„Bild“ zum Pilotenstreik der Lufthansa

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-14 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Die Piloten der Lufthansa streiken – Bild betreut das deutsche Bodenpersonal

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Sechs Wochen nach dem Streik des Sicherheitspersonals am Frankfurter Flughafen streiken die Lufthansa-Piloten. Die LH will unter dem Namen „Score“ die seit Jahrzehnten bestehende, vertraglich zugesicherte Altersversorgung aus Kostengründen streichen, was die Piloten nicht hinnehmen wollen. Die Herren der Lüfte streiken, und drei Tage lang fliegt gar nichts mehr mit dem Kranich.

Die Piloten der Lufthansa streiken – Bild betreut das deutsche Bodenpersonal

Sechs Wochen nach dem Streik des Sicherheitspersonals am Frankfurter Flughafen streiken die Lufthansa-Piloten. Die LH will unter dem Namen „Score“ die seit Jahrzehnten bestehende, vertraglich zugesicherte Altersversorgung aus Kostengründen streichen, was die Piloten nicht hinnehmen wollen. Die Herren der Lüfte streiken, und drei Tage lang fliegt gar nichts mehr mit dem Kranich.

Die mit ihrem Arbeitskampf vorgetragene Gegenrechnung der Piloten nimmt die Öffentlichkeit zum Anlass für eine ausgedehnte Hetze auf allen Kanälen – gegen Leute, die trotz ihrer üppigen Gehälter streiken, statt sich mit den Streichungen, die die Lufthansa an ihrem Gehalt vornimmt, klaglos abzufinden.

Die Bild-Zeitung macht sich den Erfolg dieser Hetze zum ganz speziellen Anliegen. Nach dem Vorbild eines ‚Shitstorms‘ im Netz richtet das Blatt einen „Pöbel-Ticker“ ein. Es hält den Streik für einen empörenden Skandal, stößt seine Leser nachdrücklich darauf, dass sie sich gefälligst zu empören haben, und richtet ihnen praktischerweise gleich die Gelegenheit ein, dies öffentlich zu tun. So ruft man den gerechten Volkszorn ab, indem man ihm präsentiert, gegen wen es diesmal zu gehen hat, und wie immer ist auf ihn Verlass. Z.B. bei Cindy K., einer empörten Krankenschwester:

„Cindy K.: ‚Also ganz ehrlich: Die verdienen 15 000 € im Monat???!!! Hallo? Ich bin Krankenschwester, habe jeden Tag Menschen und Kinder, die sich auf mich verlassen, dass ich nix verkehrt mache, die mir vertrauen und ich muss immer 100 % anwesend sein! Körperlich anstrengend ist das genauso und der Schichtdienst ist auch anstrengend … Womit haben die Piloten also ein Recht auf 15 000 im Monat?? Ungefähr das Geld verdient man als Krankenschwester im Jahr.‘“

Der Verweis auf ihre Verantwortung, der auch sie in ihrem aufreibenden Beruf nachkommt, und ihr Vergleich des mageren Krankenschwestergehalts mit dem „üppigen“ Einkommen eines Piloten hat nichts von einer Forderung an sich, ihre Dienste müssten besser bezahlt werden. Mit ihrem stolzen Hinweis auf ihre Armut und ihren entbehrungsreichen Job unterstreicht sie, dass nach ihrem Sinn für Gerechtigkeit derart privilegierte Typen gefälligst die Schnauze halten sollen. Weil sie ihren anstrengenden Job und die magere Bezahlung klaglos schluckt, sieht sie sich im Recht, von anderen dieselbe Bereitschaft zu anspruchsloser Dienstbarkeit zu verlangen. Daran halten diese Piloten sich offensichtlich nicht, das macht ‚Cindy‘ wütend – und Bild macht sich zum Sprachrohr ihrer Wut. Die Gleichung, die sie propagiert, lautet: Gerade wer sich täglich mit Haut und Haaren selbstlos in seinem Beruf aufopfert und dafür mit einem kärglichen Lohn zufrieden sein muss, dabei stets redlich bleibt und alles brav schluckt, darf auch mit Fug und Recht von allen anderen verlangen, dass sie diese schöne Gemeinschaft redlicher Armer nicht durch ihren Egoismus zersetzen.

Der „Pöbel-Ticker“ ist der ideelle Lohn, den die arbeiterfreundliche Bild-Zeitung dem Arbeitsvolk spendiert: Mal richtig Dampf ablassen gegen Leute, die nicht zu der braven Bescheidenheit bereit sind, die zu einem so schönen Gemeinwesen dazugehört.


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