem Partner Militärhilfe. Dem Volk buchstabiert man den gerechten Kurzschluss vom Verbrechen auf Rache vor, den sowieso jeder Bürger gut versteht. So moralisch angespornt, macht die Herrschaft den Übergang von der Ordnungsmacht, die sie sowieso immer und überall sein und respektiert sehen will, zur Militanz.

Was für ein schöner Jahresabschluss.


© GegenStandpunkt-Verlag.