Christ aus Afghanistan gerettet

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-06 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Christlicher Konvertit den Fängen der Scharia entrissen!
Am Hindukusch und anderswo herrscht Unordnung auf den Baustellen des Imperialismus

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Überblick

Eine von „unserem“ Präsidenten Karsai seltsam unabhängige afghanisch-islamische Justiz wirft einem unseligen Rückwanderer seine Konversion zum Christentum vor und verurteilt ihn dafür nach gültigem Recht und Gesetz zum Tode.

Christlicher Konvertit den Fängen der Scharia entrissen!
Am Hindukusch und anderswo herrscht Unordnung auf den Baustellen des Imperialismus

Wie tausende andere vor ihm flieht ein afghanischer Abdul Rahman vor Armut und Kriegswirren in seiner Heimat ins europäische Ausland. Dort schlägt er sich, wie sonst, mehr schlecht als recht durch, wird darüber, was Wunder, ein wenig verrückt, wie berichtet wird, nervt Weib und Kind, wird zwischendurch – warum auch immer – Christ und kehrt irgendwann in das von US-Truppen eroberte Afghanistan der Nach-Taliban-Zeit zurück. Dort findet sein Schicksal, das bis dahin nur für ihn selbst allzu spannend war, plötzlich den Weg in die westlichen Medien: Eine von „unserem“ Präsidenten Karsai, – dem, der immer so exotisch-elegant auf internationalen Afghanistankonferenzen bella figura macht – seltsam unabhängige afghanisch-islamische Justiz wirft dem unseligen Rückwanderer seine Konversion zum Christentum vor, verurteilt ihn dafür nach gültigem Recht und Gesetz zum Tode, und nur der empörte Aufschrei der imperialistisch-zivilisierten Christenwelt, der der von dieser Welt abhängigen Regierung nachdrücklich diplomatisch zu Gehör gebracht wird, rettet ihn vor der Exekution und ins italienische Exil, wo man vorerst nichts mehr von ihm hört.

Die mediale Kurzkarriere des armseligen Abdul Rahman wirft das verdient unschöne Licht auf den öffentlich-ideologischen und politischen Umgang der westlichen Demokratiefundamentalisten und ihrer journalistischen Lautsprecher mit Ländern und ihrem lebenden Inventar, die das historische Pech haben, irgendwann einmal zu Projekten der freiheitlichen Weltordnung geworden zu sein. Dieser Umgang wird praktisch nicht menschenfreundlicher, wenn einmal dabei heraus kommt, dass ein armer Tropf vor seinen glaubensstarken Richtern gerettet wird; und er ist andererseits, höflich gesprochen, ideologisch wüst, insofern er das Publikum mit einer gänzlich unkommensurablen Auswahl von Gesichtspunkten zum Thema überzieht, die sich ausschließlich dem aktuellen politischen Bedarf der beteiligten Herrschaften verdankt.

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Deren italienischer Spielart in Gestalt des um seine Wiederwahl kämpfenden Regierungschefs Berlusconi kommt da die trostlose Lage des Abdul Rahman im fernen Mittelasien gerade recht: Der Cavaliere steht schließlich einem Wahlverein vor, der den bildhaften Namen Haus der Freiheiten auf der Fahne führt. Das will nicht nur sagen, dass Italien in Europa auch und weiterhin eine Heimstatt des freien kapitalistischen Geschäfts sein soll, dessen erstem Protagonisten und Diener im Regierungsamt die Italiener gefälligst die Amtszeit verlängern sollen. Der gewährleistet ihnen darüber hinaus mit italienischen Truppen im Irak, dass die Italiener nicht wie ihr neuer Glaubensbruder Abdul in die Fänge der Al Kaida und Taliban geraten, und wirft sich deshalb ungeachtet der sonstigen regierungsamtlichen Ausländerhetze von Lega, Fini-Faschisten und Forza Italia-Funktionären für das frisch agitierte Mitschaf mit einem Asylangebot in die Bresche. Damit demonstriert die Regierung, in der Hoffnung auf nationalistisches Wohlgefallen im Wahlvolk, auch wenn es Ausländer nicht leiden kann, dass Italien und sein Berlusconi mit zu den Paten einer imperialistisch erneuerten islamischen Welt gehören, die über den Kollisionen der dortigen Rechtslagen mit ihren Bürgern stehen und deren Korrektur verlangen können, wenn ihnen diese nicht passen.

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Weder in Italien, wo man in aller Gemütsruhe einen neu geworbenen Christenmenschen für Wahlkampfreklame verwurstet, während seine muslimischen Landsleute an den ihnen von außen bescherten Verhältnissen zu Grunde gehen, noch anderswo weckt die kurze Affäre um das afghanische Todesurteil wesentliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Projektes „demokratisches Afghanistan“. Auch wenn das islamistische Strafurteil dem bei Karsai in Auftrag gegebenen Laizismus des Regimes Hohn spricht und eher von antiwestlichen Machtpositionen der Islamisten im Justizapparat kündet; auch wenn die Korrektur eines dortigen Gerichtsurteils durch das ideelle Kassationsgericht der imperialistischen Nationen die versprochene „Unabhängigkeit der Justiz“ blamiert, und das durch die Mächte, die sie versprochen haben: Die demokratischen Neuordner des Mittleren Ostens in den westlichen Regierungsämtern wie auch ihre respektiven Völkerschaften, die man aber praktischerweise nicht im Einzelnen zu befragen braucht, stehen fest hinter der Erfolgsperspektive für Afghanistan, mit dem überzeugenden Argument, dass der „demokratische Aufbau“ des Landes schon gelingen werde, weil er nicht misslingen dürfe, weshalb man nur ausreichend Geld und Soldaten hinschaffen müsse.

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Diesem eisern-illusionären Festhalten an dem Vorhaben, eine neue afghanische nation zu builden, steht gänzlich ungerührt und unberührt die alltägliche Nachrichtenlage gegenüber, der jeder Zeitungsleser entnehmen kann, dass es mit der projektierten Umgestaltung der Verhältnisse derzeit nicht weit her ist: Der Auftrag an das Karsai-Regime zur Verallgemeinerung seiner Herrschaft über Kabul hinaus kommt offenbar, ausweislich der Zunahme der Kämpfe zwischen Amerikanern, Regierungstruppen und Taliban, nicht übermäßig voran. Die Zugeständnisse der amerikanisch gestützten Regierung an die Islamisten, die eine diesbezügliche Offensive befördern sollte, haben die Karsai-Mannschaft offenbar nicht besonders gestärkt, wohl aber die Positionen der Allah-Verehrer in Regierungs- und Justizapparat, wie das Rahman-Urteil zeigt. So kommt es dazu, dass in Kabul Bausteine eines islamischen Rechtssystems herumliegen, das Teil eines laizistisch-westlich orientierten Regierungsapparates werden soll, statt dessen aber Urteile produziert, die „uns“ gar nicht gefallen. Weshalb es gelegentlich gilt, an der Regierung vorbei ein „falsches“ Urteil zu reparieren und die moderne Sittlichkeit am Kyber-Pass zu retten, auch wenn durch den Widerruf von Zugeständnissen der Regierung an die konkurrierenden islamischen Machtprinzipien durch ausländische Mächte ihre Autorität weiter demontiert wird.

Darüber wird sogar „unser“ Präsident, den „wir“ so sehr in der Tasche haben, dass keiner an der westlichen Federführung in afghanischen Angelegenheiten zweifeln kann, zu einer Belastung des vorgesehenen nation building: Er verhandelt und paktiert mit den regionalen Warlords, die er und seine imperialistischen Paten brauchen; duldet und bekämpft sie, reklamiert, gestützt auf westliche Waffengewalt, die Herrschaft im Land, während er, um dabei Erfolg zu haben, Teile der alten Herrschaft erhält und affirmiert, und so, trotz seiner Unterordnungs- und Kooperationsbereitschaft nach außen, zum ewig unzulänglichen Verwalter eines Gewirrs von Kooperation und Konkurrenz alter und neuer Herrschaftspositionen wird, zu einer Art schwachem Anarchen in einer soliden, imperialistisch gestifteten Anarchie.

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Die globale Verbreitung von Spielarten solcherart anarchischer Herrschaftsverhältnisse ist eine Spezialität des zeitgenössischen Imperialismus überall da, wo er sich entschlossen hat, unbotmäßige Staatswesen zu zerstören, deren Agenten und Unterstützer mit überlegener Militärgewalt abzuräumen und auf ihrem Gelände mit inländischen Kollaborateuren bessere, auf Kapitalismus, irgendwie demokratisches Regieren und amerikanische Aufsicht hin orientierte Gemeinwesen entstehen zu lassen. Gemeinsam ist all den Fällen von Haiti bis Irak, von Kosovo bis Afghanistan, dass man für sie weiter keinen besonderen Auftrag bereit hält und insbesondere für ihre Völker keine Verwendung weiß, abgesehen davon, sie möchten sich gefälligst irgendwie wieder als verträgliche, kapitalismus- und demokratie-kompatible Nationen innerhalb der Völkergemeinschaft unter unserer Führung formieren. Sie sollten sich nur nicht mit Terroristen einlassen und sich möglichst der Migration in Richtung unserer ohnehin vollen Boote enthalten.

Wegen dieser eigenartigen Auftragslage wird diesen, von imperialistischer Unzufriedenheit hart geschlagenen Ländern in aller Regel das probate Generalmittel jeder good governance, eine rundum durchsetzungsfähige und mit allen dafür nötigen Mitteln ausgestattete Regierung, angesichts des damit verbundenen materiellen und politischen Aufwandes nicht einfach frei Haus geliefert. Bei all der Gewalt, die von den Herren der kapitalistischen Demokratien in diesen Ländern gegen die dort störenden Verhältnisse entfesselt wurde, ist dies offenbar immer noch nicht genug, um den zur Umerziehung vorgesehenen Völkern ein neu arrangiertes Überleben im gesellschaftlichen Dienst an einer neu installierten inländischen Obrigkeit zu ermöglichen: So entstehen keine Gesellschaften, die eine neue, imperialistisch erwünschte Macht mit den Resultaten einer gesicherten Ausbeutung ernähren könnten, und umgekehrt keine hoheitliche Gewalt, die irgendeinem Geschäftswillen zu kapitalistischem Wirtschaften Förderung oder verlässliche Protektion bieten könnte.

Auf diese Art bleiben diese Länder auf absehbare Zeit Störfälle der weltweiten imperialistischen Reformpolitik. Die werden weiterhin einiges an Aufsichtsgewalt nötig machen und auch in Zukunft den Streit um die Finanzierung dieser Aufsicht zwischen den beteiligten Mächten am Laufen halten. Denn bei aller Sparsamkeit wird das auch künftig umfangreiche Geldmittel kosten, die keiner zahlen will. Und selbstverständlich unzähligen Leuten in den betreffenden Gebieten das Leben. Aber davon gibt es ja dort genug.


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