Brent Spar

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Die verhinderte Versenkung der „Brent Spar“
Wie Geschäft, Umweltmoral und Euro-Imperialismus zusammenhängen

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Die kapitalistisch sachgerechte Nutzung der Nordsee als billige Müllkippe ist zwischen den Nordsee-Anrainer-Staaten abgesegneter Usus. Zur internationalen Affaire wird die Versenkung der Ölplattform Brent Spar durch den Beschluss Deutschlands, daraus eine Botschaft gegen England zu lancieren: Europäische Großkonzerne wie Shell haben sich in ihren Geschäftspraktiken ausschließlich auf die Vorgaben der stärksten Wirtschaftsmacht zu beziehen. Für dieses Programm wird kurzzeitig Greenpeace wie auch der umweltbewusste deutsche Verbraucher hofiert und instrumentalisiert.

Die verhinderte Versenkung der „Brent Spar“
Wie Geschäft, Umweltmoral und Euro-Imperialismus zusammenhängen

Ein Feindbild einte das Land: Shell. Wer im Juni dort tankte, mußte sich vorhalten lassen, mitschuldig am Tod der Nordsee und ein nationaler Verräter zu sein. Das Bezeichnende an der Affäre „Brent Spar“ war, daß beide Vorwürfe ineins fielen. So sachfremd die Bezichtigung des gemeinen Treibstoffverbrauchers, durch das Einfüllen von 50 Litern Shell-Benzin die Verseuchung des Ozeans zu sponsern, so geeignet war sie zur Anstachelung von Staatsbürgern, als umweltbewußte Konsumenten deutsche Verantwortung zu demonstrieren. „Wir“ kümmern uns um bedrohte Weltmeere, nuklearverseuchte Atolle, abgeholzte Regenwälder und schmelzende Polkappen – und wie! Der Fall „Brent Spar“ hat bewiesen, daß „Umweltbewußtsein“ weder als Einspruch gegen die systematische Ruinierung der Natur durch Staaten und Konzerne gemeint ist noch dazu taugt: Von Gründen will Umweltmoral „von unten“ nichts wissen, bei Subjekten nichts unterscheiden; deshalb ist sie von oben locker benutzbar. Der Gedanke, daß am regierungsamtlichen Lob ihres Boykotts etwas faul sein könnte oder gar an ihrem Boykott, wenn er soviel regierungsamtliches Lob auf sich zieht, liegt Umweltschützern und Verbrauchern fern; lieber stellen sie sich vor, sie hätten mit ihrem Einsatz ihre Obrigkeit auf Linie gebracht. Und daß es in der ganzen Affäre um etwas völlig anderes ging als um öliges Wasser, nämlich um einen deutschen Einspruch gegen nationale Rechte des Standorts England und seiner Konzerne, ist ihnen einesteils verborgen geblieben – und andernteils, so ist zu befürchten, durchaus recht gewesen.

Die Sache: Der Zweck heiligt den Dreck – Business and Umweltschutz as usual

Wenn die Shell Transport & Trading/Royal Dutch Petroleum Company auf die Idee kommt, den schwimmenden Tank „Brent Spar“ nach 19 Dienstjahren vor den Shetland-Inseln zu pensionieren und die letzte Ölung in 2000 Metern schottischer Meerestiefe vorzunehmen, dann behandelt der drittgrößte Konzern der Welt die Nordsee haargenau als das, was Gewässer kapitalistisch sind, wofür sie von ihren jeweiligen nationalen Besitzern vorgesehen und beansprucht, zu- oder eingerichtet und mit Stachelzäunen oder 12-Meilen-Zonen geschützt werden: Ozeane und Flüsse, Stauseen und Kanäle sind Rohstoffgewinnungsgebiete und Energiequellen fürs produktive Kapital, Transportwege fürs Handelskapital; beiden Abteilungen dient das kühle Naß zudem als Auffangbecken und Müllverladeplatz für Schrott, Abfälle und Gifte. Dafür werden die natürlichen Gegebenheiten des feuchten Elements genutzt: Die Tiefe des Meeres, die Strömung des Flusses sehen durch die Brille von Staaten und Unternehmen wie eine einzige Einladung aus, ihren Kehricht schnell, unauffällig und preiswert verschwinden zu lassen. Im Unterschied zum bloßen Verbraucher haben Warenproduzenten und ihre Kollegen von der Transportfraktion dafür sogar einen „guten“, weil gesellschaftlich anerkannten und ins Recht gesetzten Grund: Für sie ist Luft nicht zum Atmen, Boden nicht zum Bewohnen, Wasser nicht zum Trinken und Waschen da, für sie ist Natur keine Lebens-Bedingung, sondern Bedingung für Wirtschaftswachstum und Geschäft. Wenn sie Luft, Wasser und Boden vergiften, dann richten sie zwar jede Menge Schaden an, aber sie schaden damit nicht dem gemeinen Wohl, das nun einmal im national verdienten Geld besteht, sondern leisten dazu einen nützlichen Beitrag – solange jedenfalls, wie sie nicht die Geschäfte des nächsten Unternehmens beeinträchtigen, das für die Gratisgaben der Natur eine gewinnträchtige Verwendung hat. Darum wird auch der Teil der Natur, der in flüssiger Form vorliegt, nach allen Regeln kapitalistischer Rechnungskunst versaut – gleichgültig und rücksichtslos gegen die Konsequenzen für Mensch, Fisch und Wasser.[1] Das Register der einschlägigen Umwelt„sünden“ in der Abteilung Öl ist entsprechend ansehnlich:

Der Einsatz giftigen Bohrschlamms zum Aufstemmen des Meeresbodens bei der Produktion des sog. „Offshore-Öls“[2] ist ebenso Usus wie die Bereicherung des Wassers durch dabei freigesetzte Chemikalien und radioaktive Salze. In der Sphäre der Zirkulation – dort, wo die Waren auf dem Weg zu ihrer eigentlichen Bestimmung sind: der marktmäßigen Versilberung des in ihnen steckenden, aber noch nicht realisierten Mehrwerts – beherzigt die freie Handelsschiffahrt alle aus dem Marxschen „Kapital“ geläufigen Techniken,[3] welche die Kosten des Umschlags niedrig und dessen Geschwindigkeit hoch halten. Riesenfrachter und Megatanker nehmen ihre Ölwechsel während der Fahrt vor, Treibstofftanks werden lieber auf See als auf dem Trockendock ausgewaschen, Reparatur- und Wartungsarbeiten finden unterwegs statt: Auf diese Weise wird „alleine die Nordsee mit 210000 t Öl jährlich“ abgefüllt. Am Ende muß der Schrott – im Sinne seiner kapitalistischen Definition: nur noch zu unvertretbaren Kosten weiterverwendbare, konkurrenztechnisch überholte Maschinen, Pipelines und Silos – samt giftigen Überbleibseln irgendwie beiseite geschafft werden. „Alle Nordsee-Plattformen zusammen enthalten 2,6 Mill. Tonnen Stahl, 1800 t Blei, 50000 t Ölrückstände und 20 t hochtoxisches PCB“ (Greenpeace). Die Abwrack-Kosten betragen viele Millionen Pfund pro Teil, die Berechnung der „besten Option“ war Shell UK und der britischen Regierung eine 2-Millionen-Studie wert, dann stand fest: Seebestattung kommt am billigsten.

Wenn die europäischen Anrainerstaaten diese jahrzehntelang geübte Praxis auf turnusmäßigen Nordsee-Schutz-Gipfeln einer Prüfung unterziehen, dann behandeln sie Säurepegel und Giftkonzentrationen in genau demselben Sinn. Denn erstens gehören sie selbst zu den Betreibern des fraglichen Geschäfts: Sie alle haben es in den Siebziger Jahren für dringlich befunden, sich aus der „Abhängigkeit“ von „arabischen Ölhähnen“ zu befreien; drei von ihnen (England, Niederlande, Norwegen) haben die Gunst der Natur genutzt und in ihrem Nordseeteil eine eigene Schmiermittel-Produktion auf- und ausgebaut. Im Interesse wirtschaftspolitischer Emanzipation von fremden Lieferanten wurden Shell, Esso und BP dazu „gereizt“, die Nordsee mit 420 Förderplattformen zuzupflastern. Zweitens billigen die so engagierten Staaten allesamt die schmutzigen Badegewohnheiten ihrer Lieblingsbürger, nach dem Grundsatz: Alles, was den Unternehmen Kosten erspart, ist gut für Aufschwung und Standort. Drittens kontrollieren sie den anfallenden Dreck, unter dem Gesichtspunkt seiner nationalen Dienlichkeit für obige Funktionen. Umweltschutz besteht im Ausstellen von Lizenzen, wer wann was und wieviel ins Wasser einleiten darf[4]; manches wird auch verboten, wenn alternative „Lösungen“ einen Konkurrenzvorteil versprechen. Denn das Meer soll ja so vielseitig brauchbar bleiben: Beim Benutzen der Weltmeere soll die Brühe nicht „kippen“.

Nach dem Willen ihrer maßgeblichen Benutzer ist die Nordsee also eine Drecksbrühe und Müllkippe. Ihre diesbezügliche Zufriedenheit bekräftigten die versammelten Anliegerstaaten auf der letzten Nordseeschutzkonferenz ausdrücklich; Säuberungsbedarf wurde, zwei Wochen vor Beginn des „Brent-Spar“-Spektakels, in keinerlei Hinsicht angemeldet. Zu verhindern, daß die Nordsee zur Müllkippe wird, war deshalb ganz gewiß nicht der Witz der plötzlichen Anti-Shell-Koalition.

Warum wurde die Versenkung einer Ölplattform dann aber zur internationalen Affäre?

Die Affäre: Deutschland zeigt England, wofür der Titel „Umwelt“ alles gut ist

Haben Shell und die Briten unvernünftig oder verkehrt gerechnet? Sind deutsche Ölfirmen und Politiker sensibler für Umweltfragen? Wohl kaum: Ein Rechenfehler ist am Vorschlag der englischen Experten, „Brent Spar“ & Co. auf dem Meeresboden zu beerdigen, nicht zu entdecken. Nach der marktwirtschaftlich vernünftigen und international gültigen Formel für kostengünstige Abfallbeseitigung wären deutsche Rechnungsprüfer sicherlich zum selben Ergebnis gekommen; absehbare ökologische Schäden behandeln Dünnsäure-Verklapper aus Leverkusen mit der gleichen Lässigkeit wie Giftmüllkapitäne aus Portsmouth; die „umweltschonendere Lösung“ kommt nur bei gleichem Preis in Frage: So machen Unternehmen und Staaten die Gesundheit der Leute und das Wohlergehen ihrer Bilanzen kommensurabel. An den Entsorgungsplänen für „Brent Spar“ und dessen Artgenossen fand darum auch Frau Merkel zunächst nichts Anrüchiges.

Deshalb wird man bei der Suche nach einem positiven Grund für den scheinbaren Sinneswandel deutscher Politiker auch so schnell nicht fündig: Hat das deutsche Umweltministerium die Gefährlichkeit der britischen Pläne unterschätzt und macht sich nachträglich dafür stark, die Nordsee nicht noch mehr zu belasten? Da hätte sie, nach allgemeiner Expertenmeinung, an anderer Stelle anfangen müssen als ausgerechnet bei dieser dann doch vergleichsweise unerheblichen Affäre. Hat sich die schwarz-gelbe Regierungsmannschaft ihrem aufgeregten Wählervolk als einzig wahre grüne Kraft empfehlen wollen? Ohne Zweifel – nachdem die Aufregung da war; die hat aber überhaupt erst durch die Agitation von oben nationale Ausmaße angenommen. Hat die Regierung die Argumente des Club of Rome und von Greenpeace erhört („Es ist 5 vor 12“), die davor warnen, daß der geballte Angriff auf die natürlichen Lebensgrundlagen deren langfristige Benutzung in Frage stellt? Solche Überlegungen liegen den Berechnungen staatlicher Umweltpolitik allemal zugrunde und münden normalerweise eben in solche Aktivitäten wie die Nordseeschutzkonferenz; warum in diesem Fall in eine Verhinderungskampagne? Nicht einmal das banale ökonomische Konkurrenzinteresse, das sonst in der Polemik einer Nation gegen das „Umwelt-Dumping“ einer anderen zum Zuge kommt, ist hier auszumachen: Die EU-Partner Deutschland und Großbritannien konkurrieren mit allen nationalen Geschäftsbedingungen gegeneinander, nicht zuletzt mit der Verlockung laxer Umweltschutzkontrollen; aber ausgerechnet über die Produktionskosten von Erdöl, in die die Entsorgungskosten für Bohrinseln und verwandtes Gerät eingehen, konkurrieren sie nicht; da profitiert die deutsche Wirtschaft vielmehr, gemeinsam mit anderen Shell- und BP-Kunden, von niedrigen Gestehungskosten. Warum dann doch dieser Einspruch von höchster Stelle gegen eine im Wortsinn stinknormale Geschäftspraxis?

Denn das fällt ja auf an der ganzen Affäre: daß die Bonner Regierung mit ihren Interventionen aus einem ganz alltäglichen Umweltskandal erst einen internationalen Zwischenfall gemacht hat. Sie hat ihr schon gegebenes Einverständnis mit dem britischen Verfahren zurückgezogen und die Versenkung zu einem Symbol für die Unverantwortlichkeit englischer Multis aufgeblasen. Nicht Shell & Major sind mit „Brent Spar“ aus einer gemeinsamen europäischen Beschlußlage ausgestiegen, sondern Deutschland hat mit seiner publikumswirksamen Beschuldigung der „Shellfinken“ (Frankfurter Rundschau) den „Alleingang“, den es Großbritannien vorwirft, unternommen. Und es hat die Angelegenheit keiner EU-Unterkommission zugeführt und dort intern geregelt; stattdessen hat der Kanzler Tage vorher angekündigt, er werde den englischen Premier auf dem G-7-Treff in Halifax „auf die Entscheidung ansprechen, die in der deutschen Bevölkerung große Beunruhigung ausgelöst hat“, hat das Thema also in die Weltöffentlichkeit gezerrt und damit endgültig auf die Ebene einer zwischenstaatlichen Affäre gehoben.[5]

Verrechnet haben sich die Briten also in einer ganz anderen als in geschäftlicher Hinsicht: Daß sich die Nordseeanlieger in der Praxis weitgehend einig sind – Verschmutzung muß und darf sein –, bewahrt sie noch lange nicht vor einem auswärtigen Veto gegen einen entsprechenden Gebrauch ihrer Souveränität.[6] Für so etwas gibt es noch andere, höhere Gründe; und die sind, unmißverständlich für alle beteiligten Seiten, bei „Brent Spar“ ins Spiel gekommen:

Die Anklage der Deutschen zielt erstens auf den Multi, der mit britischer Lizenz Öl erbohrt, um es nicht zuletzt gegen Deutsche Mark zu verkaufen. Mit Verweis auf ihr Heer leicht erregbarer Autofahrer hat die deutsche Regierung die Londoner Konzernspitze mit der Anfrage konfrontiert, von welcher nationalen Abteilung des europäischen Binnenmarkts ihr Geschäft stärker abhängt, auf wessen obrigkeitliche Lizenzen und herrschaftliches Wohlwollen sie sich mehr angewiesen sieht, an welchem Standort ihr Laden also eigentlich zu Hause ist – Großbritannien oder Deutschland. Und natürlich war das keine offene Frage, sondern der nachdrückliche Wink, daß Konzerne, die in Europa reüssieren wollen, sich ihre entscheidenden Orientierungen und Maßregeln selbstverständlich bei der stärksten Wirtschaftsmacht abzuholen haben. Diese Botschaft erging zweitens an die britischen Kollegen, die nicht einmal die Verfügungsgewalt über Nordsee-Ölfelder davor bewahrt, auch in der Erdölbranche ein Industriestandort bloß zweiten Ranges zu sein: Mit der souveränen Entscheidungsbefugnis des Vereinigten Königreichs ist es nicht weit her, wenn Deutschland sogar die rechtlich einwandfreie Londoner Erlaubnis für eine britische Firma zur kostensparenden Ölgerät-Versenkung zu Fall bringen kann. Umgekehrt wird so über Führungskraft und Führungswillen der Deutschen in Europa Klarheit gestiftet. „Brent Spar“ mag den Bonner Politikern dafür als besonders geeignete Plattform erschienen sein, weil der Streit darum, was eine königlich-britische Lizenz in der EU noch wert ist, einerseits die zentrale Machtfrage zwischen den großen Partnern aufrührt, dies andererseits aber gerade nicht an einem der großen strittigen Gegenstände – wie der Geldhoheit, der Außenpolitik, der Militärstrategie usw. –, bei denen gleich die Alternative von Trennung oder Unterwerfung auf dem Tisch wäre und eine demonstrative Demütigung des Königreichs die Gefahr der Sprengung des europäischen Ladens herbeiführen müßte, und auch nicht in Form einer direkten hochoffiziellen Staatsaktion. So ist den Briten ihr Souveränitätsverlust zugunsten eines deutsch dominierten Europa drastisch und unmißverständlich vor Augen geführt worden – über den deutschen Benzinverbraucher an einem großen leeren Ölfaß.

Auf den Shell-Konzern hat das deutsche Vorgehen, wie man weiß, den beabsichtigten Eindruck gemacht. Entgegen allen nach wie vor gültigen eigenen Rechnungen hat die Unternehmensleitung sich der „Front auswärtiger Regierungen“ gebeugt, die Klagen der deutschen Dependance über Umsatzeinbußen erhört und fürs erste die „zweitbeste Lösung“ der Entsorgung an Land gewählt. Diese opportunistische Kalkulation des nationalen Großunternehmens hat wiederum das Vereinigte Königreich schwer getroffen – eben genau in dem Sinn, in dem Deutschland seine Initiative gestartet hatte: Der Konzern hat das Machtwort der Regierung, die ihm die Versenkungserlaubnis erteilt hatte, offen blamiert. Aus der unternehmerischen Sachentscheidung ‚Versenken ja oder nein‘ war die höchste nationale Rechts- und Ehrenfrage geworden: Kann England seine wirtschaftspolitischen Entscheidungen nach eigenem Ermessen durchsetzen, oder muß es sich deutschem Druck beugen? Und in ihren Vorwürfen an die Shell-Companie, sie habe egoistische Geschäftsinteressen über die Pflicht zur Heimatliebe gestellt, hat die Regierung ihre Niederlage bereits eingestanden. Der Beschwerde über Shells „nationalen Verrat“ hat sie daher die Drohung hinzugefügt, die versprochene Übernahme von 60% der Entsorgungskosten zu streichen; so hat sie den Konzern an die handfesten Vorteile seiner Beheimatung am Standort Großbritannien erinnert, damit freilich einstweilen nicht mehr erreicht als die Erklärung des Unternehmens, es werde sich auch weiterhin nach seinen Geschäftskalkulationen richten und mit denen eventuell doch auf die ursprüngliche „Lösung“ zurückkommen.[7] Gleichermaßen verärgert hat sich die britische Regierung zugleich gegen die Einsprüche aus Deutschland verwahrt und ihrerseits den Ehrentitel des Umweltschutzes für ihre Versenkungspolitik in Anspruch genommen[8] und so die Aufforderung zurückgewiesen, sich nach deutscher Vorschrift zur „gemeinsamen Verantwortung für die Nordsee“ und damit zur Einordnung in die EU „ohne englische Sonderwege“ zu bekennen. Ihre Öffentlichkeit hatte sie dabei durchaus hinter sich: Englische Zeitungen haben den Deutschen als verweichlichtes, hysterisches Öko-Sensibelchen, wahlweise selber Meerschwein, karikiert und verschwörerisch gemutmaßt, die „Krauts“ hätten gegen die Versenkung nur protestiert, um das Geschäft mit der Zerlegung der „Brent Spar“ an Land zu ziehen.[9] Die politische Niederlage in der Auseinandersetzung darüber, welche Rolle die beteiligten Nationen in Europa übernehmen wollen bzw. sollen, war damit allerdings nicht ungeschehen zu machen: Die Engländer haben sich demonstrativ vorführen lassen müssen, wie es in der EU um ihren Stellenwert und ihre Qualitäten als Industriestandort bestellt ist.[10]

Die deutsche Umweltfront: Ein Volk tankt nordseefreundlich – Verbrauchermoral und ihr nationalistischer Kern

Für diesen europäischen Demonstrationsakt hat die deutsche Regierung den von Greenpeace angeleierten „Brent-Spar“-Protest aus den Hinterzimmern des Öko-Aktivismus auf die nationale Bühne gehievt und dadurch hoffähig wie nie gemacht; sie hat das Umweltbewußtsein des Bürgers, das in anderen Fällen teils belächelt, zurückgewiesen und mit Wasserwerfern bekämpft, teils herbeizitiert wird, um ihn zur Bio-, Abfall- oder Mineralölkasse zu bitten, ohne Einschränkung ins Recht gesetzt; sie hat den Protest mit dem amtlichen Stempel „Genehmigt“ versehen; sie hat die Einbildung aufgebrachter Autofahrer, durch demonstratives Vorbeifahren an einer Shell-Tankstelle „ihr“ Badewasser in St.-Peter-Ording zu retten, nicht gebremst, sondern beflügelt; sie hat den Verbraucher, vom Manta- bis zum Mercedesfahrer, vorübergehend in den Rang eines national bedeutsamen „Clubs umweltschonender Tanker e.V.“ erhoben – nur eines mußte sie dabei nicht: Die Aufregung mußte in keiner Weise korrigiert oder umgebogen, das Wahlergebnis der „Abstimmung an der Zapfsäule“ nicht gefälscht werden, damit deutsche Politiker sich auf es berufen konnten – 100% gegen Shell![11] Die Überzeugungen und Prinzipien umweltbewußter Konsumenten wurden nicht mißbraucht, sondern benutzt und wertgetreu auf ihren nationalistischen Begriff gebracht. Eine Prüfung, durch wen da eigentlich was verhindert werden sollte, war damit von Anfang an ausgeschlossen:

Ginge es nämlich ernsthaft um das Verhindern der Vergiftung von Boden, Luft und Wasser, würde schnell offenbar, daß man als Verbraucher im doppelten Sinne das „letzte Glied in der Kette“ ist. Die beliebte Abstraktion, daß die Verbraucher von Treibstoff, Speis und Trank durch ihr gedankenloses Hinblättern von Geldscheinen am Umlauf verpesteter und naturbelastender Produkte beteiligt sind, übersieht, wie die Teilnehmer der „kleinen Zirkulation“ an Nordseeöl, gepanschtem Wein und wahnsinnigen Rindern beteiligt sind; und die moralische Anmache, ausgerechnet der Endabnehmer mache durch seinen Kauf die ganze Sauerei erst möglich und sei darum letztlich „verantwortlich“, suggeriert kühn eine ursächliche Beteiligung – freilich nur, um den zuversichtlichen Aufruf zu begründen, der Konsument möge die ihm verliehene „Macht“ doch gebrauchen, den Unternehmer auf seinem Schrott sitzenlassen, dadurch an „seiner empfindlichsten Stelle, dem Geldbeutel“ packen und ihn so zur Produktion weniger ekelerregender Waren „zwingen“. All das ist ziemlich gründlich daneben.

Erstens ist der Verbraucher an der Herstellung ungesunder Lebensumstände und Nahrungsmittel gar nicht oder wenn, dann nur als Arbeitskraft „beteiligt“. Als solche ist er von allen „Entscheidungen“ über Qualität der Produkte und Gebrauchswert der Natur aber gerade ausgeschlossen; diese Entscheidungen treffen die Privatbesitzer der Produktionsmittel nach Maßstäben – wie sind die Gewinnaussichten; welche Marktanteile gibt’s zu holen; wer hat die niedrigsten Kosten; wessen Mastschwein wird am schnellsten fett? –, die die Genießbarkeit der kapitalistischen Produktenpalette in der bekannten Weise verderben. Die Verantwortung des deutschen Wertarbeiters kürzt sich somit, wenn man es schon so betrachten will, auf den Fehler zusammen, sich in einem Produktionsverhältnis zu verdingen, das die Lebensmittel, die er zu seiner Reproduktion vertilgen muß, systematisch und lückenlos vergiftet. Zweitens bleibt ihm als Endabnehmer dann nämlich gar nichts mehr anderes übrig, als sich dem vielfältigen Angebot, das die Marktwirtschaft hervorbringt, zu stellen. Richtig ist zwar, daß Otto Salamifresser, Biertrinker und Autofahrer jetzt als Versilberer von Profit „gefragt“ ist; daraus folgt aber keineswegs, daß der Anbieter von Konsumtionsmitteln auf den Kies der Lohnarbeiter in gleicher Weise „angewiesen“ wäre wie diese auf deren Erwerb und Verzehr.[12] Richtig ist zwar, daß Obst- und Möbelkonzerne, Pudding- und Benzinmultis in der Sphäre der kleinen Zirkulation um die „Gunst“ der Kundschaft buhlen müssen, ihre jeweiligen Gewinnansprüche zu befriedigen; das Problem des lohn-abhängigen Einkäufers ist dennoch ein wenig anderer Natur: Die Macht, über die er auf seiner Seite der Ladentheke verfügt, besteht in der Größe des Einkommens, das der Anwender seiner Arbeitskraft ihm vorher für deren rentierliche Benutzung zugestanden hat; die Quelle seines Einkaufsbudgets ist zugleich der Grund für dessen dauerhafte Beschränkung. Die zur Wahl stehenden Alternativen werden für die Umworbenen dadurch nicht größer: Entweder sie kaufen bei Aldi oder legen für phosphatfreie Megaperls und den Aletebauern noch ein paar Märker drauf. Ein Verbraucher-Streik ist darum ein ziemlicher Aberwitz: Gnadenlos „straft“ er das Unternehmen, das ihm das Essen oder den Badespaß versaut, durch Verzicht oder der aufgeweckte Konsument geht drei Kaufhäuser weiter und füllt die Taschen konkurrierender Warenproduzenten.

Praktisch gesehen – wie gesagt: wenn es ums Verhindern ginge –, käme der Mensch in seiner Eigenschaft als Konsument demnach, gelinde ausgedrückt, etwas zu spät, um den Verursachern seiner Lebensbedingungen „ins Handwerk“ kapitalistischer Geschäftskalkulationen und Kostenabwägungen „zu pfuschen“; das müßte man den Unternehmern schon dort bestreiten, wo es stattfindet, und dafür wäre die trostlose Figur des Verbrauchers in der Tat das unpassendste Mittel. Umgekehrt aber: Fürs nationale Gewissen, also für die Einbildung, es den arroganten Multis, die ihre großen Mülltüten nicht genauso sorgsam recyclen wie der kleine Umweltpatriot seine Coladose, „einmal zu zeigen“, ist die Ausübung der gelobten „Konsumentensouveränität“ ein ungemein passendes Instrument.

Im Fall der bundesweiten Aktion „Wir zeigen Shell den Mittelfinger“ ganz besonders. Gekostet hat sie den mündigen Benzinverbraucher nicht mehr, als pfeifend an der Shell-Tankstelle vorbeizufahren und in die nächste Aral-Station einzubiegen, gebracht hat sie gerade deshalb aber enorm viel: „Betroffen“ engagierten sich die Boykotteure nicht als Umweltgeschädigte, sondern als deutsche Umweltgeschädigte; ihre Macht entfalteten die sich „in die Politik einbringenden“ Bürger nicht als Konsumenten, sondern als deutsche Konsumenten. Die Verweigerung an den Tankstellen galt den Dreckfinken in London, aber sie demonstrierte – Illusionen hin oder her – nicht gegen den Dreck, sondern für Deutschland. Ökologischer Klagetitel und schierer Nationalismus sind eben endgültig nicht mehr zu unterscheiden, wenn wir dem Rest der Welt zeigen, wo’s langgeht in Sachen Umwelt.

Mithin verzeichnet die „Bewegung“ der empörten Tanker durchaus eine Steigerung gegenüber vorhergehenden Protesten. Früher hieß es: „Bewegung bringt Veränderung“ in die Politik; heute wird die deutsche Politik, so wie sie ist, gedrängelt, im Ausland auf Veränderung zu pochen. Dieser Fortschritt ist allerdings konsequent. Vom zutraulichen, kritischen Nationalismus, der von seiner Staatsmacht erwartet, heimat- und umweltschützend gegen Atomkraftwerke oder Giftemissionen tätig zu werden (die dieser entweder selbst betreibt oder lizensiert!), zum pur affirmativen Nationalismus, der die eigene Herrschaft auffordert, die Potenz ihrer 3 Weißmacher nach außen zu betätigen, ist es kein sehr weiter Weg. Umgekehrt bezieht die Anti-Shell-Koalition ihre Breite und Wucht jetzt alleine daraus: Sie ist unmittelbar auslandsfeindlich. Probe aufs Exempel? Das sollte mal jemand versuchen, Stoiber, Rau, Kinkel, Rappe, Greenpeace, eine namhafte Strumpfhosenfirma und den bekannt kritischen BMW-Fahrer gegen eine deutsche Dreckschleuder „in ein Boot“ zu mobilisieren! Das von Umweltschützern gefeierte „Modell“ Brent Spar lebt von seiner Stoßrichtung gegen außen und ist nach innen unkopierbar.[13]

Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, daß die Protestwelle nach unserem „SIEG!“ (10-cm-Schlagzeile in „Bild“) über das Ausland sofort wieder abflaute, obwohl niemand verschwieg, daß die Schmutzproduktion, auch durch deutsche Konzerne selbstverständlich, weitergeht wie bisher. Der Fall war abgewickelt; Politik und Naturschützer erklärten seine tiefere Bedeutung: Während Waigel für die Regierung genüßlich feststellte, „wer wirkliche Erfolge in der Umweltfrage“ einzufahren vermag, nämlich alleine die Mächtigen, hielt Greenpeace eine ehrerbietige Danksagung für die passende Antwort:

„Die Menschen in Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt standen hinter uns. Kanzler Kohl hat den Fall zur Chef-Sache gemacht. Wir haben alle an einem Strang gezogen und deshalb gesiegt.“ (Offizielle Presse-Erklärung von Greenpeace Deutschland)

Recht haben sie, die „Helden der Nordsee“[14]: Es war der wuchtiger gewordene deutsche Nationalismus, der den Verbraucher 2 Wochen lang zum Umweltaktivisten und seinen Boykott zu einer schmerzhaften Waffe gegen Shell gemacht hat. Als Bankrott-Erklärung ist das freilich nicht gemeint. Für diese Lektion nämlich stand „Brent Spar“: Umwelt ist Chefsache, also Sache der Chefs. Auf die imperialistische Qualität der eigenen Führung (freundlich: „Durchsetzungsfähigkeit“, „ökologische Verantwortung“) soll der Bürger bauen und vertrauen, auf sonst nichts. Dafür darf der deutsche Verbraucher manchmal den Hampelmann spielen.[15]

[1] Aus der Perspektive der Umweltmoral stellt sich die Sache genau andersherum dar: Vielen Deutschen ist die Müllentsorgung im Meer zu offensichtlich ein Verstoß gegen die guten Sitten. Millionen fragen sich: Warum darf der Weltkonzern, was wir nicht dürfen? Wem, bitte schön, gehört der Ozean? (Spiegel 25/95) Die rhetorischen Fragen sind Antworten, und zwar falsche: Giftmüll ins Meer – eine Verletzung des Anstands! „Brent Spar“ – eine überdimensionale Cola-Dose! Der Ozean – gehört uns allen! Die richtigen Antworten scheiden damit aus: Giftmüll ins Meer – eine konsequente Anwendung marktwirtschaftlichen Kalkulierens. „Brent Spar“ ist profitdienlicher, volkswirtschaftlich bedeutsamer Abfall, eine geleerte Cola-Dose ist privater, also nur Dreck. Der Ozean gehört dem Kapital und den weltmarktbeherrschenden Nationen. Shell darf, weil Weltkonzern. Anders gesagt: Wer die häßlichen Erscheinungen, die Greenpeace, Grüne und Ökologen anklagend bekanntmachen, nicht als Systemfrage begreift, landet bei der Umweltfrage. Den Dreck von seiner Ursache, der kapitalistischen Staatsräson, abgetrennt und dessen gemeinschaftliche Vermeidung in die moralische Pflicht des fiktiven Subjekts „Menschheit“ überführt zu haben – das ist die Leistung eines Protests im Zeichen des Regenbogens, der Farbe Grün und des schadstoffarmen Mülls.

[2] Mehr als 40 Länder fördern aus seichten und tiefen Gewässern insgesamt rund 1 Mrd. t Öl pro Jahr. Dieser Beitrag entspricht mittlerweile einem Drittel der Welt-Erdölproduktion. Die Bedeutung dieser Offshore-Förderung wird in den nächsten Jahrzehnten noch wachsen (Handelsblatt, 22.6.95).

[3] Band II, 5.-8. Kapitel: „Umlaufszeit. Zirkulationskosten. Umschlagszeit und Umschlagszahl. Fixes und zirkulierendes Kapital“

[4] Im Falle Nordsee sowieso: Auf die Idee, diesen und andere große Teiche als heimatferne Endlagerungsstätten ihrer Giftberge zu nutzen, sind moderne Umweltpolitiker mächtig stolz.

[5] „Der Spiegel“ nimmt die deutsche Rolle bei der Geschichte, nicht ohne Stolz, so zur Kenntnis: „Eine Sprengung im Meer, das leuchtet ein, ist für Shell und den britischen Staat die billigste Lösung. Doch – keiner dachte an Deutschland“.

[6] Darum verlaufen die Differenzen über Versauungs-Varianten und Quoten nicht etwa entlang Bohrinsel-Besitzern und „Habenichtsen“, sondern national: Dänemark, das am wenigsten Nordseeöl fördert, inzwischen auch Holland, Irland, Schweden und Kinkel verlangen ein „generelles Verbot für Plattform-Dumping“, was England kategorisch ablehnt; Norwegen, das am meisten Öl aus der Nordsee pumpt, reiht sich langsam in die Front der Kritiker ein, „erklärt aber, an der Möglichkeit der Versenkung eigener, ausgedienter Plattformen festzuhalten“ (HB).

[7] Wenn wir nichts finden, was mindestens genau so gut ist, dann können wir die Tiefsee-Versenkung doch nicht ausschließen (ein Konzern-Sprecher am 19. Juli).

[8] Die britische Regierung reagierte äußerst verärgert. Handels- und Industrieminister Michael Heseltine: ‚Shell hätte die Nerven behalten und das tun sollen, was richtig gewesen wäre. Ich glaube, daß der Premierminister sich vorbildlich verhalten hat und von einer führenden britischen Gesellschaft etwas Besseres verdient hätte‘, sprach er die deutliche Unterstützung John Majors für die ursprüngliche Entscheidung auf dem Wirtschaftsgipfel und im britischen Parlament an. Energieminister Tim Eggar in der BBC: ‚Ich werde nicht die Umwelt in Großbritannien an Land gefährden, ich werde nicht die Sicherheit britischer Arbeiter gefährden für etwas, was Shell nur als zweitbeste Option bezeichnet, die beträchtliche Umweltschäden nach sich ziehen wird‘ (HB).

[9] Tatsächlich standen deutsche Werften und Entsorgungsfirmen aus Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Iserlohn unmittelbar nach dem Shell-Verzicht auf der Matte, um das 100-Millionen-DM-Geschäft plus Nachfolgeaufträge abzuschließen. Der Grund für die deutsche „Brent Spar“-Intervention waren diesbezügliche Ambitionen des Sondermüllkapitals trotzdem nicht; wenn sie doch in Erfüllung gingen, wäre das ein nettes „Abfallprodukt“.

[10] Zur Demontage des Premierministers hat auch diese Affäre das Ihre beigetragen. Daß Major mit dem Kunstgriff eines kalkulierten Rücktritts den politischen Schaden für sich hat ausbügeln können, charakterisiert die wunderlichen Herrschaftsleistungen des demokratischen Systems, hat dem gedemütigten britischen Imperialismus aber keine Genugtuung verschafft.

[11] Seltsame Blüten trieb die Front der nationalen Umwelt-Einheit: Brave Familienväter tragen den alten Sponti-Slogan „Shell to hell“ als T-Shirt; Naturschützer von BUND und CSU-Vertreter, die sich das letzte Mal in Wackersdorf am Maschenzaun begegneten, hetzen im ARD-„Brennpunkt“ einmütig gegen britische Umweltteufel; „Bild“-Leser fordern: „Sperrt die Shell-Manager im Öl-Turm ein, danach versenken“ und „Schmeißt die Engländer aus der EU“; und die Umweltministerin ist zufrieden: „Der gemeinsame Protest auf politischer Ebene und der Bevölkerung hat sich gelohnt.“ Was ein gemeinsames Feindbild doch alles bewirkt.

[12] Der letzte Akt der „Metamorphose des Kapitals“, die Verwandlung von Warenkapital in Geldkapital, im Jargon der Volkswirtschaftslehre: „Verteilung“, ist nämlich Mittel und nicht Zweck dieser Produktionsweise. Das zeigt sich spätestens dann, wenn Firmen, die ihre Ware mangels zahlungsfähiger oder -williger Nachfrage nicht loswerden, nagelneue Autos auf Halde vergammeln lassen oder Kaffee ins Meer schütten. Wäre es andersherum, könnten sie den Konsumenten zwecks Lösung ihrer Absatzprobleme ja auch gleich mehr Lohn zu zahlen, einen Batzen Geld schenken oder – am wenigsten umständlich – zur kommunistischen Planwirtschaft übergehen.

[13] Woher die Vorbilder stammen, zeigt die Begeisterung der sog. „Szene“. Als hätten sie von „Buy american“ abgekupfert, tragen alternative deutsche Patrioten ihr reines Gewissen als Öko-Nationalismus zur Schau. So veröffentlicht die „taz“ auf einer ganzen Titelseite die Porträts von vier Staatsmännern und -weibern (Kohl, Waigel, Merkel, Griefahn), einem Gewerkschaftsboß (Zwickel), zwei Schauspielern (Juhnke, Lotti Huber) und einem PDS-Politiker (Gysi) ohne jeden Anflug von Ironie unter der Überschrift: Diese Menschen wollen Shell kaputtmachen! (16.6.)

[14] Die Erklärung des Daseinszwecks dieser Organisation und ihres augenblicklichen Beliebtheitshochs findet sich in dieser Ausgabe: „Greenpeace – Das organisierte Umweltgewissen in Aktion“.

[15] Manchmal aber auch nicht. Als deutsche Verbraucher, durch „Brent Spar“ animiert, die Idee haben, wegen der französischen Atomtests Champagner und Camembert zu boykottieren, werden die Freunde innereuropäischer Strafaktionen an der Konsumfront zurückgepfiffen. Regierung, Opposition und Greenpeace behaupten, dieser Protest sei „nicht machbar“ und habe keinerlei Aussicht auf Erfolg („Frankreich ist nicht Shell“). Eigentlich meinen sie aber: Eine solche Kampagne ist politisch inopportun. In diesem Fall hat der Umweltmoralismus hinter höheren Erwägungen zurückzustehen und wird an der Staatsräson blamiert: Die deutsch-französische Freundschaft ist ein zu hohes Gut, um auf dem „egozentrischen Altar wildgewordener Schampus-Schlürfer“ geopfert zu werden. – Um welche Staatsräson sich die Affäre „Muroroa“ wirklich dreht, siehe dazu den Artikel in dieser Nummer: „Der Ausbau der französischen Atommacht. Ein weltpolitisches Emanzipationsprogramm und seine Perspektiven.“


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