Arbeitslosenprotest in Deutschland

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Applaus für eine Protestbewegung:
Arbeitslose, wie wir sie mögen!

Überblick

Wenn der Arbeitslosenprotest hierzulande als Karikatur der ‚französischen Verhältnisse‘ vonstatten geht, hat das seinen Grund in der DGB-geschulten Vernunft deutschen Lohnarbeiter. Zu einer Radikalisierung sind sie allerdings schon fähig: Ausländer raus!

Applaus für eine Protestbewegung:
Arbeitslose, wie wir sie mögen!

„Nehme jede Arbeit an!“ (wiederbelebtes Protestplakat aus der Weimarer Republik)

Anfang Februar ist es endlich auch in Deutschland soweit: Die Arbeitslosen rühren sich. Nachdem die Öffentlichkeit wochenlang durch Leitartikel und Talkshows hindurch die Frage gewälzt hat, ob nicht auch hierzulande „französische Verhältnisse“ drohen könnten – anfangs etwas besorgt, dann leicht enttäuscht über die „resignative Apathie“ deutscher Arbeitsloser –, finden sich schließlich die Arbeitslosen-Initiativen, die unter Anleitung von DGB und SPD den Tag der Verkündung der neuesten Rekord-Arbeitslosenzahl zum Beginn des deutschen Arbeitslosen-Aufruhrs erklären.

Der Aufruhr ist – auch ganz abgesehen von der eher mickrigen Beteiligung der angesprochenen Arbeitslosen – ein schlechter Witz: Der unvermeidliche „Glühwein gegen soziale Kälte“ wird ausgeschenkt; der Routinebetrieb in den „besetzten Arbeitsämtern“ geht ungestört seinen Gang; die Leiter der zu besetzenden Ämter werden vorher telefonisch darüber informiert, für welche Stunde sie bitteschön ihren Chefsessel räumen sollen, damit dann vor laufenden Fernsehkameras dessen „Besetzung“ erfolgen kann; damit kein unnötiger Dreck entsteht, bringen die Protestler gleich selber die Putzmittel zum Ort des Geschehens mit. …

Alle Berichterstatter wissen: Diese Demonstrationen sind eine Karikatur des französischen Vorbilds. Und genau damit sind sie hochzufrieden, auch wenn die rasanten Schnitte für den Bildbericht im Fernsehen fehlen. Herablassend versichern sie den Aktivisten des Aktionstages und überhaupt den deutschen Arbeitslosen ihr uneingeschränktes Wohlwollen: Kreuzbrav sind sie diesseits des Rheins und lassen jeden „Hang zur Radikalität“ vermissen. So daß mancher Kommentator sich schon fragen muß, womit Kanzler und Arbeitsämter in Deutschland das verdient haben.

Entgegen allen diesbezüglichen Vermutungen liegt hier keine nationalpsychologische Eigenart der nachgeborenen Wirtschaftswunderkinder vor – von wegen: „kein revolutionärer esprit“ im Blut. Die trostlose Lächerlichkeit des Protests hat ihre Ursache in einem politischen Fehler der vernünftigen, DGB-geschulten deutschen Arbeiter.

Wer nämlich angesichts von fünf Millionen entlassenen Arbeitern immerzu nichts anderes als „Arbeit, Arbeit, Arbeit!“ schreit, seufzt, erbettelt oder sonstwie einfordert, der erklärt den Dienst im Betrieb für ein unschätzbares Gut – man muß ihn nicht verrichten, man will ihn „haben“. Der unterwirft sich fraglos sämtlichen Ansprüchen, die hierzulande an die Lohnarbeit gestellt werden – man hat ja nur den Anspruch, ihnen genügen zu dürfen. Der handelt sich folglich eine Antwort ein, in der glasklar und unbeschönigt alle Bedingungen vorerzählt werden, die am Kapitalstandort Bundesrepublik fürs Arbeiten gelten, und hat in vorauseilendem Gehorsam schon zugestimmt: Arbeit muß rentabel sein – abgehakt! Löhne müssen gesenkt, die Produktionsanlagen rationalisiert, die Belegschaften verschlankt werden – klar, was sonst! Wo kein Geschäft zu machen ist, und zwar auf Weltniveau, da fallen Arbeitslose an, und die fallen denen zur Last, die noch gebraucht werden zum Arbeiten – wem denn sonst! Deshalb muß die Arbeitslosen-Stütze immer weiter gesenkt werden, damit das Abstandsgebot zu den Niedriglöhnen eingehalten wird – aber immer! Denn Arbeit ist kein Opfer, sie ist jedes Opfer wert – und wer trotzdem keine bekommt, dem bleibt nichts anderes als die untertänige Bitte an die Herren aus dem Unternehmerlager und an die politische Obrigkeit, doch bitte zu tun, was in ihrer Macht und, selbstverständlich, in ihrem Interesse liegt, um nach Möglichkeit wieder mehr Bedarf an Arbeitskraft zu entwickeln.

Dieses Gesuch wird am historisch ersten Arbeitslosen-Aktionstag in der Bundesrepublik Deutschland in aller Form, also in all seiner Trostlosigkeit öffentlich abgeliefert – Fortsetzung folgt an jedem Monatsanfang, wenn die jeweils neuesten „Horrorzahlen“ frisch auf den Tisch kommen. Denn schließlich hat die Öffentlichkeit ein Recht darauf, von den Betroffenen aus erster Hand demonstrativ und glaubwürdig zu erfahren, daß sie fest entschlossen sind, auf keine dummen Gedanken zu kommen.

Zu einer Radikalisierung ist diese Sorte Protest allerdings fähig; und die ist mit den peinlichen Ergebenheitsadressen an die Arbeitgeber der Nation als einzige durchaus nicht ausgeschlossen. Wer seiner Obrigkeit unterwürfig-anklagend mit Plakaten kommt, auf denen er seine Bereitschaft verkündet, „jede Arbeit“ bedingungslos anzunehmen, der kennt allemal Leute – oder läßt sie sich jedenfalls von einer ebenso sozial wie national gesinnten Politikermannschaft zeigen –, die ihm die Gelegenheit zur Betätigung seiner schrankenlosen Arbeitswut genommen haben: „Zugereiste“, nicht Dahergehörige, die irgendwelche deutschen Arbeitsplätze „besitzen“, obwohl denen das gar nicht zusteht… Die Arbeitsplatzpolitiker von der christlich-sozialen Fraktion sehen das schon lange so, fordern immer wieder eine schärfere gesetzliche Unterscheidung zwischen In- und Ausländern am Arbeitsmarkt und klären so nach Kräften den braven deutschen Arbeitslosen über die Ursache seiner Misere ungemein sachgerecht auf. Irgendwer muß schließlich dafür sorgen, daß aus Massenarbeitslosigkeit und „sozialem Elend“ keine schlimmere Gefahr erwächst als ein bißchen Rechtsradikalismus!


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