Deutscher Fußball im Pay-TV

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-97 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Deutscher Fußball im Pay-TV: Pro & Contra

Überblick

Politische Bedenken, ob Fußball im Pay-TV die funktionierende Gleichung von Nationalismus und Volksvergnügung stört.

Deutscher Fußball im Pay-TV: Pro & Contra

Die deutsche Nationalmannschaft hat bekanntlich viele Freunde. Im Ausland weniger, daheim dafür umso mehr. Viele Fußballfreunde setzen sich schwarz-rot-goldene Kappen auf und warten im Stadion darauf, daß Deutschland siegt. Um mittendrin dabeizusein, reisen sie ihrer Mannschaft sogar ins Ausland nach. Noch mehr sind lieber mittendrin, statt nur dabei. Die sehen sich ihre Mannschaft im Fernsehen an. Kappen haben sie nur auf, wenn sie dazu ins Wirtshaus gehen, daheim kennen sie einander eh. Wenn Berti seine Sache dann gut macht, ist so ziemlich ein ganzes Volk freudig erregt und es war ein gutes Spiel. Stolz ist es selbstverständlich auch. Man hat ja nicht umsonst die Farben des Siegers auf und in seinem Kopf.

Im deutschen Fußball wird bekanntlich auch viel Geld gemacht. Nicht nur von 22 Spielern. Auch Funktionäre, Fernsehsender, Vereinspräsidenten, Hemden- und Unterhosenfabrikanten verdienen sich dumm und dusselig, wie das Volk zu sagen pflegt. Womit diese vielen Leute ihr Geld eigentlich verdienen, war bislang nicht so ganz klar. Aber jetzt ist doch alles klar geworden: Der Reibach wird mit der Zahlungsbereitschaft gemacht, die der abartigen Genußfreude von Patrioten entstammt.

Da versuchen nämlich einige, mit dem Fußball noch ein bißchen mehr Geld zu machen. Was bei scharfen Pornos so gut klappt, denken sie, wäre bei dem anderen Volksvergnügen doch wohl auch hinzukriegen: Ein wenig Eintritt, und schon ist man im Fernsehen auch bei den Höhepunkten auf dem Rasen dabei.

Marktwirtschaftlich zwar ohne Fehl und Tadel, stößt der Vorstoß höheren Ortes doch auf Bedenken. Die melden sich dann aufklärerisch zu Wort:

„Grundversorgung gegen Entgelt ist ein unauflöslicher Widerspruch. Mit ihren Gebühren bezahlen die Zuschauer schon ARD und ZDF, bei öffentlich-rechtlichem Pay-TV würden sie ein zweites Mal zur Kasse gebeten.“

Was der Ministerpräsident aus Sachsen nicht auflösen mag, ist nicht einmal ein Widerspruch. Er gibt nur zu verstehen, daß nationalistischer Überschwang bei Fußballspielen erstens ganz im öffentlich-rechtlichen Interesse liegt. Daumendrücken für Deutschland rechnet er zur geistigen Grundversorgung der Bürger, und an der wird zweitens eh schon verdient. Drittens nach seiner Meinung vorläufig genug, weil er das Gelingen der nationalistischen Erbauung nicht an der Preisform scheitern lassen will.

Der Ministerpräsident aus Bayern läßt über den Fußball als Schule des Nationalismus gleichfalls nichts kommen. Er ist aber, was den einschlägigen Bildungsdurst seines Volkes betrifft, viel zuversichtlicher. Fußball ist kein Freibier, hat er herausgefunden. Bedeuten will er damit, daß – wie er seine Deutschen so kennt – das Volk für das Vergnügen, sich beim Genuß der Nationalmannschaft gehen zu lassen, allemal sein Scherflein entrichten wird.

So will sich der eine Landesvater mit dem Geschäft zufriedengeben, das bislang mit dem nationalen Bildungsgut Fußball gemacht wird. Die so schön funktionierende Gleichung zwischen Volksvergnügung und Nationalismus möchte er sich nicht durch noch mehr Geschäftstüchtigkeit verpatzen lassen. Er ist eben für einen sozial erschwinglichen Nationalismus.

Der andere setzt auf dieselbe Gleichung andersherum und findet in dem Umstand, daß sie ja jetzt schon so prächtig aufgeht, eine bombensichere Geschäftsgrundlage für die Zukunft. Er geht davon aus, daß auch das patriotische Hochgefühl den Leuten etwas wert sein soll. Andere Räusche haben ja auch ihren Preis.

Und die deutschen Fußballfans? Sie sind, wie man hört, durchaus bereit, fürs Fernsehen zusätzliches Geld auszugeben. Allerdings nur für gute Zwecke: An der Spitze stehen Fußball, gefolgt von pornographischen Angeboten. (RTL-Geschäftsführer Thoma) Wer sagt’s denn. Sie sind viel besser als ihr Ruf.


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