Bergwerksunglück von Lassing

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Das Bergwerksunglück von Lassing
Eine moralische Seifenoper in 4 Akten

Überblick

3 Wochen lang beherrschen die Rettungsmaßnahmen nach einem Bergwerksunglück in der Steiermark in Österreich die Schlagzeilen („Wunder von Lassing“). Nicht die kapitalistischen Rentabilitätsrechnungen, die über Leichen gehen. Sondern die Selbstbeweihräucherung der Fernsehleute, die fern von „Sensationslust“ für die richtige moralisch-sittliche Begleitung der Rettungsmannschaften sorgen.

Das Bergwerksunglück von Lassing
Eine moralische Seifenoper in 4 Akten

Die Rettungsmaßnahmen nach einem Bergwerksunglück in der Steiermark, das gemessen an den Katastrophenmeldungen aus aller Welt, mit denen die Öffentlichkeit ihr Publikum jahrein jahraus versorgt, eher geringfügig ausfällt – 11 Verschüttete, 10 Tote –, beherrschen fast 3 Wochen lang die Schlagzeilen. Auf dem Höhepunkt des Dramas von Lassing lassen die Verantwortlichen von Funk und Fernsehen sogar ihre laufenden Programme für die bewegende Mitteilung unterbrechen: Nichts Neues aus Lassing. Warum das? Was ist so spannend und ergreifend an einem tödlichen Betriebsunfall im österreichischen Talkum-Abbau?

1. Exposition: Das Unglück als sittliches Ereignis

Jedes Unglück, jede Katastrophe, die Menschenleben gefährdet oder fordert, hat für die bürgerliche Art, die Welt anzuschauen, etwas ungemein Attraktives: Die Gepflogenheiten des bürgerlichen Alltags, die harten Sitten des Kalkulierens und Konkurrierens, gelten in solchen Ausnahmesituationen ausnahmsweise nichts. Praktisch zum Zuge kommt das Gegenteil: die Tugend selbstlosen Einsatzes, die sonst doch bloß immer Heuchelei ist. Daß Rettungsmaßnahmen ergriffen werden, versteht sich nicht einfach von selbst, sondern belegt anschaulich, zu wieviel Solidarität eine Gesellschaft, deren Mitglieder normalerweise berechnend miteinander umgehen, „trotz allem“ fähig ist: Kein Aufwand ist zu hoch – wo es doch um Menschenleben geht! Lauter richtig gute Menschen sind unterwegs – und das Publikum bleibt nicht ausgeschlossen: Vertreten durch seine Berichterstatter, außerdem würdig repräsentiert durch seine politischen Repräsentanten, die sich am Schauplatz von Katastrophen immer besonders gerne blicken lassen, ist die nationale Zuschauergemeinde dabei und mittendrin – in der Stunde der Not eine einzige große Solidargemeinschaft.

So inszeniert die bürgerliche Öffentlichkeit anläßlich von Unglücksfällen ein paßgenaues sittliches Gegenbild zum normalen kapitalistischen Alltagsleben, in dem Berechnungen herrschen, die ziemlich großzügig über Leichen gehen; ehrenwerte geschäftliche Kalkulationen, die z.B. auch beim Bergwerksbau und -unterhalt auf die Rentabilität des Aufwands und sonst nichts achten. Als Kontrastprogramm zum bürgerlichen Alltag, als Bebilderung der menschlichen Werte, um die es „uns allen“ doch zumindest „letztlich“ gehen sollte, sind Katastrophen sittlich stets besonders wertvoll und von beträchtlichem Unterhaltungswert.

Freilich ist der normalerweise auch wieder schnell erschöpft; einem Bergwerksunfall mit 11 Toten, noch dazu in einem andern Land, ist mehr als ein bißchen Erbauung eigentlich kaum abzugewinnen. Anders in Lassing.

2. Der moralische Knalleffekt: Ein Totgeglaubter wird gerettet

Genauer gesagt: Ein Totgesagter wird gerettet; einer, der von der Einsatzleitung bereits für tot erklärt worden war, wird dank zähem Einsatz der einfachen Helfer, ja sogar gegen die Entscheidungen derer „vom grünen Tisch“ wieder ans Tageslicht geholt! Damit sind die Bestandteile für ein klassisches Drama der besseren Sorte beieinander: Es gibt die „Bösen“ – die geschäftstüchtigen Einsatzleiter, die beim Retten Berechnungen gelten lassen. Vor allem aber gibt es die vielen Guten, die nicht locker lassen, an göttliche Fügung glauben, sich abrackern – und auch noch Recht bekommen. Sie holen einen lebenden Kumpel aus dem Berg – ein sichtbarer Triumph der berechnungslosen Moral!

Und der adelt nicht bloß die erfolgreichen Rettungstrupps vor Ort. Für diesen Triumph loben die massenhaft vor Ort präsenten Vertreter der Öffentlichkeit in aller Bescheidenheit sich selbst: Nur weil sie mit ihren unbestechlichen Kameras und bohrenden Fragen zugegen waren, wurde letztlich erfolgreich nach dem Hainzl Schorsch gebohrt! Endlich einmal eine wunderbare Gelegenheit, den immer wieder aufkommenden Verdacht zu kontern, die Reporter mit ihrer „Sensationslust“ wären eine einzige Behinderung der Rettungsarbeiten. Nein, umgekehrt verhält sich die Sache: Die Öffentlichkeit hat mitgerettet. Sich und ihrem Publikum verschaffen die Vertreter der „Vierten Gewalt“, die sich immerzu um die Vermarktung jeder mittleren Katastrophe verdient machen und so ihren hart erarbeiteten Beitrag zur sittlich-moralischen Unterhaltungsindustrie liefern, das wohlverdiente, meist entbehrte Hochgefühl, nicht bloß rezeptiv, sondern als sittliches Agens in einer menschlichen Tragödie unterwegs zu sein.

Mit diesem Hochgefühl im Rücken nimmt die öffentliche Meinung sich das Recht, nach dem einen Wunder von Lassing, das man miterlebt, ja sogar mitbewirkt hat, weitere wunderbare Rettungen von Menschenleben aus dem verschütteten Bergwerk zu erbeten, zu erhoffen, zu erwarten, ja geradezu zu fordern – und in diesem Sinne der Einsatzleitung und ihren Trupps selbstbewußt-kritisch auf die Finger zu schauen. Und siehe da, es werden Unterschiede registriert, sowohl die Moral als auch das Gerät betreffend. Es folgt:

3. Zwischenspiel: Deutsche Helden gegen österreichische Schlamper

Die praktische Folge des Wunders von Lassing ist ein gewisses Überangebot von freiwilligen, zu allem entschlossenen Rettern. Das weckt zwangsläufig den Verdacht – die Männer der kritischen Öffentlichkeit kennen ihre Pappenheimer – auf Eitelkeit und berechnende Versuche, sich in den Vordergrund zu spielen. Es muß also sortiert werden, wo hier die Scheidelinie zwischen heroischem Einsatz und zweifelhafter Inkompetenz verläuft. Ein ausgezeichnetes Hilfsmittel, diese Unterscheidung zu treffen, liegt allerdings vor: Die Mannschaft, die das Wunder vollbracht hat, kommt aus Deutschland! Damit hat sich nicht bloß die deutsche Öffentlichkeit ihr Urheberrecht an besagtem Wunder gesichert; damit ist auch für den Fortgang der Rettungsbemühungen alles ins Recht gesetzt, was vom großen nördlichen Nachbarn kommt. Die wieder einmal sprichwörtliche deutsche Tüchtigkeit, die noch dazu mit unschlagbarem Gerät anrückt, triumphiert über die genauso sprichwörtliche österreichische Lätschigkeit, die offensichtlich weder zum Bohren noch zum fachmännischen Fräsen in der Lage ist.

Freilich leistet die österreichische Seite noch ein wenig hinhaltenden Widerstand. Sie pflegt ein wenig ihr erst recht sprichwörtliches Bild vom unerträglich arroganten deutschen Piefke, steht damit allerdings auf verlorenem Posten gegen die gute deutsche Grubenwehr mit ihrem schweren Gerät und ihrem sensationellen Zufallserfolg. Die österreichische Einsatzleitung erklärt schließlich, mit allen gut gemeinten Hilfsleistungen zutiefst einverstanden zu sein, und Kanzler nebst Wirtschaftsminister verkünden, daß es angesichts der zu rettenden Menschenleben keine nationalistischen Eitelkeiten geben dürfe. Ab jetzt machen sich alle Menschen guten Willens heftig und entschlossen an weitere Bohrungen zur Bergung der weiterhin Verschütteten, und das Drama wird zu einer Manifestation deutscher Moral und Tüchtigkeit, die beide nicht lockerlassen.

4. Schlußakt: Ein Sieg der Moral, auch ohne Belohnung

Vom Unfall und dessen Opfern haben sich die folgenden Aktionen, die live in die Wohnzimmer übertragen werden, mittlerweile einigermaßen emanzipiert. Die Überlebenschancen der Verschütteten werden zugegebenermaßen als sehr theoretisch eingeschätzt; doch das scheint ein eher untergeordneter Gesichtspunkt zu sein. Die Helfer helfen und bohren, was das Zeug hält; ihr Einsatz ist längst zum verselbständigten Beweis geworden, daß wir als gute Menschen nichts unversucht lassen, um Menschenleben zu retten – auch gegen alle Hoffnung. Die Rettung von Menschen ist nicht mehr Zweck der Angelegenheit, sondern wäre eine schöne Belohnung für das aufopferungsvolle Engagement der Rettungsmannschaften.

Daß tatsächlich niemand mehr gerettet wird, ist dann zwar irgendwie schade, fällt aber nicht mehr allzu sehr ins Gewicht: Die Guten haben gezeigt, was in ihnen steckt, und somit moralisch gewonnen. Und darauf kommt es doch wohl an, im Drama wie im richtigen Leben.


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