Clinton in Afrika

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Clinton in Afrika:
Eine Supermacht gelobt Besserung

Überblick

Wenn die USA anfangen, ihre Mitschuld an der Sklaverei einzugestehen und Versäumnisse im Umgang mit Afrika einzuräumen, dann landen sie zielsicher bei Ansprüchen, die Amerika an die afrikanischen Staaten zu stellen hat.

Clinton in Afrika:
Eine Supermacht gelobt Besserung

Bill Clinton bereist 12 Tage lang den afrikanischen Kontinent, um erstens seiner Nation, zweitens dem Rest der Welt und drittens den Schwarzen vor Ort die Zuständigkeit der USA für diese Weltgegend zu verdeutlichen. Er drückt das so aus, daß die USA gute Gründe für eine Zusammenarbeit mit Afrika hätten:

Erstens sind die Schwarzen auch Menschen, sogar die ursprünglichen, denn Afrika ist bekanntlich die Wiege der Menschheit. So gesehen sind sie sogar Menschen wie wir: Wir stammen alle aus Afrika! Hut ab vor einem so gebildeten Ami-Präsidenten, der sogar bei den Negern einen Gesichtspunkt findet, unter dem er ihnen Anerkennung zollen kann. Daß der mit den Interessenslagen der Nationen, die sich da in Gestalt ihrer Oberhäupter treffen, nicht das geringste zu tun hat, tut der Ehre, die er den heutigen Bewohnern des Mutterkontinents der Affen zuteil werden läßt, überhaupt keinen Abbruch. Wegen des wirklichen Klassenunterschieds, der sich zwischen Afrika und Amerika im Laufe der Menschheitsgeschichte „ergeben“ hat, kann der Präsident der Weltmacht sich sicher sein, daß es niemand mißversteht, wenn er zweitens daran erinnert, daß die Amis 30 Millionen echt schwarze Menschen in den USA haben, die von „den 20 Millionen Afrikanern“ abstammen, die als Sklaven nach Amerika gebracht wurden. Die afrikanischen Gastgeber werden schon nicht so vermessen sein, letzteres als ein Schuldeingeständnis aufzufassen, aus dem sie Ansprüche an Amerika ableiten könnten. Außerdem kann von einer Schuld Amerikas schon deswegen nicht die Rede sein, weil es sich bei jener wenig menschenfreundlichen Aktion genau genommen um unamerikanische Umtriebe gehandelt hat, die die amerikanische Nation nicht auf ihre Kappe zu nehmen braucht: Noch bevor wir eine Nation wurden, ernteten die europäischstämmigen Amerikaner schon die Früchte des Sklavenhandels. Die Früchte der Sklavenarbeit wurden dann zwar schon in Amerika geerntet, aber das hat letztendlich auch der Karriere der Neger genutzt. Aus ihnen sind mit der Zeit vollwertige Amis geworden; zum Beweis hat der Präsident zahlreiche afrikanischstämmige Teilnehmer in seiner Delegation mitgebracht. Letztlich hat die Sklaverei also doch Gutes bewirkt, nämlich feste Blutsbande zwischen dem amerikanischen und dem afrikanischen Kontinent gestiftet. Im Zeichen dieser unverwüstlichen afroamerikanischen Partnerschaft fällt dem Präsidenten das Eingeständnis leicht, daß sein Land drittens auch später mit den schwarzen Verwandten in Afrika nicht immer gut umgegangen ist:

„Auch später haben die USA in Afrika nicht immer das Richtige getan!“ – „Besonders in der Zeit des Kalten Krieges hat Washington bei der Wahl seiner afrikanischen Partner ausschließlich darauf geschaut, auf welcher Seite diese im Kampf gegen den kommunistischen Block standen, ohne sich darum zu kümmern, wie diese Führer mit ihren Völkern umgegangen sind.“

Wie sich die USA diesen Kontinent jahrzehntelang in ihrem strategischen Interesse zugerichtet haben, das betrachtet Clinton, nachdem sich ihr „Kampf gegen den kommunistischen Block“ zu ihren Gunsten erledigt hat, gelassen als „nicht ganz richtig“. Rückblickend betrachtet stellen sich die Taten, mit denen die Weltordnungsmacht ihr imperialistisches Interesse in Afrika durchgesetzt hat, als ein einziges Versäumnis dar. Während dieses Kampfes waren ihnen die afrikanischen Potentaten mitsamt dem Umgang, den sie mit ihren Völkern gepflegt haben, genau recht. Jetzt, nachdem sie ihre strategische Funktion erfüllt haben, ist wieder Platz für ein bißchen menschenfreundlichen Idealismus. So sollen viertens die jüngsten Gemetzel in Afrika schon wieder von lauter Tatenlosigkeit zeugen. Clinton

„räumte Mitverantwortung der internationalen Gemeinschaft für das Morden in Ruanda im Frühjahr 1994 ein. Wie auch er hätten damals Menschen in Büros gesessen und nicht begriffen, mit welcher Geschwindigkeit dieser unglaubliche Terror um sich gegriffen habe.“

Solche Versäumnisse seiner Nation kann der US-Präsident deswegen gar nicht genug anklagen, weil er mit dieser Selbstanklage das Recht der USA verkündet, sich als Aufsichtsmacht über den Schwarzen Kontinent zu betätigen:

„Die USA wollen nach Angaben des Weißen Hauses demokratische Reformen und wirtschaftliche Liberalisierung auf dem Kontinent unterstützen.“ (Zitate aus SZ und NZZ, 24.-26.3.)

Nur konsequent ist es daher, daß der US-Präsident, wenn er so tut, als hätten die USA an den Negern etwas gut zu machen und Besserung verspricht, dabei zielsicher bei den Ansprüchen landet, die Amerika an die afrikanische Staatenwelt zu stellen hat. Die laufen nicht zufällig unter denselben Titeln von Demokratie & Marktwirtschaft, unter denen die USA bis neulich jeden sowjetischen Einfluß in Afrika bekämpft haben. Nachdem der Kapitalismus und seine imperialistische Staatsräson das Ihre zur Ruinierung aller Lebensverhältnisse in Afrika getan haben, soll Afrika also schon wieder geholfen werden. Und der Präsident hat auch schon die ersten konkreten Forderungen gestellt, zu denen die großzügig angekündigte Liberalisierungshilfe aus Amerika ihn berechtigt. Zu erschließen ist das aus der beherzten Reaktion seines südafrikanischen Gesprächspartners: Nelson Mandela verwahrt sich öffentlich gegen die amerikanische Zumutung, sich gegen jene Staaten stellen zu sollen, die ihn in den vergangenen Apartheid-Zeiten tatkräftig unterstützt haben – nämlich Libyen, Cuba und Iran –, weil sich Amerika dazu entschlossen hat, diese Staaten weltpolitisch zu ächten, und dies dem Rest der Staatenwelt als praktischen Imperativ aufnötigt. So weit ist der amerikanische Präsidenten also offenkundig gegangen: Den afrikanischen Staaten wird mit ihrer inneren Verfassung und ihrem Dienst an der demokratischen Weltwirtschaft gleich auch noch die Rolle vorgeschrieben, die sie in der ‚neuen Weltordnung‘ made in Washington zu übernehmen haben.

Aber was soll auch schon anderes herauskommen, wenn eine Weltmacht, die immer Recht hat, weil sie weltweit ihre Rechte durchsetzt, anfängt, Fehler einzugestehen, Versäumnisse zu bedauern und Besserung zu geloben…


© GegenStandpunkt-Verlag.