Arbeit und Reichtum (II)

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„Beschäftigung“ – „Globalisierung“ – „Standort“ …
Anmerkungen zum kapitalistischen Verhältnis zwischen

Arbeit und Reichtum (II)

Korrigendum
Eine überarbeitete und erweiterte Fassung dieses Artikels liegt als Buchveröffentlichung vor: „Beschäftigung“ – „Globalisierung“ – „Standort“. Anmerkungen zum kapitalistischen Verhältnis zwischen Arbeit und Reichtum

„Beschäftigung“ – „Globalisierung“ – „Standort“ …
Anmerkungen zum kapitalistischen Verhältnis zwischen Arbeit und Reichtum (II)

Arbeit und Reichtum

(Fortsetzung aus Nr. 4-96)

V.

Die Unternehmer führen ihren Konkurrenzkampf um Gewinn weltweit. Sie erwerben im Ausland Geschäftsartikel aller Art, wenn sie ihrer Kalkulation zuträglich sind; sie verkaufen ihre Produkte und nehmen auswärtige Zahlungsfähigkeit für ihren Umsatz in Anspruch. Durch die Internationalisierung des Handels hängt die Rentabilität eines Betriebs davon ab, ob seine Produkte den Vergleich mit Waren aus aller Herren Ländern und auf deren Märkten bestehen. Die Rentabilität, die der Arbeit abverlangt wird, ergibt sich aus dem täglich erneuerten Befund, den Kapitalisten dem internationalen Angebot an preiswerten Waren entnehmen. An denen läßt sich ablesen, was eine Arbeitskraft nach Kosten und Produktivität zu leisten hat, will sie die von ihr verursachten Lohnstückkosten rechtfertigen. Wo Unternehmen über die Freiheit verfügen, ihre Investitionen an einem Ort ihrer Wahl in der ganzen Welt zu tätigen, unterwerfen sie ihre Lohnarbeiter – darin sehr vorurteilslos in der „Ausländerfrage“ – ausdrücklich dieser globalen Konkurrenz um den Preis der Arbeit. Ob und in welchem Maß deren „Beschäftigung“ notwendig ist, entscheidet sich über einen universellen Vergleich, dem die Herren über die Arbeit sie aussetzen.

Die Freiheit zum grenzüberschreitenden Geldverdienen erhalten Kapitalisten durch die Übereinkunft zwischen nationalen Staatsgewalten, welche die Territorialisierung des Geschäfts, das sie betreuen, für eine Beschränkung halten. Staaten, die ihre Gesellschaft auf die Vermehrung von Kapital verpflichten, gründen nämlich umgekehrt ihren ökonomischen Bestand darauf, daß sie sich ihre Finanzmittel aus den Umsätzen und Einkommen ihrer Bürger beschaffen. Das Interesse an möglichst viel „Erwerbstätigkeit“ im Land entspricht dem Bedarf der Geschäftsleute, Produktion und Handel durch die Verwendung auswärtigen Reichtums zu erweitern.

Die Internationalisierung seiner Quellen macht den Reichtum der Nationen, ihr Geld, zum Gegenstand ihrer Konkurrenz. Mit dem für den auswärtigen Handel fälligen Beschluß zur Konvertibilität ihrer nationalen Gelder gestehen die Staaten diesen einerseits ganz grundsätzlich die Qualität von Weltgeld zu; andererseits relativieren sie die Gleichung zwischen ihrem lokalen Zahlungsmittel und universellem Geld. An Wechselkursen und an ihren Bilanzen stellen sie fest, wieviel Weltgeld ihnen die Konkurrenz der Kapitalisten eingebracht hat; und in der bleibenden Sorge um die Stabilität ihres höchsten nationalen Gutes, die sie durch sämtliche Arten kapitalistischer Brauchbarkeit definieren, fassen sie den Erfolg zusammen, den sie sich gegen andere sichern wollen.

Der Patriotismus des Geldes ist erstens immer im Programm, weil er das kapitalistische Staatsprogramm ist. Zweitens macht er bisweilen viel Aufhebens von sich, wenn die Rechnungen und Leistungen der Kapitalisten einfach nicht (mehr) den Dienst erfüllen, für den der Staat sie fördert. Dann ergänzt die nationale Führung die umfängliche Betreuung des welt-marktwirtschaftlichen Geschäftslebens um die Abteilung Standortpolitik. Die einschlägigen Maßnahmen gelten als nationale Reaktion auf „die Globalisierung“; sie zielen darauf ab, das eigene Land in seiner Eigenschaft als Geschäftsbedingung (wieder) attraktiv zu machen.

Das bekommt „der Arbeit“ nicht gut, weil es ausdrücklich um sie – selbstredend als rentable – geht. Der ausgeprägte Wille zur „Veränderung“ richtet sich zwar unverhohlen gegen das Ausland, macht sich aber an den inneren „sozialen Verhältnissen“ zu schaffen. Wenn Politiker standortpolitisch Schaden von ihrem Volk abwenden, akzeptieren sie nämlich das Urteil, das die internationale Geschäftswelt über ihr Arbeitsvolk gefällt hat. Die Lohnabhängigen haben sich nach Preis und Leistung im globalen Maßstab zu bewähren – und in seiner Macht über das nationale Lohnniveau hat der soziale Rechtsstaat seinen Hebel zur Herbeiführung dieser Bedingung. Er vollstreckt das globale Rentabilitätsgebot an der arbeitenden Klasse, weil nun einmal der Reichtum der Nation auf rentabler Arbeit beruht.

Als Staatsbürger sind die Betroffenen aufgefordert, sich die nationale Standortpolitik nicht bloß gefallen zu lassen: Die polemische Stoßrichtung gegen den Rest der Welt sollen sie sich bei ihren Opfern schon auch zu eigen machen.

1.

a) Die Leute mit dem produktiven Eigentum, die dem weniger begüterten Rest der Gesellschaft in der Rolle des Arbeitgebers gegenübertreten, behandeln ihren lohnabhängigen Produktionsfaktor – ganz sachgesetzlich, ohne extra böse Absicht – wahrhaftig schon schäbig genug. Gegen ein Entgelt, das gerade mal die notwendigen Unkosten zur Reproduktion der benötigten Arbeitskraft deckt, eignen sie sich deren Produktivkraft an. Für ihren Konkurrenzkampf um Marktanteile senken sie die Lohnstückkosten, organisieren sich also für weniger Lohn mehr geldmäßig nachzählbare Leistung. Die für solchen „arbeitsparenden Fortschritt“ aufgewandten Investitionen muß die nicht eingesparte Arbeit auch noch in gehöriger Proportion rentabel machen; sonst findet sie gleich gar nicht mehr statt. An den Überschüssen, die sie zustandebringt, bedienen sich außerdem Heerscharen von Finanzkapitalisten, die mit ihren warenproduzierenden Kollegen sowie ganz freihändig untereinander Geschäfte zur wechselseitigen Bereicherung abschließen, so als käme es auf die einzige Quelle des Reichtums, um den es ihnen geht, ihres Eigentums nämlich, schon gar nicht mehr an. Dafür einstehen muß die Lohnarbeit natürlich dennoch, und zwar erfolgreich und zur allseitigen Zufriedenheit des Kreditgewerbes, um ihre weitere Verwendung und Bezahlung zu rechtfertigen. Viele Lohnarbeiter werden darüber überflüssig, die andern im Verhältnis zu dem Reichtum, der aus ihnen herausgeholt wird, gleichfalls immer ärmer. Und wenn der Geschäftsgang insgesamt darüber in eine Krise gerutscht ist, dann saniert er sich schon wieder auf Kosten seiner so verächtlich behandelten Quelle.

Armselig genug also, ein Dasein als „Faktor Arbeit“, zu dem die „Erwerbsgesellschaft“ die Masse ihrer Mitglieder zwingt – und trotzdem! Als wäre das alles noch gar nichts, was das Kapital in seinem ganz normalen Geschäftsgang mitsamt den dazugehörigen Konjunkturen mit der lohnabhängigen Mannschaft sowieso anstellt; als ginge es den ihren Arbeitgebern überlassenen Massen immer noch viel zu gut; als brächten sie mit ihrer ausschweifenden Wohlfahrt das marktwirtschaftliche Gemeinwesen beständig in Gefahr: Gerade so engagiert sich auch noch die demokratische Staatsmacht, die Hüterin des Gemeinwohls und einer allseits gedeihlichen gesellschaftlichen Entwicklung, mit allem Nachdruck in der Lohnfrage – gegen den Lohn. Als würden die „abhängig Beschäftigten“ den gesellschaftlichen Reichtum, der dann als Eigentum ihrer unabhängigen Arbeitgeber existiert, nicht schaffen, sondern umgekehrt auf Kosten ihrer Arbeitgeber leben und deren Eigentum aufzehren, wenn sie nicht genügend aufpaßt, nimmt die überparteiliche Instanz der Klassengesellschaft Partei gegen das Interesse der Lohnarbeiter, sich ein Auskommen zu sichern. Gegen jeden einzelnen Lohnbestandteil, gegen die exorbitanten Lohnkosten insgesamt und gegen einen insgesamt katastrophalen Mangel an ausnutzbarer Leistungsbereitschaft der Dienstkräfte – in den paar Jahren zwischen „Studienabschluß“ und „Frühverrentung“ – wird von Staats wegen dermaßen polemisiert, daß sich noch die härtesten praktischen Einschnitte halbherzig ausnehmen. So hört die staatliche Polemik gegen „die Wohlfahrtsgesellschaft“ nicht auf, und die Politik gegen den „übertriebenen Lebensstandard“ des Proletariats wird genausowenig jemals fertig. So daß ein unvoreingenommener Betrachter sich schon fragen könnte, was denn nun eigentlich auch noch die Staatsgewalt daran stört, daß die Lohnarbeit einen Anfang, ein Ende, ein begrenztes Leistungsvermögen und ganz nebenbei auch noch einen Preis hat.

b) Der einschlägige Bescheid wird derzeit unter dem wirtschaftspolitischen Codewort „Globalisierung“ erteilt. Sie – „die Globalisierung der Märkte“ oder auch „des Wettbewerbs“ – verbietet es mit der Majestät eines kosmischen Sachzwangs, „so weiterzumachen wie bisher“, mit den hohen Lohnkosten nämlich und vor allem den luxuriösen Lohnnebenkosten, die den Faktor Arbeit unbezahlbar machen – der geschulte Blick erkennt das gleich an den vielen Arbeitslosen, deren Zahl so gar nicht abnehmen will. Eine medizinische Betreuung und eine Lohnfortzahlung, bis die kranken Leute wieder funktionieren; eine Arbeitslosenunterstützung, bis die spärlichen Chancen einer Wiederbeschäftigung ausgereizt sind; ein Altersruhegeld nach 40 Jahren durchschnittlicher Lohnarbeit über dem Sozialhilfeniveau: Alles das und vieles mehr „geht nicht mehr“, seit die Kapitalisten mit ihren Waren weltweit konkurrieren und bei ihren Investitionsentscheidungen die Geschäftsbedingungen in allen Weltgegenden und Nationen kritisch vergleichen und nur die besten Gelegenheiten ausnutzen. Sogar eine zunehmende Ohnmacht der nationalen Souveräne wird beschworen, ihre Entmachtung durch die freie Kalkulation der Unternehmer – nur um so unwidersprechlich wie nur möglich zu begründen, daß eben dieser souveräne Staat die Ausnutzung und Verarmung seiner lohnabhängigen Massen auf keinen Fall den kalkulierenden Arbeitgebern allein überlassen darf; daß er vielmehr, um die wirtschafts- und sozialpolitische Initiative zurückzugewinnen, die Konkurrenzbedürfnisse der Unternehmer gegen den Lebensunterhalt der Arbeitskräfte vorauseilend erfüllen muß – dazu ist seine Macht dann allemal noch groß genug.[1]

Dabei ist es noch nicht einmal so, daß die „Globalisierungs“-Theoretiker in ihrem Bemühen, die Zielsetzungen nationalstaatlicher Lohnpolitik als Reaktion auf unabweisbare übergeordnete Sachzwänge zu rechtfertigen, auf ihre These von der Machtlosigkeit des einzelnen Staates und den Schein eines Widerspruchs zwischen besten sozialpolitischen Absichten und unüberwindlichen widrigen Umständen besonderen Wert legen würden. Sicher, manche wollen durchaus so verstanden werden, daß der Rest der Welt ihre eigentlich zutiefst arbeiterfreundlichen Vorhaben vereitelt – gerade so, als wäre dem Staat, der in seiner Gesellschaft für ordentliche Eigentums- und Lohnarbeitsverhältnisse sorgt, jemals an einer guten und sicheren Versorgung der arbeitenden Klasse gelegen; als ließe sich die Staatsgewalt jemals durch äußere Umstände von Vorhaben abbringen, die ihr wirklich lebenswichtig sind, und zu einer Politik nötigen, die ihrem Daseinszweck widerspricht; und als wäre der globale Sachzwang unternehmerischer Konkurrenzfreiheit überhaupt in Kraft, ohne daß die Staatsgewalt selbst ihn zur Lebensbedingung ihrer Gesellschaft macht. Die meisten Entdecker der „globalisierten“ Konkurrenz der Kapitalisten und ihrer zwingenden Auswirkungen auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik der Nationen schenken sich aber solche Heuchelei und lassen keinen Zweifel daran, daß sie den als übermächtig beschworenen „Anpassungsdruck“ überhaupt nicht bedauern, sondern vorbehaltlos befürworten. Was ihrer Theorie zufolge „die Globalisierung“ den Regierungen aufnötigt, proklamieren sie als das wirtschaftspolitisch ohnehin allein Vernünftige; was sie unmöglich macht, hat nie etwas getaugt. Die Unterstellung, bislang, ohne die Zwänge des globalen Wettbewerbs, hätten die Staaten ein immer bequemeres Leben ihrer lohnabhängigen Bürger organisiert, kommt gleich als Kritik an einem staatlichen Fehlverhalten daher, das schon längst abgestellt gehört hätte und nun ganz zu Recht nicht mehr durchzuhalten sei. Wozu die Nationen jetzt angeblich genötigt werden, ist demnach nichts anderes als das recht verstandene Gemeinwohl, dem die Staatsgewalt im Grunde sowieso verpflichtet ist und sich endlich entschiedener und vor allem erfolgreicher als bisher zu widmen hat.

Denn daß sie aus lauter Respekt vor dem freien Wettbewerb einfach alles geschehen lassen sollte oder aus wirklicher Ohnmacht seinen Gang gehen lassen müßte, was die Kapitalisten anstellen: das ist durchaus nicht die politische Botschaft der „Globalisierungs“-Ideologie. Das dogmatische Bekenntnis zur weltweit freigesetzten Konkurrenz der Unternehmer enthält den politischen Auftrag an die Staatsmacht, die national zu Buche schlagenden Ergebnisse dieser Konkurrenz zu korrigieren – allerdings ohne Verstoß gegen die Prinzipien, nach denen sie zustandegekommen sind; vielmehr soll sie mit ihrer politischen Gewalt die Interessen der konkurrierenden Kapitalisten so wirksam durchsetzen, daß diese gar nicht anders können, als die staatliche Vorgabe mit erfolgreicher Geschäftstätigkeit auszufüllen. Das Dogma von der globalisierten Konkurrenz definiert das Heil der Nation weltwirtschaftlich, nämlich durch den Zuspruch, den das Land als Geschäftsstandort bei den international disponierenden Unternehmen findet, und verlangt von den Machthabern eine dieser Definition praktisch genügende Standort-Politik. Mit der soll die Nation ihren Wettbewerb gegen andere Nationen gewinnen: Diesen imperialistischen Imperativ machen die neuen Staatsreformer geltend, wenn sie gegen „das Nationale“ polemisieren, das im Zeitalter der „Globalisierung“ ausgedient hätte.[2] Das „globalisierte“ Marktgeschehen soll der Kampfplatz sein, auf dem die Nationen ihre alles entscheidende Bewährungsprobe zu bestehen haben; in diesem Sinn ist es „unser Schicksal“.

Für diesen imperialistischen Schicksalsgedanken nehmen die Theoretiker und Praktiker einer modernen Standort-Politik Partei – und verkünden ohne Bedauern, vielmehr als selbstverständliche Forderung national-ökonomischer Vernunft die Notwendigkeit, von Staats wegen gegen Lohninteressen vorzugehen. Daß die Kapitalisten schon ganz von allein weltweit wachsende Arbeitslosenheere schaffen und den proletarischen Lebensunterhalt immer armseliger geraten lassen, ist der Beweis, daß das noch lange nicht genügt: Um seines Konkurrenzerfolges willen muß der standortpolitisch herausgeforderte Staat die Kapitalisten der Welt im Kampf gegen das „gute Leben“ seiner lohnabhängigen Bürger überbieten und überholen, damit die Unternehmer sich bei ihm besser aufgehoben fühlen als anderswo.

Zu diesem Unvereinbarkeitsbeschluß gegen die Lebensbedürfnisse der gesellschaftlichen Arbeitskraft bekennen sich derzeit sämtliche Nationen, die erfolgreichen Aktivisten des Imperialismus ebenso wie diejenigen, die im Reich der marktwirtschaftlichen Freiheit erst noch etwas werden wollen. Dann wird es also wohl auch so sein, daß das Gemeinwohl des zeitgenössischen Nationalstaats seine ganz eigenen, politischen Konkurrenzgründe dafür enthält, den Faktor Arbeit schlecht zu behandeln.

Es sind die folgenden.

2.

a) Der Staat bezieht die notwendigen Mittel seiner Macht aus der kapitalistischen Ausbeutung der Arbeit.

Er existiert von dem Geld, das seine Bürger verdienen. Der abstrakte Reichtum, den sie sich erwerben, ist der Fundus, aus dem er sich bedient. Für seine sämtlichen Bedürfnisse und Notwendigkeiten steht ihm darin das notwendige und hinreichende materielle Mittel zu Gebote: Reichtum in dinglich greifbarer und dabei abstrakter, universell verwendbarer Gestalt. Die private und abstrakte Natur des als Eigentum existierenden gesellschaftlichen Reichtums macht seine unmittelbar politische Brauchbarkeit aus.

Und dieser Reichtum vermehrt sich quasi von selbst, wenn die Staatsmacht ihre Bürger alternativlos auf das private Eigentum als Bedingung und allgemeine Möglichkeit, auf den Gelderwerb als exklusives Mittel jeglichen Nutzens festgelegt hat. Indem die Mitglieder der Gesellschaft sich darum bemühen, sich folglich gemäß ihren jeweiligen Mitteln klassenmäßig scheiden und als Arbeitgeber und Arbeitnehmer dem Eigentum dienen, betätigen sie sich als gesellschaftliche Maschinerie zur Gelderzeugung und damit als automatische Quelle wie des kapitalistischen, so auch des staatlichen Reichtums. Die kapitalistische Natur der gesellschaftlichen Produktion und ihre Nützlichkeit für die politische Macht fallen zusammen.

Der Staat ist also der Nutznießer seiner eigenen Leistung, seine Bürger dem Eigentum zu unterwerfen und das Geld zum „realen Gemeinwesen“ zu machen: zur selbsttätig wirkenden Kommandogewalt über die gesellschaftliche Arbeit und zu deren eigentlichem Produkt. Indem er seine Leute in die Freiheit des Geldverdienens entläßt, subsumiert er sie unter ein System ihrer Nutzbarmachung für seine Macht. Daß er alles tut, um dieses System der kapitalistisch kommandierten Erwerbsarbeit und das Wachstum seiner Erträge zu fördern, liegt auf der Hand – und ebenso, daß er sich der systemeigenen Techniken der Mittelbeschaffung frei und ausgiebig bedient.

b) Der Staat trägt maßgeblich und massiv zur Steigerung der Ansprüche auf Erträge der kapitalistisch angewandten Arbeit bei, die sich im Kreditwesen akkumulieren.

Er finanziert sich nämlich auch mit Geld, das er sich gegen Zinsen von der Geschäftswelt leiht. Das fällt ihm leicht, weil er seinen Gläubigern die denkbar beste Garantie bietet: Als ‚Bank der Banken‘ kreditiert er mit seiner allerhöchsten Autorität die Schulden, mit denen die Kapitalisten ihre sämtlichen Unternehmungen einleiten, gewährleistet die Verwandlung seriöser Zahlungsversprechungen in echte, nämlich gesetzliche Zahlungsmittel und steht in diesem Sinne auch für seine eigenen Schuldverschreibungen ein. So sichert er die Kreditschöpfung durchs Finanzkapital ab, läßt es an seinem Geldbedarf verdienen und partizipiert an dessen Geschäftserfolgen.

Bei dieser Art der Selbstfinanzierung durch selbstgeschaffenen und -garantierten Kredit geht die Staatsgewalt davon aus, daß sie nicht einfach bloß die Masse der im Kreditgewerbe zirkulierenden Schuldscheine vermehrt, sondern durch fortwährend verbesserte Geschäftsbedingungen auch mehr kapitalistisches Wachstum einleitet; so daß aus dem Kredit, den sie den Finanzkapitalisten gibt und sich nimmt, wirklicher, in verdientem Geld nachzählbarer abstrakter Reichtum entsteht. Den kapitalistischen Unternehmen verlangt der Staat die Leistung ab, aus seinen Schulden eine konkurrenzfähige Produktion, also sich verwertendes Kapital und insgesamt ein „Wirtschaftswachstum“ zu machen. Er stellt diese Forderung in der Gestalt eines selbstgeschaffenen Sachzwangs: Er stattet die privaten Geldbesitzer mit einer steigenden Masse zinstragender Papiere aus, mit Geldforderungen an seinen Haushalt, die genauso wie jedes andere Kreditpapier einen Anspruch auf zu schaffenden, als Privateigentum verfügbaren Reichtum gewähren. Gemeinsam mit sämtlichen Finanzspekulanten der Nation verfügt der Staat damit vorweg über die Erträge kapitalistischer Ausbeutung der Arbeit, noch bevor die Arbeit praktisch auf die Probe gestellt worden ist, ob ihre technisch perfektionierte Produktivkraft den längst verteilten Überschuß überhaupt hergibt.

Weil und soweit sie das nicht schafft, entwerten die staatlichen Schulden – die ja nicht einfach als Fehlinvestition abgeschrieben und aus dem finanzkapitalistischen Vermögensbestand gestrichen werden, sondern bis zum Extremfall einer Währungsreform gültig bleiben – die vom Staat kreditierten Kreditpapiere der Geschäftswelt insgesamt und damit das gesetzliche Zahlungsmittel selbst, das den Wert des nationalen Schuldenbestandes repräsentiert. Den Schaden wälzen die Unternehmer mit ihrer freien Preisgestaltung auf den Teil der Gesellschaft ab, der mit seinem verdienten Geld nicht wieder Geld verdient, sondern die Preise für seinen Lebensunterhalt bezahlen muß. Mit der unter den Stichworten „Inflation“, „Geldentwertung“ oder – schon näher an der Sache – „Teuerung“ bekannten automatisch wirkenden Tendenz zur Verarmung läßt der Staat seine lohnabhängigen Massen für die Freiheit bezahlen, mit der er sich mit Finanzmitteln und die Finanzwelt mit Geschäftsmitteln ausstattet.

Und dieses gesamte Geschäftsgebaren beschränkt die nationale Staatsgewalt keineswegs auf ihren eigenen Hoheitsbereich.

c) Der Staat vergrößert seinen Fundus an Finanzmitteln durch das Geld, das seine Kapitalisten mit ihren grenzüberschreitenden Geschäften im Ausland verdienen. Er betätigt sich daher als interessierter Betreuer einer Konkurrenz, die eine Benützung und Bezahlung des Faktors Arbeit nur zu Bedingungen zuläßt, unter denen sich die produzierte Ware als weltweit lohnender Geschäftsartikel bewährt.

Die kapitalistischen Unternehmer betreiben ihre Geschäfte international. Sie verdienen mit Waren aus dem eigenen Stammland auswärts Geld, konfrontieren also Produzenten anderswo mit ihren Produktionskosten, führen mit ihren Lohnstückkosten einen weltweiten Konkurrenzkampf um Marktanteile und senken darüber global die Marktpreise. Sie machen sich umgekehrt die Produkte rentabler Arbeit anderswo zunutze, verbilligen dadurch ihre Produktionskosten und zwingen ihren Lieferanten die entsprechenden Rentabilitätsbedingungen auf. Was sie mit ihrer Konkurrenz über alle nationalen Grenzen hinweg bewirken, das machen sie zum Gegenstand eigener Kalkulationen: Ausdrücklich vergleichen sie die durchschnittlichen Löhne und Leistungsstandards der Arbeit in den verschiedenen kapitalistischen Ländern und treffen danach ihre Investitionsentscheidungen. Mit allen diesen Maßnahmen sorgen die Unternehmer dafür, daß Arbeit sich weltweit nur noch lohnt, also nur stattfindet, wenn sie den weltweit höchsten Rentabilitätsansprüchen genügt. Die Errungenschaften in einer Nation machen sie zum Sachzwang gegen Lohnzahlungen anderswo, verbilligen global den Faktor Arbeit und globalisieren zugleich die kapitalistische Überbevölkerung.

Diese Internationalisierung der kapitalistischen Reichtumsquelle beruht auf dem zielstrebigen Einsatz nationalstaatlicher Macht. Der Staat, der im System des privaten Gelderwerbs das passende Lebensmittel seiner Macht besitzt und mit allen Mitteln das Wachstum des kapitalistischen Reichtums betreibt, toleriert weder innere noch äußere Beschränkungen dieses Wachstums. Er steht polemisch zu den geographischen Grenzen, die die Nachbarschaft fremder Souveräne seiner Nationalökonomie setzt, und verlangt deren funktionelle Aufhebung – in der apriorischen Gewißheit, daß bei ausgedehnter Geschäftstätigkeit der Zuwachs an ihm verfügbarem Geld gar nicht ausbleiben kann.[3] Solche Kleinigkeiten wie die weltweite Systemfrage, daß nämlich alle Nationen ihre Gesellschaft dem Eigentum und allen Prinzipien seiner kapitalistischen Mehrung zu unterwerfen, also die Freiheit des Geldverdienens bei sich einzuführen haben, versteht sich als elementare Geschäftsbedingung am Rande und genügt bei weitem nicht: Für die Kapitalisten, die von seinem Boden aus wirtschaften, fordert der Staat von auswärtigen Mächten die besten Erfolgsbedingungen; ganz gleich, was das für den Lebensunterhalt der Leute bedeutet, die dort fortan entweder im Dienst der erfolgreichsten Unternehmer oder gar nichts mehr zu arbeiten haben. Dieselbe Rücksichtslosigkeit legt er seiner eigenen Bevölkerung gegenüber an den Tag: Er weiß und wird von seinen Partnern darauf gestoßen, daß grenzüberschreitende Konkurrenz „keine Einbahnstraße“ ist und gerade dann seine hoheitliche Betreuung braucht, wenn sie eine Menge nationaler Arbeit unrentabel macht.

Der Staat schaut dem grenzüberschreitenden Geschäftsleben also keineswegs tatenlos zu. Er betreibt die Internationalisierung des kapitalistischen Geschäftslebens mit Blick auf sich: auf seinen Zugewinn an national verfügbarem abstraktem Reichtum. Dafür, daß diese Rechnung aufgeht, stellt er an die Arbeit, nämlich an ihre kapitalistische Benutzung weitreichende Ansprüche: Er macht ihre Benutzung und Bezahlung von nationalen Erfolgen abhängen, deren Kriterien noch etwas komplexer sind als diejenigen des unternehmerischen Geschäftserfolgs. Daß deren Erfüllung endgültig außerhalb der Zuständigkeiten dieses armseligen Geschäftsmittels liegt, ist ihm dabei überhaupt kein Problem.

d) Der Staat unterwirft die Arbeit dem außenwirtschaftlichen Erfolgsmaßstab eines stabilen Geldes.

Wenn er die Internationalisierung der kapitalistischen Konkurrenz betreibt, verfolgt der Staat ein ganz eigenes Konkurrenzinteresse: Von dem Geld, das in der kapitalistischen Welt geschaffen wird, soll möglichst viel bei ihm verdient werden. Er führt in diesem Sinn Bilanzen über „herein-“ und „hinaus“fließende Gelder, die zwar auf den Erfolgsbilanzen der in seinem Hoheitsgebiet tätigen Firmen beruhen, sich damit aber keineswegs decken. Er macht darin zusätzliche Gesichtspunkte geltend.

So zuerst und vor allem das Interesse, daß Überschüsse im Außenhandel den Bestand an Devisen auf eine befriedigende Größe bringen, den seine Zentralbank als „Reserve“ und Garantie für internationale Zahlungsfähigkeit, als Staatsschatz hortet und verwaltet. Der Staat benötigt und beansprucht ein solches Ergebnis, um dem Zahlungsmittel, das er in seinem Hoheitsbereich als exklusiv geltendes Geldzeichen umlaufen läßt und als Finanzierungsmittel für seine Bedürfnisse benutzt, die internationale Anerkennung und Wertschätzung als wirklicher, weltweit gültiger abstrakter Reichtum: als Weltgeld zu sichern. Das ist nämlich mit dem Beschluß der Welthandelspartner, ihre jeweiligen lokalen Gelder überhaupt als Repräsentanten des kapitalistisch produzierten Werts und als Stoff für inter-nationale Bereicherung gelten zu lassen und im Austausch praktisch gleichzusetzen, noch keineswegs erledigt. Die vereinbarte Konvertibilität der Währungen ist vielmehr darauf berechnet, daß sich das jeweilige nationale Geld in der Praxis des internationalen kapitalistischen Geschäfts auch bewährt – als Geschäftsmittel und als gültiges Geschäftsergebnis, nämlich als solide „Verkörperung“ des abstrakten Reichtums, um den es Kapitalisten wie Staaten schließlich geht. Ihrer ökonomischen Natur nach ist eine nationale Währung ja nichts weiter als der zum Zahlungsmittel erhobene nationale Kredit, mit dem erfolgreich gewirtschaftet und Geld verdient werden soll; seine erfolgreiche Verwendung und Verwandlung in Kapital, und zwar in nationalem Maßstab, ist also verlangt, um der Währung den Wert wirklich zu verschaffen, als welcher sie gelten und genommen werden will; und dieser Erfolg muß im internationalen Geschäftsleben erzielt werden, um international Bestand zu haben. Das vom Staat als Finanzierungsmittel gestiftete und verwendete Nationalgeld bedarf der Bestätigung im Welthandel; Geschäfte, die die Bilanz der Nation insgesamt positiv gestalten, ihr nämlich Reichtum aus aller Welt einbringen, müssen rechtfertigen, was der Staat sich an Kredit nimmt und der Geschäftswelt garantiert und per Gesetz zum Zahlungsmittel macht. Die Tauglichkeit seines nationalen Geldes, als Weltgeld und damit auch als wirkungsvolles staatliches Finanzierungsinstrument – und umgekehrt –, hängt vom national zusammengezählten Geschäftserfolg der international tätigen Firmenwelt ab.[4]

Tatsächlich werden die Nationen heutzutage zwar nicht geschäftsunfähig, wenn ihre Bilanzen, auch über eine längere Periode, schlecht ausfallen und ihr Geld an Wert verliert, sich also als fragwürdiger Repräsentant des globalen kapitalistischen Reichtums erweist. Indem die Staaten in ihrer Gier nach auswärts zu erwerbendem Geld ihr eigenes und fremdes Geld für austauschbar, also in bestimmter Relation identisch erklären und so auch gebrauchen lassen, räumen sie einander auf ihre Währungen Kredit ein, beglaubigen nämlich mit ihrem Kreditgeld die prinzipielle Kreditwürdigkeit des Finanzmittels, das die fremde Regierung in den Rang des bei ihr gesetzlich geltenden Zahlungsmittels erhoben hat. Sie verschaffen einander damit allerhand Freiheiten für den zweifachen Gebrauch ihrer Gelder: als unerschöpfliches Instrument staatlicher Kreditfinanzierung auf der einen Seite, als Weltgeld und Mittel der Aneignung des abstrakten Reichtums anderer Nationen auf der anderen Seite. Daraus folgt allerdings, daß eine Nation mit ihrem Welthandelserfolg, mit einer positiven Bilanz aus dem internationalen Transfer nationalen Reichtums, nunmehr diesen Kredit rechtfertigen muß: Um ihrem Kreditgeld den internationalen Kredit zu erhalten, muß sie für dessen pünktliche Bedienung einstehen, also mit Außenhandelserfolgen quasi ungeschehen machen, was sie sich an Kreditschöpfung geleistet hat und dank der Kreditierung ihres Kreditgeldes auch hat leisten können.

Dieser Sachzwang wird, kraft Beschluß der Welthandelspartner, vom kapitalistischen Kreditgewerbe exekutiert. Mit der „Ermittlung“ der passenden Wechselkurse zwischen den nationalen Kreditgeldern unterwirft es diese einem dauernden Test auf ihre relative Weltgeld-Gleichheit;[5] und über die täglichen Fluktuationen hat es längst gründlich zwischen vielen international völlig unbrauchbaren Lokalgeldern und wenigen wirklichen Weltgeldern geschieden und bei den letzteren die interessante Unterscheidung zwischen „starken“ und „schwachen“ Währungen zustandegebracht. „Stabil“ sind demnach Gelder, die aufgrund bedeutender nationaler Erfolge in der Konkurrenz um die Aneignung von Weltgeld allgemeine Anerkennung als gültige „Verkörperung“ des abstrakten Reichtums genießen, nämlich von den anderen Nationen als „Reservewährung“, von den privaten Geldbesitzern als „Wertaufbewahrungsmittel“ benutzt werden; sie lassen sich deswegen gut als Kreditmittel verwenden, ohne daß ihre Aufblähung ihren Wert untergräbt. „Weiches“ Geld hingegen finanziert unproduktive staatliche Schulden, denen die Rechtfertigung durch nationale Handelserfolge fehlt; seine Wertschätzung als Objekt internationaler Bereicherung ist spekulativer Natur und bleibt vom Kredit besserer Währungen abhängig.[6]

Für die Nationen in ihrer Konkurrenz um die Aneignung des weltweit produzierten kapitalistischen Reichtums ist daher der Besitz einer „soliden“ Währung der entscheidende Ausweis des angestrebten Erfolgs, zugleich Kriterium ihrer Konkurrenz und deren entscheidendes Mittel. Denn in einem „guten“ Geld verfügen sie über die solidesten spekulativen Ansprüche auf den zukünftigen Wertertrag der kapitalistisch kommandierten und nutzbar gemachten Arbeit der ganzen Welt, die überhaupt zu haben sind. Um den Besitz bzw. den Erwerb einer stabilen Währung tobt deswegen zwischen den führenden Welthandelsnationen ein Konkurrenzkampf eigener Art.

e) Der Staat konkurriert um seinen Erfolg als Kapitalstandort mit dem Mittel der billigen nationalen Arbeit.

Wenn der Staat sich um die Stabilität seines Geldes sorgt, nimmt er zu seiner nationalen Ökonomie von vornherein den Standpunkt des internationalen Leistungsvergleichs ein. Er kalkuliert mit Lohnarbeit und Kapital in seinem Land nicht als einer national begrenzten Geldmaschinerie, die von auswärtigen Geschäftschancen und Geldanlegern aus dem Ausland zusätzlich profitiert, sondern als bloßem Teil: als Bestandteil des globalen Kapitalismus. Sein Anspruch auf ihm verfügbare Weltgelderträge und eine nationale Bilanz, die seine Kreditgeldschöpfung rechtfertigt, ist im internationalisierten Geschäftsleben verankert; einzulösen ist er dadurch, daß Kapitalisten aus aller Welt sein nationales Geld als Geschäftsmittel und solide Verkörperung ihres Eigentums schätzen und benutzen – und eben damit zum wertbeständigen Kreditmittel machen.

Natürlich schließt dieses Programm, den Reichtum der Nation aus deren Weltmarkterfolgen herzuleiten, das Risiko ein, am Weltmarkt zu scheitern. Selbst für den Fall derartiger Mißerfolge sehen die zeitgenössischen Staatsgewalten jedoch keinen Rückzug aus dem Weltgeschäft vor, auf eine nationale Überlebens- und Durchsetzungsstrategie etwa, mit der die souveräne Gewalt ihre Hoheit über die gesellschaftliche Arbeit geltend machen und einen in anderer Weise staatsnützlichen Arbeitsdienst erzwingen würde.[7] Vielmehr bekräftigen Nationen, die es mit ihren Konkurrenzbemühungen nur zu einem sehr beschränkten und ihre Ambitionen beschränkenden Anteil am weltweiten Reichtum bringen, ebenso wie die das Weltgeschäft maßgeblich bestimmenden Wirtschaftsmächte mit bemerkenswerter Einseitigkeit nur immer von neuem die Verbindlichkeit der Erfordernisse und die Alleingültigkeit der Kriterien des freien kapitalistischen Wettbewerbs für ihre Wirtschaftspolitik. Entschieden und in aller Souveränität bekennen sie sich zur Abhängigkeit ihres nationalen Reichtums von der Konkurrenz der Kapitalisten, der sie als Standort dienen wollen.

Gewiß, Kapitalstandorte in dem allgemeinen Sinn, daß kapitalistische Produktion und Zirkulation allemal unter der Obhut einer souveränen Obrigkeit, als deren politische Ökonomie, auf dem durch sie okkupierten Territorium, mit den dort verfügbaren Mitteln und zu den dort geltenden Konditionen stattfinden, sind die Nationen immer und machen davon weiter kein Aufhebens – das ist in der freien Staatenwelt von heute normal. Wenn davon soviel hergemacht, die Tauglichkeit der Nation als Kapital-Standort zur Schicksalsfrage erhoben wird, dann geht es folglich nicht um diese Trivialität, sondern um eine polemische Stellung der Nation nach außen und ihre entsprechende Formierung im Innern: um ihre entschiedene Ausrichtung an dem alleinigen Ziel, Weltmarktanteile zu erobern. Diesen Erfolgsanspruch machen die Staaten, die sich so entschieden als Standort definieren, gegen ihr einheimisches Gewerbe geltend: Es hat sich als Mittel zur Eroberung von Weltmarktanteilen zu bewähren, gegen andere Nationen und auf deren Kosten.[8] Für sich genommen, bloß als irgendwie zählbarer Bestandteil des nationalen Geschäftslebens, taugt es noch gar nichts; ein Beitrag zum Reichtum des Vaterlands ist es ausschließlich mit seinen Siegen über die auswärtige Konkurrenz. Nur in der Art erfolgreiche Unternehmungen – und da ist es gleich, ob im Land eingehauste Firmen sich unter den entsprechenden Erfolgsdruck setzen und ihn bestehen oder ob die ohnehin siegreichen Weltfirmen sich am nationalen Standort niederlassen – zählen als Bestandteile der nationalen Konkurrenzmaschinerie und können daher auch Anspruch auf öffentliche Förderung erheben; alles andere wird mangels globaler Durchsetzungskraft als Belastung der nationalen Bilanzen und unter die Posten gerechnet, um die die nationale Ökonomie – als wäre sie insgesamt nichts anderes als ein großer kapitalistischer Mischkonzern – sich „gesundschrumpfen“ muß.[9] Denn nur in ihren weltrekordmäßigen Abteilungen taugt die moderne Standortökonomie ihrer Staatsmacht als Instrument für die Inbeschlagnahme größerer, bedeutender, im Vergleich der Nationen konkurrenzentscheidender Anteile an international zu verdienendem Weltgeld und damit als Mittel für eine „starke“ Währung.

Unter diesem Gesichtspunkt wird die Nation, rücksichtslos instrumentell, als Ansammlung von Geschäftsbedingungen inspiziert und umgemodelt; mit der klaren Zielsetzung, den Unternehmern erstens insgesamt und überhaupt und zweitens speziell beim Preis der Arbeit günstigere Konditionen als diejenigen zu bieten, die sie selbst mit ihrer staatlich beglaubigten Privatmacht über den Faktor Arbeit ohnehin herstellen. Das in den Stichworten „Globalisierung“ und „Standort-Wettbewerb“ zusammengefaßte Staatsprogramm zielt allerdings noch auf mehr als bloß den zeitgemäßen Kampf um ein stabiles Geld.

3.

Unter der Parole Globalisierung führen die Staaten derzeit einen Konkurrenzkampf um die Abwicklung einer weltweiten Krise des kapitalistischen Wachstums. Daß sie diesen Konkurrenzkampf im eigenen Land als Beschäftigungspolitik durchführen, sagt alles über Beschäftigung und das staatliche Interesse daran.

a) Die kapitalistischen Nationen beklagen seit längerem „Beschäftigungsprobleme“. Auch Staaten, die sich zu den Führungsmächten der Weltwirtschaft zählen, leiden unter einer Arbeitslosenziffer, die das früher einmal für allenfalls erträglich gehaltene Maß deutlich überschreitet und immerzu nicht sinken will.

Das Problem, das sie damit haben, ist zunächst eines ihrer Haushaltskassen: Statt regelmäßig die berüchtigte Hälfte ihres Einkommens an die Finanzämter und Sozialversicherungen abzuliefern, fordern immer mehr einkommenslose und -schwache Bürger Rechte auf Betreuung und Lebensunterhalt ein, die in besseren Zeiten und eigentlich nicht zum Zwecke ihrer massenhaften Inanspruchnahme gewährt worden waren. Sozialpolitisch läßt sich diese Anspruchshaltung zwar allemal bewältigen; es bleibt jedoch der Einnahmeausfall bei den staatlichen Kassen. Die daraus folgenden Gefahren für die Stabilität des nationalen Geldes führen unausweichlich auf das viel gravierendere eigentliche, nämlich nationalökonomische Problem: Die Mehrung des abstrakten Reichtums, der kapitalistische Geschäftsgang, von dem der Staat lebt, läßt zu wünschen übrig.

Daß alle wichtigen Weltwirtschaftsmächte an solchen Mangelerscheinungen laborieren, ist Anzeichen genug für eine weltweite Krise des ökonomischen Wachstums: Es wird insgesamt weniger Geld verdient, als Geschäftswelt und Staaten an Ansprüchen auf zusätzlichen abstrakten Reichtum akkumuliert haben und für ihre jeweiligen Bilanzen – die Privateigentümer für ihre spekulativen Gewinne, die Staaten für ihre Währungsstabilität – benötigen. Den verantwortlichen Wirtschaftspolitikern stellt sich die „Lage“ jedoch etwas anders dar, nämlich von vornherein als verschärfte Konkurrenz: Sie registrieren selbstkritisch, daß die Beschäftigung, also das Geschäft in ihrem Zuständigkeitsbereich stagniert oder sogar abnimmt, während andernorts zwar auch nicht besser, aber überhaupt noch Geld verdient wird; auf Märkten, deren „Globalisierung“ sie doch eigentlich – dies die wahre und definitive Bedeutung des Stichworts – zur Einnahmequelle der eigenen Nation prädestiniert.

b) Die Lösung, auf die sich die Standort-Verwaltungen in aller Welt geeinigt haben, ist von bemerkenswerter Einseitigkeit: Der Kampf um größere Anteile der eigenen Nation am Weltgeschäft ist mit einer Kostenentlastung aller lohnenden Geschäfte im allgemeinen, mit der Senkung des national üblichen Preises der Arbeit im besonderen zu führen. Eine von Staats wegen durchgesetzte schäbigere Bezahlung der Arbeitskräfte – einen Großteil dieser Summe verwaltet der moderne Sozialstaat ja sowieso längst selber – ist das Mittel der Wahl, um die Folgen des unbefriedigenden Geschäftsgangs auf andere Nationen abzuwälzen.

Die immer gültige Forderung nach rentabler Arbeit ist damit auf die eine Seite verkürzt: Weniger Lohn soll die Arbeit rentabel machen – als wären in der kapitalistischen Rechnung nicht die Kosten ins Verhältnis zu der Wirkung gesetzt, die der Gebrauch der Arbeit auf die Unternehmensbilanzen hat; und als wäre nicht die Produktivität der bezahlten Arbeit die entscheidende Waffe im Kampf um sinkende Lohnstückkosten. Dieser „Aspekt“ fällt im Krisenbewältigungsprogramm der Standort-Reformer jedoch ganz in das zu lösende Problem: Die weitere Erhöhung des Wirkungsgrads der angewandten Arbeit ist für den Konkurrenzkampf der Kapitalisten zwar nach wie vor unerläßlich; mit ihr – und ihren Folgen für die Beschäftigungslage – ist daher fest zu rechnen und auch alles von Staats wegen Mögliche dafür zu tun, eben um der national zu erobernden Weltmarktanteile willen; zu „mehr Beschäftigung“ freilich führt die Vollstreckung dieses erzkapitalistischen Sachzwangs absehbarerweise nicht; der Erfolg, Anteile am Weltmarkt zu erobern, relativiert sich kräftig, wenn sich das Gesamtwachstum verringert. Mehr Kapitaleinsatz mag sogar den Gewinn des einzelnen Unternehmens vergrößern; für den Reichtum der Nation, also das Gewinnemachen insgesamt lohnt er sich nicht: Davon gehen die „Globalisierungs“-Strategen aus, wenn sie das Heil für ihren Standort durch mehr Geschäft in der puren Senkung des Preises der Arbeit suchen, und gestehen damit ein, daß es um die Möglichkeiten lohnender Kapitalanlage überhaupt schlecht bestellt ist. In der Sorge um sein Geld registriert der Staat die Unproduktivität weiterer Kapitalakkumulation, die Unfähigkeit seiner Geschäftswelt also, insgesamt rentabel weiterzuwirtschaften; und er selber verallgemeinert die Geschäftskrise, deren Wirkungen er konstatiert, indem er als letzte Quelle und Garantieinstanz des nationalen Kredits aus Sorge um dessen kapitalistische Qualität restriktiv damit umgeht. Offenbar hat sich also der Widerspruch in der kapitalistischen Ausbeutung der Quelle allen Eigentums – immer weniger Lohnarbeit soll durch immer größere Ausbeutungsraten eine immer gewaltigere Masse von Ansprüchen auf wachsendes Geldvermögen bedienen – (wieder einmal) zur allgemeinen Zwangslage eines schrumpfenden nationalen Reichtums bei steigenden Rentabilitätsansprüchen an die noch angewandte Arbeit ausgewachsen. Und das soll, weil sonst kein Mittel verfängt, die Verbilligung der Arbeit ungeschehen machen.

c) Daß die Senkung des nationalen Preises der Arbeit das leisten, den zur Krise gediehenen Widerspruch kapitalistischer Geldvermehrung auflösen könnte, ist zweifellos eine absurde Rechnung. So billig kann die ohnehin längst verbilligte nationale Arbeitskraft gar nicht werden, daß mit den dadurch verbesserten Gewinnspannen auch gleich die Masse des national verdienten Geldes wieder in der gewünschten Größenordnung wachsen würde und die Krise des Geschäfts für dessen Fortführung ohne Folgen bleibt. Diese Konkurrenzstrategie zur Abwälzung der Nachteile des kapitalistischen Fortschritts auf andere Standorte verdoppelt vielmehr nur im inter-nationalen Vergleich die Praxis der um den Gewinn konkurrierenden Kapitalisten: an den eigenen Leuten sparen, die der andern als „Markt“ in dem banalen Sinn der Abschöpfung von Kaufkraft beanspruchen. Tatsächlich begrenzt so jede Nation durch ihren Fanatismus der Gewinnproduktion die Massenkaufkraft, auf die die jeweils anderen zur Realisierung ihrer Gewinne setzen.

Aus diesem Widerspruch folgt jedoch keineswegs der Abbruch des Versuchs. Die Manager der nationalstaatlichen Krisenkonkurrenz folgern daraus zwei ganz andere Konsequenzen: daß sie mit ihrer Politik gegen den Lohn so bald nicht aufhören dürfen, und daß niemand sich „falsche Hoffnungen“ auf eine für die Betroffenen positiv spürbare Besserung der nationalen Lage machen darf. Sie organisieren also zur Massenarbeitslosigkeit, die die kapitalistischen Unternehmer im Zuge ihrer Konkurrenz um Weltmarktanteile erzeugen, die dazugehörige allgemeine Verarmung der nationalen Arbeitskraft, der noch beschäftigten wie der überflüssig gemachten; und sie offerieren ihren Bürgern zur alternativlosen Verelendungsperspektive das einzige Versprechen: daß die Nation nur so im globalen Standortwettbewerb eine Chance hat.

Als passiv wahlberechtigte Demokraten bemühen sie sich darüberhinaus um eine krisenideologische Ermunterung ihres aktiv wahlberechtigten Volkes. Es fällt ihnen dazu bloß nicht viel ein. Die Erinnerung an die legendären Trümmerfrauen der Nachkriegszeit paßt schlecht, wenn das Kapital gerade mit seinen Rentabilitätsansprüchen massenhaft Arbeitskraft brachlegt. „Die Ärmel hochzukrempeln“ ist aus demselben Grund keine zündende Parole. „Den Gürtel enger zu schnallen“ paßt zwar besser zu einer Politik, die mehr Armut zum nationalen Konkurrenzmittel macht; den nationalen Ertrag und einen besiegten Konkurrenten möchte ein opferbereites Volk dann aber schon gezeigt kriegen – und bekommt in den EU-Staaten stattdessen Europa ans Herz gelegt, ausgerechnet! Daneben wird es, und auch das nur unter allerhand Vorbehalten, auf Zuwanderer aus noch elendigeren Weltgegenden verwiesen, die zwar einiges an patriotischem Rechtsbewußtsein zu spüren kriegen, aber auch nicht gerade für nationale Aufbruchstimmung sorgen. Die existiert daher fürs Erste bloß als methodische Ermahnung der Politiker an ihr Volk, es sollte sie sich gefälligst zulegen – und als oppositionelle Beschwerde im Namen des Volkes, die Führung täte nichts dafür… Daß sie ihre Bürger mit falschen Versprechungen betrügen würden: das immerhin kann man den amtierenden Anwälten des globalen Kapitalismus nicht vorwerfen.

[1] In ihrer Diagnose, die den Internationalismus des Kapitals mit einer sachzwanghaften Entmachtung des Nationalstaats gleichsetzt, entspricht die „Globalisierungs“-Ideologie spiegelverkehrt, nämlich mit entgegengesetzten wertenden Vorzeichen, bemerkenswert genau der faschistischen Sicht der Dinge: Wo Faschisten ihr höchstes Gut, die Nation, durch international agierende Kapitalisten ausgeplündert, geschwächt und – falls die Vorsehung nicht rechtzeitig einen Führer schickt – in den Untergang getrieben sehen und ihren patriotischen Katastrophenbefund mit dem Elend bebildern, in das nicht etwa der Kapitalismus, sondern dessen Internationalismus die treuen Volksmassen stürzt, da registrieren die Verehrer der globalen Marktwirtschaft das wohlverdiente Ende nationaler „Absonderung“, wozu sie insbesondere – als wollten sie der faschistischen Gleichsetzung von Nationalismus und „Sozialismus“ ausdrücklich Recht geben – die durch nationalen Protektionismus abgesicherten „hohen Löhne“ und sozialstaatlichen „Wohlfahrts“-Veranstaltungen der Vergangenheit zählen. Dabei denken sie kein bißchen weniger nationalistisch und imperialistisch als ihre faschistischen Antipoden: Auch sie wollen, freilich auf dem zivilen Schlachtfeld der kapitalistischen Konkurrenz, die eigene Nation auf die Höhe der unerbittlich geltenden nationalen Erfolgsbedingungen bringen, so daß sie sich im global gewordenen „Wirtschaftskrieg“ behaupten und durchsetzen kann; dazu gleich mehr. Ausgesprochen peinlich ist es, daß sich ausgerechnet linke Theoretiker, die sich dafür sogar noch auf Karl Marx berufen, durch den Siegeszug der „Globalisierungs“-Ideologie herausgefordert sehen, dem bisherigen Wirken des Nationalstaats rückblickend ein im Ganzen positives Zeugnis auszustellen. Das fängt damit an, daß etwa ein bekennender Staatskritiker wie Oskar Negt – sein Aufsatz über „Staat und Kapital“ für die FAZ vom 15.1.97 soll als Beispiel dienen – von einem „Souveränitäts- und Funktionsverlust des Nationalstaats“ redet, wo er nichts als den derzeit geforderten und praktizierten Gebrauch staatlicher Macht registriert: Weil der ihm nicht paßt, soll gleich die ganze Politik zum wahren Wesen nationaler Souveränität in Widerspruch stehen. Der linke Staatstheoretiker kommt einfach nicht los von seinem traditionsreichen Fehler, gegen jede noch so unmißverständliche Praxis des demokratischen Klassenstaats dessen „eigentliche“ Grundsätze als Versprechen einer besseren, zumindest der Tendenz nach antikapitalistischen Perspektive hochzuhalten. Dabei will er mit seinem verkehrten Gedanken hier noch nicht einmal Hoffnungen auf eine schönere Zukunft wecken, sondern einen Rückblick auf eine angeblich bessere Vergangenheit halten, der alle jemals geübte Kritik an der Realität des Klassenstaats auf den Konzessivsatz reduziert: …wie repressiv und mit handfesten Klasseninteressen dieser bürgerliche Staat und das in ihm verkörperte Gewaltmonopol immer geprägt gewesen sein mögen…, um zu der entscheidenden Mitteilung zu kommen: …er war stets zugleich auch ein Hebel gesellschaftlicher Regulierung. Damit erst gar niemand auf die Idee verfallen kann, die „gesellschaftliche Regulierung“, die der bürgerliche Staat vermittels seines Gewaltmonopols bewerkstelligt hat, wäre vielleicht die „repressive“ im Sinne „handfester Klasseninteressen“ gewesen, wird der moralisch hochstehende „linke“ Gehalt dieser großartigen staatlichen Leistung, „gesellschaftlich“ zu „regulieren“, gleich näher erläutert: Die Geschichte des Kapitalismus ist von den Anstrengungen einer durch den Staat vermittelten Domestizierung der freien Wirksamkeit der Markt- und Kapitallogik nicht abzutrennen. Es bleibt offen, ob der Autor die „durch den Staat vermittelte“ Durchsetzung des Privateigentums und der Sachzwänge der „Markt- und Kapitallogik“ mehr zu den „domestizierenden“ Leistungen des Gewaltmonopols zählt oder für eine vom Himmel gefallene Naturgegebenheit hält, an der sich die Staatsmacht seit jeher besänftigend und zähmend zu schaffen gemacht hätte. Klar ist jedenfalls: Er rechnet es dem bürgerlichen Staat hoch an, daß dieser bei der Unterwerfung der Gesellschaft unter die „freie Wirksamkeit der Markt- und Kapitallogik“ immer auch seine eigenen Gesichtspunkte gehabt und zur Geltung gebracht hat – welche, und ob es sich da nicht vor allem um Belange seiner herrschaftlichen Gewalt gehandelt haben dürfte, spielt da schon gar keine Rolle: „Was sich als bürgerliche Gesellschaft verstand, war immer ein Mehr und anderes als die pure Ökonomie, die sich um die Kapitalakkumulation organisierte.“ Kein Zweifel: Nationalbewußt z.B., auf Volk und Vaterland bedacht, entsprechend kulturbeflissen, dem Heil der Staatsmacht ergeben… – das war die bürgerliche Gesellschaft immer. Sollte das das beschworene „Mehr als pure Ökonomie“ sein? Ihre schöne Citoyen-Seele hat die Bourgeoisie stets gepflegt, ohne deswegen von ihrem Monopol über den Gebrauch der gesellschaftlichen Arbeitskraft die geringsten Abstriche zu machen. Und was das zur „puren Ökonomie“ gehörige Elend betrifft, so hat sich der nationale Sozialstaat nie dem Auftrag verweigert, auch noch die letzten menschlichen Abfallprodukte der „Marktlogik“ unter seine Kontrolle zu nehmen, damit „die Kapitalakkumulation“ immer über eine wohlgeordnete funktionelle Armut verfügen konnte. Doch auch diese Leistung sieht der Verfasser nostalgisch verklärt: Was der herkömmliche Staat an Daseinsvorsorge unter paternalistischen Herrschaftsgesichtspunkten begonnen hatte, mag ein Linker ihm schon allein deswegen nicht zum Vorwurf machen, weil die Arbeiterbewegung sich dadurch auf den Weg der nationalen Staatstreue hat führen und zum braven Wählerstamm hat erziehen lassen: das ging auch in der Arbeiterbewegung nicht verloren; Bürger- und Menschenrechte wurden zu Teilhaberrechten der lebendigen Arbeitskraft. Daß „Bürger- und Menschenrechte“ ebenso wie „Teilhaberrechte“ in der Demokratie nichts anderes sind als die notwendige politische „Seite“ der kapitalistischen Ökonomie, nämlich deren vom Gewaltmonopolisten als Freiheiten gewährte Zwangsordnung, hat der Marx-Kenner entweder vergessen oder dem Obrigkeitsstaat allein deswegen verziehen, weil der noch zwischen Markt und Macht zu unterscheiden wußte: Auch die Bismarcksche Sozialpolitik, politisch gegen die Sozialdemokratie gemünzt, teilt – mit wem wohl?! – die Zweifel an der menschlichen Regulierungsfunktion des Kapitals. Soviel Zweifel langt dem linken Globalisierungskritiker schon, um unter den christlichen und liberalen Anwälten der kapitalistischen Klassengesellschaft lauter Verbündete zu entdecken: außer Bismarck das, was einmal Volkswirtschaft, ‚Ökonomie des ganzen Hauses‘, Bilanz gesellschaftlicher Kosten war; die klassische(..) politische(..) Ökonomie von Adam Smith bis hin zu Keynes; die Idee der sozialen Marktwirtschaft; die Ordo-Liberalen wie Walter Eucken und Ludwig Erhard – die wären nämlich nie auf den Gedanken gekommen, daß das Gemeinwohl lediglich aus der Summe betriebswirtschaftlicher Kosten-Nutzen-Rechnung besteht, und werden deswegen in Negts ideelle Anti-Globalisierungs-Volksfront eingereiht. Den Ordnungsideologien des guten alten nationalen Klassenstaats stellt der Autor ein Absterben des Staates ohne Emanzipation der Gesellschaft gegenüber: Das kennzeichnet … die heutige Situation. Die Wirkungen dieser Erosion des Staates werden immer spürbarer – für den Professor aus Hannover vor allem darin, daß „der Elektroriese Siemens“ im Vergleich zu seinen Gewinnen immer weniger Steuern bezahlt. Denn damit steht der folgende dialektische Befund fest: Praktisch wird der Steuerstaat ausgehebelt. So liegt es nahe, daß der ohnmächtige Steuerstaat die Löhne und Gehälter zu plündern beginnt – dafür scheint seine Ohnmacht also allenfalls noch auszureichen, daß er die verschiedenartigen Revenuequellen seiner Bürger nach seinem Ermessen und per Gesetz zur Finanzierung seiner Bedürfnisse heranzieht. Vom staatlichen Finanzbedarf will der Autor aber auch nichts weiter wissen, vielmehr den Verdacht äußern, erstmals in seiner langen Geschichte der gutgemeinten „gesellschaftlichen Regulierung“ würde der entmachtete Fiskus selber ausgeplündert: Da heute jeder auf Schlankheitsideale versessene Einzelbetrieb Kosten einspart, indem er die anderen und am Ende das Gemeinwesen belastet, entsteht eine verdrehte Welt. Als hätten er und seinesgleichen nicht schon seit Jahrzehnten die marxistische Kritik am Kapitalismus auf die alberne Formel „Privatisierung der Gewinne, Sozialisierung der Kosten“ heruntergebracht, sagt der Herr Professor der „Globalisierung“ nach, erst mit ihr, und zwar ausgerechnet wegen der „Erosion“ des Nationalstaats, geriete die Welt aus den Fugen und würde allmählich ihrem linken Spiegelbild ähnlich: Es gehört doch zur Ironie der Geschichte, …, daß genau in dem Augenblick, da der siegreiche Kapitalismus über den Marxismus Triumphgesänge anstimmt, das Kapital zum ersten Mal (!) in seiner historischen Entwicklung so funktioniert, wie Marx es in seinem ‚Kapital‘ beschrieben (?) hat: ‚Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombinationen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.‘ Der praktischen Schlußfolgerung, die Marx aus seinem Urteil über die Notwendigkeiten der kapitalistischen Produktion gezogen hat, mag der moderne Linke sich dennoch nicht anschließen: Das Revolutionärste, was er sich vorstellen kann, ist der auf moralische Autoritäten wie Bismarck und Eucken abgestützte Einspruch gegen die von allen kulturellen, politischen und moralischen ‚Beißhemmungen‘ freigesetzte(..) Kapital- und Marktlogik: Notwendig ist ein kulturelles Umdenken, das die Ökonomie wiederum in menschliche Zwecksetzungen einbezieht. Ja wenn dem Proletariat im Zeitalter der globalisierten Märkte sonst nichts fehlt…

[2] Die These von der „Ohnmacht des Nationalstaats“ meint also ganz banal die – möglichst freiwillige Selbst- – Entmachtung anderer Staaten. Es ist nicht ohne Ironie, vielleicht aber auch bloß entlarvend, daß die besagte These ausgerechnet bei ökologisch und friedenspolitisch wohlmeinenden Bürgern Anklang findet, die entdeckt haben wollen, daß „die wirklichen Probleme“ schon längst nicht mehr „an den nationalen Grenzen haltmachen“. Eine Kritik an Staatsgrenzen ohne Kritik der staatlichen Gewalt, die sowohl für Ab- und Ausgrenzung sorgt, wo sie es braucht, als auch die Probleme schafft, die dann mit ihren grenzüberschreitenden Auswirkungen auch noch lauter Anspruchstitel auf unbefangenes Hineinregieren in fremde Zuständigkeiten stiften, läuft allemal unweigerlich auf die Volk und Führung einende Einsicht in die Notwendigkeit hinaus, daß die eigene Nation sich in der Konkurrenz der nationalen Mächte durchsetzt, um auswärtigen Souveränen wirksam Vorschriften machen zu können.

[3] Das ist auch dort der einzig maßgebliche Grund für die aktive Beteiligung einer kapitalistischen Nation am Welthandel, wo die Bevölkerung von Kindesbeinen an mit der Klage über die „Rohstoffarmut“ des Landes und dem Kompliment vertraut gemacht wird, sein „Fleiß“ sei die wichtigste nationale „Ressource“: Gerade dort muß das Volk sich nicht für einen so bescheidenen Zweck anstrengen lassen wie den, die nationale Erdöl- und Bananenrechnung zu bezahlen; die ist umgekehrt nicht mehr als ein Posten in der Summe der Unkosten, die bei der zweckmäßigen Herrichtung des Landes zur „Exportnation“ anfallen. Mit dem grenzüberschreitenden Rohstoffhandel verhält es sich überhaupt so, daß weder die importierende Nation darüber verarmt noch das exportierende Land dadurch reich wird: Das eigentliche Geschäft findet allemal dort statt, wo die „Gaben der Natur“ als Geschäftsmittel produktiv, nämlich für die Herstellung wachsenden Eigentums verwendet werden. Dort mag es immerhin von Vorteil sein, wenn die wichtigsten Rohstoffquellen im eigenen Land liegen: nicht, weil das Importrechnungen erspart, sondern weil eine solche Laune der Natur die Freiheit des Handelskapitals vergrößert, Kosten zu vergleichen und Unterschiede auszunutzen.

[4] Ganz praktisch dementieren die Nationen in ihrem Außenhandel die alberne Definition der Volkswirtschaftslehre, Geld sei „alles, was wie Geld funktioniert“. Daß Geld nichts als ein konventionelles Zeichen wäre, für die Waren nämlich, die sich mit seiner Hilfe leichter gegeneinander austauschen ließen, widerlegen sie handfest mit ihrer Gier nach dem auswärts zu verdienenden Geld, das genau dafür aber mehr sein muß als bloßes „konventionelles“, gesetzlich verordnetes Tauschmittel. Den Reichtum der andern Nation will man ergattern; nicht den an hübschen Dingen, sondern in der abstrakten Gestalt, auf die das konventionelle Geldzeichen als seinen eigentlichen ökonomischen Inhalt bloß hindeutet: die als ökonomisches Ding vorhandene quantifizierte Verfügungsmacht des Eigentums. Deswegen hat sogar im Zeitalter der raffiniertesten Finanzprodukte das Gold als Inbegriff, als die materielle Existenz des abstrakten Reichtums höchstpersönlich, immer noch nicht ausgedient: In ihm verfügen die Nationen über abstrakten Reichtum in einer besonders soliden, nämlich der Willkür staatlicher Kreditschöpfung entzogenen, freilich eben deswegen auch nicht mit Verzinsungsgarantien ausgestatteten Form. In ihrer Wertschätzung des Goldes als Geld-„Materie“ bewahren sich die kapitalistischen Nationen übrigens eine gewisse Ahnung von der ökonomischen Natur des Geldes, von der sie ansonsten weiter gar nichts wissen wollen – wozu auch?! –, daß da nämlich ein ausgewähltes Produkt menschlicher Arbeit deren kapitalistische Bestimmung, im Maße ihrer Verausgabung Eigentum zu schaffen, nicht bloß repräsentiert, sondern praktisch in sich enthält. Daß das Edelmetall mit der hohen Ordnungszahl diese ökonomische „Eigenschaft“ „enthält“, ist freilich nur aufgrund der gewaltsamen staatlichen Setzung wahr, daß vor allem Nutzen das Eigentum, vor dem Gebrauchswert der Güter ihr Tauschwert als Ware kommt und Gold hauptsächlich den gesellschaftlichen Gebrauchswert haben soll, den Tauschwert als solchen zu „verkörpern“. An diesem Fetischismus, der einer Sache die „Eigenschaft“ beilegt, ihrem Inhaber private Verfügungsmacht zu verleihen, sind die Goldbarren unschuldig.

[5] Näheres zu diesem Thema steht in dem Aufsatz „Weltmarkt und Geldmarkt. Die Währung und ihr Wert“ in GegenStandpunkt 4-94, S.137.

[6] Stabilität einer Währung ist also nicht dasselbe wie ihre hohe Bewertung, Instabilität nicht dasselbe wie ein niedriger Wechselkurs; nicht einmal eine mehr aufwärts oder mehr abwärts gerichtete Kursentwicklung fällt eindeutig zusammen mit „Stärke“ oder „Schwäche“. Entscheidend ist, ob eine umfangreiche, dauerhafte Benutzung des fraglichen Geldes durch die internationale Geschäftswelt, Staatsbanken inklusive, eine solche Nachfrage danach begründet, daß spekulative Nachfrageschwankungen nicht weiter ins Gewicht fallen – also auch gar nicht erst veranstaltet werden –; oder ob es der Spielball einer „bloßen“ Spekulation ist, der der zuständige Staat mangels fester Bilanzen keine verläßlichen Vorgaben machen kann, sondern mit kostspieligen und deswegen ebenso fragwürdigen wie flüchtigen Anreizen zur Geldanlage begegnen muß. Ob die Wechselkurse einer Währung, die auf die eine oder andere Weise zustandekommen, (zu) hoch oder (zu) niedrig ausfallen, ist eine andere Frage, die je nach dem Verwendungszweck des Geldes gegensätzlich beantwortet zu werden pflegt – Exporteure kalkulieren anders als Importeure, und Geldanleger je nach dem, wo sie die Spekulation hinlaufen sehen. Wenn sich „starke“ von „schwachen“ Währungen gründlich genug geschieden haben, dann stehen die einzelnen Posten in den überall nach den gleichen Regeln aufgestellten außenwirtschaftlichen Bilanzen der Nationen für durchaus unterschiedliche ökonomische Tatbestände. Insbesondere gilt das für die Kapitalbilanz: Ein negativer Saldo kann in dem einen Fall einen Siegeszug des nationalen Geldes als Geschäftsmittel, Reservewährung und Objekt privater Vermögensanlage signalisieren; im andern Fall steht er für eine „Kapitalflucht“, die den Staat mit der Notwendigkeit konfrontiert, mit Devisen, die er nicht hat, Unmengen an eigenem wertlosem Kreditgeld aufzukaufen. Welcher Fall vorliegt, zeigt sich freilich erst am Ergebnis, das selten eindeutig ausfällt und nie unveränderlich ist.

[7] Zum Repertoire klassenstaatlicher Politik gehört eine solche Alternative allemal; im Fall eines echten nationalen Notstands gibt es für bürgerliche Politiker letztlich gar keine andere „Lösung“ als die gewaltsame Mobilisierung des Volkes für einen Staatsdienst, der dann freilich auch über bloße Geldbeschaffung hinausgeht, vielmehr – je nach der Größe der Nation und ihrer imperialistischen Ambitionen – auf eine gewaltsame Korrektur der internationalen Kräfteverhältnisse zielt, von denen die global geltenden Geschäftsbedingungen am Ende ja doch abhängen. Als konsequenteste, allerdings letztlich erfolglose Vertreter dieser Alternative sind die Faschisten, vor allem die deutschen Nationalsozialisten in die Geschichte eingegangen: Sie haben auch nicht den Kapitalismus abgeschafft, sondern mit nicht-ökonomischen, nämlich kriegerischen Mitteln den Umsturz der weltpolitischen Machtverhältnisse betrieben, unter denen an einen (Wieder-)Aufstieg ihrer Nation allein mit den Waffen der kapitalistischen Konkurrenz und des staatlichen Kredits nicht zu denken war. Anstelle „der Märkte“ haben sie „das Schlachtfeld“ als die entscheidende imperialistische Bewährungsprobe ihrer Nation definiert und ihrem Volk zur passenden Ermunterung statt einem Rassismus des harten Geldes eine Ideologie der völkischen Kampfestugenden geboten, die auch weltwirtschaftlich wieder alles ins Lot bringen würden. Inaktuell ist dieses für regierende wie regierte Patrioten allemal überzeugende Angebot derzeit bloß deswegen, weil die Kontrolle über die weltweiten Gewaltverhältnisse heute mit dem relativ größten Nutzen aus der Weltwirtschaft im wesentlichen bei den wichtigsten Staaten zusammenfällt: Die Nationen, die sich eine Revision der imperialistischen Ordnung überhaupt realistischerweise vornehmen könnten, hätten dadurch am wenigsten zu gewinnen und eher zu verlieren.

[8] Daß alle Staaten in dieser Hinsicht das Gleiche machen; daß es heutzutage jeder Nation um nichts anderes zu gehen hat: das ist nach dem Endsieg der Marktwirtschaft auf dem Globus normal geworden. Ebenso normal sind daher allerdings auch die Unterschiede zwischen den Nationen, die sich aus den Voraussetzungen und Mitteln ergeben, mit denen sie zum weltweiten Wettbewerb auflaufen. Die BRD z.B. hat in der Konkurrenz um Weltmarktanteile viel zu verteidigen. Frühere Exporterfolge haben der Nation die Ausweitung ihres Kredits zu einem maßgeblichen Bestandteil des internationalen Finanzgeschäfts beschert und ihre Währung zum weltweit benutzten Finanzierungsinstrument und Wertaufbewahrungsmittel gemacht. Nun bedürfen der aufgeblähte Nationalkredit und der enorme Umfang des Gebrauchs der deutschen Währung als Kreditmittel ihrer Rechtfertigung durch weltwirtschaftliche Erfolge, die aus den sich weiter vermehrenden Schulden eine wirkliche Kapitalakkumulation machen und so für die weitere Haltbarkeit des deutschen Weltgeldes sorgen; dies um so mehr, als die Subsumtion der ehemaligen DDR unter das anspruchsvolle Ziel der Bewährung in der Weltmarktkonkurrenz zu weit mehr Defiziten in den öffentlichen Haushalten als zu bilanzwirksamen Beiträgen aus gelungenen Geschäften geführt hat. Es gibt andere Nationen – die sog. „kleinen Tiger“ gehören dazu und der neue „große“, die VR China, auf seine Art auch –, deren gesamter nationaler Kapitalismus überhaupt nur in einigen erfolgreichen Weltmarktgeschäften besteht, die sich auf ihrem Territorium angesiedelt bzw. mit viel staatlicher Nachhilfe von dort aus aufgetan haben. Diese Staaten verfolgen das Entwicklungsideal, ihre mehr punktuellen Erfolge auf dem Weltmarkt so auszubauen, daß ein wachsendes Geschäftsleben allmählich die gesamte Gesellschaft kapitalistisch benutzen und durchorganisieren würde. Mittlerweile sind sie praktisch damit befaßt, gegeneinander die bei ihnen beheimateten Inseln kapitalistischer Akkumulation wenigstens zu behaupten. Die Staaten des ehemaligen Ostblocks schließlich – um diesen Sonderfall noch zu erwähnen – haben sich vollständig der Konkurrenz um Weltmarktanteile als neuer Grundlage ihrer nationalen Ökonomie unterworfen und bekennen sich in ihren dringlichen Gesuchen um kapitalistische Erschließung von auswärts sogar ausdrücklich zu ihrer Unfähigkeit, in dieser Konkurrenz aus eigener Kraft Fuß zu fassen, geschweige denn erfolgreich zu bestehen. Deswegen ist ihr Aufbruch zu einer neuen nationalen Geschäftsgrundlage fürs erste auch nur zu einem gewaltigen Abbruchunternehmen geraten, das unter der strengen Maßgabe, auf der die auswärtigen Kreditgeber unnachsichtig bestehen: die gesamte Nationalökonomie von der erfolgreichen Einmischung in die globale Konkurrenz her neu zu konstruieren, immer nicht weit genug geht. Die Zerstörung ihrer auf realsozialistische Art arbeitsteilig durchorganisierten Volkswirtschaft ist immerhin gelungen; die Aussichten auf Ersatz durch eine flächendeckende kapitalistische Produktion stehen nicht besser als die Entwicklungsperspektiven der sog. „Schwellenländer“. So unterschiedlich sehen sie aus: die Probleme, die die Nationen bewältigen müssen, wenn sie sich in der endlich global gewordenen Standort-Konkurrenz zu behaupten suchen – und für deren Lösung sie letztlich alle auf ein und dasselbe Mittel setzen: daß bei ihnen die effektivste Arbeit am billigsten zu haben wäre.

[9] Ohne Zweifel ist dieser Standpunkt nicht weniger borniert als jeder früher einmal gepflegte Protektionismus. Oft genug ignoriert er den schlichten Zusammenhang, daß manche Geschäftszweige nur deswegen weltweit unschlagbar rentabel zu machen sind, weil daneben auf weniger weltrekordmäßige Weise, aber auch mit kapitalistisch ertragreich angewandter Arbeit Geld verdient, Gelegenheit zum Geldverdienen geboten, Kredit in Kapital verwandelt wird. Deswegen werden auch manche kühnen Konzepte zur Reduzierung eines flächendeckenden Kapitalismus auf seine weltweit erfolgreich operierenden Geschäftsabteilungen nicht automatisch gleich zur unbestritten geltenden Staatsräson. Mit ihrer „Sparpolitik“ kriegen die reformfreudigen, ja „revolutionär“ gestimmten Standort-Politiker aber durchaus einiges an „Verschlankung“ ihrer Volkswirtschaften hin – und können sich durch die parallelen Entwicklungen beim Anstieg der nationalen Arbeitslosenziffern, zusätzlich oder stattdessen der armseligsten Verlegenheitsjobs, und der wichtigsten nationalen Aktienkurse in ihrem Erfolgskurs bestätigt sehen.


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