Deutsche Presse zu den Rentenprotesten in Frankreich: Die spinnen, die Gallier!

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-10 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Die deutsche Presse zu den Rentenprotesten in Frankreich:
Die spinnen, die Gallier!

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In sozialen Belangen gestaltet sich hierzulande der Verkehr zwischen Regierung und Regierten in der Regel äußert einfach. Wenn es z.B. für opportun befunden wird, das Renteneintrittsalter herauf- und auf dem Wege den Lebensunterhalt für die Alten herabzusetzen, wird das politisch beschlossen und vom Publikum hingenommen. Von den Betroffenen und ihren Verbänden darf leise gemurrt werden, letztlich aber führt für sie kein Weg an der Einsicht vorbei, dass einfach nur so und nicht anders eine konsolidierte Haushaltsführung hinzukriegen und der Kampf gegen eine überalterte Gesellschaft zu führen ist, in der demnächst auf jeder erwerbstätigen Schulter ungefähr acht Rentner sitzen. An diese Art schnörkellosen Durchregierens haben sich auch die politischen Berichterstatter dermaßen gewöhnt, dass sie schier die Welt nicht mehr verstehen, wenn sich anderswo Protest gegen etwas regt, an dessen unabweisbarer Notwendigkeit für sie einfach keine Zweifel bestehen. In Frankreich z. B., einem Staat, dessen „Schuldenberg sich jährlich um 110 Milliarden Euro erhöhen würde“ (Frankfurter Rundschau, 20.10.10), würde er nicht endlich rigoros an den Alten sparen, leisten Leute glatt Widerstand gegen ihre weitere Verarmung: „Wie kann es so ein Ding der Unmöglichkeit geben?“, heißt die Frage – und „was gibt es da eigentlich zu streiken?“ (bild.de, 7.9.) die fertige die Antwort auf sie. Weil man den Grund des Aufbegehrens absolut missbilligt, will man demonstrativ nicht verstehen, warum und worüber sich da so viele überhaupt aufregen.

Die deutsche Presse zu den Rentenprotesten in Frankreich:
Die spinnen, die Gallier!

In sozialen Belangen gestaltet sich hierzulande der Verkehr zwischen Regierung und Regierten in der Regel äußert einfach. Wenn es z.B. für opportun befunden wird, das Renteneintrittsalter herauf- und auf dem Wege den Lebensunterhalt für die Alten herabzusetzen, wird das politisch beschlossen und vom Publikum hingenommen. Von den Betroffenen und ihren Verbänden darf leise gemurrt werden, letztlich aber führt für sie kein Weg an der Einsicht vorbei, dass einfach nur so und nicht anders eine konsolidierte Haushaltsführung hinzukriegen und der Kampf gegen eine überalterte Gesellschaft zu führen ist, in der demnächst auf jeder erwerbstätigen Schulter ungefähr acht Rentner sitzen. An diese Art schnörkellosen Durchregierens haben sich auch die politischen Berichterstatter dermaßen gewöhnt, dass sie schier die Welt nicht mehr verstehen, wenn sich anderswo Protest gegen etwas regt, an dessen unabweisbarer Notwendigkeit für sie einfach keine Zweifel bestehen. In Frankreich z. B., einem Staat, dessen Schuldenberg sich jährlich um 110 Milliarden Euro erhöhen würde (Frankfurter Rundschau, 20.10.10), würde er nicht endlich rigoros an den Alten sparen, leisten Leute glatt Widerstand gegen ihre weitere Verarmung: „Wie kann es so ein Ding der Unmöglichkeit geben?“, heißt die Frage – und was gibt es da eigentlich zu streiken? (bild.de, 7.9.) die fertige die Antwort auf sie. Weil man den Grund des Aufbegehrens absolut missbilligt, will man demonstrativ nicht verstehen, warum und worüber sich da so viele überhaupt aufregen: Aus dem Ausland betrachtet, ist der Furor schwer verständlich (SZ, 11.10.) – und dieses Unverständnis macht man dann dem deutschen Publikum ganz leicht verständlich:

  • Der Franzose ist generell ein fauler Hund: Mit nicht einmal 59 Jahren legt der Durchschnittsfranzose den Bauch in die Sonne. (ftd.de 16.6.) In seinem Hang zum Savoir-vivre ist er dermaßen selbstbezogen, dass er absichtlich ignoriert, in was für einer Umgebung er eigentlich lebt. So schnell kommt er mit seinem Bauch jedenfalls nicht mehr in die Sonne, und obwohl er es weiß, will er mit ihm einfach nichts anderes anfangen: Dabei ist auch den Franzosen klar, dass sie künftig länger arbeiten müssen, um die Renten noch finanzieren zu können. (n-tv.de, 4.11.)
  • Der Franzose neigt auch dazu, einmal gewährte Rechte mit etwas zu verwechseln, worauf er unverbrüchlich Anspruch hätte. Er gerät daher leicht aus dem Häuschen, erfährt er praktisch, dass es sich andersherum verhält und er immer genau auf das Anspruch hat, was ihm von Rechts wegen gewährt wird. Viele wollen dann von dem Irrtum einfach nicht lassen, Renten wären so etwas wie ein persönlicher, womöglich auch noch mit eigenen Geldzahlungen finanzierter Besitzstand, und betrachten einen frühen Ruhestand als individuelles Recht, dem Eigentum vergleichbar. (SZ, 21.10.) Schon seltsame Vögel, unsere Nachbarn, die Gestaltung ihres Lebensabends partout nicht denen überlassen zu wollen, die doch für ihr ganzes Leben zuständig sind.
  • Überhaupt scheint ihnen Verbohrtheit im Wesen zu liegen, an einer vertrauensvollen Haltung gegenüber ihrer Herrschaft fehlt es ihnen jedenfalls: Die Proteste der Franzosen gegen die Rentenreform sind Ausdruck des Grolls der Politikverdrossenen. (FAZ, 21.10.) Hartnäckig verschließen sie sich der Zukunft, die man ihnen weist, sind konservative Revolutionäre (SZ, 21.10.), denen es als solchen weder um soziale Besitzstände noch um Unzufriedenheit mit der Politik, weil nur um sich selbst geht. Sie nehmen sich für furchtbar wichtig mit ihrem Bewusstsein, ein einzigartiges Zivilisationsmodell geschaffen zu haben (SZ, 8.9.), und gefallen sich in ihrem eigenwilligen Naturell, sich gerade nicht dem Anpassungsdruck beugen zu wollen (FAZ, 21.10.), der nun einmal mit jedem zivilisatorischen Fortschritt einhergeht. Mit ihren Aufmärschen und Blockaden bezwecken sie eigentlich gar nichts: Das Revolutionsland ist dafür bekannt, gern in Wallung zu geraten. (...) Der Protest macht sich selbstständig (SZ, 21.10.), hat also sein eigenes grundloses Stattfinden zum Zweck.
  • Das lenkt natürlich den Blick auf das Land, in dem so ein Volk derartige Launen auslebt, und da sagt allein schon sein Führer alles: Der, der Macher Sarkozy (FAZ, 21.10.), ist ein einziger Papiertiger! Eigentlich hätte er nämlich den Franzosen eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede halten müssen und ihnen mit der erklären, welche Reformen er durchsetzen wird (SZ, 7.7.): Nur so nimmt man in der Demokratie seine Bürger erfolgreich mit. Und was macht der Mann statt dessen? Sarkozy will die Reform im Schnellverfahren durchdrücken (n-tv.de) – und kann nicht einmal das gescheit: Mit seinem handwerklichen Ungeschick bringt er überhaupt erst seine Landsleute gegen sich auf. Der Führer pfuscht beim Führen, und da ist klar: viele Franzosen ärgern sich. (ebda.)
  • Auch die Opposition taugt in diesem Land nichts. Anstatt sich an die Spitze der unzufriedenen Bürger zu stellen, ihrem Ärger den Wind aus den Segeln nehmen und ihn in Zustimmung zu einer alternativen staatlichen Politik zu verwandeln, tun die Sozialisten zwar dazu ihr Bestes, denken dabei aber nur an sich und überhaupt nicht daran, dass sich Protestieren gar nicht gehört: Beim heutigen Protesttag werden die Sozialisten in vorderster Reihe mit demonstrieren (...) aus Solidarität mit ihrer ureigensten Klientel, den Arbeitern. (tagesschau.de, 27.5.)

Das legt endgültig den Verdacht nahe, dass bei unseren Nachbarn das ganze politische System einen Webfehler hat, und in der Tat: Schon an den einschlägigen Gesetzen fehlt es. Denn anders als in Deutschland, sind in Frankreich politische Streiks erlaubt (ftd.de, 16.6.), und wer derart fahrlässig mit dem Schutzgut der öffentlichen Ordnung umgeht, muss sich dann auch nicht wundern, wenn die mal gestört wird. Aber das passt irgendwie gut zu einem Laden, der von seinem ganzen Aufbau her einfach nicht auf Effektivität beim Herrschen angelegt ist:

„Im föderativen Deutschland fallen Entscheidungen in der Regel erst, nachdem alle Seiten ausgiebig darüber diskutiert und einen Kompromiss gefunden haben. Das dauert lange, dafür sind die Ergebnisse haltbar. In der Präsidialrepublik Frankreich werden Beschlüsse rascher vom Élysée gefasst. Die Korrektur setzt danach ein, im Parlament und vor allem auf der Straße. Streiks und Demos wirken als Ventil, um den straffen französischen Zentralismus erträglich zu machen.“ (SZ, 8.9.)

Damit dürfte dem deutschen Zeitungsleser der Furor französischer Rentner endgültig verständlich geworden sein. In letzter Instanz verschaffen sie in dem nur ihrer Empörung Ausdruck, nicht so vorbildlich föderativ in ihren Anliegen bedient zu werden wie ihre Leidensgenossen hierzulande.


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