CDU-Todenhöfer kritisiert Antiterrorkrieg

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-08 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Jürgen Todenhöfers radikale Kritik am „Antiterrorkrieg“ in Irak und Afghanistan:
Ein unverwüstlicher Freund der USA verzweifelt an der guten Sache des Westens

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Ein Mann sorgt für Aufsehen. Er interviewt vor Ort irakische Widerstandskämpfer, zeigt Verständnis für deren Motive und kommt, nachdem er daraus ein Buch gemacht hat, damit in die Bestsellerlisten („Warum tötest Du, Zaid?“, 2008). Dann schaltet er in FAZ und New York Times eine 4-seitige Anzeige, in der er die westlichen „Anführer völkerrechtswidriger Angriffskriege“ als „Mörder“ bezeichnet. Damit unterscheidet er sich ausdrücklich von billigem Bush-Bashing der üblichen Art, das den Imperialismus der USA einem geistig unterbelichteten Cowboy anlasten will, oder deutschem Antiamerikanismus, der angesichts täglicher Gewaltorgien im besetzten Irak hämisch feststellt, der Feldzug habe es wohl nicht gebracht. Seine Kritik gilt weder bloß den Methoden des Militäreinsatzes noch mangelhaften Resultaten oder üblen Exzessen; sie zielt auf das Programm selbst, den Antiterrorkrieg des Westens.

Jürgen Todenhöfers radikale Kritik am „Antiterrorkrieg“ in Irak und Afghanistan:
Ein unverwüstlicher Freund der USA verzweifelt an der guten Sache des Westens

Ein Mann sorgt für Aufsehen. Er interviewt vor Ort irakische Widerstandskämpfer, zeigt Verständnis für deren Motive und kommt, nachdem er daraus ein Buch gemacht hat, damit in die Bestsellerlisten („Warum tötest Du, Zaid?“, 2008). Dann schaltet er in FAZ und New York Times eine 4-seitige Anzeige, in der er die westlichen Anführer völkerrechtswidriger Angriffskriege als Mörder bezeichnet. Damit unterscheidet er sich ausdrücklich von billigem Bush-Bashing der üblichen Art, das den Imperialismus der USA einem geistig unterbelichteten Cowboy anlasten will, oder deutschem Antiamerikanismus, der angesichts täglicher Gewaltorgien im besetzten Irak hämisch feststellt, der Feldzug habe es wohl nicht gebracht. Seine Kritik gilt weder bloß den Methoden des Militäreinsatzes noch mangelhaften Resultaten oder üblen Exzessen; sie zielt auf das Programm selbst, den Antiterrorkrieg des Westens. Dabei mag manchen irritieren, dass Todenhöfer als CDU-Wehrexperte und beinharter Antikommunist erinnerlich ist. Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Wende vom Vertreter zum Kritiker des Freiheitslagers ist aber die Art von Kritik, die dieser altgediente Christdemokrat an der Neuen Weltordnung des zivilisierten Abendlandes hat.

Die Kritik

  • bilanziert die Wirkungen des Regimewechsels im Irak und kann weder am Ziel der ‚Operation Irakische Freiheit‘ noch am Ergebnis des II. Golfkriegs, der widerspenstigen Staaten und Völkern eine Lehre erteilen sollte, etwas Begrüßenswertes entdecken. Auch für die hier und heute gängige Dialektik von Fluch und Segen – immerhin haben die USA den Tyrannen verjagt, dann aber viel Chaos produziert! – hat Todenhöfers Abrechnung nur beißende Ironie übrig:
    „Es dürfte nicht viele Iraker geben, die sagen: ‚Großartig, unser Land ist zerstört, über 1 Million Mitbürger sind tot, viereinhalb Millionen sind auf der Flucht, die Kindersterblichkeit ist eine der höchsten der Welt, es gibt kaum Strom, Wasser und Medikamente, Arbeitslosigkeit und Inflation sind auf über 50 Prozent gestiegen, auf die Straße kann man kaum noch – aber es hat sich gelohnt, Saddam ist weg.‘“ (Todenhöfer: Warum tötest Du, Zaid?, S.33)
  • unterzieht die gültigen Feindbilder einer unparteilichen Prüfung und weist deren Berechtigung aufs Schärfste zurück. Todenhöfer ist (ohne „Einbettung“ in Schutz bzw. Kontrolle der US-Army) in den Irak gefahren, hat mit Leuten geredet, die ihre Liquidierung nach hiesiger Lesart verdienen, und kommt zu dem Schluss, dass Untergrundkämpfer gegen die Besatzungsmacht vom Standpunkt gerechter Gewalt allemal verständliche Gründe für ihre Aufstände und Attentate haben. Sogar wenn sie sich zu al Kaida bekennen, bescheinigt ihnen der Mann aus dem Westen ein moralisches Recht zur Gegenwehr und dazu immerhin ein Bewusstsein von der Verwerflichkeit ihrer Gewalttaten.
    „Ich frage ihn, wie er auf die Wahnsinnsidee gekommen sei, sich einer Mörderbande anzuschließen, die Tausende von Zivilisten auf dem Gewissen habe und das Ansehen des Islam ruiniere. Rami schaut mich ruhig an und fragt: ‚Was hätten Sie getan, wenn Ihre Mutter vor den Augen Ihrer Familie erschossen worden wäre?‘“ (S. 99) „Zaid (nach erfolgreichem Sprengstoffattentat) wirft sich auf seine Matratze, vergräbt sein Gesicht in einem Kissen und versucht, einen klaren Kopf zu bekommen ... Immer wieder gehen ihm die Bilder junger amerikanischer Soldaten durch den Kopf, die Explosion, die er nur gehört hat, und die Bilder von Haroun und Karim“ (seinen von Amerikanern getöteten Brüdern, S. 139).
  • deutet auf die vergleichsweise viel größere Gewalttätigkeit des Westens und das Ausmaß von Leid, das der seinen islamischen Feinden zugefügt hat. Dabei geht es Todenhöfer auch um eine Richtigstellung des Verhältnisses von Ursache und Wirkung, von Kolonialismus und Neuer Weltordnung auf der einen Seite, benachteiligten Ländern und unterdrückten Menschen auf der anderen:
    „Der Westen führt in der traurigen Bilanz des Tötens mit weit über 10:1. Die aktuelle Diskussion stellt die historischen Fakten völlig auf den Kopf. Nicht die Gewalttätigkeit der Muslime, sondern die Gewalttätigkeit einiger westlicher Länder war und ist das Problem unserer Zeit. Der Westen hat die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen, seiner Werte oder seiner Religion erobert, sondern durch seine Überlegenheit beim Anwenden organisierter Gewalt. ...Islamisch getarnte Terroristen sind Mörder. Für christlich getarnte Anführer völkerrechtswidriger Angriffskriege kann nichts anderes gelten. Nichts fördert den Terrorismus mehr als die ‚Antiterrorkriege‘“ („10:1. Unser Horizont ist nicht das Ende der Welt“, Anzeigen in der FAZ, 14. + 15.3.08).
  • unternimmt einen Streifzug durch die Geschichte des Rassismus alter und neuer Imperialisten, der damals wie heute als Legitimation dient für die Leichen, die ihren Weg pflastern. Er besteht darauf, dass den Muslimen mit dem westlichen „Krieg der Kulturen“ schweres Unrecht angetan wird:
    „Arabische Familien wurden in der Kolonialzeit wie ‚Hyänen, Schakale und räudige Füchse‘ gejagt. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hat der Westen die Araber oft als Untermenschen ‚auf der Stufe eines höheren Affen‘ behandelt ... „Muslime waren und sind mindestens so tolerant wie Juden und Christen. Sie haben die westliche Kultur entscheidend mitgeprägt. Als der muslimische Feldherr Tariq ibn-Ziyad 711 auf der Iberischen Halbinsel landete, begannen über siebenhundert Jahre kultureller und wissenschaftlicher Blüte, von deren Ausstrahlung die westliche Zivilisation bis heute profitiert.“ („10:1. Unser Horizont ...“, ebd.)
  • hält unter dem Strich fest, dass die Staaten des Westens keineswegs als Retter von Witwen und Waisen in die Welt ziehen. Einen Grund der erpresserischen und kriegerischen Interventionen – gerade im „Krisengebiet Naher Osten“- und einen Zweck der organisierten Gewalttätigkeit will Todenhöfer schon benannt wissen: Auch im globalen „Antiterror-Krieg“ stehen ökonomische und nationale Interessen höchsten Kalibers auf dem Spiel.
    „Dem Westen ging es im Nahen und Mittleren Osten nie um Menschenrechte und Demokratie. Er kämpfte und kämpft ums Öl.“ („10:1. Unser Horizont ...“, ebd.)

Warum die Kritik nichts taugt

In allen Punkten seiner Anklage entdeckt Todenhöfer ein Auseinanderfallen von Titeln und Tat. Er kritisiert den Einsatz amerikanischer Gewaltmittel vom Embargo über Bombenteppiche bis zum rücksichtslos zerstörerischen Nation Building, bei dem ca. 600 000 Iraker ihr Leben verlieren; er leidet mit den menschlichen Opfern westlicher Ordnungsstiftung und erklärt Nine Eleven plus Nachfolgetaten zur wahnsinnigen, aber keineswegs erstaunlichen Quittung für unsere Ignoranz und Missachtung gegenüber der muslimischen Welt; er beklagt eine missbräuchliche Benutzung der Religion, des Islam wie des Christentums, für politische Zwecke und geißelt das staatlich angeordnete Töten wie das Führen eines Heiligen Kriegs als Mord; und er kauft den Chefs des freien Westens einfach nicht mehr ab, es ginge ihnen bei der Beaufsichtigung der Staatenwelt letztlich um humane Ziele: Nur um einen Schluss – den fälligen und entscheidenden – drückt diese Kritik sich herum.

Vergeht sich der Westen an seinem eigentlich guten Auftrag, wenn er dafür Gewalt anwendet? Oder ist die rücksichtslose Durchsetzung seiner Interessen notwendig im Programm inbegriffen? Die Frage ist mit dem Deuten auf den Widerspruch von hehrer Verheißung und blutiger Realität ja nicht beantwortet; und sie lässt sich damit auch gar nicht klären. Die Verlogenheit des Freiheits-, Werte- und Menschenrechtsgetues deckt ein aufrechter Humanist wie Todenhöfer gnadenlos auf; aber er bedient sich immerzu der Technik des Entlarvens einer verhängnisvollen Verfehlung, was angesichts von Umfang und Methodik des geschilderten Gemetzels wie eine ziemlich gutmütige Annahme daherkommt. Wo dem Westen vorgerechnet wird, seine Vormacht beruhe nicht auf der Überlegenheit des Wertehimmels, sondern auf der Feuerkraft der Gewaltmaschinerie; wo die Herren aufgeklärter Zivilgesellschaften als christlich getarnte Staatsterroristen verurteilt werden, die den muslimisch maskierten Gotteskriegern in nichts nachstehen; wo der Hinweis auf Öl wie ein Indiz für niedere Motive zu verstehen ist, die an die Stelle eigentlich angesagter Taten des Westens treten: Da wird der moderne Imperialismus fortwährend im Namen genau der Ideale kritisiert, die er selber in Umlauf gesetzt hat.

Das ist entschieden weltfremd. Die festgestellte Differenz zwischen proklamierter Weltverbesserung und gewalttätiger Wirklichkeit möchte Todenhöfer mit einem reichlich sachfremdem ‚Statt‘ fassen: Statt um Menschenrechte kümmert sich der Westen um seine Weltmacht, seine strategischen Interessen und um die Profite der Konzerne; statt um Freiheit & Demokratie um den Schutz autoritärer Regime; statt um friedlichen Verkehr der Völker um die Vorherrschaft seines Kulturkreises. Die aufgelisteten Gegensatzpaare, die seine Kritik zusammenfassen, sind dem Autor aber kein Anlass, sich um ein paar Schlüsse auf die Zwecke des Imperialismus zu bemühen, der da so verheerend weltmächtig zuschlägt und dabei nicht auf die Berufung auf höchste Werte verzichtet. Bei der Darstellung des Verhältnisses der von ihm kritisierten Politik zu Menschenrecht, Demokratie und interkulturellem Respekt zielt er gar nicht darauf, dessen Begriff festzuhalten, der für ihn bereits mit seinem „anstatt“ fertig ist: Weltmacht ist in dieser Fassung nicht der Zweck imperialistischer Umtriebe; vielmehr sind die einschlägigen und so unglückseligen Bestrebungen des Westens ein einziger Verstoß gegen den Geist des Guten, Wahren und Schönen, der abendländische Politik zu leiten hätte.

Die ausführliche und rücksichtslose Darstellung, wie kriegführende westliche Politiker an ihren humanitären Lügen festhalten, wenn sie über Leichen gehen, veranlasst Todenhöfer jedenfalls nicht zu Reflexionen über das Zusammenpassen dieser Lügen und der Gewalt, die sie rechtfertigen und beschönigen. Es stimmt ja, dass himmelschreiende Verdrehung der Tatsachen und Schönfärberei üblich sind, wenn Politiker und Generäle den sittlichen Sinn der Verheerungen auf ihren Kriegsschauplätzen erläutern. Dass ausgerechnet das aber für einen bleibenden Widerspruch zwischen Politik und den gültigen Maximen allgemeinmenschlichen Anstands sprechen soll, ist überraschend: Die unvermeidliche Allgegenwart solcher Interpretationsleistungen führt ja vor, dass es offenkundig von Seiten der staatlichen Gewalttäter ein dauerndes Bedürfnis nach ihnen gibt. Dann werden sie wohl auch in einem dienlichen Verhältnis zum politischen Geschäft stehen: Imperialistische Weltpolitik geht eben nicht ohne höheren Auftrag auf den Rest des Globus los, was leicht zu haben ist, wenn man selbst die zuständige Behörde ist, die den sittlichen Ausweis für die eigenen Interessen ausstellt. Die nötigen Kriegszüge finden deswegen stets im Einklang mit und gerechtfertigt von höchsten Werten statt. In deren Namen bewirtschaften ihre Bewahrer alleinverantwortlich das Verhältnis von sittlichen Titeln und Gewalt: Wegen Menschenrecht und -würde, Terrorschutz und Wahlrecht übernehmen sie Pflichten und reklamieren Rechte, auf deren sicherer Grundlage sie sich befugt und genötigt sehen, völkerrechtlich, diplomatisch und eben auch militärisch die Welt zu ordnen.

Der versöhnliche Appell

Todenhöfers Kritik, die – bei allem Radikalismus, mit dem sie ihr Material ausbreitet – nicht über das öffentliche Anprangern eines schlimmen Verrats der politischen Praxis an den ehrwürdigen Werten der westlichen Welt hinausgehen will, möchte am Ende nicht mit den Tätern brechen: Sie enthält eine Öffnungsklausel zur Versöhnung mit denen, die gerade noch blutige, ungerechte und inakzeptable Feldzüge gegen die Muslime organisiert haben. Die könnten nämlich, wenn sie nur auf ihn und die Stimme des menschlichen Anstands und der staatspolitischen Vernunft hörten, genauso gut alles richtig machen, wie sie zuvor alles falsch gemacht haben: Das Gebot der Stunde heißt Staatskunst, nicht Kriegskunst! (10:1, ebd.)

Die westlichen Staatskünstler sollten endlich ihr Feindbild vom arabischen Untermenschen und die Gleichsetzung von Islam und Terrorismus korrigieren. Diese falsche Sichtweise widerlegt Todenhöfer ausgerechnet damit, dass diese Volksgruppe und Glaubensgemeinde die Feindschaft des Westens angesichts ihrer Verdienste um die Kultur der Menschheit im Allgemeinen und der unseren im Speziellen nicht verdient habe; und diese Richtigstellung ergänzt er um den konstruktiven Vorwurf eines falschen Umgangs mit den Muslimen, der „uns“ am Ende nur schade statt nutze:

„Wie soll die muslimische Welt an unsere Werte Menschenwürde, Rechtsstaat und Demokratie glauben, wenn sie von uns nur Unterdrückung, Erniedrigung und Ausbeutung erlebt?“ (10:1, ebd.)

Dass sie das sollte, die muslimische Welt, scheint ausgemachte Sache zu sein. Bloß: Warum sollte sie? Was spricht eigentlich für diese Werte, wenn sie mit massenhaftem Totschlag und endloser Not einhergehen?

So landet die radikale Verzweiflung an der Weltordnung von Geschäft und Gewalt zum schlechten Schluss in der Pose des alternativen Politikberaters. Der hält seiner Nation und dem angestammten imperialistischen Lager, zu dem sie nun einmal gehört, bei aller Enttäuschung – oder wegen ihr? – die Treue. Und am Ende hält er aus dem Geiste letztlich ungebrochener Zuneigung sogar für die Haupttäter der geschilderten Gräuel einen guten Rat bereit für eine andere Politik, die den USA helfen würde, auch die moralische Anerkennung ihrer globalen Führungsrolle zurückzuholen:

„Es ist keine ‚Appeasementpolitik‘, wenn die jetzige US-Führung aufhört, immer neue Horrormärchen über muslimische Länder zu erfinden, wenn sie aufhört, sich den Weg zu den Rohstoffquellen freizubomben, wenn sie aufhört, die großen Ideale zu zerstören, für die viele Menschen Amerika einst so geliebt haben – und für die sie Amerika so gerne wieder lieben würden.“ (10:1, ebd.)

Darauf muss man erst mal kommen: Bomben zerstören Ideale! Neue Anführer, übernehmen Sie! Und helfen Sie mit, damit unverwüstliche Idealisten von Kapitalismus und Demokratie weiterhin an Ihre gute Sache glauben können!!


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