CDU-Bundespräsidenten-Kandidatin

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-99 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Dagmar Schipanski aus Thüringen: Der CDU ihre Präsidentschaftskandidatin

Überblick

Jenseits der Gegensätze von Regierenden und Regierten braucht die Herrschaft einen Repräsentanten des großen ‚wir alle‘, der die Lüge vom Dienst der Politik am Bürger schön menschelnd glaubwürdig macht. Dafür schicken die C-Gruppen eine Quotenfrau aus Thüringen ins Rennen – ein Schlag gegen die rot-grünen Hippen. Werden tuts dann aber Bruder Johannes.

Dagmar Schipanski aus Thüringen:
Der CDU ihre Präsidentschaftskandidatin

Im Mai wird der Job des Bundespräsidenten neu besetzt, und wie jedes Mal wird aufgeregt ein ‚würdiger Nachfolger‘ des Vorgängers gesucht. Das ist einerseits ziemlich albern, weil er längst feststeht: Die Mehrheitspartei im Lande setzt ihren Kandidaten durch. Andererseits hat das allgemeine Verlangen nach Würde durchaus etwas mit dem besonderen Posten zu tun, der zu vergeben ist: Im ranghöchsten Staatsamt gibt es zwar nicht viel zu entscheiden – das Tagesgeschäft der Macht erledigen schon der Kanzler und seine Fachleute für Legislative und Exekutive –, dafür hat der Bundespräsident die durch das Regieren für alle BürgerInnen verbindlich gemachte Sache der Nation, also Deutschland, zu repräsentieren. Diese, von vielen demokratischen Verfassungen als zweckmäßig erachtete Arbeitsteilung ist es, die dem Amt seine Würde verleiht und zugleich deren Verkörperung verlangt.

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Was Monarchen mit ihren Palästen und Kutschfahrten durch das winkende Volk recht ist, ist Demokratien nämlich billig: Die Selbstinszenierung der Macht ist auch hierzulande kein bloßes Beiwerk, sondern unentbehrlich für deren guten Ruf. Der Grund für dieses Bedürfnis liegt in der Sache selbst begraben, die repräsentiert wird: Mit der Ausübung der Herrschaft, die ohne Gegensätze zwischen Regierenden und Regierten nicht abgeht, kommt bei deren Inhabern das Begehr auf, die Spitze des Staates – getrennt von allen Zumutungen, die der für die Leute bereithält – in einer mit allen perversen Symbolen nationaler Herrlichkeit ausgestatteten Figur zu institutionalisieren, die pur das patriotische Gemeinschaftsgefühl repräsentiert. In deren prächtigen Amtssitzen, Paraden und Gattinnen sollen Volk und Führung sich gleichermaßen als ideelle Teilhaber an einer großen und umwerfenden Sache wiederentdecken. Herausgehoben aus dem ‚schmutzigen Geschäft‘ der Politik, für keine Steuerreform und keinen Soli-Zuschlag verantwortlich, auch nicht für Arbeitsplätze und Armut, „nur“ den natürlichen Zusammenhalt des nationalen Kollektivs verkörpernd: Die sinnige Konstruktion des Präsidentenjobs zielt ganz auf die Anerkennung von Herrschaft – jenseits von und über allen Gegensätzen, als schierer Dienst am Bürger. Sein Amt personifiziert den gepflegten Schwindel vom Ansehen der Macht qua persönlicher Werte ihrer Besitzer: Unglaublich, also glaub- und würdig menschelnd – wie von Du zu Du – mahnt der ranghöchste Deutsche Respekt vor den Personen an, die sich der schweren, aber nötigen Aufgabe annehmen, dem Gemeinwohl zu dienen, das nach Weizsäcker kein Selbstbedienungsladen ist, und hat selber vorzumachen, daß der Politik Respekt gebührt, wenn sie dem Volk seine Opfer dankt. Mit seiner ‚Ausstrahlung‘, die wie jede echte Schönheit von innen kommt, überzeugt das Staatsoberhaupt in ‚großen Reden‘ von diesem tieferen Sinn des nationalen ‚Wir‘, hält sein Land wie Herzog zu ruckartigen Bewegungen an, ohne ausgelacht zu werden, verkörpert auf Reisen Deutschlands Klasse und Unverdächtigkeit – und hat dabei überall eine gute Figur zu machen.

Klar, daß jede große Volkspartei auf diesen Vorturnerposten in ‚geistig-moralischer Führung‘ scharf ist.

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Dummerweise ist die Würde des Präsidenten aber auch ein knappes Gut. Genaugenommen reicht sie gerade mal für eine Person. Das stellt die jeweils aktuelle Minderheitspartei vor ein Problem. Bei der Kür des höchsten Würdenträgers einfach abseits zu stehen, kommt kaum in Frage; das sähe so aus, als hätte die CDU mit der schmerzlichen Niederlage vom September die Lust an den Staatsgeschäften verloren. Das Gegenteil aber soll demonstriert werden: Sie ist jederzeit zur Macht bereit, gönnt keinen Posten dem politischen Rivalen, weil sie das Kommandieren und die Weihnachtsansprache auch zur Sommerszeit viel besser drauf hat als rot-grün. Also muß ein Kandidat her. Einer, der für diesen Beweis antritt, auch ohne Wahlchance. Die Partei muß sich eine Figur backen, einerseits präsidiabel, daß sie kaum laufen kann, die andererseits das Format hat, eine solche Kandidatur durchzustehen und die absehbare Niederlage zu ertragen (Schäuble, FR, 26.1.99). Eine unfreiwillig klare Auskunft über den Intrigantenhaufen, dem er vorsitzt. Aus den Reihen verdienter Politgeier gibt keiner seinen guten Namen her für eine solche Kandidatur, die mit dem schwersten Makel behaftet ist, den Demokraten kennen: Absehbarer Mißerfolg gibt Unrecht, verbaut Parteikarrieren, entehrt einen als Zählkandidaten, dem es offenbar an Erfolgsfähigkeit gebricht – der fettesten Tugend, die Demokraten sich nachsagen lassen wollen. Einer soll den Trottel aber machen, und so fällt die Wahl der Parteiräson auf eine parteilose, der CDU zuneigende Frau, die das Format hat, den Sozis und ihrem Johannes das Feld der politmoralischen Definitionshoheit nicht kampflos zu überlassen: Es kann auch ehrenvoll sein, wenn man nicht gewählt wird (CDU-Pressekonferenz).

Klar, denn das geehrte Frauenzimmer ist ihr Retortenbaby. Gemixt im Reagenzglas demokratiemethodischer Glaubwürdigkeitslogik, 3x geschüttelt, und dem Verstand (Stoiber) der CDU/CSU entsteigt die optimale Lösung: Dagmar Schipanski – eine Frau aus dem Osten, für die die Einheit das Wunder meines Lebens ist.

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Indem das Wunderkind an so ziemlich alle albernen Assoziationen des demokratischen Wertehimmels appelliert, steht seine Eignung zur Gegenkandidatin des künftigen Präsidenten außer Zweifel:

  1. Schon seit Maggie Thatcher und Monika Wulf-Mathies wissen wir, daß zur siegreichen Erledigung der Frauenfrage eigentlich nur noch eines gefehlt hat: Ein weiblicher Weizensack. Daß ausgerechnet die CDU das Quotenweib präsentiert, wird die rot-grünen Hippen schwer wurmen.
  2. Schon seit 1990 ahnen wir, daß der ‚Befindlichkeit‘ ostdeutscher Plattenbaubewohner vor allem eines auf die Beine hilft: Eine Ossi-Repräsen-Tante auf Schloß Bellevue. Die Quotendaggi aus Thüringen, stasi-unverdächtig, wird den Zoni-Seelsorgern von der PDS schwer zu denken geben.
  3. Darauf haben wir in diesen schweren Zeiten der ‚Globalisierung‘ doch gewartet: Eine „Professorin für Festkörperphysik“! Denn Physik steht für Innovation und Deutschlands Zukunft auf den Weltmärkten, was den Laienprediger aus Wuppertal, der uns noch nicht mal den tiefen Teller erfinden würde, ein paar Tage wie einen Hinterwäldler aussehen läßt, bis er dann zum ‚Großen Versöhner‘ gewählt wird.

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