Deutsche Soldaten in Kabul

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-03 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Deutsche Soldaten sterben in Kabul – Zweifellos für eine gute Sache! Nur für welche?

Überblick

Weil Opfer anfallen, muss es sich beim Wiederaufbau Afghanistans um eine gute Sache handeln – nicht für die Ausländer dort, sondern für uns. Mit dem Bild vom national und territorial nicht zu lokalisierenden Terrorismus werden sicherheitspolitische Interessen entgrenzt, der ganze Globus wird zum Aufsichts- und Ordnungsobjekt der USA und ihrer dafür akzeptierten Mitmacher und Konkurrenten. Wie schön, dass darüber wieder etwas Anerkennung des Oberordnungsstifters auf unsere Nation fällt!

Deutsche Soldaten sterben in Kabul – Zweifellos für eine gute Sache! Nur für welche?

Die Bombe eines Selbstmord-Attentäters tötet am Pfingstsamstag in Kabul vier Bundeswehr-Soldaten und verletzt 29 weitere, einige davon schwer. Die Nation ist nur mäßig schockiert, wickelt die Särge in die Bundesfarben, holt die Leichen heim, wie es sich gehört, und erweist ihnen die letzte, militärische Ehre. Das ist ebenso anständig wie zweckmäßig, denn noch alle Mal ehren und heiligen – sozusagen im Austausch – die fälligen Opfer die Sache, für die sie geopfert wurden: Es muss eine hohe, über jeden Zweifel erhabene Sache sein, wenn dafür gestorben wird. Noch ehe jemand die Frage stellt, worin diese gute Sache wohl bestehen möchte, geben die Organe der Öffentlichkeit Auskunft – und zwar eine reichlich komplizierte.

1.

Die deutschen Soldaten seien, so hört man, in einer total zivilen Mission unterwegs gewesen. Sie hätten in Kabul für Sicherheit gesorgt, Schulen, Wasserleitungen und Kraftwerke repariert und den verzweifelten Menschen auf ihrem schwierigen Weg zu einem zivilen Leben geholfen. Sie sind bei einer unwidersprechlich guten Tat, dem Dienst am geschundenen Afghanistan, getötet worden. Schön, nicht? Und noch nicht einmal gelogen: Weil die USA die Ordnung der Taliban, die ihnen nicht gepasst hat, vernichtet haben, weil die Stämme und Warlords im Chaos ihre Herrschaft über ihre Bezirke wieder errichtet und ihren Dauerkrieg gegeneinander wieder aufgenommen haben, weil im Land schließlich gar keine politische Kraft existiert, die ein Interesse an so etwas wie staatsähnlichen Verhältnissen hätte, müssen es ja ausländische Militärs sein, die den von den USA eingesetzten Präsidenten Karzai an der Macht halten und ihm wenigstens innerhalb der Stadtgrenzen von Kabul so etwas wie ein Gewaltmonopol verschaffen. Ob und in welchem Maß das Gut „Sicherheit“, nächtliche Polizeipräsenz und geregelter Straßenverkehr eine Hilfe für die Lebensweise der heutigen Afghanen ist, ist schon egal – denn ihretwegen und zu ihrem Wohl wird das Regime Karzai ohnehin nicht im Amt gehalten; maßgeblich ist vielmehr das Interesse der Außenwelt an einem afghanischen Rumpfstaat, der wenigstens, soweit seine Macht, d.h. die Macht seiner Beschützer reicht, verhindert, dass sich Taliban, Al Kaida oder andere unberechenbare Kräfte im Machtvakuum am Hindukusch halten oder wieder einnisten können. Insofern ist das mit der Hilfe für arme Afghanen und den Wiederaufbau des Landes dann doch ein wenig gelogen.

2.

Aber auch nur ein wenig; denn einerseits stiften die Soldaten der ISAF ja tatsächlich Sicherheit und öffentliche Ordnung in Kabul, andererseits besteht man auch gar nicht unbedingt auf dem Bild von der selbstlosen guten Tat. Es wäre auch wenig glaubwürdig: Immerhin erfüllen deutsche Soldaten ihre Bestimmung, wenn sie für Deutschland sterben, nicht für irgendwelche armseligen Ausländer. Und so wird der ersten Definition der hohen Sache eine zweite friedlich beigesellt, so als ob sie der ersten gar nicht widersprechen würde: Unsere Boys sind für „uns“ gestorben, denn Deutschland wird – mancher wusste das vielleicht noch nicht – am Hindukusch verteidigt. Das klingt schon weniger zivil und harmlos – dafür wenigstens national, vielleicht aber auch ein wenig rätselhaft. Um diese Aufklärung zu verstehen, muss das Publikum sich unbedingt eine objektive Auffassung von der alten Landser-Brutalität zulegen, in der es hieß: „Wir müssen sterben, damit Deutschland lebt!“ Mit bescheidenen und veralteten Vorstellungen von Landesverteidigung kommt man der modernen Verteidigung jedenfalls nicht bei. Es hat ja nie gestimmt, dass Soldaten ihr Leben nur deshalb riskieren müssen, weil ihre Regierung irgendwelche Feinde daran hindern will, die Landesgrenzen zu überschreiten, Frauen und Kinder zu schänden und anstatt des einheimischen ein fremdes Regime über Land und Leute zu errichten. Aber die heutige Verteidigung Deutschlands ist damit von vornherein nicht verwechselbar: Verteidigung findet heute in fernen Ländern statt und ist vom Angriff auf fremde Mächte nur schwer zu unterscheiden. Mit dem Bild vom Terror, der ohne Nation und Territorium von überall her drohen kann, haben eben nicht nur die USA, sondern auch ihre Partner und Konkurrenten die Reichweite ihrer sicherheitspolitischen Interessen entgrenzt und auf den ganzen Globus ausgedehnt. Überall muss eine von den zuverlässigen und zur Aufsicht berechtigten Staaten überwachte und garantierte Ordnung errichtet; überall muss den weltweiten Interessen Deutschlands Respekt verschafft werden – sonst könnten unkontrollierte Kräfte Unkontrolliertes tun und „unsere Sicherheit“ in Gefahr bringen. Sicherheit ist ein anderes Wort für das anerkennte imperialistische Gewicht Deutschlands. Sterben dafür – das macht Sinn; aber ausgerechnet in Kabul und ausgerechnet bei einer halb-zivilen Ordnungsfunktion?

3.

Der deutsche Kampf um imperialistisches Gewicht hat komplizierte Wege zu gehen – und die hat das rechte Verständnis für den guten Sinn toter Soldaten eben mitzugehen. Ein eigenes Afghanistan-politisches Interesse der Bundesregierung, spezielle politische, wirtschaftliche, militärische Beziehungen zu dem zurückgebliebenen Land in Zentralasien gibt es tatsächlich nicht. Wenn „unsere Sicherheit“ auch dort auf dem Spiel steht und dort gestärkt werden muss, dann hat das mit Afghanistan und dem, was es deutschen Interessen zu bieten hat, nichts, mit dem deutsch-europäischen Verhältnis zur amerikanischen Supermacht aber alles zu tun. Die krempelt nämlich gerade den Globus um, beseitigt Regime, die ihr nicht passen, und pflanzt sich als die überall präsente, letztinstanzliche Vormacht auf, deren Diktate für alle anderen Souveräne verbindlich sind. Die degradierten Mit-Imperialisten und Nato-Partner kämpfen darum, Teil der Aufsicht über andere Staaten zu bleiben und nicht selbst zum Objekt amerikanischer Aufsicht zu werden, indem sie sich als autonome Mitmacher der US-Weltherrschaft einzubringen suchen. Sie zielen mit Militärexpeditionen von der Art der afghanischen haargenau auf die Mitte zwischen einer Dienstleistung am amerikanischen Programm und einer Konkurrenz zu ihm: Nach dem Zerstörungswerk des US-Krieges bietet sich die deutsche Macht als eine dem Eroberer nachfolgende Stabilisierungstruppe an, die ihm die Last der Besatzung abnimmt und seine Truppen für neue Kriege freisetzt. Zugleich setzt sich die deutsche Politik damit selbst an den Unruheherden der Welt fest und überlässt den Amerikanern das Feld nicht allein. Drittens stellt sie sich den untergeordneten Aufsichtsobjekten der Staatenwelt im Gegensatz zur terroristischen Politik der USA als konstruktiver, aufbauender Imperialist dar, vom dem die Aufsichtsobjekte vielleicht lieber Direktiven entgegennehmen als von Bush mit seinem „big stick“. Man kann und will keine mit den USA direkt konkurrierenden Kriegsakte unternehmen, sondern eben diese halb zivilen, nichtsdestoweniger gefährlichen Einsätze. Denn soviel ist ja klar: Wenn es Gewalt braucht, um den vom Westen gewünschten und eingerichteten Staat in Afghanistan am Leben zu halten, dann offenbar gegen lokale Mächte, die sich von diesem Gebilde bestritten und bedroht sehen.

Für diese vertrackte Kalkulation mit dem imperialistischen Kräfteverhältnis dürfen deutsche Soldaten ihren Kopf hinhalten.

4.

Und wenn sie dabei sterben, dann bringen sie der deutschen Diplomatie noch einen kleinen Extraprofit! Der Kriegsherr aller aktuellen Nahost-Kriege kondoliert nämlich persönlich dem deutschen Kanzler und versichert ihn seines Mitgefühls angesichts des Verlusts von Soldatenleben. Er durchbricht die Funkstille zwischen Washington und Berlin seit dem deutschen Nein zum Irak-Feldzug und macht selbst einen ersten Schritt zur Verbesserung der zerrütteten Beziehungen. Das stiftet Genugtuung bei Schröder. Denn mit der telefonischen Beileidsbekundung anerkennt Bush den bisher geächteten treulosen Partner und Nein-Sager zu seinem globalen Antiterror-Krieg als einen nützlichen Verbündeten in seinem globalen Anti-Terrorkrieg; akzeptiert, der deutschen Lesart zufolge, dass auch Amerika Partner braucht.

„‚Ich habe mich gefreut über die Reaktion von George Bush‘, sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder, nachdem ihm der US-Präsident in einem Telefongespräch sein Beileid angesichts der vier in Afghanistan getöteten Soldaten der Bundeswehr ausgesprochen hatte. ‚Das entspricht dem, was zwischen Verbündeten üblich ist, und geht auch darüber hinaus – auf beiden Seiten‘, sagte der Bundeskanzler kryptisch. Damit deutete Schröder eine Entspannung der persönlich belasteten Beziehungen zwischen Bush und ihm an“. (Handelsblatt, 11.6.)

Seitdem scheint sich der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr immer mehr zu einem beide Seiten befriedigenden Feld für das deutsch-amerikanische Tauziehen zu entwickeln. Hier gelingt offenbar ein Auftreten, das die Amerikaner als Hilfsdienst an ihrer Neuordnung des Globus gelten lassen, das die deutsche Regierung also erstens als Hebel einsetzen kann, sich für die USA wertvoll zu machen und in Washington Punkte für eigene Ansprüche zu sammeln, und das sie zweitens als Feld akzeptierter Konkurrenz zu den USA beackern, auf dem sie eine eigene, das unbeschränkte amerikanische Diktat begrenzende Zuständigkeit praktizieren kann. Man denkt sogar über eine Ausweitung des Einsatzgebiets und eine Verstärkung der deutschen Expeditionstruppen nach.


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