Armut in Deutschland

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-00 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Die Studie „Armut und Ungleichheit in Deutschland“ hat’s herausgefunden:
„Armutsrisiko“ Kind

Überblick

Die Sozialwissenschaft behandelt Armut grundsätzlich als Ausnahmezustand. Da muss schon eine Menge unglücklicher Umstände zusammenkommen, dass einer arm wird! Kinder sind so ein Umstand, der ein hohes Armutsrisiko mit sich bringt. Dass Lohnarbeit arm macht, ist damit dementiert.

Die Studie „Armut und Ungleichheit in Deutschland“ hat’s herausgefunden:
„Armutsrisiko“ Kind

Armut wird im Wohlstandsland Deutschland mit den Mitteln der empirischen Sozialforschung aufgespürt und vermessen. Und tatsächlich, die Wissenschaft beweist, es gibt sie – und zwar grundsätzlich als einen Ausnahmetatbestand: Ganz spezielle Gruppen in speziellen Lagen sind von selbst wieder sehr unterschiedlichen „Armutsrisiken“ betroffen, die in ihrer Summe dann doch keine so ganz kleine Zahl ergeben.

„9,1% der Bevölkerung oder rund jeder elfte Bundesbürger im gesamten Bundesgebiet 1998 leben in Einkommensarmut“, d.h. „unter der Armutsschwelle von 50% des durchschnittlich verfügbaren bedarfsgewichteten Pro-Kopf-Einkommens.“

Die meiste Armut kommt vom Reichtum an den lieben Kleinen.

„Kinder sind in der Bundesrepublik ein, wenn nicht das Armutsrisiko. Daran werden die jüngsten Entscheidungen der rot-grünen Regierung – Steuerreform und Anhebung des Kindergeldes – grundsätzlich nur wenig ändern.“ (SZ, 5.10.) „Unsere Untersuchungen bestätigen die These, dass die Armut in der Bundesrepublik vor allem eine Armut von Familienhaushalten ist.“ „Mehrere Kinder zu versorgen wird deshalb zu einem Einkommensproblem, weil der Einkommensbedarf steigt, aber wegen der Kindererziehung eine Vollzeiterwerbstätigkeit beider Elternteile nur schwer möglich ist.“

Eine ziemlich freche Verdrehung von Ursache und Wirkung! Wer weiß denn nicht, dass Kinder an und für sich keineswegs die Armut ihrer Eltern verursachen? Der Arzt- und Unternehmerhaushalt kann durchaus einen Haufen Kinder vertragen, ohne dass gleich Schmalhans Küchenmeister wird. Aber eine Ursache im eigentlichen Sinn hat die vorsichtige Studie auch nicht behauptet: Sie spricht von einem „Armutsrisiko“, einem Faktor aus einem vielfältigen Umkreis von Umständen, die erst zusammen aus der Möglichkeit wirkliche „Armutsbetroffenheit“ machen. Wobei sie von einer nicht ganz unwesentlichen Randbedingung kein weiteres Aufheben machen: Sie unterstellen den normalen Lohn normaler Lohnempfänger und teilen über dieses Einkommen unter der Hand mit, dass man sich von ihm keine Familie leisten kann; bzw. dass gleich ins außergewöhnliche Elend abrutscht, wer dies unvorsichtigerweise doch tut. Ja, wenn die Mutter auch eine Vollerwerbstätigkeit ausüben könnte, wäre die Familie nicht arm; die kann aber wegen der Kinder nicht: Armutsursache Kind! Über die ‚Randbedingung‘ Lohn, den eine Vollzeitarbeitskraft verdient, kommt so viel heraus, dass er für kaum mehr reicht als für den Unterhalt der einen Person, die ihn verdient.

Und noch eine Randbedingung muss hinzukommen, damit unter den Kinderreichen Armut ausbricht: durch den bestehenden Kinderlastenausgleich werden diese zusätzlichen Lasten für Haushalte mit Niedrigeinkommen nicht ausreichend kompensiert. Es bräuchte diese Armut nicht zu geben, wenn der Staat sie besser ausgleichen würde! Unzureichende Hilfen für die Armen rangieren neben allen anderen Risiken auch noch als ein Grund für die Entstehung der Armut.

In unserem Land muss, so viel lernen wir, schon eine Menge unglücklicher Umstände zusammenkommen, ehe einer arm wird: Erst zu viele Kinder + zu wenig Erwerbstätige in der Familie + zu geringe staatliche Familienhilfen ergeben die Ausnahmesituation, die nicht sein sollte.

Natürlich verschließen die Armutsforscher ihre Augen auch nicht vor der Tatsache, dass manche Eltern einfach zu wenig verdienen, um sich und ihre Kinder zu ernähren. Aber solche Fälle gehören wieder in andere Armutskategorien: Erwerbslosigkeit z.B. ist ein bedeutendes „Armutsrisiko“ und dann gibt es noch den extremen Sonderfall einer Armut trotz Erwerbstätigkeit (working poor), den die Studie wie einen Widerspruch behandelt, den es eigentlich gar nicht geben kann: Armut durch Erwerb.

Denn so viel halten die Armutsforschung eisern fest: Normale Lohneinkommen sind das Gegenteil von Armut. Ohne Kinder, mit einem Lebenspartner, der seinen Unterhalt selbst verdient, und sofern keine sonstigen Risiken wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Alter zuschlagen, ist der Lohn, den das Kapital bezahlt, eine prima Erwerbsquelle. Es ist diesen Forschern gar nicht unbekannt, dass alle ihre Sonderformen von Armut auf der allgemeinen Armut der Arbeiterklasse und der Unsicherheit ihres Einkommens gründen; sie wissen ganz gut, aus welchem Kollektiv sich ihr Forschungsobjekt rekrutiert. Aber sie sind entschlossen, die Sache umgekehrt zu sehen: Sie machen die normalen, ja notwendigen Umstände der Lohnarbeiterexistenz für lauter Sonderformen von Armut verantwortlich, um das Allgemeine ihres Themas zu dementieren – die Sache mit den Klassen.


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