Bild bildet die Volksfamilie

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-08 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

‚Bild am Sonntag‘
Der geistige Nährstoff für die deutsche Volksfamilie

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Überblick

Die Vorrunde der EM läuft noch, zum gemütlichen Sonntag fehlt nur noch die ‚BamS‘, damit man beim Wichtigsten auf dem Laufenden bleibt, und prompt wird man bedient: „Krach um Spielerfrauen“, titelt die ‚BamS‘ in fetten Lettern – und ringt damit der Nation augenblicklich einen Riesenseufzer ab: Ja um Himmels willen! Dass es im Mittelfeld nicht stimmt, wusste man, schlimm genug. Dass Weiber den deutschen Spielfluss torpedieren, muss man jetzt auch noch hören, und das kann ja wohl nicht wahr sein. Es ist aber wahr, wie „Schweini und sein schönes Model Sarah“ – er im kleinen Bild und sie im großen, beide im Deutschlandtrikot – plastisch vor Augen stellen: Pflicht vs. Neigung, öffentlicher Dienstauftrag beim Kicken vs. Spaß am Spiel woanders – das ist der Schlager am Sonntag vor dem wichtigsten Montag, den es seit langem gab.

‚Bild am Sonntag‘: Der geistige Nährstoff für die deutsche Volksfamilie

Die Vorrunde der EM läuft noch, zum gemütlichen Sonntag fehlt nur noch die ‚BamS‘, damit man beim Wichtigsten auf dem Laufenden bleibt, und prompt wird man bedient: Krach um Spielerfrauen, titelt die BamS in fetten Lettern – und ringt damit der Nation augenblicklich einen Riesenseufzer ab: Ja um Himmels willen! Dass es im Mittelfeld nicht stimmt, wusste man, schlimm genug. Dass Weiber den deutschen Spielfluss torpedieren, muss man jetzt auch noch hören, und das kann ja wohl nicht wahr sein. Es ist aber wahr, wie Schweini und sein schönes Model Sarah – er im kleinen Bild und sie im großen, beide im Deutschlandtrikot – plastisch vor Augen führen: Pflicht vs. Neigung, öffentlicher Dienstauftrag beim Kicken vs. Spaß am Spiel woanders – das ist der Schlager am Sonntag vor dem wichtigsten Montag, den es seit langem gab. Denn es geht morgen um ALLES!, genauer um das, was den Deutschen über all ihre gewöhnlichen Sorgen hinweg gerade ihr Ein und Alles zu sein hat, weil: Wenn Deutschland gegen Österreich verliert, ist die EM vorbei. Für einen Deutschen, davon geht die BamS schlicht aus, kann der ganze Sinn und Zweck einer EM ja wohl nur darin liegen, dass Deutschland den Titel holt. Wenn wir verlieren, ist die EM überhaupt vorbei, denn was sind schon die Spiele der anderen, wenn wir draußen sind und damit die Hauptsache fehlt, die uns seit einer Woche bewegt und Tag für Tag mehr zu unserer ganz persönlichen Hauptsache wird! Ein kleiner Kasten daneben – OTTO RAUS! – unterstreicht das Gewicht der Schicksalsstunde. Wir erinnern uns an die letzte EM. Die deutsche Elf lässt den Erfolg vermissen, den wir natürlich von ihr haben erwarten können, die Ehrenrettung der Nation erfolgt nur aus zweiter Hand durch den deutschen Trainer der griechischen Siegermannschaft. Nun ist der, unser Rehakles, schon weg vom Fenster – Russen schießen König Otto vom Thron –, womit klar ist: Diesen Notnagel gibt es für Deutschland diesmal nicht. Umso dringender daher der Sieg am Montag gegen die Ösis. Zumal unser Team, zu dem außer den elf, die gerade auf dem Spielfeld sind, ja noch circa 80 Millionen andere dazugehören, gerade erst gegen Kroatien eine KROATastrophe erleben hat müssen. So ist die Frage, ob auch wirklich nichts anbrennt und jeder an seinem Platz alles für den gemeinsamen Erfolg tut, nur allzu berechtigt. Und dann ausgerechnet so was: Ausgerechnet vor dem Spiel gegen die Ösis... ausgerechnet jetzt knirscht es in der Nationalmannschaft. Es gibt Krach wegen der schönen Frauen der Stars, wie zum Beispiel Schweinsteiger-Freundin Sarah. Ließ Bundestrainer Jogi Löw die Frauen zu oft ins Mannschaftshotel? Einige Spieler fürchten um die Konzentration des Teams – Seiten 4/5. An sich ist der Intimbereich unserer Idole schon irgendwie deren Sache und geht uns nichts an. Aber in dem Fall, wo so viel auf dem Spiel steht? Da gehört sich unbedingt nachgefasst und nach dem Rechten gesehen. Da ist jedes Detail zur heißen Frage ‚Sex vor dem Spiel?‘ wichtig, hat also von Interesse für jeden zu sein, dem am Erfolg unseres Team etwas liegt. Leider können wir nicht gleich auf Seite 4 vorblättern, denn was da ebenfalls auf der ersten Seite ganz oben steht, ist schon auch wichtig für uns:

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Es geht um unser Geld, mit dem wir ja nun tatsächlich so unsere Sorgen haben. ‚Bild am Sonntag‘ hat eine exklusive Liste, eine Liste also, die – wie vieles – nur diesem Blatt vorliegt und die uns verrät, wer die 100 größten Strom-Abzocker sind. Endlich sagt da mal einer, wie es wirklich ist: Strom wird teurer und teurer! Und nicht nur das. BamS nennt die Übeltäter auch beim Namen: Die 50 größten Preissteigerer und die 50 teuersten Anbieter finden Sie auf Seite 8. Die stehen zwar auch im Branchenverzeichnis, dort aber fehlt der entscheidende Hinweis, den wir exklusiv unserer Sonntagszeitung zu verdanken haben: Ist Ihrer auch darunter, dann sollten Sie wechseln. Da liegen wir also ganz richtig mit unserem Urteil, dass wir von Stromkonzernen übel ausgenommen werden; von den Konzernen jedenfalls, die auf der Liste stehen; denn die anderen verlangen ja nur Preise, die in Ordnung gehen. Machen kann man da zwar nicht viel, eigentlich gar nichts: Viel mehr als zu zahlen, was auf der Rechnung steht, bleibt einem rechtschaffenen Bürger nicht. Aber verarschen von den Konzernen lassen wir uns deswegen noch lange nicht, denn an welchen von denen wir unser knappes Geld überweisen: Das zu entscheiden haben allemal noch wir in der Hand – und dank der BamS können wir das jetzt viel besser! Sicher, über kurz oder lang ändert sich darüber nicht viel, wie uns der Bundesminister Tiefensee, der ja ein Experte ist, das erläutert: Vieles ist teuer, weil es wenig davon gibt, und dies simple Marktgesetz gilt auch für das Erdöl. Das erklärt die Kosten für Benzin und Strom, die uns jetzt plagen, aber auch die, die demnächst auf uns zukommen. Doch dem Naturgesetz des Marktes ohnmächtig ausgeliefert ist ein wacher Konsument eben auch nicht. Bloß immer nur über die Preise für Strom und Benzin zu meckern – das jedenfalls hilft überhaupt nicht, und auch wenn der eigene Stromlieferant nicht auf der Liste der Abzocker steht: Irgendwo findet sich schon einer mit günstigeren Tarifen. BamS nennt uns die Adresse im Internet, und wer da nicht nachschaut, ist dann schon selbst an den Preisen schuld, die er zahlt. Außerdem können wir ja noch viel mehr tun, Energie sparen zum Beispiel. Das schont nicht nur den Geldbeutel, sondern auch noch das Klima, und das ist gut für Deutschland, also für uns alle zusammen. Wenn nämlich Strom, Heizöl, Gas und auch noch die Inflationsrate weiter so steigen wie derzeit, dann leiden außer uns noch ganz andere unter hohen Stromrechnungen: Dann ist das Wachstum in Gefahr! Und was los ist, wenn unsere Arbeitgeber zuwenig Gewinn machen, ruft in Fettdruck die Schlagzeile auf derselben Seite in Erinnerung: Hohe Energiepreise kosten Jobs! Damit lernen wir dank BamS noch so ein im Grunde ganz simples Marktgesetz kennen und damit auch, dass man sich zum Thema Ölpreis weit gewichtigere Sorgen zu machen hat als die, womit wir ihn bezahlen sollen. Solche um die Arbeitsplätze nämlich, die unsere Wirtschaft demnächst eventuell wegen zu hoher Stromrechnungen wird einsparen müssen. Das ist bitter, kann unsereiner doch auch dagegen nicht viel ausrichten. Zu hoffen bleibt nur, dass bald von woanders billige Energie herkommt. Es gäbe da ja eine Quelle, aber die ist z. Zt. noch blockiert – wider alle Vernunft, wie eine speziell für BamS von emnid durchgeführte Umfrage ans Licht bringt. Denn BamS lässt fragen, ob der Bürger den Ausstieg aus der Kernenergie nicht doch lieber rückgängig machen lassen würde, und es stellt sich heraus: Jeder zweite ist gegen einen Atomausstieg. Dann kann die Kernkraft ja wohl nicht so schlecht sein wie ihr Ruf bei den ewiggestrigen Miesmachern! Gut, dass sich das allmählich auch in Berlin herumzusprechen scheint.

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Ebenfalls von emnid exklusiv für BamS gibt es die Sonntagsfrage. Sie lautet: Finden Sie es richtig, dass Ausländer einen Wissenstest machen müssen, um einen deutschen Pass zu erhalten?, und wieder kündigt sich ein überzeugendes Mehrheitsvotum unserer aller Meinung an. Politiker beschließen, aus anderen Ländern kommende, aber hier sesshafte und einbürgerungswillige Volksteile trotz gewisser nicht ausräumbarer Restzweifel als brauchbare Mitbürger zu akzeptieren – wenn sie durch Beantwortung einiger Fragen zum Thema Deutschland, seine Geschichte und seine Demokratie in einem Test zeigen, wie positiv sie zu unseren Werten stehen. Es gibt berechtigte, aber überflüssige Zweifel, ob viele echte Deutsche diese Fragen aus dem Stegreif beantworten könnten. Berechtigt sind sie, weil viele Deutsche das tatsächlich nicht können, überflüssig, weil sie es ja gar nicht müssen, sie sind ja schon Deutsche. Aber Ausländern in Bezug auf ihre pro-deutsche Gesinnung auf den Zahn zu fühlen, ist grundsätzlich nicht verkehrt, und prompt stellt sich heraus: Männer und Frauen in Ost und West, alt und jung – alle denken ungefähr gleich und genauso wie die Politiker, und das ist eine doppelt gute Nachricht. Wir haben nicht nur mehrheitlich gegenüber Ausländern denselben Verdacht, dass die grundsätzlich nicht so gut zu uns passen – schon das ist erfreulich, weil es sich für ein funktionierendes Volk von selbst versteht. Unsere persönliche Auffassung ist darüber hinaus aber auch noch wirklich von Gewicht, hat praktische Bedeutung, weil nämlich unsere Politiker mit uns einer Meinung sind und aus der gleich ein Gesetz machen, an das diese Fremden sich halten müssen – und das ist ein Zeichen, wie gut sie an dem Punkt mal zwischen oben und unten funktioniert, unsere Volksgemeinschaft! Nur bei den befragten Schülern ist bloß die Hälfte der Ansicht, dass man in unsere prächtige Volksfamilie nicht so einfach aufgenommen werden kann; die andere Hälfte ist gegen die Gesinnungsprüfung der künftigen Volksgenossen – die hat wohl nicht vergessen, wie unangenehm ein Wissenstest ist, wenn man nichts weiß.

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Das bringt uns zurück zum Titelblatt. Ganz unten auf der ersten Seite ruft die BamS Deutschland braucht bessere Lehrer, denn, so der Untertitel: Deutschland verspielt die Chancen seiner Kinder. Wir sind hellwach, denn nicht irgendein Sorgeobjekt wird uns da am arbeitsfreien Sonntag ans Herz gelegt: Unsere Kleinen sind es, an denen uns so viel liegt. Doch was müssen wir da hören? Die Deutschen stehen im Rahmen der Globalisierung im Wettbewerb mit den besten Köpfen der Welt, ziehen dabei viel zu oft den Kürzeren, und daheim sind unsere Betriebe entsetzt über ungebildete Jugendliche, weil die einfach nicht für das taugen, wofür sie taugen sollen. Das sieht nicht gut aus. Das sieht vielmehr ganz danach aus, dass es in Deutschland an der Bildung fehlt, die wir brauchen, und siehe da: Jetzt stellt Unionsfraktionschef Volker Kauder einen Fünf-Punkte-Plan vor, wie die Bundesrepublik zur ‚Bildungsrepublik‘ werden kann. Natürlich liegt der Plan des klugen CDU-Politikers der ‚Bild am Sonntag‘ wieder exklusiv vor, und so, wie sie ihn einleiten, haben die Macher des Blattes auch schon einen ersten wertvollen Beitrag zur deutschen ‚Bildungsrepublik‘ geleistet. Sie haben uns die Augen geöffnet über das wahre Problem, das in jungen Analphabeten, Schulabbrechern und Azubis ohne Lehrstelle steckt: Deutschlands und damit unser aller Zukunft wird verspielt, wenn wir weiter aus den Chancen unserer Kinder nichts machen! Das ist die allererste Bildungseinheit, die das Land benötigt: Deutschland braucht die besten Köpfe der Welt, mehr Spitzentechnologen, mehr Nobelpreisträger als Japaner oder Amis aufbieten können; unsere Betriebe brauchen Jugendliche, die auch verstehen können und erledigen wollen, was sie zu tun haben – weil sonst aus uns und deswegen aus unseren Kleinen nichts wird! Fragt sich, wie es zu der schlimmen Lage überhaupt hat kommen können, und schon geben ganz dicke Lettern, die die Seiten 6 und 7 überspannen, den ersten Hinweis: Die besten Köpfe müssen Lehrer werden! Und warum sind die besten Köpfe das nicht schon längst? Die Antwort auf Seite 9 im Kommentar von M. Backhaus ist erschreckend: Als Lehrer bist Du der letzte Arsch!, und solange das so bleibt, wird es schwer werden, die besten Köpfe für den Job zu gewinnen. Lehrer haben keinen nennenswerten Einfluss ... In den Klassenzimmern herrscht häufig ein Lärmpegel, bei dem andere Arbeitnehmer Kopfhörer aufsetzen müssten. Das Schlimmste aber ist der mangelnde Respekt, der Lehrern seit Jahren in der Gesellschaft, von Schülern und Eltern entgegengebracht wird. Ohne Disziplin und Ordnung können wir die Hoffnung auf den weltweiten Siegeszug unserer Nobelpreisträger abschreiben, worüber sich natürlich schon wieder die Frage aufdrängt, wie solche desolaten Zustände haben überhaupt einreißen können. Wir haben da so unseren Verdacht, aber es ist natürlich etwas ganz anderes, wenn dank BamS aus einer bloßen Vermutung gesichertes Wissen wird: Ganze Lehrer-Generationen haben zu diesem Trend beigetragen, indem sie sich zu Kumpeln ihrer Schüler gemacht haben, ein distanzloses Duzen pflegten. Lehrer sind die Fußabtreter der Nation geworden. Höchste Zeit, dass mit dem Laissez-faire-Terror dieser 68er-Schluffen, die seit 40 Jahren versuchen, Deutschland ins antiautoritäre Chaos zu stürzen, aufgeräumt wird – unseren Kindern zuliebe!

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Apropos Liebe. Noch mal zurück zur Seite eins, da war ja noch so eine fette Schlagzeile: Flavio BriAMORE sagte Ja. Ach ja, der Mann heißt Briatore, aber wir kennen ihn natürlich schon und erst recht die immer geistreiche Wortakrobatik der Redaktion von BILD und BamS. Hauptsache ist jedenfalls: „Die schöne Elisabetta (28) hat ihn, diesenFrauenflüsterer‘“, der schon so viele Models vor ihr flachgelegt hat, endlich gezähmt und von der Ehe überzeugt, was natürlich einerseits für die schöne Elisabetta spricht, andererseits nur unterstreicht, von welchem abgrundtief menschennatürlichem Bedürfnis der Wunsch nach einer Ehe Ausdruck ist. Denn das kann ja nicht von ungefähr kommen, wenn zwei VIPs der Woche, die über dermaßen unschlagbare Attraktivitätsmerkmale auf dem Geschlechtermarkt verfügen – er: reich, sie: Brüste, die die Angewohnheit haben, aus dem Dekolletee zu hüpfen –, wenn also solche großen Persönlichkeiten sich fürs Heiraten entscheiden. Da hat sich untrüglich, wie ja bei vielen von uns normalen Menschen, auch bei den zweien die Einsicht durchgesetzt, dass in letzter Instanz aus der Liebe erst dann etwas Gescheites wird, wenn sie einem höheren Zweckverbund gewidmet wird. Der Brigatone mit seinem Boxenluder ist endlich dort angekommen, wo M. Schuhmacher, ein anderes unserer großen VIP-Vorbilder in diesen Belangen wie beim Autofahren, längst angelangt ist: Ich kann jedenfalls aus eigener Erfahrung sagen, wie gut es tut und wie schön es ist, verheiratet zu sein. Schon klar: Dem mag vielleicht nicht jeder von uns umstandslos beipflichten, es hat halt jeder so seine eigenen Erfahrungen mit der Ehe und ihrem Glück. Auf alle Fälle aber und ungeachtet aller unserer Erfahrungen steht fest, dass es nichts Schöneres gibt und nichts besser tut als die Erfahrung, wie gut es tut und wie schön es ist, verheiratet zu sein! Und damit wir bei der Suche nach unserem Lebensglück in allen Höhen und Tiefen Kurs halten, gibt uns BamS auf ganz vielen Seiten die rechten Tipps. Soll ich mein Kind für ein schlechtes Zeugnis bestrafen?, heißt – neben 7 weiteren an diesem Sonntag – so eine Frage, die für Frieden und Glück im Schoß der Familie nicht selten entscheidend ist: Ohrfeigen oder Trost – was können wir da tun, was dürfen wir wollen? Nicht einfach jedenfalls, den richtigen Kompromiss zu finden. Müssen wir den Grillplatz hinnehmen?, ist die nächste Frage, diesmal den Frieden der Familie mit ihren Nachbarn betreffend – und BamS sagt uns mit Verweis auf die einschlägigen Gerichtsurteile, worauf wir im Reich unserer privaten Freiheit alles ein Recht haben, aber natürlich auch, was wir uns im Gegenzug wegen der Freiheit der anderen alles gefallen lassen müssen: So kommt jeder auf seine Kosten. Dann präsentiert BamS uns die günstigsten Telefonvorwahlen, die günstigsten Gartenhandschuhe, Kultur gratis – 1000 Freikarten, und ein Rezept für Erdbeereis mit Zutatenliste zum Ausschneiden – kein Zweifel: Da kümmert sich wer um unser privates Glück, und schon gleich an der Front, wo es am allerprivatesten ist: Wie kann ich meinen Mann glücklich machen? ... Ich kenne heute noch nicht seine erogenen Zonen. Zärtlichkeit und Erotik fehlen fast gänzlich beim Sex. Frau Dr. Thiele, zuständig für den Ratgeber Gesundheit der BamS, hat studiert und kennt sich daher aus. Die eine hat eben Brüste, die aus der Bluse hüpfen, die andere dafür einen Kugelschreiber: Wie wäre es, wenn Sie ihm eine erotische Geschichte schreiben ... (dies) könnte der Auftakt zu einem wunderbaren Vorspiel sein.

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Wo viel so viel Licht und Glück ist, ist natürlich auch Schatten: In BILD und BamS ist das Böse immer und überall, die Aufklärung übers Verbrechen ein feststehender Beitrag zur deutschen Bildungsrepublik. Weil aber Sonntag ist, baut Pfarrer Hahne diesmal ein sensationelles Erlebnis – eine Unterschlagung hätte beinahe stattgefunden – zu einer wunderschönen Predigt aus. Mit einer kleinen, aber wahren Geschichte, die dem Autor im Hotel zugetragen worden ist, zeigt er uns, dass die klassische gute Nachricht noch nicht ausgestorben ist, die uns berührt, weil sie so selten vorkommt. „Wer tut so etwas heute noch?, leitet er das unerhörte Ereignis ein, bei dem ein ehemaliger Junkie durch Zufall bei der Arbeit viel Geld findet. Und was passiert? Und heute gibt dieser Ex-Junkie ohne zu Zögern den Sensationsfund von 120 000 Euro an den rechtmäßigen Besitzer zurück. ‚Ich habe keine Minute gedacht, das Geld zu behalten‘, sagt David den Reportern. Im Nachhinein habe er sich wohl ausgemalt, was man mit dieser Riesensumme alles hätte machen können. ‚Aber ich habe durch Gott zu einem neuen Leben gefunden und bin stark geblieben.‘ Ja, auch wir Anständigen wären da wohl in Versuchung geraten, Böses zu tun – und ausgerechnet von einem Junkie erfahren wir, dass wir auch in den dunkelsten Momenten der Versuchung blind der Stimme unseres Gewissens zu folgen haben! Sicher ist das nicht einfach, aber der Glaube, wie man ja sieht, kann dabei helfen. Beten ist und tut gut, ohne fundamentalistische Übertreibungen dient es der sittlichen Ordnung, an der sich keiner vergreifen darf, will er mit uns unter einem Dach leben. Und da haben wir zur Kenntnis zu nehmen, dass wir bei all unseren berechtigten Vorurteilen gegenüber Ausländern, Junkies und anderen Kriminellen manchmal auch über unseren eigenen Schatten springen müssen: Der Held dieser Tage ist für mich David. Ein Vorbild, das die innere Kraft besaß, einer Versuchung zu widerstehen. Und all jene Lügen zu strafen, die meinen: einmal kriminell, immer kriminell. Hin und wieder schickt Gott uns eben ein Wunder in unsere kleine Welt und zeigt uns, dass am Pfad der Tugend trotz aller Verbrechen kein Weg vorbei führt. Und auch wer an Gott nicht glaubt: Ex-Junkie David beweist, wie Recht Gott letztlich doch immer hat, auch wenn manche meinen, es gäbe ihn gar nicht.

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Aber auch die Welt außerhalb Deutschlands vergisst die BamS nicht. Die Supermacht Amerika ist auf der allerletzten Seite Thema, und von der hört man: Hollywood liebt Obama. Das ist vor allem deswegen von Interesse, weil wir einmal nicht aus dem Mund von politischen oder journalistischen Autoritäten gesagt bekommen, wen oder was wir gut zu finden haben. Nein, diesmal erfahren wir von unseren prominenten Stars in Hollywood, wer von denen alles den Kandidaten Obama liebt, und da können wir unsere Meinung viel freier bilden. Denn die Liebhaber von Obama sind, wie BamS uns zeigt, just die, die wir am meisten in Hollywood lieben. Also liegen wir schon mal nicht verkehrt, wenn wir zusammen mit denen den schwarzen Kennedy mehr mögen als den alten McCain; den finden ja, wie die BamS uns gleichfalls in Bildern zeigt, nur ganz alte Promis, die wir ziemlich alt finden, sympathisch. Auch wenn er etwas schwarz ist, was wir eigentlich nicht so mögen: Erstens ist der Mann für unsere Vorbilder in Hollywood ein Vorbild, und zweitens hat uns ja schon einmal ein Kennedy gegen Böses aus dem Osten verteidigt – nicht verkehrt also, Obama irgendwie besser zu finden als den anderen.

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Das Schicksalsspiel gegen Österreich bewegt uns alle in Deutschland letztlich dann doch mehr. Zugegeben: Was uns Bürger in Deutschland tatsächlich bewegt, spielt sich maßgeblich im gewohnten Trott zwischen Arbeit und Familie nach dem Feierabend ab und eher nicht auf dem Fußballplatz. Aber diesen Kleinkram kann man mal ja auch vergessen – und statt dessen die Sache, die BamS an diesem Wochenende zur Hauptsache der Nation erklärt, ins Zentrum der eigenen Anliegen rücken und für sich zur maßgeblichen Hauptsache erheben. Und das kann man nicht nur, das soll man nach Auffassung der BamS auch bitteschön unbedingt, denn das ist erstmal eine Höllengaudi. Unter dem Titel: Jetzt bekommen die Ösis was auf die Mütze, können wir mit BamS diese Schlappschwänze nicht nur daran erinnern, welch minderwertiges Kollektiv sie repräsentieren – Nr. 92 der Fifa-Weltrangliste. Wir können unserer volksdeutschen Seele richtig Luft verschaffen und mit nicht ganz ernst gemeinten Spitznamen zum Ausdruck bringen, dass der Spielführer dieser Gurkentruppe in Wahrheit ANDI-I-HAB-SCHISS, Kapitän ohne Mumm heißt. Und was gibt es an der eigenen Mitgliedschaft in einem überlegenen Kollektiv überhaupt Schöneres zu genießen als die abgrundtiefe Verachtung, die man für Vertreter eines minderwertigen Haufens übrig hat?! Und wo dieses inferiore Kombinat von Bergen und Schluchtenscheißern, das uns permanent mit Autobahnvignetten und Staus traktiert, in seiner hoffnungslos absurden Zuversicht noch meint: Die Fans sind unser 12. Mann – das bringt uns den Sieg! (Krankl) – da ist unsere BamS schon längst als Produktivkraft zur Mobilisierung unseres 12. Mannes unterwegs: Kaufen, essen und sparen, alles wie gehabt, diesmal aber eigens für den Sieg am Montag – EM-Angebot für Montag: Gutschein in der Montagsbild für 6 Grillwürstl und 6 halbe Bier für einen Euro bei Lidl einzulösen. Nicht dass uns beim Brüllen und Fahnenschwenken für Deutschland ausgerechnet Hunger und Durst den Spaß verderben!

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Aber noch ist ja Sonntag, womit wir auf den Seiten 4 und 5 endlich wieder bei der ernsten Frage wären: Zu viele Frauen im Hotel? Was an der alles hängt, haben wir mittlerweile begriffen, also wollen wir im einzelnen wissen, wovon da unser aller Glück abhängig ist, und dank BamS können wir uns den nötigen sachverständigen Einblick verschaffen. Denn wir alle in unserer Eigenschaft als Strompreiszahler, Familienvorstand und Kindererzieher, Sparer und Konsument, sind keineswegs nur vorgestelltermaßen eine einzige große deutsche Familie. Wir können das, was wir in Wahrheit sind, auch ganz wirklich und hautnah erleben, als deutsche Fans des Fußballteams der Deutschen zum Beispiel – BamS führt uns eigens zu dem Zweck ins Familienleben der Helden unserer Nation ein: Blond und begabt: Sarah Brandner (19) ist seit Juni 2007 Freundin von Bastian Schweinssteiger (23). Die Schülerin (12. Klasse) arbeitet als Model ... Doppeltes Glück: Miro Klose (30) heiratete Sylwia (29) im Dezember 2004. Am 29. Januar kamen die Zwillinge Luan und Noah zur Welt ... Frau mit Pfiff: Conny (35, Grundschul-Lehrerin), unterstützte Jens Lehmann (38) beim Polen-Spiel von der Tribüne aus. Sieht so weit gut aus, aber leisten die Blondinen auch für unser gesamtdeutsches Familienglück das Nötige? Einerseits schon, weil sie morgen in Wien wie ein Mann hinter Deutschland stehen. Die meisten Frauen und Freundinnen unserer Stars sind dabei, wenn die Nationalelf gegen Österreich um das Weiterkommen bei der EM kämpft. Aber Vorsicht: „Ist es auch richtig, dass die Damen in den letzten Tagen so oft ins eigentlich abgeschirmte Mannschaftshotel Il Giardino (Italienisch für der Garten) im schweizerischen Ascona durften? Dass sie sich am Pool räkelten? Dass sie in einem Fall sogar mit ihrem Liebsten auf der Liege kuschelten?“ Ob das richtig ist? Eine hochinteressante Frage schon deswegen, weil sich erst morgen herausstellen wird, ob’s verkehrt war. Bis dahin halten wir es mit unserem Trainer: Es wird morgen ein Tag der Extreme. Das klingt vielversprechend, aber auch dunkel. Gut, dass BamS so helle Köpfe in der Redaktion hat: Wenn wir morgen die Ösis putzen, ist die Liebestaktik aufgegangen. Und wenn nicht? Dann wird der Krach um die Spielerfrauen und Jogis lange Leine wohl erst richtig losgehen. Mit Sex zum Sieg ist eine prima Taktik, nach dem Vögeln zu verlieren die absolut verkehrte Strategie: Jetzt wissen wir Bescheid.

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Was vor diesem Krach in Deutschland – nicht zuletzt dank BamS – normal ist und auf jeden Fall schon mal richtig losgehen wird, sagen uns unter der Rubrik: Das sagen die Fans Deutsche mit ihrer ganz persönlichen Meinung: Für sie geht es morgen um Alles, und unser aller Schicksal geht ihnen dermaßen nah und unter die Haut, dass uns an diesem Sonntag ein letztes Mal klar wird, worauf es beim Fußball, aber auch bei allen öffentlichen Beiträgen der BamS zur deutschen Bildungsrepublik ankommt: Wenn wir, das Volk, uns eine eigene machtvolle öffentliche Stimme wünschen könnten, würden wir uns dazu die BamS bestellen, gäbe es die nicht schon. Nicht deswegen, weil die uns immer nur nach dem Mund redet. Oft genug sagt sie uns ja überhaupt erst, wie wir die Dinge zu sehen und zu nehmen haben. Ohne kompliziertes Drumherum bringt sie in ganz großen Buchstaben die Sache auf den Punkt, erinnert uns immer wieder daran, dass wir in allem Herumgewurschtel in Arbeit und Familie, als Konsument und Steuerzahler, letztlich viel mehr gemeinsam haben, als wir manchmal glauben: Als Deutsche sind wir wirklich eine Gemeinschaft! Was wir als die alles mögen, wichtig finden oder wichtig zu finden haben, vergessen wir allzu oft – von der BamS erfahren wir es, in der großen Welt draußen wie in der kleinen unserer privaten Sorgen. Wir erfahren von ihr, worauf wir im Namen dessen, was uns verbindet, aufzupassen haben, ob da jeder im Land auch tut, was er für unser aller Wohl zu tun hat, unsere Arbeitgeber und Politiker eingeschlossen, denn was bei der EM gilt, ist im Grunde doch dasselbe, was immer und überall zu gelten hat: Wir brauchen einen Sieg Deutschlands, dann geht’s uns Deutschen gut! Und das kann man bei einer EM auch noch genießen, wenn man ganz deutlich merkt, was für ein schönes Gefühl es ist, so ein Volk zu sein, und wie wunderbar, es auch mal auszuleben. Das können wir der ‚BamS, wenn sie sich nach ihr erkundigt, nicht nur in dem Fall als garantiert unsere eigene Meinung zu Protokoll geben. Durch BILD am Werktag und ‚Bild am Sonntag‘ aufgeklärt über alles, was uns Deutsche angeht, sitzt unser Urteil in nahezu allen Belangen dermaßen bombenfest, dass unseren Lieblingszeitungen die Artikel gerade da überzeugend gelingen, wo sie einfach nur uns zu Wort kommen lassen! Und weil manchmal Bilder mehr sagen als viele Worte, gibt’s von BILD noch einen Wettbewerb für schwangere Frauen, die ihren kugelrunden Bauch als schwarz-rot-goldenen Fußball bemalen und ablichten lassen: Wer mitmacht, hat in jedem Fall gewonnen.

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Vielleicht gibt es sie heutzutage ja wirklich: werdende Mütter, die es lustig finden, ihre Fruchtblase als Symbol für Deutschlands Recht auf Fußballerfolge öffentlich herzuzeigen. Aber wenn es sie gibt und vor allem wenn es dafür ein Publikum gibt, dann ist das eindeutig ein Verdienst der intellektuellen Zyniker in der zuständigen Springer-Redaktion, die sich Woche für Woche neue Dummheiten ausdenken, mit denen sie in ihrem Adressatenkreis für gute patriotische Laune zu sorgen gedenken. Die Zumutung an BamS-Leser, sich zu derartigen schwarzrotgoldenen Spaßvögeln zu erniedrigen, ist mal wieder so ein Glanzlicht.

So etwas ist der folgerichtige Endpunkt einer ohne Staatsauftrag, rein geschäftsmäßig betriebenen Agitprop-Veranstaltung, die völkischen Gemeinschaftsgeist nicht einfach praktiziert – so wie jedes ehrbare demokratische Öffentlichkeitsorgan das tut, wenn es sich in diesem Geist über die besten Erfolgswege der Nation den Kopf zerbricht –, sondern mit journalistischen Mitteln inszeniert; und zwar für eine Klientel, der die BamS-Macher sich selber ganz entschieden nicht zurechnen. Die produzieren methodisch zielbewusst patriotische Botschaften für ein Publikum, das sie sich nach allen Regeln elitärer Massenverachtung als dummes braves Fußvolk vorstellen: den gegebenen Lebensverhältnissen hilfs- und hoffnungslos ausgeliefert, aber ideell, im Zeichen eines teils beleidigten, teils befriedigten Gerechtigkeitswahns, subjektiv ganz Herr der Lage; vollgesogen mit dem Bewusstsein, mit der Zugehörigkeit zum gemeinen deutschen Wesen die Kompetenz zur Beurteilung aller großen und kleinen Weltaffären zu besitzen, ohne von denen mehr als ein Stichwort mitbekommen haben zu müssen; allzeit bereit zur Abstraktion von den eigenen materiellen Existenzbedingungen und zum Genuss nationalkollektiver Gefühle, zur Bewunderung erfolgreicher Zeit- und Volksgenossen und zur Verachtung von Versagern. Aus ihrem Bild vom lesefähigen und lebenstüchtigen, bis zur Verblödung nationalistisch befangenen, ahnungslosen, aber schlauen Volk leitet diese Redaktion ihren Versorgungsauftrag ab: Woche für Woche arrangiert die BamS ein 80 Seiten langes ideelles Volksfest, das den Opfern des Systems die Teilhabe an dem verlogenen Konstrukt einer sittlichen Gemeinschaft gewährt.

Menschenverachtend findet das niemand. Stattdessen finden sich genügend Kunden, die dafür auch noch 1,50 € Eintritt zahlen. Eine ungemütliche Situation.


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