BamS kritisiert Yilmaz

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

„Was ist bloß mit den Türken los?“
(Bild am Sonntag, 15.3.98)

Überblick

Der türkische Regierungschef wirft der deutschen Regierung ‚Diskriminierung‘ der Türkei vor und BamS klärt auf: über den deutschen Kostgänger am Bosporus und den untürkischen Inhalt antideutscher Hetze.

„Was ist bloß mit den Türken los?“
(Bild am Sonntag, 15.3.98)

Häßliche Töne aus der Türkei vermeldet die BamS vom 15.3.: „Ministerpräsident Yilmaz und die Zeitungen hetzten gegen Deutschland“. Berichtet wird von Äußerungen des türkischen Regierungschefs, der die deutsche Regierung als „Architektin der Diskriminierung der Türkei“ bezeichnet und dabei auch gleich die Politik der Kohlmannschaft mit der „Lebensraum“-Politik der Nationalsozialisten vergleicht. Da muß die Bildzeitung sich, uns Deutsche und die Türken schon mal fragen: „Was ist nur mit den Türken los? Warum diese hetzerischen Töne?“.

Die Wirkungen bundesdeutscher Politik im Ausland will unser geschätztes Sonntagsblatt seit jeher als segensreiche Taten gutmeinender deutscher Absichten verstanden haben. Deshalb findet es es auch völlig in Ordnung und einen schönen Fall von Kinkel’scher „Hinführungsstrategie“ der Türkei an die EU, wenn die Regierung Kohl bei der EU-Beschlußfassung über die Aufnahme neuer Mitglieder sich gegen die Türkei stark macht. Daß die türkische Regierung sich mit ihrem Jahrzehnte alten Aufnahmeantrag dadurch zurückgesetzt sieht und sich in drastischen Tönen über die Bevorzugung jener osteuropäischen Kandidaten beschwert, die zum letzten Mal unter Hitler mit deutscher Europapolitik Bekanntschaft schließen durften, kann das proletarische Massenblatt überhaupt nicht verstehen. Prinzipientreu hält diese Zeitung an der „Vernunft“ deutscher imperialer Politik fest. Mit der Geste völligen Unverständnisses quittiert sie die Nutzenerwägungen anderer Nationen, die dem selbstverständlichen Anspruch deutscher Politik auf Unterordnung so ihre eigenen Kalkulationen entgegensetzen.

Wenn uns Deutschen da der türkische Ministerpräsident blöd kommt, versagt es sich unser Massenblatt nicht, den guten Mann darauf hinzuweisen, daß seine Stimmungsmache wohl kaum türkischen Interessen dient. Die werden nämlich bei uns verwaltet und festgelegt: Als „der wichtigste Handelspartner“ der Türkei kümmern wir uns redlich um den Kostgänger vom Bosporus, bringen jährlich „drei Milliarden DM“ durch unsere urlaubenden Landsleute vorbei und beherbergen auch noch „zwei Millionen Türken in guter Nachbarschaft“. Wer ist also von wem abhängig? Aufrichtige Gesten der Unterwerfung wären der Türkei und ihren diplomatischen Vorsprechern zur „Aufrechterhaltung guter Beziehungen“ dringend anzuempfehlen. Bild verweist auf die eingetretenen Abhängigkeiten und empfiehlt der Türkei wohlmeinend den Wechsel zum Tonfall der Demut. Wir wissen nämlich, was sich für die Türkei gehört.

Mit Sicherheit kein türkischer Ministerpräsident, der – obwohl wir ihn auch noch in Köln studieren ließen – einfach grundlos gegen uns Stimmung macht. Was treibt den Mann „eigentlich“? Yilmaz will „innenpolitisch Punkte sammeln“ und „ist persönlich von Helmut Kohl enttäuscht“, schlimmer noch: „Yilmaz hofft, Italien, Frankreich und England auf seine Seite zu ziehen“. Niedere Motive und böse Absichten also. Ob das im türkischen Interesse liegen kann? Nein, sagen Bilds „Experten“ von den Hochschulen und Türke-Instituten: Hätte der Mann sonst etwa jenen seltsamen Vergleich zwischen Deutschlands alten und neuen weltpolitischen Ambitionen im Osten benutzt? Wenn der Mann diplomatisch gegen Deutschland anstänkert, kann er ja keine türkischen Interessen befördern.

Die dokumentarische Zeugenschaft für den Verdacht der untürkischen Politik des Ministerpräsidenten Yilmaz darf die unter deutscher Hoheit versammelte Basis türkischer Döner- und Gemüsehändler übernehmen. Ganz Massenblatt zitiert Bild sich die Stimme des türkischen Volkes als Zeugen für die Differenz von Volk und Führung in der Türkei zurecht: „Das türkische Volk ist besonnener als mancher Politiker“, pariert da ein echter Türke aus Hamburg und zeigt sich von Yilmaz enttäuscht. Gut so. Der Mann, der unter unserer Obhut steht, weiß schon, daß ihm demonstrative Skepsis gegenüber der undeutschen Politik Yilmaz’ abverlangt wird.

Als guten Kronzeugen für den untürkischen Inhalt der antideutschen Eskapaden seines Ministerpräsidenten, kann Bild seinen echten Hamburger Türken allerdings nicht aus der nationalen Verantwortung entlassen. Schließlich ist der Mann „Türke“ und damit für seinen Ministerpräsidenten und das Treiben seiner Nation verantwortlich zu machen. Und solange sein Ministerpräsident mit undeutscher Rede deutsche Ausländerfeindlichkeit provoziert, braucht man sich über entsprechende „fremdenfeindliche Reaktionen“ hierzulande nicht zu wundern. Da macht Bild manchen Türken aus Bottrop echt betroffen: „Die Leidtragenden sind doch wir, die hier in Deutschland leben.“ Genau das wollte Bild ihm ja auch gesagt haben!


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