Arbeit und Reichtum (I - IV, Neufassung)

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„Beschäftigung“ – „Globalisierung“ – „Standort“ ...
Anmerkungen zum kapitalistischen Verhältnis zwischen

Arbeit und Reichtum (I - IV, Neufassung)

Korrigendum
Eine überarbeitete und erweiterte Fassung dieses Artikels liegt als Buchveröffentlichung vor: „Beschäftigung“ – „Globalisierung“ – „Standort“. Anmerkungen zum kapitalistischen Verhältnis zwischen Arbeit und Reichtum
Überblick

Alle brauchen Arbeit – viele finden keine. Man kann das für ein soziales Problem halten und sich vorstellen, „Beschäftigungsförderung“ wäre die passende Antwort, mit staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und einer Senkung der Lohnnebenkosten mit der „Schaffung von neuen Arbeitsplätzen“ durch Teilzeit- und Leih­arbeit, oder wie auch immer. Über eine gewisse Absurdität muss man sich dabei allerdings schon hinwegset­zen: Wenn es nicht mehr soviel zu tun gibt, das Nötige von weniger Leuten in kürzerer Zeit zu erledigen ist – warum braucht dann überhaupt jeder Arbeit, und auch noch so viele vollgepackte Arbeitsstunden, um leben zu können? Dass weniger Arbeit ersparte Mühe bedeutet: Warum gilt die Gleichung nicht? Es liegt eben doch noch etwas anderes vor als eine „soziale Problemlage“; und jeder weiß auch was: Dass so viele Leute keine Arbeit finden, liegt an einem ökonomischen Problem. Arbeit unterbleibt, wenn sie nicht rentabel ist, d.h. wenn sie dem Unternehmen, in dem und für das sie stattfindet, nicht genügend Geldertrag einbringt; dann findet Arbeit aber auch nur deswegen statt, weil und damit sie einem Unternehmen Gelderträge ver­schafft. Und aus keinem anderen Grund unterbleibt sie dann eben auch, wenn sie nämlich nicht genügend Geld bringt; was offenbar gerade mit den Rentabilitätsfortschritten bei der Anwendung von Arbeit immer häufiger der Fall ist.

Man sollte deswegen auch nicht die Lüge vom sozialen Problem „Arbeitslosigkeit“ für die Sache nehmen und mehr Anstrengungen für „Beschäftigung“ einklagen. Die Absurdität des „Systems“, der Grund seiner Schädlichkeit für die Masse seiner Insassen, liegt nicht darin, dass Arbeit nicht stattfindet, wenn sie nicht ren­tabel ist, sondern dass sie stattfindet, weil es um Rentabilität geht. Seine soziale Gemeinheit beginnt nicht da­mit, dass die Leute, die Arbeit brauchen, oft keine finden, sondern besteht schon darin, dass sie eine bezahlte Arbeit brauchen; dass sie dann noch nicht einmal sicher sein können, eine zu finden, folgt daraus von ganz allein.

Sich das klarzumachen, schafft garantiert keine Arbeitsplätze. Deswegen ein paar Ermunterungen dazu.

„Beschäftigung“ – „Globalisierung“ – „Standort“ ... Anmerkungen zum kapitalistischen Verhältnis zwischen
Arbeit und Reichtum

Alle brauchen Arbeit – viele finden keine. Man kann das – und befindet sich dann in bester Gesellschaft – für ein soziales Problem halten und sich vorstellen, „Beschäftigungsförderung“ wäre die passende Antwort, mit staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und einer Senkung der Lohnnebenkosten sowie mehr Druck auf die Arbeitslosen mit Hartz IV und anderen Sozialstaatsregelungen, mit einer Streichung der Vermögenssteuer und einer Umverteilung des „knappen Guts“ Arbeit durch Arbeitszeitverkürzung, mit der „Schaffung von neuen Arbeitsplätzen“ durch Teilzeit- und Leiharbeit, oder wie auch immer. Über eine gewisse Absurdität muss man sich dabei allerdings schon hinwegsetzen: Wenn es nicht mehr soviel zu tun gibt, das Nötige von weniger Leuten in kürzerer Zeit zu erledigen ist – warum braucht dann überhaupt jeder Arbeit, und auch noch so viele vollgepackte Arbeitsstunden, um leben zu können? Dass weniger Arbeit ersparte Mühe bedeutet: Warum gilt die Gleichung nicht?

Es liegt eben doch noch etwas anderes vor als eine „soziale Problemlage“; und jeder weiß auch was: Dass so viele Leute keine Arbeit finden, liegt an einem ökonomischen Problem. Arbeit unterbleibt, wenn sie nicht rentabel ist, d.h. wenn sie dem Unternehmen, in dem und für das sie stattfindet, nicht genügend einbringt; nicht genug Ertrag nämlich, um in der Konkurrenz, der „globalen“, zu bestehen. Wenn das aber so ist; wenn Arbeit nur stattfindet, wenn und solange sie rentabel ist; dann findet sie auch nur deswegen statt, weil und damit sie einem Unternehmen Gelderträge verschafft: Rentabilität ist der ökonomische Zweck, für den sie stattfindet. Es soll gearbeitet werden; aus keinem anderen Grund, als weil Arbeit sich rentiert; mit keinem anderen Ziel als dem nie abschließend zu erledigenden Auftrag, rentabel zu sein und Geld einzubringen; deswegen auch je mehr, umso besser – am liebsten möchte man die ganze Welt versorgen, den Chinesen U-Bahnen bauen und die Ölscheichtümer mit Klimaanlagen ausstatten, um mit der geleisteten Arbeit die Kaufkraft der Menschheit zu monopolisieren. Arbeit, weil sie Geld bringt: dieser kategorische Imperativ beherrscht die herrschenden Verhältnisse so total, dass alle Zeitgenossen ihm folgen müssen, um leben zu können, und – egal welche: – Arbeit brauchen. Und aus keinem anderen Grund unterbleibt sie dann eben auch, wenn sie nämlich nicht genügend Geld bringt, was offenbar gerade mit den Rentabilitätsfortschritten bei der Anwendung von Arbeit immer häufiger der Fall ist. Die ökonomische Zielsetzung, die in der sogenannten Marktwirtschaft total und exklusiv bestimmend ist, ist offenkundig von der Art, dass sie mit sich selbst in Widerspruch gerät: Da ist die Menschheit dem Zwang unterworfen zu arbeiten, weil Arbeit Wert schafft und Unternehmen bereichert; und kaum kommt dieser Zirkus in Schwung, kollidiert er mit seinem eigenen Kriterium: dem Zwang, immer mehr Wert zu schaffen.

Es mag ja sein, dass sich alle Welt an diese Verrücktheit gewöhnt hat und sie normal findet – immerhin, auch die kundigsten Experten und mächtigsten Verwalter dieses „Systems“ kommen leicht ins Schleudern, wenn sie Auskunft geben sollen, ob nun eigentlich zu wenig gearbeitet wird, wenn mehrere Millionen Arbeitslose in der Nation, einige 10 Millionen in der EU und zahllose Millionen auf dem Globus herumlungern, oder ob nicht doch noch zu viel gearbeitet wird, wenn die reine „wirtschaftliche Vernunft“ die Schließung der letzten Werften an der Nordsee und am Mittelmeer gebietet und manche Großbetriebe nur mit Milliardensubventionen weiterarbeiten. Tatsächlich scheint eben beides zugleich vorzuliegen: zu wenig, weil es beim Arbeiten doch um immer mehr Geld geht und dafür nie genug geschehen kann; zu viel, weil es beim Arbeiten doch um immer mehr Geldvermehrung geht und vor dieser Zwecksetzung viel Arbeit, die es gerade noch gebracht hat, versagt. Es hilft ja nichts, dass es „nun einmal“ so ist – es ist, höflich gesprochen, ein wenig widersprüchlich, dieses „System“ der rentablen Arbeit.

Keine Frage: Staat und Unternehmen können damit prächtig leben – sie organisieren die Arbeit ja so und profitieren von ihrer Rentabilität. Den systemeigenen Widerspruch, dass erstens unbedingt gearbeitet werden muss und deswegen zweitens nur sehr bedingt, für Gelderträge nämlich in der einen wie in der anderen Hinsicht, das machen sie zu einem Problem derer, die als ausübendes Personal erstens unbedingt Arbeit brauchen und zweitens ganz oft keine finden; und dann definieren sie die materiellen Probleme, die die Leute haben, als soziale Problemlage, die sie mit den bedürftigen Leuten haben.

Man sollte diese praktisch wirksame Übersetzungsleistung nicht auch noch theoretisch billigend nachvollziehen und, vom Elend gerührt, die Lüge vom sozialen Problem für die Sache nehmen – und dann womöglich noch darüber jammern und nach Schuldigen dafür suchen, dass diesem „Problem“ durch all die eifrig diskutierten, praktizierten und wieder aufgegebenen „Bündnisse für Arbeit“ ohnehin nie beizukommen ist. Genausowenig empfiehlt es sich, das Kriterium der Rentabilität als Inbegriff wirtschaftlicher Vernunft zu quittieren und mit den Bedenklichkeiten erst anzufangen, wenn die öffentliche Meinung sich entschließt, seine „Schattenseiten“ zur Kenntnis zu nehmen. Die Absurdität des „Systems“, der Grund seiner Schädlichkeit für die Masse seiner Insassen, liegt nicht darin, dass Arbeit nicht stattfindet, wenn sie nicht rentabel ist, sondern dass sie stattfindet, weil es um Rentabilität geht. Seine soziale Gemeinheit beginnt nicht damit, dass die Leute, die Arbeit brauchen, oft keine finden, sondern besteht schon darin, dass sie eine bezahlte Arbeit brauchen; dass sie dann noch nicht einmal sicher sein können, eine zu finden, folgt daraus von ganz allein.

Die Bedingungen, denen die Marktwirtschaft die Arbeit unterwirft, enthalten die wesentlichen Bestimmungen dieses Produktionsverhältnisses. Sie sich klarzumachen, schafft garantiert keine Arbeitsplätze. Deswegen hier ein paar Ermunterungen dazu.[1]

I. Der Zweck der Arbeit in der Marktwirtschaft: Geld. Vom Arbeiten-Müssen und Arbeiten-Lassen

In der Marktwirtschaft wird gearbeitet, nicht um die Menschheit mit der benötigten Vielfalt von Gebrauchsgütern, mit materiellem Reichtum zu versorgen, sondern um Geld zu verdienen. In dieser ökonomischen Zielsetzung, Eigentum in Geldform zu erwerben, sind sich die Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft über alle Standesgrenzen und Klassenschranken hinweg einig. Denn für alle gilt unterschiedslos, dass die Befriedigung von Bedürfnissen nicht allein vom Vorhandensein nützlicher Dinge, sondern von einem ausschließenden Verfügungsrecht darüber abhängt – vom Eigentum. Als Eigentum nämlich: als dem materiellen Bedürfnis nach ihnen erst einmal entzogene Objekte einer privaten Verfügungsmacht, kommen die benötigten Arbeitsprodukte in die Welt.

Deswegen entscheidet sich für die Mitglieder dieser egalitären Gesellschaft des Geldverdienens ökonomisch alles daran, ob sie schon Geld haben oder erst welches verdienen müssen. Wer nämlich arbeiten muss, um ein Stück Eigentum zu erwerben, weil der materielle Reichtum der Gesellschaft schon anderen gehört, der braucht jemanden, der Geld hat und ihn für seine Arbeit bezahlt. Und der ist folgerichtig damit konfrontiert, dass seine Arbeit nur sehr bedingt sein Mittel ist, um an wohlverdientes eigenes Geld heranzukommen, das ihm ein bisschen Zugriff auf die Warenwelt gestattet. Um ihm diesen Dienst zu tun, muss sich seine Arbeit unbedingt als Mittel seines Geldgebers bewähren – für dessen gleichlautenden Zweck. Wer für Geld arbeitet, dient dem Eigentum also gleich doppelt: dem eigenen und einem fremden. Umgekehrt umgekehrt: Wer in der Marktwirtschaft genügend Geld hat, der ist in der Lage, ein Geldeinkommen in fremden Händen zu stiften und zugleich durch die gekauften Dienste sein Eigentum zu vergrößern.

Beide Seiten zählt die Marktwirtschaft in ihrer unverwüstlichen Gleichmacherei zu ihren „Erwerbstätigen“. Dennoch ist sich jeder im Klaren über die unterschiedlichen Leistungen der Arbeit, die die einen „geben“ und die anderen „nehmen“. Sie schafft Eigentum, das dasjenige vermehrt, das es schon gibt; dem Arbeiter verschafft sie ein Geld, das ihn nie zum Eigentümer in dem Sinn werden lässt. Wo für Geld gearbeitet wird, da dient eben nicht das Geld der Arbeit als nützliches Hilfsmittel, sondern die Arbeit dem Geld als dessen Quelle. Was in der Marktwirtschaft aus der Arbeit wird, ist daher ausschließlich durch den Gebrauch bestimmt, den das als Kapital agierende Eigentum von ihr macht.

1. Die Un-Gleichung von Nutzen und Eigentum – Die Privatmacht des Geldes als Prinzip der gesellschaftlichen Arbeitsteilung

Ginge es im Wirtschaftsleben der Nationen darum, dass die Menschen sich mit minimalem Aufwand optimal versorgen, dann würde die Bedarfslage ermittelt und eine für die Bereitstellung der notwendigen und wünschbaren Güter zweckmäßige Arbeitsteilung organisiert. Alle ökonomischen Probleme wären solche der Arbeitsorganisation, der passenden Technik und des reibungslosen Güterverkehrs; intelligente Menschen, die in der herrschenden Marktwirtschaft die absurdesten und kompliziertesten „Produktions-“ und „Absatzstrategien“ planen und durchführen müssen, hätten nur noch die vergleichsweise geringfügige Frage zu beantworten, wie ein gesellschaftlicher Reichtum menschenschonend herzustellen und allgemein verfügbar zu machen ist. Kein Mensch würde problematisieren, ob „das überhaupt geht“, weil der gesellschaftlich gesetzte Zweck die Antwort wäre.[2]

In der Marktwirtschaft geht es anders zu – und übrigens fragt niemand, „ob das geht“, geschweige denn, dass ein Zweifel an der geltenden gesellschaftlichen Zwecksetzung laut würde, bloß weil das, worum es allen geht, für ganz viele Leute überhaupt nicht in Erfüllung geht. Da geht es darum, Geld zu verdienen, und zwar möglichst viel. In diesem Ziel verstehen sich alle Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft bestens; „Einkommensschwache“ und „Besserverdienende“, Mittelständler und Gewerkschafter, Kapitalisten und Beamte sind sich einig und finden es das Natürlichste von der Welt, dass gearbeitet und gewirtschaftet, produziert und gedienstleistet wird, um an einen Lohn, einen Erlös, ein Honorar, ein Gehalt – kurzum: an Geld zu kommen.[3] An was sie dann mit ihrem Geld kommen, das ist allein ihre Sache. Denn im Geld verfügen sie über ein Stück reale Freiheit: über die – freilich begrenzte – Möglichkeit aller Genüsse; über Mittel des Zugriffs auf eine unerschöpfliche Warenwelt. Das ist die gute Seite, die jeder am Gelderwerb schätzt.

Mit der Kehrseite machen die Erwerbstätigen, jedenfalls in ihrer übergroßen Mehrheit, freilich auch sehr rasch Bekanntschaft: Wenn die Geldsumme aufgebraucht ist, ist es auch mit dem freien Zugriff vorbei. Vorhanden sind die begehrten und benötigten Güter nach wie vor; nur verfügbar sind sie nicht. Die im Geld gewährte Möglichkeit der Befriedigung aller Bedürfnisse ist noch lange nicht die wirkliche auch nur eines einzigen.

Dieser Unterschied hat seinen quantitativen Aspekt und ein Prinzip. Geltend macht er sich in den Grenzen der verdienten Geldsumme, so dass alle Probleme sich praktisch in das eine auflösen: mehr zu verdienen. Was sich in dieser Haupt- und Generalnotwendigkeit des Daseins in der Marktwirtschaft geltend macht, ist die peinliche Eigenart dieser Wirtschaftsweise, dass alles, was der Mensch so braucht an hergestellten Gütern, zwar hergestellt, aber nicht verfügbar ist: Das Eigentum scheidet die Produkte von denen, die sie benötigen. Dafür werden die Produkte überhaupt bloß hergestellt: um Kaufleuten zu gehören, die sie nicht selber brauchen und verbrauchen wollen, und um denjenigen, die darauf angewiesen sind, vorenthalten zu sein. Denn nur so kommt es flächendeckend zu der ökonomischen Operation, nach der die Marktwirtschaft ihren Namen hat: Geld muss den Eigentümer wechseln, damit die Ware dahin kommt, wo einer sie braucht. Das hat sich keiner so ausgedacht, als trickreiche Methode der Warenverteilung womöglich. Es ist umgekehrt: Was produziert wird, ist Eigentum, also der nützliche Gegenstand bloß als Objekt einer ausschließenden Verfügungsmacht; einer Verfügungsmacht, die an ihrem Objekt gar nicht hängen bleiben will, sondern zur davon getrennten, abstrakten Zugriffsmacht werden soll: zur puren Privatmacht, die im Geld ihre quantitativ bemessene Realität hat. Deswegen kann das hergestellte Objekt gar nicht anders an die, die es brauchen, „verteilt“ werden als auf dem Wege des Verkaufs, der den Zweck der Produktion erst definitiv verwirklicht, obwohl das Produkt in seiner materiellen Gestalt längst fertig ist. Auf diese materielle Gestalt kommt es eben nicht an, oder nur als Mittel zum Zweck; was in dieser Gestalt eigentlich produziert wird, ist das damit zu erlösende Geld: was die Sache für ihren Besitzer wert ist. Deswegen ist mit der Güterproduktion die Sache nicht fertig, die Gesellschaft um einige Mittel des Produzierens und Konsumierens reicher geworden und zufrieden; sondern es ist die allgemeine Notwendigkeit etabliert, Geld zu verdienen, wie und womit auch immer, um sich die produzierten Dinge aneignen zu können: Ohne Kauf keine Benutzung.

Das alles ist den Eingeborenen der Marktwirtschaft so geläufig, und das Interesse, auf der einen Seite für alles Verkäufliche möglichst viel Geld zu erlösen, auf der anderen Seite fürs Benötigte so wenig wie möglich zu zahlen, steht so sehr im Vordergrund aller ökonomischen Überlegungen, dass die Eigenart dieses Verhältnisses und sein Grund schon gar keines sachlichen Gedankens mehr gewürdigt werden. Deswegen sei hier einmal ausdrücklich daran erinnert, dass ‚Eigentum‘ ein Rechtsverhältnis bezeichnet, die rechtliche Zuschreibung der Sache an jemanden als ihm zugehörig. Die hoheitliche Gewalt definiert jedermann als Privateigentümer und etabliert damit ein Willensverhältnis zwischen Rechtssubjekten in Bezug auf Gegenstände aller Art: Sie gebietet und gewährt die exklusive Verfügungsmacht einer Person über „das Ihre“ und macht damit aus jeder Arbeit eine Privatarbeit, die das ausschließende Verfügungsrecht des Produzenten über das Produkt seiner Arbeit begründet.[4]

Dieses Rechtsverhältnis ist in der Marktwirtschaft die entscheidende ökonomische Bestimmung aller Produkte. Es ist nicht eine Zutat, mit der die öffentliche Gewalt dem Produzenten den materiellen Gebrauch seiner Produkte zusichert, sondern die Sache, auf die es ankommt: Produziert werden Güter des Bedarfs als Tauschartikel, also als Dinge, bei denen es darauf ankommt, dass das in ihnen enthaltene Verfügungsrecht sich vom hergestellten und damit ‚eigenen‘ Gegenstand ablöst und zum Recht auf Zugriff auf ein bestimmtes Quantum beliebiger anderer Produkte verselbständigt. Am Produkt existiert diese seine eigentliche ökonomische Zweckbestimmung als dessen Preis; verwirklicht wird sie im entsprechenden Gelderlös. Die Geldsumme repräsentiert das Eigentum, das mit der Herstellung einer Ware in die Welt kommt, getrennt von diesem Gut und gemäß den Maßeinheiten des Geldes. Und auf nichts anderes als diese im Geld verkörperte private Aneignungsmacht schlechthin zielt die Hervorbringung von Waren ab. Geld ist in der Marktwirtschaft das wahre ökonomische Produkt der menschlichen Arbeit.

Wie groß das Quantum Verfügungsmacht ist, das legt in dieser Welt des privaten Eigentums und der Produktion für den Verkauf niemand als verbindliche Vorschrift fest; das ergibt sich aus der Konkurrenz der Anbieter und der Kaufinteressenten, von der noch ausführlich die Rede sein wird. Entscheidend ist erst einmal, dass das in dinglicher Form hervorgebrachte Eigentum am Markt, durch den Verkaufsakt, in die Form allgemeiner Zugriffsmacht überführt und in Geldeinheiten quantifiziert wird.

Die produktive Arbeit selbst ist damit ökonomisch als Quelle von Reichtum in der abstrakten Gestalt eines solchen in Geld gemessenen und vergegenständlichten Zugriffsrechts definiert. Sie zählt, ganz abstrakt, als Arbeit überhaupt, ohne materiellen Bezug auf ihr Produkt – als Erwerbstätigkeit eben, die erst über das damit verdiente Geld Zugriff auf benötigte Gebrauchswerte verschafft. Grundsätzlich und radikal trennt das Eigentum zwischen der Produktion von Reichtum und der Verfügung über Gebrauchsgüter, scheidet zwischen Arbeit und Nutzen wie auch zwischen Nutzen und Bedürfnis, setzt sich als die bestimmende Größe in die Grundgleichung zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung durch Arbeit ein und macht diese dadurch zur Ungleichung: Bedingung und Mittel jeglichen Nutzens ist die im Geld quantifizierte Macht, sich im Kauf fremdes Eigentum anzueignen. – Das gilt heute als die erste Selbstverständlichkeit der ökonomischen Vernunft.

Mit der Zwangsgleichung von Nutzen und Eigentum legt sich eine eigentümliche Logik über die ökonomischen Aktivitäten der darunter subsumierten Gesellschaft. Sie betrifft zum einen die Hierarchie der Bedürfnisse, die sich daraus ergibt, dass der private Geldbesitz über ihre Befriedigung entscheidet: Formell kommt nichts als die private Vorliebe zum Zuge; zwar innerhalb der Grenzen des erworbenen Eigentums; doch wie sich einer das Seine einteilt, ist Privatsache.[5] Materiell wird jeder Bedarf zur abhängigen Variablen der privaten Kaufkraft, und es gibt, solange diese Wirtschaftsweise Bestand hat, stets von neuem in unterschiedlichen Größenordnungen das „unvermittelte Nebeneinander von Armut und Reichtum“ zu bestaunen. Entsprechendes gilt für das, was man gesellschaftliche Arbeitsteilung nennt: Ganz ohne Zweifel wird in der Marktwirtschaft „gesellschaftlich“ produziert; die hergestellten Waren sind nicht zur Selbstversorgung, sondern zum Verkauf und insofern für den allgemeinen Bedarf bestimmt. Der notwendige Zusammenhang der verschiedenen Produktionszweige folgt aber nicht dem sachlichen Verhältnis, in dem sie als gesellschaftliche Teilarbeiten zueinander stehen, sondern resultiert aus dem negativen Verhältnis von Privateigentümern zueinander, die einander jede planmäßige Kooperation verweigern, sich als zahlende Kunden hingegen brauchen. Für den nötigen Konnex sorgt also die Privatmacht des Geldes; wenn die gründlich genug gewirkt hat, dann sieht das Ergebnis glatt wie ein sinnreiches Zusammenspiel der produktiven Marktteilnehmer aus.[6]

Aus der Zweckbestimmung jeder marktwirtschaftlichen Tätigkeit, dem Gelderwerb zu dienen, folgt schließlich drittens ein einigermaßen abartiges Verhältnis zur Arbeit: Die rangiert in der marktwirtschaftlichen Ökonomie gar nicht als die Mühe, die sie ist und bleibt, als Aufwand, den man sich nach Kräften erleichtert, sondern wird selber zum Zweck; denn sie schafft ja Eigentum in dem Maße, in dem sie stattfindet und ihr Produkt Geld einbringt.[7] Ihr Nutzen bemisst sich nicht an dem nützlichen Produkt, das sie zustande bringt, sondern am verdienten Geld und insofern auf allen Einkommensstufen an ihrer Menge. Mit der Schaffung wirklichen, jedermann verfügbaren Reichtums wäre eine arbeitsteilig durchorganisierte Gesellschaft irgendwann, beim längst erreichten Stand der Produktivkräfte sogar sehr rasch fertig; die Erwerbsarbeit hingegen hört im Prinzip nie auf: Das Interesse, dass sie stattfindet, ist unersättlich.[8] Der „Gesichtspunkt“, um den die Leute, die das Produzieren zu erledigen haben, praktisch gar nicht herumkommen, dass sie damit nämlich sich verschleißen und ihre Lebenszeit opfern, spielt in der Logik des Gelderwerbs keine Rolle – ein erster Hinweis, dass diese Leute jedenfalls nicht die Nutznießer der Marktwirtschaft sind und das Eigentum nicht ihnen zu Gefallen der Zweck der Arbeit ist.

Die allgemeinverbindliche Gleichung von Nutzen und Eigentum geht folglich allgemein und verbindlich nur in dem negativen Sinn auf, dass jeder Nutzen vom erworbenen Eigentum abhängt. Damit sie positiv aufgeht, das erworbene Eigentum wirklichen Nutzen garantiert, muss die Quantität des verfügbaren Privatvermögens schon eine ganz bestimmte Qualität erreichen.

2. Die zwei Seiten marktwirtschaftlicher Erwerbsarbeit: Mit eigener Arbeit fremdes Eigentum schaffen – mit fremder Arbeit eigenes Eigentum vermehren

Wo gearbeitet wird, um Geld zu verdienen; wo die produktiven Tätigkeiten, die den Reichtum der Gesellschaft schaffen, mit ihren Produkten gar nichts weiter zu tun haben, weil es überall nur um das eine Produkt, nämlich den Gelderwerb geht; wo diese Zwecksetzung so zur Selbstverständlichkeit verfestigt ist, dass umgekehrt jede Tätigkeit, die Geld bringt, „Arbeit“ heißt – bekanntlich gehen Minister, Künstler und Börsenmakler ebenso „zur Arbeit“ wie diejenigen, die den Beruf des „Arbeiters“ ergriffen haben – und niemand da prinzipielle Unterschiede kennen will; da kommt es auf einen einzigen Unterschied an und auf den umso mehr: ob einer bereits Geld hat oder nicht.

Wer in einer Welt, in der alle Gebrauchsgüter jemandes Eigentum sind, kein Eigentum hat, der kann noch nicht einmal von sich aus ans Werk gehen und sich welches verschaffen; denn dazu fehlen ihm – auch die sind ja Eigentum – die nötigen Mittel. Um an der Gleichung von Nutzen und Eigentum nicht zugrunde zu gehen, braucht er einen Eigentümer, der über Produktionsmittel verfügt und ihn dafür bezahlt, dass er sich daran nützlich macht – nützlich für den Eigentümer, versteht sich; denn weshalb sollte der sonst Geld zahlen? Auch für den geht es ja darum, Geld zu erwerben, nicht zu verschenken. Dieses Interesse hat der auf Erwerbsarbeit angewiesene Mensch, dem es an Eigentum fehlt, mitzubedienen, damit er sich Geld verdienen kann. Mit seiner Arbeit muss er seinem Geld- und Arbeit-,Geber‘ zusätzlich zu dem, was der schon hat, Eigentum schaffen, um selber aus dessen Vermögen etwas abzubekommen. Die rein private Zwecksetzung des Arbeiters: sich Geld zu verschaffen, ändert sich dadurch gar nicht; es zeigt sich nur, was es heißt, ein eigenes Geld zu verdienen, ohne schon genug zu haben. Dann wird die Arbeit nämlich zur doppelten Geldquelle: für den, der sie leistet, unter der Bedingung, dass sie die besser ausgestattete Seite, die Geld hat und arbeiten lässt, reicher macht. Die beiden Leistungen der Arbeit sind also nicht ganz äquivalent: Für Leute, die ohne Eigentum in der Marktwirtschaft mittun wollen, ist Arbeiten zwar das einzige Erwerbsmittel, über das sie verfügen; es ist aber genau genommen gar nicht ihr Mittel, sondern wird dazu nur, soweit und solange ein Betriebseigentümer es für sich, als sein Erwerbsmittel zu nutzen versteht. Sie produzieren Eigentum, und zwar – entgegen dem Wortsinn – fremdes.

Umgekehrt umgekehrt. Wer über genügend Eigentum verfügt, der kann daraus sein Erwerbsmittel machen, indem er es in ein Unternehmen steckt und Leuten, die ein Einkommen brauchen, eines gewährt – dafür, dass sie dort arbeiten und Verkäufliches herstellen: Waren, die mit dem Recht des Eigentümers ihm gehören und, verkauft, sein Geldvermögen vergrößern. Durch diesen Gebrauch ihres Eigentums verdienen die Eigentümer Geld, ohne es selber schaffen zu müssen: Sie lassen Eigentum produzieren, und zwar ihr eigenes. So geht für unternehmungsfreudige Eigentümer die Gleichung von Eigentum und Nutzen auf: Das Eigentum bewährt sich, richtig eingesetzt, als hinreichendes Mittel, sich durch fremde Arbeit zu vergrößern, also als Produktionsverhältnis: Es fungiert als Kapital. Das Eigentumsrecht, demzufolge die produktive Tätigkeit des Privateigentümers das ausschließende Verfügungsrecht über sein Arbeitsprodukt begründet, mündet somit in einer regelrechten Umkehrung.[9] Der in ihrem Geldbesitz verbürgte monopolistische Zugriff von Eigentümern auf die Produktionsmittel stiftet bei den unmittelbaren Produzenten die Unfähigkeit, mit ihrer Arbeit Eigentum zu produzieren. Diese Potenz entfaltet ihre Arbeit erst, wenn sie nicht mehr die ihre ist: Vom Kapitaleigentümer als Zubehör seines Produktionsapparats eingekauft und dafür bezahlt, produziert der Arbeiter – unter Anwendung der Regeln der Eigentumsordnung – Eigentum für den, dem rechtlich die Rolle des Subjekts der Produktion zukommt.

Die Leute, die die Arbeit leisten, haben gleichfalls, was sie wollten und brauchen, nämlich ein eigenes Geld in der Hand. Nur handelt es sich bei ihrem Eigentum mangels Größe um eine wenig haltbare Angelegenheit. Kaum verdient, muss es schon wieder ausgegeben werden, um die notwendigen Lebensmittel zu beschaffen – fließt also im Wesentlichen an kapitalistische Unternehmer zurück, die damit den Wert ihrer Ware in Geld realisieren. Denn nichts von dem, was sie selber hergestellt haben, steht den Arbeitern zu Gebote; sogar ihre eigenen Produkte müssen sie sich erst gegen Geld aneignen, also von ihrem Lohn kaufen, wenn sie sie benutzen wollen. So bleibt das Eigentum für sie Ausschluss von dem Reichtum, den sie selbst produzieren; negative Bedingung ihres Nutzens, der sie sich beugen müssen, um leben zu können; eine fremde Verfügungsgewalt über ihre Arbeit, die sie mit ihrer Arbeit beständig reproduzieren und vergrößern.

Es ist – nicht unwichtig zu bemerken – ein und dieselbe marktwirtschaftliche Gleichsetzung von Geld und Bedürfnisbefriedigung, Nutzen und Eigentum, die für zwei verschiedene Seiten in so entgegengesetztem Sinn aufgeht. Wenn für Geld – oder gar nicht! – gearbeitet wird, dann geht es eben nicht um die Versorgung aller mit wirklichem, sondern um den abstrakten Reichtum. Dann disponieren nicht die Arbeiter über die Produkte ihrer Arbeit, sondern die im Geld existierende private Macht des Eigentums kommandiert Arbeit und Arbeiter. Dann verfügen nicht die Leute ohne Geldvermögen über einen bequemen Verteilungsmechanismus, wenn sie als Ertrag ihrer Arbeit einen Lohn nach Hause tragen bzw. ein Entgelt überwiesen kriegen, sondern es wird schon gar nichts anderes produziert als Eigentum: ein Reichtum unter der verbindlichen Vorgabe, dass er denen, die ihn schaffen, erst gar nicht gehört. Worin sonst könnten denn auch die ökonomischen Leistungen von Geld und Eigentum bestehen? Dass die Produktionsmittel ausschließender privater Verfügung unterliegen, trägt zu deren Produktivkraft nichts weiter bei, als zwischen dem materiellen produktiven Gebrauch dieser Mittel, der Arbeit, und denen, die sie leisten, auf der einen Seite und der Verfügungsmacht über den Produktionsprozess mitsamt seinen Erzeugnissen auf der anderen Seite zu scheiden, also zu verhindern, dass Produktionsmittel wie Produkte denen, die die einen benutzen und die anderen benötigen, auch verfügbar sind. Andersherum, vom Standpunkt des Eigentums und des marktwirtschaftlichen Systems aus betrachtet, liegt die ganze Produktivkraft technisch notwendiger Produktionsmittel in gar nichts anderem als in der Tatsache, dass sie Privateigentum einer Firma sind: Ihre materielle Nützlichkeit, dass sie notwendig sind für ein effektives Produzieren, hat einen marktwirtschaftlichen Sinn und Zweck nur darin und dadurch, dass die damit verrichtete Arbeit von vornherein und insgesamt nicht für diejenigen Eigentum schafft, die die Arbeit tun, sondern für die Seite, der die nötigen Mittel gehören und der deswegen die Rechtsstellung des eigentlichen Subjekts der Produktion zukommt. Das unternehmerisch eingesetzte Eigentum trennt die Arbeit von ihren Mitteln und bewirkt dadurch – nach Recht und Gesetz – die Zueignung des Produkts, also des damit bezweckten und erzielten Gelderlöses an das Unternehmen, das sich dafür die Dienste seiner Belegschaft kauft.

Immerhin, das Geld, das auf die Art die lohnabhängigen Arbeitskräfte in die Finger kriegen, verschafft auch denen Zugriff auf ein zwar eng bemessenes, aber frei gewähltes Stück der großen Warenwelt. Ein schätzenswerter Vorteil ist das allerdings nur auf Grundlage der Selbstverständlichkeit, dass von all den produzierten Gütern erst einmal gar nichts zu gebrauchen ist, eben weil es als fremdes Eigentum in die Welt gekommen ist. Dass sich mit Arbeit Geld verdienen lässt – das zudem immer gleich wieder weg ist –: Wozu könnte ein solches Geschäft überhaupt gut sein, wenn nicht dazu, dass die Arbeiter grundsätzlich nicht kriegen, was sie herstellen; stattdessen die andern, die das Geld für Arbeitskräfte zahlen? Absurde Vorkehrungen wären das alles und groteske Umständlichkeiten, ginge es darum, Gebrauchswerte zu produzieren und geschickt an die Leute zu verteilen. Dann wird das aber auch nicht der tiefere Hintersinn von Geld, Eigentum und Erwerbsarbeit sein. Deren Sinn wird schon in dem liegen, was sie wirklich leisten: Nutzen und Eigentum gleichzusetzen, so dass notwendigerweise die zwei gegensätzlichen komplementären sozialen Charaktere herauskommen.[10]

Weltfremd sind daher alle Vorstellungen von der Art, die Subsumtion der Arbeit unter das Eigentum könne man dahingestellt sein lassen, weil daran ohnehin nichts zu ändern oder jede Änderung sogar kontraproduktiv sei, die so arg gegensätzlichen Folgen der Herrschaft des Geldes aber wären getrennt davon zu therapieren; am besten durch den Staat, der doch dem Wohl aller verpflichtet sei und mit seiner Gewalt übermäßige gesellschaftliche Gegensätze auszubügeln hätte. Weltfremd ist das nicht in dem Sinn, dass der bürgerlichen Welt solche Auffassungen fremd wären – das Gegenteil ist der Fall: Genau so möchte die Marktwirtschaft verstanden sein, als Volkswirtschaft mit einer raffinierten und außerdem freiheitlichen Verteilungsstrategie, von der deren schäbige Wirkungen leicht wegzudenken wären; und als Instanz, die diese Wirkungen tatsächlich ungeschehen macht, empfiehlt sich der soziale Staat. Es ist bloß nicht wahr; und wenn das Vertrauen auf die Zweieinigkeit von Marktwirtschaft & Demokratie darauf insistiert, „es sollte doch“ so sein, dann ist es eingestandenermaßen nicht so.

In der wirklichen Welt setzt die bürgerliche Staatsgewalt noch allemal, bevor sie sich irgendwelchen Folgeproblemen widmet, die systematische Unterwerfung der Arbeit unter den Gelderwerb und die Macht des Eigentums in Kraft, indem sie das Eigentum gesetzlich schützt und mit dem Recht ausstattet, für sich arbeiten zu lassen. Und das Kapital tut, was es kann: Es bemächtigt sich der Arbeit, nämlich ihrer Produktivkraft, als seiner Quelle (II.), benutzt sie zur Steigerung seines Überschusses im Verhältnis zu den Geldmitteln, die es eben dafür aufwendet, also für seine Profitrate (III.), macht sie haftbar für die Bedienung und Aufrechterhaltung eines Kreditsystems, das von seinen Voraussetzungen in der Profitproduktion, die es einerseits fördert, andererseits überhaupt nichts wissen will (IV.), verwendet sie als Waffe in der internationalen Konkurrenz (V.), was die Staatsmacht als interessiertes Subjekt mit eigenen Erfolgsansprüchen an die Arbeit auf den Plan ruft (VI.), und macht sie, auch dies mit staatlicher Unterstützung, immer wieder zum Lückenbüßer seiner immer wieder selbst erzeugten Krisenlage (IV. und VI.).

II. Das Rentabilitätsgebot – oder: Die Subsumtion der Produktivkraft der Arbeit unter ihre Wirkung für den Geschäftserfolg

Die Produktivkraft der Arbeit gehört dem Eigentümer der Produktionsmittel, der sie bezahlt und verrichten lässt. Durch dessen Ansprüche ist sie daher auch definiert. Sie geht nicht in dem banalen Umstand auf, dass Leute arbeitsteilig mit geeignetem Gerät leicht weit mehr nützliche Dinge herstellen, als sie für sich und für die Erleichterung ihrer Arbeit verbrauchen. Ihrer marktwirtschaftlichen Bestimmung nach besteht sie darin, dass unter dem Kommando des Kapitals, mit dessen Mitteln, also auch nach dessen Vorgaben und Kalkulationen mehr in Geld gemessenes Unternehmenseigentum geschaffen wird, als an Lohn für die Arbeit weggezahlt werden muss.

Demgemäß zählt als Arbeitsaufwand nicht die aufgewendete Arbeit, also Zeit und Mühe eines Menschen, sondern der fürs Arbeiten-Lassen nötige Lohnaufwand. Der Arbeitsertrag bemisst sich nicht an den befriedigten Bedürfnissen, sondern am Erlös aus dem Verkauf der produzierten Ware. Als Arbeitsleistung gilt nicht das Verhältnis zwischen verausgabter Arbeitskraft und Produkt, sondern der geschaffene Warenwert im Verhältnis zur dafür verausgabten Lohnsumme. Die Arbeitsproduktivität ist somit keine technische Größe, sondern durch den Geschäftserfolg definiert.

So eignet sich das Kapital die Produktivkraft der Arbeit als Quelle seiner Vermehrung an: Es setzt sich als Quelle des Geldertrags ein, den es seine Dienstkräfte erarbeiten lässt, und misst den Geschäftserfolg am Verhältnis von Kapitalaufwand und damit erzeugtem Geldüberschuss, also der Kapitalproduktivität.

1. Arbeit unter dem Regime fremden Eigentums zählt als und schafft fremdes Eigentum

Wenn Arbeiter mit ihrem Lohn regelmäßig schnell am Ende sind, so liegt das keineswegs daran, dass ihre Arbeit mehr nicht hergegeben hätte, als was sie unbedingt brauchen und gewohnheitsmäßig verbrauchen. Die „vollen Läden“, für die die Marktwirtschaft berühmt ist, bezeugen anschaulich das Gegenteil; insbesondere diejenigen, deren Angebote kaum je in den Umkreis dessen geraten, was die lohnabhängige Menschheit sich leistet; und das alles ist bloß ein Bruchteil des Überflusses an nützlichen Gütern, die die arbeitenden Mitglieder der Gesellschaft zustande bringen. Das ist auch kein Wunder. Denn wenn Menschen Verstand und Körperkraft arbeitsteilig zweckmäßig einsetzen, dann fabrizieren sie nicht bloß ihre Lebens- und Produktionsmittel, sondern auch noch einigen technischen Fortschritt; und wenn sie auf dem mittlerweile erreichten Niveau der Technik ans Werk gehen, dann wird die Herstellung auch von komplizierten Bedarfsartikeln zur Sache von Arbeitsminuten. So gesehen wäre es für Arbeiter heute kein Problem, sich und alle, die fürs Arbeiten gerade ausfallen, mit Gebrauchsgütern jedweder Art ohne große Mühe flott zu bereichern – wenn es denn darum ginge.

Wenn die Sache so zielsicher und so gründlich anders ausgeht, so liegt das an den eigentümlichen gesellschaftlichen Ansprüchen und geltenden Rechten, denen die für Lohn verrichtete Arbeit gehorcht. In der Marktwirtschaft ist es nämlich so, dass der Ertrag der geleisteten Arbeit diejenigen, die sie leisten, überhaupt nichts angeht: Er ist vollständig und ohne weitere Umstände fremdes Eigentum; den Arbeitern gehört nichts davon. Es mag zwar sein, dass der Lohn aus dem Verkaufserlös der hergestellten Ware bezahlt wird; woraus auch sonst. Aber das ist ein Geschäft zwischen dem Lohnarbeiter, der kein Eigentum an seinen Produkten hat, und dem Eigentümer, dem der gesamte Erlös gehört.

Das ist deswegen so, weil Lohnarbeiter, wenn sie überhaupt an die Arbeit gehen, schon nicht mehr für sich tätig sind. Sie könnten ja gar nicht tätig werden, wenn nicht ein Arbeitgeber sie in seinen Betrieb lassen würde; was sie dort tun, ist allein Sache des Unternehmers und geht voll auf dessen Rechnung – eben dafür zahlt er ja Lohn. Praktisch bleibt es natürlich dabei, dass die Arbeiter ihre Arbeitskraft und Lebenszeit in den Produktionsprozess einbringen – Dinge, die von ihnen gar nicht abtrennbar sind wie ein Stück Eigentum, über das der Besitzer frei disponieren kann; was im kapitalistischen Betrieb geschieht, ist allemal ihre Tätigkeit, auch wenn diese noch so sehr unter dem Kommando des Unternehmers steht. Dennoch wird selbst darauf die Kategorie des Eigentums angewandt; und in dieser eigentumsmäßigen Hinsicht ist die Arbeit, für die sie bezahlt werden, eben damit gar nicht mehr die ihre. Sie geben ihre Tätigkeit, die physisch natürlich ihre ist und bleibt, wie ein veräußertes Eigentum aus der Hand. Das ist deswegen wichtig, weil damit über das Eigentum entschieden ist, dessen Entstehung die Arbeit bewirkt: Weil die Arbeit schon gar nicht mehr denen gehört, die Verstand, Kraft und Zeit aufwenden, um nützliche Dinge herzubringen, deswegen ist der Wert der fabrizierten Dinge, das in Geld quantifizierte Eigentum daran, auch nicht denen zuzurechnen, die den materiellen Aufwand geleistet haben, sondern denen, die darüber als Element ihres Produktionsprozesses verfügen.[11]

Produktiv ist und bleibt die Arbeit, weil Menschen an geeigneten Gerätschaften zweckmäßig kooperieren. Das ist auch im Kapitalismus nicht anders. Nur ist die Produktivkraft der Arbeit da einer Aufwands- und Ertragsrechnung des kapitalistischen Eigentums subsumiert. Und diese Rechnung ist das, was ökonomisch gilt.

2. Die sehr bedingte Wertschätzung und die äußerst anspruchsvolle Inbetriebnahme der Arbeit durch den Arbeitgeber

Wenn kapitalistische Unternehmen ihr Eigentum vermehren, dann nutzen sie die Produktivkraft der Arbeit aus. Allerdings eben so, dass sie nur das als produktive Leistung registrieren, was für ihr Eigentum wirksam wird. Und diese Leistung rechnen sie sich zu: dem eingesetzten Kapital – nicht so sehr ideologisch, da lässt sogar mancher management-geschulte Unternehmensführer gerne die Schaffenskraft seiner „Mitarbeiter“ hochleben, vielmehr ganz praktisch: Was die Produktivkraft der Arbeit hergibt, das realisiert sich in der Bilanz des Kapitals.

In dieser Bilanz findet sich unter der Rubrik ,Aufwand‘ nichts von der Leistung wieder, die die eingestellten Leute bringen müssen. Aufwand im maßgeblichen marktwirtschaftlichen Sinn ist ausschließlich derjenige des Unternehmens: der Aufwand an Geld, den es sich leisten muss, damit produziert wird. Dabei handelt es sich um zwei große Ausgabeposten.

Der eine betrifft „die Arbeitsplätze“: die Ausstattung des Betriebs mit Maschinerie, außerdem die Beschaffung von Rohstoffen, Energie und was sonst noch alles gebraucht wird, damit das Produkt herzustellen und zu verkaufen ist. Was da angeschafft wird, geht seiner materiellen Beschaffenheit nach im Produktionsprozess drauf, wird aufgezehrt, verschlissen, umgewandelt, so oder so produktiv konsumiert. Ausgerechnet die „Eigenschaft“ jedoch, mit der die Produktionsmittel in der Unternehmensrechnung zu Buche schlagen, ihr im Anschaffungspreis bezifferter Wert, geht überhaupt nicht zugrunde und erfährt auch keine Veränderung: Aufs einzelne Produkt hoch- oder heruntergerechnet, scheint dieser Posten im durchkalkulierten Preis der hergestellten Ware wieder auf. Den Preis muss der Unternehmer zwar erst erlösen, damit er das ausgelegte Geld wieder in Händen hat; von seinem Eigentum gibt er für den Produktionsprozess und in dessen Verlauf aber gar nichts aus der Hand. Die Tatsache, dass das alles ihm gehört, bleibt unverändert erhalten.

Mit seinen anderen Betriebsunkosten, den Löhnen, stiftet er auf eigene Rechnung Eigentum in fremden Händen; und wenn er in der entsprechenden Stimmung ist, hält er das allen Ernstes für eine bedeutende Großzügigkeit seinerseits, die ihm viel zu wenig gedankt wird. Immerhin bekommt er damit die Arbeitskraft seiner Belegschaft in die Hand, so dass er über deren produktiven Einsatz frei entscheiden kann. Die Lohnzahlung selbst fungiert dabei als Kommandomittel – eine ökonomische Tatsache, die freilich hinter der Form eines juristisch einwandfreien Vertragsverhältnisses, eines Tauschs von Geld gegen Leistung komplett verschwindet. Gezahlt wird das Entgelt für verfügbare Arbeitskräfte nämlich sinnigerweise als Preis der Arbeit, für geleistete Arbeitsstunden oder, noch enger am Zweck der Zahlung orientiert, nach Maßgabe erfüllter, verfehlter oder übererfüllter Zeitvorgaben für bestimmte Verrichtungen oder die Erledigung ganzer Produktionsschritte. Diese Art der Lohnzahlung begründet den rechtlich wie praktisch gültigen – und ideologisch mit viel Genuss breitgetretenen – Schein, die Arbeiter bekämen gerecht und ganz genau den Anteil ausbezahlt, den ihre Arbeit zum Produkt bzw. zu dessen Wert – für die kapitalistische Kalkulation ohnehin beides dasselbe – beisteuert; ihr Wert würde also vergütet. Wäre das die Wahrheit, so stünde es schlecht um die kapitalistischen Bilanzen: Was bliebe für den Eigentümer noch übrig, wenn die Arbeit mit dem Eigentum bezahlt würde, das sie schafft?! Und wenn es nicht das ganze neu geschaffene Eigentum sein soll: Wie ließe sich die Leistung der Arbeit als „Anteil“ von der Tatsache, dass die Produktionsmittel dem Unternehmer gehören, als anderem „Anteil“ abgrenzen?! Auf eine schlüssige Rechnung dieser Art hat kein Kapitalist je gewartet; er hätte seinen Betrieb sonst nie in Gang gebracht.

Tatsächlich funktionieren die Sache und die Rechnung ja auch ganz anders. Was als Preis der Arbeit deklariert und bezahlt wird, ist – wie übrigens auch jeder weiß und was jede Tarifauseinandersetzung praktisch bezeugt – seinem Bestimmungsgrund und seiner Höhe nach ein Streitobjekt zwischen gesellschaftlichen Parteien mit entgegengesetzten Geldinteressen, also eine Machtfrage; auch die von Gewerkschaftern gern aufgetischten Rechnungen, wonach die Arbeit mal wieder produktiver geworden und deswegen „entsprechend“ höher zu vergüten wäre, ist nur soviel wert wie der tatsächliche Druck auf die Arbeitgeber, den die Arbeitnehmer zustande bringen – und der nie sehr gewaltig ausfällt, wenn solche Rechnungen ihn legitimieren sollen. Denn damit erkennen die Gewerkschaften ausdrücklich das Gewinninteresse der anderen Seite an und machen die Verträglichkeit des Lohninteresses mit dem Gewinn zum Argument, nehmen also ihrerseits den Gegensatz zugleich zurück, den sie im Streit um Lohn eröffnen müssen.

Als Preis der geleisteten Arbeit gelten die ausgehandelten Löhne, weil auch hier die rechtliche Form, der Vertragsabschluss zwischen förmlich gleichgestellten Rechtsparteien über Leistung und Gegenleistung, die Sachlage definiert – und weil die Unternehmer ganz einfach so rechnen, nämlich ihre Lohnzahlungen aufs Produkt umrechnen und in dessen kalkuliertem Preis wieder erscheinen lassen, so wie sie das auch mit den Kosten ihrer Produktionsmittel, also mit dem Wert ihres betrieblich eingesetzten Eigentums tun. Sie kalkulieren ihre Lohnkosten als Teil des Preises, den der Markt ihnen vergüten muss; und mit der Selbstverständlichkeit dieser Kalkulation bringen sie ihren Geldaufwand für den „Faktor Arbeit“ als eine Quelle ihres Vermögenszuwachses in Anschlag, neben der zweiten Quelle, ihrem Geldaufwand für den „Faktor Kapital“, den sie genauso als Kostenaufwand verbuchen, ungeachtet dessen, dass sie da von ihrem Eigentum gar nichts hergeben, sondern ein Stück ihres Vermögens in ihre Produktionsmittel verwandeln.

Diese rechtlich einwandfreie, ja gebotene Rechnungsweise hat einen ideologischen und einige sehr wesentliche praktische Effekte zur Folge. In der marktwirtschaftlichen Weltsicht gilt ganz einfach als ausgemacht, dass es einen gerechten Lohn gibt, nämlich denjenigen, der dem Belegschaftsmitglied seinen anteiligen Beitrag zum Verkaufspreis der Produkte des Unternehmens vergütet; dieser Beitrag errechnet sich aus den Arbeitskosten pro Produkteinheit. Der jeweils ausgehandelte Lohn wird so auf denkbar kurzschlüssige Weise gerechtfertigt – und wenn ein Unternehmen seine Arbeiter entlässt, weil es seine Waren nicht mehr gewinnbringend absetzen kann, dann gilt das als der schlagende Beweis, dass der Aufwand für Arbeit höher war als deren wirklicher Beitrag zum realisierbaren Wert des Produkts...[12]

Praktisch leistet der Kunstgriff, den Lohn nach der Menge der abgelieferten Arbeit – also grundsätzlich nach der Zeit, angereichert mit Gesichtspunkten der Leistungsdichte – zu bemessen und zu zahlen, das glatte Gegenteil einer sauberen Aufteilung von Mühe und Ertrag zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, nämlich genau das betriebsnützliche Kommando, das mit der Form der Lohnzahlung dementiert wird. Als Preis der Arbeit verabreicht, bewerkstelligt das Arbeitsentgelt die beständige Nötigung der angestellten Menschen, den Ansprüchen zu genügen, die völlig einseitig und ganz nach unternehmerischem Kalkül der Betrieb an sie stellt. Es zwingt den Leuten das Interesse auf, sich Stunde um Stunde und durch die verlangte Leistung diesen Preis zu verdienen. Es schaltet damit das Hindernis für den produktiven Gebrauch der Arbeit aus, das in der Tatsache liegt, dass es sich allemal noch um die Tätigkeit fremder Subjekte handelt, die das Unternehmen sich aneignet, und sorgt dafür, dass die Arbeitskräfte sich ganz von selbst den Leistungsanforderungen der Firma in Sachen Zeitdauer und Intensität der Arbeit unterwerfen; auch Flexibilität, Nachtarbeit und Conti-Schicht lassen sich auf diese Weise problemlos einfordern oder auch die Hinnahme besonders gesundheitsschädlicher Arbeitsumstände. Auf diese durch und durch humane, nämlich erpresserisch auf den Willen seiner Dienstkräfte gemünzte Art und Weise bemächtigt sich das kapitalistische Unternehmen, bis in die letzte Arbeitsstunde hinein und bis zum letzten betriebsnützlichen Einsatz, der Produktivkraft der Arbeit.

Das zustande gebrachte Produkt geht unter der Rubrik ‚Ertrag‘ in die Bilanz des Unternehmens ein: als pure Wertsumme. Diese Abstraktion ist nicht unpraktisch – was sie wäre, wenn es um den geleisteten Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen arbeitsteiligen Bedarfsdeckung ginge –, sondern fasst das einzige, was an der geleisteten Arbeit zählt, schlüssig und abschließend zusammen und erlaubt den Vergleich mit der Rubrik ‚Aufwand‘, auf den alles ankommt. An dem Vergleich entscheidet sich, ob das Unternehmen „Geld gemacht“ hat – was nicht bloß ein umgangssprachlicher Ausdruck für geschäftlichen Erfolg ist, sondern die Sache genau bezeichnet: Das Produkt, um das es geht, ist der in Geld bezifferte Überschuss des Ertrags über den Aufwand: der Gewinn in einem Verhältnis zur eingesetzten Geldsumme, das den Kapitaleinsatz insgesamt rentabel macht. Die wirkliche Quelle des frisch geschaffenen Geldvermögens, die bezahlte Arbeit, ist in dieser Rechnung vollends zum Verschwinden gebracht. An ihrer Stelle rangiert ihre Bezahlung, der Kostenaufwand für Arbeit, neben und zusammen mit den Ausgaben für Arbeitsmittel als die maßgebliche Bezugsgröße und als vom Unternehmen sachgerecht einzusetzender Entstehungsgrund des Teils des Produktenwerts, der als Gewinn das Unternehmenseigentum tatsächlich vergrößert – um den es also bei allem Produzieren geht.[13]

Die Produktivkraft der Arbeit hat damit einen genau definierten Inhalt; und der ist zugleich das Kriterium dafür, ob sie überhaupt produktiv war oder ungeachtet der Güter, die sie verfertigt hat, unproduktiv geblieben ist. Es kommt nicht bloß darauf an, dass sie im Dienst ihres Käufers, also zugunsten ihres rechtlichen Subjekts überhaupt Eigentum schafft. Produktiv ist sie dann und nur dann, wenn sie rentabel ist. Ihr Preis muss in einem günstigen Verhältnis zu ihrer Wirkung stehen; und nicht nur das: Dieses Verhältnis, also dass sie mehr in Geld gemessenen und am Markt in Gelderlös realisierten Vermögenswert hervorbringt, als ihr Einsatz kostet, muss in einem für die Firma befriedigenden Verhältnis zur Größe des Kapitals insgesamt stehen, an dem die Arbeit sich zu schaffen macht. Sie bewährt sich entweder als Quelle nicht bloß von Gewinn überhaupt, sondern einer angemessenen Rendite aufs Gesamtkapital – oder sie ist überhaupt nichts wert. Dabei ist es gar nicht so, dass die Arbeit dieses kompromiss- und bedingungslos verlangte Ergebnis von sich aus je gewährleisten könnte. Sie vermag nicht mehr hinzustellen als ein Produkt, das, wäre es so geplant, per Saldo etwas Nützliches zur Versorgung des Gemeinwesens beisteuern könnte. Ob das Produkt auch einen Wert hat, der das Unternehmen bereichert, ist eine völlig andere Frage: Wie viel Geld sich damit verdienen lässt, entscheidet sich außerhalb der Arbeitswelt, am Markt, an dem das Unternehmen seine Waren anbietet. Und ob der Erlös den Kapitaleinsatz lohnend macht, das entscheidet sich an der Größe des Kapitalaufwands und den Renditeansprüchen der Arbeitgeber: Das Verhältnis zwischen Preis und Wirkung der Arbeit muss sich an dem Ertrag bewähren, den eine Kapitalanlage in entsprechender Größenordnung durchschnittlich erbringt. Kriterium für die Anwendung von Arbeit ist die Produktivität des Kapitals.

Dafür, dass die stimmt, stellen die Unternehmer mit der gekauften Arbeit große Dinge an. Mit der Aneignung ihrer eigentümlichen Produktivkraft durchs unternehmerisch angewandte Eigentum fängt sie erst an: die Karriere der Arbeit von der Quelle allen marktwirtschaftlichen Reichtums zum Mittel des kapitalistischen Wachstums.

III. Die Produktivkraft der Arbeit als Waffe im Konkurrenzkampf der Unternehmen um Rendite – oder: Die Rolle des technischen Fortschritts in der Marktwirtschaft

Mit den Produkten der Arbeit, die sie verrichten lassen, müssen die kapitalistischen Unternehmer „am Markt“ bestehen, also den Konkurrenzkampf gegen ihresgleichen um die Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft gewinnen. Darüber regelt sich die „Versorgung“ der „Konsumgesellschaft“; umgekehrt entscheidet sich am marktwirtschaftlichen Erfolg, welche Produktion gesellschaftlich überhaupt notwendig war.

Kriterium dieses Erfolgs – und somit Regulativ des Lebensunterhalts, den die Marktwirtschaft ihren unterschiedlichen Akteuren gewährt – ist die Rendite aufs eingesetzte Kapital. Um die zu steigern, gehen die Unternehmer auf das Verhältnis zwischen Preis und Wirkung der Arbeit los. Sie drücken die Löhne; und sie steigern die technische Produktivkraft der angewandten Arbeit, damit sich deren Kosten auf mehr verkäufliches Produkt verteilen, also die Lohnstückkosten sinken. Und das stärker, als dieser technische Fortschritt, auf dieselbe Produkteinheit bezogen, kostet; andernfalls hätte sich die Einsparung von Lohnkosten ja nicht gelohnt. Derart gesenkte Produktionskosten befähigen das Unternehmen dazu, mit niedrigeren Preisen – resp. mehr oder besserer Ware fürs Geld – um Marktanteile zu kämpfen, um mehr von der gesellschaftlich notwendigen, nämlich im Verkauf der Produkte als lohnend bestätigten Produktion auf seinen Betrieb zu ziehen. Den Vorteil eines gesteigerten Gewinnanteils am Produkt aus der gesteigerten Produktivität der Arbeit gibt das Unternehmen dafür freilich – tendenziell – auf; er verschwindet vollends, wenn die Konkurrenten gleiche Fortschritte erzielen und der zur Markteroberung eingesetzte Kampfpreis zum neuen allgemein geltenden Marktpreis geworden ist. Im Endeffekt wird mit weniger bezahlter Arbeit bei sinkendem Preisniveau an immer aufwändigeren Arbeitsplätzen ein Gewinn erwirtschaftet, der einen steigenden Kapitalaufwand rechtfertigen muss. Der Kampf um Verbilligung und Steigerung des Wirkungsgrads der Arbeit hört deswegen nie auf: Jeder erzielte Erfolg ist Ausgangspunkt für die nächste Runde in diesem Konkurrenzkampf.

Die Unternehmenswelt macht das zum Problem der Lohnabhängigen. Ein Teil von denen wird andauernd überflüssig gemacht und muss sich nach einem neuen Gelderwerb umsehen. Dem anderen Teil wird durch den „arbeitsparenden“ technischen Fortschritt kein Quantum Arbeitsaufwand erspart. Die Glücklichen, die weiter beschäftigt werden, macht ihr Arbeitgeber vielmehr praktisch dafür haftbar, dass seine Investitionen in „sichere Arbeitsplätze“ sich auszahlen, bevor deren Anzahl im Zuge der nächsten „Rationalisierung“ wieder nach unten korrigiert wird.

1. Die Gesellschaft lebt vom und für den kapitalistischen Konkurrenzkampf um ihre Zahlungsfähigkeit

Für alles, was sie mit der Arbeit und ihren Arbeitnehmern anstellen, berufen sich die Arbeitgeber auf die Konkurrenz und deren Zwänge. Eine prinzipielle Heuchelei ist dabei im Spiel: Wie jeder, der sich in einen Wettkampf begibt, so teilen auch die Unternehmer das Anliegen, um das es in ihrem „Wettbewerb“ geht – schließlich konkurrieren sie nicht um den ersten Preis bei der Entlastung und Bereicherung ihrer „Mitarbeiter“, geschweige denn um das beste Programm für die planmäßige Befriedigung aller Bedürfnisse. Wenn sie im Interesse ihrer Konkurrenzfähigkeit ihre Belegschaften drangsalieren, dann wird ihnen jedenfalls nichts aufgezwungen, was ihnen eigentlich gegen den Strich geht oder ihrem ureigenen ökonomischen Interesse fremd wäre. Wenn sie umgekehrt ihrem eigenen Interesse wie einem Sachzwang unterworfen sind, dem sie bei Strafe des Untergangs genügen müssen, dann beweist das nur, dass kein abweichender Gesichtspunkt ihre ökonomischen Zwecke relativiert: Mit der Anrufung unausweichlicher Zwänge der Konkurrenz berufen sie sich auf nichts als die Allgemein- und Alleingültigkeit ihres Interesses an Kapitalvermehrung in der Marktwirtschaft.

Vielleicht noch bemerkenswerter als ihre verräterische Heuchelei ist aber die Wahrheit, die die Aktivisten der Konkurrenz mit ihrer Generalentschuldigung eingestehen: Sobald sie tun, wozu ihr Eigentum sie befähigt, nämlich arbeiten lassen und ihr Vermögen vermehren, tun sie das gegeneinander. Wo sie über die Produktivkraft der Arbeit gebieten, da addieren sich deren Ergebnisse nicht zu einem schönen Haufen Reichtum; da kommt vielmehr der Geschäftserfolg des einen dem anderer Kapitalisten in die Quere. Die negative, exklusive Macht des Eigentums richtet sich nicht bloß gegen diejenigen, die keines haben und deswegen ihre Kräfte gegen ein kleines Entgelt zur Verfügung stellen müssen. Als die private Macht, seine eigene Vergrößerung zu betreiben, richtet sich das Eigentum, kapitalistisch betätigt, ausschließend auf die Bedingung seines Wachstums, die alle Warenproduzenten gleichermaßen brauchen.

Diese Bedingung ist das in der Gesellschaft vorhandene Geld: der Reichtum in seiner gesellschaftlich gültigen abstrakten und privaten Form. In der Form, als allgemeines Äquivalent, lässt sich Eigentum in der Privatsphäre des eigenen Unternehmens nämlich nicht produzieren; Geld lässt sich nur mit Hilfe der dort hergestellten Ware am Markt erwerben. Erst mit dem geglückten Verkauf entscheidet sich, ob überhaupt und inwieweit die ganze Warenproduktion von Nutzen war, nämlich übers verdiente Geld eigentumswirksam wird. Dabei stehen sich die Kapitalisten wechselseitig im Weg. Denn alle wollen und brauchen für diesen letzten, alles entscheidenden Schritt im Gang ihrer Geschäfte dasselbe: eben die Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft.

Das läuft nicht bloß da auf wechselseitigen Ausschluss hinaus, wo mehrere Unternehmen die gleiche Ware anbieten. Wo für Geld produziert wird, wo umgekehrt das Geld in quantitativ beschränktem Umfang die Möglichkeit aller Güter und Genüsse darstellt, da ist alles kommensurabel; das Unterschiedlichste wird zur Alternative, und jeder Warenproduzent macht mit seinem Angebot allen anderen gesellschaftliche Kaufkraft streitig. Ist einer in seinem Marktsegment damit einmal konkurrenzlos erfolgreich, dann kann er sich sicher sein: Es dauert nicht lange, und seine Kollegen entdecken auf ihrer immerwährenden Suche nach der besten Rendite seinen Geschäftszweig, bestücken ihn mit Billigangeboten und machen ihm seine außerordentliche Profitrate kaputt. Die Kaufkraft, um die da konkurriert wird, ist ihrerseits das Werk der Firmen, die sich um sie streiten;[14] und sie ist logischerweise so bemessen, dass sie beim größten Teil der Kundschaft immer viel zu rasch erschöpft ist: Was die Masse der Endverbraucher ausgeben kann, wird durch Lohnzahlungen gestiftet und unterliegt damit dem Sachgesetz, dass dieser Teil der gesellschaftlichen Zahlungsfähigkeit beständig hinter dem Wachstum des kapitalistischen Eigentums zurückbleibt, das die Unternehmen aus der entlohnten Arbeit herausholen und zu Geld machen wollen. Umso mehr Zahlungsfähigkeit bleibt für Investitionen übrig sowie für die Bedürfnislage der „Besserverdienenden“, doch auch die wird nicht verschenkt: Luxus- wie Investitionsgüter dürfen teuer, müssen aber vor allem preiswert sein. Und was der Staat an Geldmitteln an sich zieht, um sein eigenes Personal zu bezahlen und als Großkunde der Wirtschaft einzukaufen, was eine Höchste Gewalt so braucht, das sichert zwar vielen Produzenten Absatz und Wachstum, schmälert aber all die Geldeinkommen, an denen er sich bedient. Die Ökonomie des Geldverdienens ist ein einziger Kampfplatz gegensätzlicher Interessen, die sich alle auf dasselbe beziehen – und eben das stiftet den ganzen materiellen Zusammenhang in der freiheitlichen Erwerbsgesellschaft. Was produziert wird und was nicht, welche Bedürfnisse bedient, welche unbeachtet gelassen, welche geweckt oder überhaupt erst erfunden werden, mit Gebrauchsartikeln welcher Art und Qualitätsstufe die nach Kaufkraft sortierte Menschheit zurechtkommen darf und muss, das alles richtet sich vollständig nach dem Kalkül konkurrierender Anbieter mit der Zahlungsfähigkeit, die sie sich für ihr Zeug ausrechnen, nach den Erfolgen, die sie in ihrem Konkurrenzkampf untereinander erzielen, und nach dem Wachstum ihres Geldreichtums, den sie damit zustande bringen.[15] Der Endverbraucher mit seiner souveränen Verfügung über sein verdientes Geld ist in jeder Hinsicht das Anhängsel dieses geschäftlichen Kräftemessens, in dem sich zugleich entscheidet, welches Kalkül aufgeht und welche Produktion am Markt scheitert, sich also rückwirkend als vollständig nutzlos erweist: Die erzeugten Gebrauchsartikel sind zwar da und könnten das Ihre beitragen zum Wohlstand der Leute; aber wenn sie nicht in eine Geldsumme verwandelt werden, die dem Produzenten seinen Kapitalaufwand mit einer gehörigen Rendite vergütet, dann schlägt dessen Aufwand als ganz reales Minus, als Verlust an Reichtum zu Buche.

So wirken sie tatsächlich: die „Sachzwänge der Konkurrenz“, auf die freie Unternehmer sich gerne berufen. Und diese Zwänge sind keine Schande für das freiheitliche Gemeinwesen, das ihnen gehorcht. Gemeinheiten und verrückte Konsequenzen der Konkurrenz ums Geld sind eine Bewährungsprobe für die Macher: Wer als Unternehmer scheitert, der disqualifiziert sich als Versager, muss sich Missmanagement und Schlimmeres vorwerfen lassen. Umgekehrt adelt Erfolg den Erfolgreichen zum Könner; nach derselben Logik. Dabei tun Gewinner und Verlierer ein und dasselbe für ihren Erfolg beim Gelderwerb am Markt. Und das tun sie dort, wo sie Herr des Geschehens sind: in ihrem Betrieb; mit ihrem Eigentum und ihrem Kommando über die Arbeit.

2. Die entscheidende Waffe im Konkurrenzkampf der Unternehmen: Durch technische Steigerung der Produktivkraft der Arbeit Löhne samt Lohnempfängern überflüssig machen

Wenn kapitalistische Unternehmer ihr Produkt zu Geld machen wollen, treffen sie, als Ergebnis der bereits gelaufenen Konkurrenz, auf den Marktpreis, zu dem die Ware generell angeboten wird. Damit steht der Kostpreis auf dem Prüfstand, den sie für die Herstellung einer Wareneinheit kalkulieren. Denn aus der Differenz zwischen dem Stückpreis, den sie als Aufwand berechnen, und dem Verkaufserlös, multipliziert mit der effektiv verkauften Stückzahl, ergibt sich der Gewinn, um den es schließlich geht. Dass der steigt, wenn der Kostpreis unter dem Durchschnitt, und schwindet, wenn er darüber liegt, versteht sich.

Mit einer ordentlichen Gewinnspanne pro Stück ist das Unternehmensziel also noch nicht erreicht: Es geht darum, möglichst viel zu verkaufen; das bringt zur Rate des Gewinns ja erst die Masse. Dieses grundsätzlich schrankenlose Bedürfnis nach Absatz stößt, insgesamt gesehen, an die Grenzen der Geldsumme, die die Kundschaft hat und sich für ihre verschiedenartigen Bedürfnisse einteilen muss; doch diese Grenze geht den Warenproduzenten, der so viel Produkt wie möglich zu Geld machen will, direkt gar nichts an. Unmittelbar stehen ihm die anderen Verkäufer im Weg, die ihrerseits Kaufkraft mit Beschlag belegen, ihm also – so rechnet jeder geschäftstüchtige Unternehmer – möglichen Absatz und damit verbundenen Gewinn streitig machen. Um dieses Hindernis wegzuräumen, fremde Marktanteile zu erobern, gibt es – Werbung, Bestechung und sonstige Formen der „Marktpflege“ schon eingerechnet – letztlich nur die eine Methode: die Konkurrenten beim Preis zu unterbieten.[16] Dass das im Widerspruch zum Zweck der Gewinnsteigerung steht, liegt auf der Hand. Die Rechnung kann nur aufgehen, wenn es gelingt, die Produktion im eigenen Betrieb zu verbilligen. Folglich richten sich alle Anstrengungen des kapitalistischen Warenproduzenten darauf, den Produktionspreis für die zu verkaufende Ware zu senken.

Ist das gelungen und der Kampfpreis gegen die Konkurrenz am Markt eingeführt, dann wird für alle, die noch mithalten und ihre Marktanteile behalten wollen, das neue abgesenkte Preisniveau zur verbindlichen Bezugsgröße. Ein neuer Marktpreis ist entstanden, zu dem jeder Produzent seine Produktionskosten ins Verhältnis setzen muss. Deren Senkung wird zur Überlebensbedingung des Unternehmens. Die Gewinnspanne ist im Endeffekt dann freilich gar nicht weiter gestiegen; und ob insgesamt durch Mehrverkauf die Masse des Gewinns zugenommen hat, ist sehr die Frage. Zwischen den Konkurrenten hat sich aber wieder einmal neu entschieden, wer wie viel verkauft; und um diese Entscheidung zu den eigenen Gunsten geht es jedem Beteiligten. Die Bemühungen, die Kosten der Produktion zu senken, hören also nie auf; jeder Erfolg ist der Auftakt zur nächsten Offensive.

Hierbei geraten stets alle Posten der kapitalistischen Aufwandsrechnung unter Druck. Erpresserische Preisvorgaben für Zulieferer z.B. gehören zum alltäglichen Geschäftsgebaren größerer Konzerne – die Lieferanten müssen dann zusehen, wie sie ihrerseits bei gesenkten Abnahmepreisen ihre Gewinnspanne retten, was schon wieder auf innerbetriebliche Kostensenkung hinausläuft. Besondere Beachtung und Behandlung erfährt freilich immer und überall der eine große Kostenfaktor, der Geldaufwand für Arbeit; und das aus gutem Grund. Er bietet nämlich zwei wesentliche Angriffsflächen.

Da sind zum einen die an die Arbeitskräfte ausgezahlten Löhne nach ihrer absoluten Höhe. Es gibt zwar Tarifverträge, die den Wettstreit der Arbeitgeber ums niedrigste Entgelt an einen allgemeinverbindlichen Rahmen binden. Doch schon die darin üblicherweise kodifizierte Vielfalt von Lohngruppen bietet die Handhabe dafür, durch geschickte Eingruppierung der Belegschaft das unternehmenseigene Lohnniveau zu senken. Die Zustimmung der Arbeitnehmervertretungen, die dafür meistens nötig ist, ist im Prinzip immer und je nach Konjunkturlage leicht zu haben; sie lässt sich nötigenfalls – wie gerade die vorbildliche deutsche Tariflandschaft zeigt – auch für die Umgehung oder eingestandene Nicht-Achtung tariflicher Vorschriften erreichen. In „schweren Zeiten“ sind der marktwirtschaftlichen Vernunft verpflichtete Arbeitnehmervertreter durchaus auch dazu bereit, direkte Lohneinbußen zu vereinbaren, die Auszahlung von Lohnteilen je nach Gewinnsituation des Unternehmens diesem anheimzustellen usw. Das hilft enorm bei der Senkung der Lohnstückkosten, und darauf kommt es schließlich an: So wird Arbeit, marktwirtschaftlich gerechnet, produktiver.

Der technische Aspekt der Arbeitsproduktivität: der materielle Wirkungsgrad der eingesetzten Arbeitsmenge, ist der andere und auf Dauer bei weitem ergiebigere Ansatzpunkt im Kampf des Kapitals gegen seine Lohnkosten. Denn mit dem Fortschritt hier sinkt der Lohnanteil am Herstellungspreis der Ware, die Lohnstückkost, erst recht: Bezogen auf den Output an verkäuflicher Ware ist der Einsatz von Arbeit billiger geworden, denn Teile der Belegschaft und damit deren Löhne werden eingespart, oder die gleiche Belegschaft produziert für ein allenfalls gleichbleibendes Entgelt mehr Ware. Freilich hat dieser Vorteil den schon erwähnten Nachteil, dass er Geld kostet. Für das Unternehmen sind die Einsparung von Arbeit und die dafür eingesetzten technischen Neuerungen eben nicht einfach das, sondern zwei kommensurable, nämlich Geldgrößen. Es rechnet die Investitionssumme, die es für die Effektivierung der Arbeit durch neuartige Produktionsmittel aufbringen muss, über die mutmaßliche Funktionsdauer dieser Gerätschaften auf die einzelne Produkteinheit um, so dass sein zusätzlicher Kapitalaufwand vergleichbar wird mit den Lohnkosten, die es sich spart, indem es Arbeitskräfte überflüssig macht.[17] Ist die letztere Ziffer, die Senkung der Lohnstückkosten, größer als die erste, dann gebietet der unternehmerische Sachverstand die Einführung neuer Techniken, die deswegen auch „Rationalisierung“ heißt: Die Differenz zwischen den Geldbeträgen ist der Dienst, den die Firma von der Steigerung der Produktivität der Arbeit haben will.

Den will sie haben, um – wie schon gesagt – mit einer Preissenkung die Konkurrenz gegen andere Anbieter zu gewinnen; sie muss ihn haben, um am Markt gegen fortschrittlichere Konkurrenten zu bestehen. Es geht nicht einfach darum, an der einzelnen Ware mehr zu verdienen, sondern um die Eroberung von Marktanteilen, um mit mehr Umsatz mehr Gewinn aus der Zahlungskraft der Gesellschaft herauszuholen. Ob dadurch auch die Rendite aufs insgesamt eingesetzte Kapital steigt, das steht allerdings dahin, entscheidet sich jedenfalls erst im Verlauf des ewig währenden Wettbewerbs – und wie schon erwähnt: Eine konkurrenzlos hohe Rendite ist nie von langer Dauer. Doch davon kann ein Unternehmer seine Entscheidung über Rationalisierungsinvestitionen nicht abhängig machen. Wenn er mit der Verbilligung seiner Produkte nicht vorangeht, muss er den Initiativen seiner Konkurrenten nachlaufen. Und wie auch immer: Der Nutzen aus der Senkung der Lohnstückkosten schwindet in dem Maß, in dem der Konkurrenzkampf der Anbieter den abgesenkten Verkaufspreis verallgemeinert; folglich wirkt der nötige Investitionsaufwand zur Steigerung der Produktivkraft der Arbeit dem Ziel entgegen, die Rentabilität des eingesetzten Kapitals zu steigern. So macht sich in der Konkurrenz der Warenanbieter das Paradox praktisch geltend, dass die Arbeitgeber ein Maximum an geldwertes Eigentum schaffender Arbeit für sich wirken lassen wollen und für den Gewinn, den sie daraus schlagen, Arbeit einsparen, weil sie deren Entgelt als zweckwidrigen Aufwand kalkulieren. In der politischen Ökonomie des Eigentums, in der Produkte nicht als Gebrauchsgüter, sondern nach dem Recht des Herstellers auf Verfügung darüber als Wertobjekt gelten, ist und bleibt es schlicht widersprüchlich, mit Blick auf die Kosten der Arbeit die in einer Ware steckende Arbeit und damit das in Geld gemessene Verfügungsrecht über die Produkte – ihren Preis – zu senken. Doch genau diesen Widerspruch praktizieren die Unternehmen in ihrer marktwirtschaftlichen Konkurrenz, und durch ihre Konkurrenz nötigen sie einander zu dieser paradoxen Praxis. Dass das Ergebnis ihrer Konkurrenzbemühungen um höhere Kapitalproduktivität folglich immer auch kontraproduktiv ausfällt, irritiert sie deswegen überhaupt nicht, sondern wirkt als ewiger Stachel, mit dem Erreichten nie zufrieden zu sein, sondern immer mehr Aufwand in immer neue Rationalisierungsfortschritte zu stecken.

Damit nicht an dieser Stelle noch Missverständnisse auftreten: Den Unternehmern, die mit ihren Bemühungen, am Kostenfaktor Arbeit zu sparen, den technischen Fortschritt bei der Erzeugung von Gebrauchsgütern so enorm vorantreiben und dadurch den Produktionsfaktor vermindern, der geldwerten Reichtum entstehen lässt, so dass sie immer wieder vor derselben Notwendigkeit stehen, den Arbeitseinsatz zu rationalisieren: denen wird hier keine falsche Strategie vorgeworfen – und auch kein historisches Verdienst um den Fortschritt der Menschheit attestiert. Es liegt ganz einfach in der verrückten Natur der Sache, nämlich der marktwirtschaftlichen Natur des Reichtums, den sie erwerben wollen und vermehren, um sich zu bereichern, dass ihre Maßnahmen zur Steigerung ihres Kapitalwachstums dem Wachstum des Geldreichtums insgesamt und ihrer Rendite aufs eingesetzte Kapital nicht bloß nützen, sondern zugleich zuwiderlaufen. Der Effekt, der für ein vernünftig geplantes Wirtschaften gut und richtig wäre, dass nämlich mit vermindertem Arbeitsaufwand mehr nützliche Dinge herzustellen sind, bewirkt in der Ökonomie des Geldverdienens eine Beschränkung dessen, was da als Reichtum zählt: Ein Produkt, in dem weniger Arbeit steckt, repräsentiert weniger Geldwert.

Dasselbe einmal andersherum betrachtet: Im Interesse ihres Gewinns reduzieren die kapitalistischen Produzenten ihren Geldaufwand für die benötigte Arbeit auch – und vor allem – in der Weise, dass sie den erforderlichen Aufwand an – zu bezahlender – Arbeit nach Kräften reduzieren. Die Macht dazu haben sie, weil sie mit ihren Produktionsmitteln über Inhalt und Art des Arbeitseinsatzes verfügen. Kraft dieser Verfügungsgewalt und mit der Wucht ihres Kapitals treiben sie die Trennung der Arbeit von deren eigenen Produktivkräften – von der Einrichtung des Produktionsprozesses mitsamt der angewandten Maschinerie ebenso wie von allem in der Technologie steckenden Wissen, von der organisierten Teilung der Arbeit und dem Zusammenwirken der Teilarbeiten – so weit voran, dass die Arbeit, die sie immer noch kaufen müssen, buchstäblich auf ihre ganz abstrakte Funktion im Dienst am produktiven Eigentum des Unternehmens reduziert ist.[18] Kapitalistisch rationalisierte Arbeit besteht in nichts anderem als dem bei aller Automatisierung noch nötigen Aufwand an Aufmerksamkeit und Kraft zur sachgemäßen Kontrolle und Bedienung des eingerichteten Apparats, der die kosteneffiziente und daher exzessive Ableistung dieses Aufwands von seinen verbliebenen menschlichen Anhängseln praktisch einfordert. Mit dieser Degradierung der menschlichen Arbeit zum preiswerten Lückenbüßer im vorgegebenen Produktionsprozess lösen die Unternehmen die Beziehung zwischen dem Produktionsergebnis und seiner Hervorbringung durch menschliche Arbeit zusehends auf – also die Zurechenbarkeit des Produkts zu seinem Produzenten, die das bürgerliche Rechtssystem in die gesetzlich geschützte Verfügungsmacht des Herstellers über „das Seine“ verwandelt, d.h. in das Eigentumsverhältnis, das in diesem System den Reichtum definiert. Rechtlich gesehen ist dieses Eigentumsverhältnis zwischen Produzent und Produkt ohnehin auf das Unternehmen übergegangen, das mit seiner Verfügungsmacht über Produktionsmittel und die bezahlte Arbeit als das Rechtssubjekt der Produktion fungiert. Mit ihren Anstrengungen, Arbeit durch ein immer weiter entwickeltes Regime über die Mittel und die Potenzen der Arbeit zu ersetzen, machen die produzierenden Unternehmen den Zusammenhang zwischen menschlicher Tätigkeit und dadurch hervorgebrachtem Eigentum, der den in Geld bezifferten Wert der produzierten Ware begründet, praktisch obsolet – und zugleich beharren das marktwirtschaftliche System und sämtliche in ihm tätigen Unternehmen eisern und unerbittlich auf der Kategorie des Werts und damit auf der Definition und der darin enthaltenen Bemessung des Reichtums als ein durch Arbeit erzeugtes Quantum Eigentum. Die Unternehmen ersetzen die wirkliche produktive Tätigkeit ihrer Arbeitskräfte durch Maschinen und Automaten, soweit es nur geht; sie eliminieren also genau den Faktor nach Kräften, dessen Wirken prinzipiell unterstellt ist, wenn das Produkt als Eigentum zählt, und dessen Quantität den in Geld zu realisierenden Zuwachs des Werts des geschaffenen Eigentums begründet; und trotzdem ist ihnen nur Eines wichtig, nämlich das Quantum an neu geschaffenem Wert im Verhältnis zum dafür eingesetzten Quantum Geldvermögen.[19] Und was dabei das Entscheidende ist: Das ist nicht bloß absurd; diese Absurdität macht sich praktisch geltend in dem systemeigenen Widerspruch, dass der als Konkurrenzmittel gehandhabte technische Fortschritt zugleich der Gewinnrechnung der konkurrierenden Firmen schadet. Das trotzdem ist nämlich in Wahrheit ein weil: Weil die Unternehmen mit ihrer Produktion nichts als ihre Kapitalrendite bezwecken, also nicht die Mehrung des, sondern das Wachstum ihres Eigentums, und weil sie dafür die Arbeit nicht als Quelle ihres Reichtums schätzen, sondern als zu minimierenden Kostenfaktor im Visier haben, deswegen reduzieren sie unter Aufbietung aller Errungenschaften von Wissenschaft und Technik und aller Künste der Arbeitsorganisation genau den Faktor, der im Maße seiner Betätigung Eigentum schafft. Mit ihrem Standpunkt der Kapitalrendite und ihrer Preiskonkurrenz am Markt setzen die Unternehmer diesen Widerspruch ins Werk. So kommt es zu dem bekannten Ergebnis: Immer mehr Auslagen sind nötig, um immer weniger Arbeit immer ergiebiger zu machen resp. an der immer ergiebigeren Arbeit zu sparen. Statt hemmungslos mehr Überschuss abzuwerfen, führen die ertragssteigernden Investitionen dazu, dass die Konkurrenz um Gewinn immer kostspieliger wird, so dass die Größe, auf die doch alles ankommen soll: die Unternehmensrendite, durch die aufwändigen Methoden ihrer Steigerung beschränkt wird.

Kapitalistische Arbeitgeber ziehen aus diesem Paradox die einzig systemgemäße Folgerung. Voller Selbstlob für die Großzügigkeit, mit der sie ihren Leuten nur das Beste zukommen lassen, und mit einem unüberhörbaren Unterton von Beschwerde über deren Undankbarkeit geben sie bekannt, dass konkurrenzfähige Arbeitsplätze immer teurer werden. Und machen so gleich klar, wen sie für ihren Widerspruch haftbar machen: Die Arbeit wird unter die Bedingung gestellt, nur dann ihren Lohn wert zu sein, wenn sie mit ihren Lohnstückkosten den steigenden Unternehmensaufwand rentabel macht – ansonsten wird sie gestrichen. So resultiert die Indienstnahme des technischen Fortschritts, der immer weiter gehenden Freisetzung der Gesellschaft von den Mühen der Herstellung nützlicher Güter, für die Konkurrenz um die rentable Anwendung von Arbeit in einem grotesken Nebeneinander von für überflüssig erklärten Arbeitskräften und – bis auf Weiteres – lohnenden „Arbeitsplätzen“, die ihren „Inhabern“ die preisgünstige Ablieferung von Höchstleistungen abverlangen. An seinen Dienstkräften vollstreckt das produktive Eigentum die Reduzierung seiner Quelle im Interesse seines Wachstums als die Freisetzung von Lohn auf der einen Seite und als die ausgiebigste Inanspruchnahme der verbleibenden Mannschaft auf der anderen.

Für Unternehmer eine völlig logische Sache: Den ganzen Aufwand haben sie nur betrieben, um Arbeitskosten zu sparen; also muss sich an den verbliebenen Arbeitskosten auch erweisen, dass dieser Aufwand sich gelohnt hat. Durch einen in einer hübschen Prozentzahl zusammengerechneten Überschuss über den Gesamtvorschuss einschließlich des Investitionsaufwands muss die noch benötigte Arbeit ihre Bezahlung rechtfertigen. Sie wird einer Bewährungsprobe unterworfen, die allein im Investitionsaufwand des Unternehmens begründet ist und in dessen Rentabilitätskalkül ihre Kriterien hat.

Ein wesentlicher Teil dieses Kalküls gilt einem speziellen Nachteil, den der Ersatz von Lohnkosten durch verbesserte Produktionstechnik für das Unternehmen an sich hat: Die dafür aufgewandte Geldsumme liegt erst einmal fest; es dauert, bis sie im Verkaufspreis der damit hergestellten Ware wieder zurückgeflossen ist. Das ist für das Verhältnis zwischen Aufwand und Gewinn für sich genommen schon nicht günstig. Außerdem erwächst der Firma daraus das Risiko, dass die Konkurrenten schon wieder verbesserte Produktionsmittel und -verfahren einführen, noch bevor der eigene Investitionsaufwand im kalkulierten Sinn abgeschrieben ist: Dann lohnt sich der Gebrauch des vorhandenen Produktionsapparats nicht mehr; der Aufwand dafür schlägt als Verlust zu Buche. Aus beiden Gründen ist mit jeder kostenträchtigen Rationalisierung für das Unternehmen der ökonomische Sachzwang verbunden, seine perfektionierten Arbeitsplätze möglichst kontinuierlich in Betrieb zu halten. Für die Belegschaft kommt damit zu der Anforderung, sich immer wieder auf neue Arbeitsbedingungen einzustellen, die Nötigung zu ununterbrochener Betriebsamkeit hinzu: Die „Maschinenlaufzeiten“ machen Schichtarbeit unumgänglich! Denn natürlich machen die Arbeitgeber kraft ihrer wohlerworbenen Verfügungsmacht über menschliche Arbeitskraft auch dieses selbstgeschaffene Drangsal ihrer Konkurrenz zu einer Bedingung, an der die bezahlte Arbeit sich zu bewähren hat.

3. Der technische Fortschritt und seine Folgen für die Arbeit – oder: Das Kapital verachtet seine Quelle und behandelt sie entsprechend

Eins steht von vornherein fest: Von dem technischen Fortschritt, den das Kapital in die Arbeitswelt einführt, kommt denen, die für Lohn die Arbeit tun, nichts zugute. Wie auch? Schließlich ist Kostenentlastung der Zweck und das Kriterium aller Maßnahmen, mit denen die Unternehmer die Ergiebigkeit der Arbeit steigern. Und das heißt, bloß anders ausgedrückt: Weniger vom geschaffenen Eigentum, das im Marktpreis der Ware sein Maß hat, geht als Lohnstückkosten an die Arbeiter. Es ist keine zusätzliche Gemeinheit, sondern das Prinzip dieses Fortschritts, dass die Steigerung des Outputs die bezahlten Kräfte nicht erreicht. Die bleiben mit der Arbeit, die für den Unternehmensgewinn notwendig ist, und der Vergütung dafür, die sich nach derselben Notwendigkeit richtet, von einem immer gewaltigeren Reichtum ausgeschlossen; der Anteil an der gesellschaftlichen Zahlungsfähigkeit, über den sie mit ihren zusammengezählten Lohnstückkosten verfügen, sinkt mit dem Produktivitätswachstum. Sie müssen schon massiv Druck machen und außerdem von der allzuständigen Aufsichtsbehörde, dem Staat, in dem einen oder anderen ihrer Belange Recht bekommen, um mit den neuen gesellschaftlichen Lebensbedingungen auch neue eigene Lebensnotwendigkeiten anerkannt und vergütet zu kriegen. Einem solchen Erfolg steht jedoch die notwendige Wirkung entgegen, die die Unternehmen mit ihren Rationalisierungen bezwecken und erzielen: Für die Produktion verkäuflicher Ware brauchen sie weniger Arbeit, also weniger bezahlte Arbeitskräfte; welche Belegschaft wie stark dezimiert wird, ergibt sich aus dem Konkurrenzkampf der Firmen. Wer so überflüssig wird, ist damit selbstredend überhaupt nicht aus dem Zwang der Erwerbsarbeit entlassen, der Nötigung also, irgendeine Arbeit zu finden. Das Ergebnis ist die absurde ökonomische Figur des Arbeitslosen. Absurd deshalb, weil die Tatsache, dass so viele Leute nicht gebraucht werden, eine Folge der Errungenschaft ist, dass für immer mehr Güterproduktion immer weniger Arbeitsmühe und Arbeitszeit erforderlich sind, diese Errungenschaft aber für die Freigesetzten gar keine ist. Deren ganze Freiheit besteht in der Notwendigkeit, wieder von einem Arbeitgeber gebraucht zu werden, was nicht bloß grammatikalisch eine passive Haltung ist und gar nicht in ihrer Macht liegt; und das auch noch gegen den Trend, der sie gerade ihre Erwerbsquelle gekostet hat. Sie unterliegen einer Nötigung, ohne ihr entsprechen zu können – außer mit dem trostlosen Bemühen, zu dem sie freilich von allen Seiten ermuntert und von ihrer Arbeitsagentur mit einigem Nachdruck angehalten werden: sich zum freibleibenden Angebot für allfälligen Kräftebedarf herzurichten. Das bringt die Unternehmen in ihrer Eigenschaft als Arbeitgeber in eine extra starke Position; nicht nur bei der eventuellen Einstellung von Arbeitslosen, sondern bei allen Lohnauseinandersetzungen mit der Arbeitnehmerseite: Es stehen ja immer genügend Ersatzkräfte bereit, denen ihre Notlage das Fordern unmöglich macht – so sieht das jedenfalls eine moderne Arbeitnehmervertretung und übt beim Streit ums Entgelt die sachzwangmäßig gebotene Zurückhaltung.

Es kommt hinzu, dass Arbeitslose im modernen Sozialstaat der öffentlichen Gewalt zur Last fallen. Die zweigt die Kosten, die ihr daraus entstehen, vom Entgelt für noch benötigte Arbeitskräfte ab, schmälert also wegen der negativen Wirkungen, die der sparsame Gebrauch der Arbeit durch die Firmenwelt für die Lohnabhängigen nach sich zieht, vorsorglich die Einkommen, die die Beschäftigten aus ihrem Dienst am Wachstum fremden Eigentums beziehen. Verrechnet wird dieser Posten gleichwohl als Last für den Sozialhaushalt des Staates. Das Interesse, diese Last zu erleichtern, kommt als fiskalischer Sachzwang zu dem wirtschaftspolitischen Interesse hinzu, möglichst viel eigenes Volk nutzbringend, d.h. rentabel anwenden zu lassen. Mit diesem Kriterium – möglichst viel Beschäftigung, aber nur rentable – steht fest: Arbeitslose beweisen mit ihrer bloßen Existenz, dass ihre Beschäftigung unrentabel, also zu teuer ist. Also betätigt sich auch die Instanz des gemeinen Wohls als machtvoller Befürworter eines niedrigen nationalen Lohnniveaus. In den fortschrittlichsten Ländern haben die Zuständigen einen zunehmend umfangreichen Billiglohnsektor etabliert und die Sozialabgaben auf das Ziel ausgerichtet, auch von Staats wegen auf die Senkung der Lohnstückkosten hinzuwirken.

Wer das Glück hat, eine Arbeit zu finden oder zu behalten, der wenigstens spürt an seinem kostenaufwändigen Arbeitsplatz hautnah etwas vom technischen Fortschritt. Allerdings nicht in der Form, dass die Arbeit bequemer würde und gelassener angegangen werden könnte. Herausgekürzt aus dem industriellen Alltag hat sich allenfalls der rohe Kraftaufwand – mangels Rentabilität. Dafür stehen teure Maschinen da, die ganz eigene ökonomische Anforderungen an die Leute richten, die sie bedienen: Rascher Umschlag des investierten Kapitals ist eine gebieterische betriebswirtschaftliche Notwendigkeit, der die Arbeiter erstens durch die Erfüllung höchster Vorgaben beim Arbeitstempo zu genügen haben; wie von selbst passt dann sogar mehr Arbeit in die bezahlte Arbeitsstunde hinein, und das Unternehmen kann sich, außer über beschleunigten Umschlag, schon wieder über eine Lohnkostenentlastung freuen. Die andere komplexe Arbeitstugend, die fortschrittliche Arbeitgeber ihren Leuten zum Sachzwang machen, weil sie selber dem Sachzwang des kostenmindernden Kapitalumschlags unterliegen, heißt nach der gängigen Sprachmode Flexibilität. Sie betrifft zum einen den Inhalt der Arbeit. Mit der Festigkeit einstiger Berufsbilder hat das Arbeiten schon längst nichts mehr zu tun; ganz zu schweigen von einem Zusammenhang zwischen erlernten Fertigkeiten und verlangten Tätigkeiten, den die sogenannte Berufsausbildung fingiert. Im dauernd umgemodelten Job ist die Abstraktheit der wertschaffenden Arbeit konkreter Arbeitsalltag. Gleiches gilt für die Arbeitszeit: Deren Länge, die Aufteilung auf Tag, Woche und Jahr, der Wechsel zwischen Freizeit, Dienst und Arbeitsbereitschaft, das alles ergibt sich aus den Maschinenlaufzeiten, die erstens keine arbeitnehmerbedingten Unterbrechungen erleiden dürfen und zweitens immer genau dann unterbrochen werden müssen, wenn es für so bedeutende Rechenposten wie die Auftragslage, die Verkaufskonjunktur, die Lagerhaltung usw. nützlich erscheint.

Mit seiner Politik der immerwährenden Rationalisierungen praktiziert das marktwirtschaftliche Unternehmertum einen Umgang mit der Arbeit, der den Tatbestand systematischer Verachtung der Quelle seines Reichtums erfüllt. Die Arbeit wird als Kostenfaktor bekämpft, als Produktionsfaktor in alle technologischen Sachzwänge eingepasst, die die Experten der Profitmacherei aus dem Kriterium der ständig zu steigernden und immer neu sicherzustellenden Rentabilität des eingesetzten Kapitals ableiten. Die Leistungsfähigkeit der Arbeitskräfte wird als Manövriermasse im Besitz der Arbeitgeber behandelt, nach Maß und Inhalt immer neu zurechtgemacht und abgerufen – und weggeworfen, wenn es wieder einmal gelungen ist, Arbeitsaufwand überflüssig zu machen. Für den Lebensunterhalt der Beschäftigten hat zu reichen, was ins Lohnstückkostenkalkül der konkurrierenden Unternehmen hineinpasst, abzüglich der fälligen Abgaben an die Instanz des marktwirtschaftlichen Gemeinwohls.

Bei der dermaßen verächtlich behandelten Mehrheit der Gesellschaft trifft der Anpassungszwang, den die Manager der zeitgenössischen Arbeitswelt arrangieren, auf extrem viel Anpassungsbereitschaft. Nicht, weil postmoderne Arbeitnehmer sich schon immer ein Dasein als Anhängsel eines beständig fortentwickelten Produktionsapparats und als nur bedingt nachgefragter Kostenfaktor gewünscht hätten, sondern weil sie – solange sie nicht ihren Status und damit das System der Geldwirtschaft insgesamt aufkündigen – keine Alternative haben. Gerade weil das verdiente Geld nie für mehr langt als für den Lebensunterhalt bis zur nächsten Lohn- oder Gehaltszahlung und weil der marktwirtschaftliche Zweck ihrer Beschäftigung diese selbst immerzu in Frage stellt, opfern die Betroffenen in aller Regel Lebenszeit und Arbeitskraft dem ständigem Bemühen, einen Arbeitgeber von der eigenen Nützlichkeit zu überzeugen. So stabilisiert die Untauglichkeit des Lohnsystems als Lebensmittel der Entlohnten deren Bereitschaft, den eigenen Aufwand an Zeit und Kraft und Gesundheit – immerhin die Bedingungen des Gebrauchswerts, den das eigene Leben für den Menschen selber hat – gleich von vornherein gar nicht als Aufwand, sondern als belastbares eigenes Erwerbsmittel zu taxieren.

Zum wirklich tauglichen Gebrauchswert wird die Arbeitskraft damit für den Arbeitgeber, der sie bezahlt. In dessen Konkurrenzkampf ist sie eingespannt, so als läge es an den Lohnarbeitern, am Ende an ihrem Verzicht auf Überstundenzuschläge und ihrer Bereitschaft zu Sonntagsschichten, ob dieser Kampf, der natürlich immer „um Arbeitsplätze“ geht, gewonnen oder verloren wird; dabei haben sie außer ihrer benutzbaren Arbeitskraft überhaupt nichts einzubringen, geschweige denn zu entscheiden. Alle Freiheit, die Lohnarbeit, Quelle jeglichen Eigentums, zum Konkurrenzmittel herzurichten, liegt bei den Unternehmern. Deren einschlägige Ansprüche wachsen mit den eingesetzten Mitteln.

Und die sind interessanterweise noch weit größer als alles, was kapitalistische Warenproduzenten aus ihren Belegschaften herausholen.

IV. Arbeiten unter dem Kreditsystem: immer mehr, immer rentabler, bis nichts mehr geht

Zur Effektivierung ihres Konkurrenzmittels, der Arbeit, setzen die Arbeitgeber nicht bloß eigene Geschäftserlöse ein, sondern Schulden. Mit geliehenem Geld verschaffen sie sich die Freiheit, über das Maß ihres Vermögens und der jeweils erwirtschafteten Überschüsse hinaus ihre Produktion kontinuierlich fortzuführen, sie auszuweiten und ihre Rentabilität zu steigern. Zum eigenen Geschäftszweig verselbständigt, befähigt der Kredit die Unternehmer dazu, für ihre Konkurrenz um Marktanteile gewaltige Investitionen zu tätigen und alle Schranken zu ignorieren, auf die sie dabei stoßen. Der Zugriff auf Leihkapital wird damit freilich zur notwendigen Geschäftsbedingung. Damit wird der Gewinn zum Mittel, um an fremdes Geldeigentum heranzukommen, nämlich die mit der Verfügung über fremdes Geldeigentum verbundene Tributpflicht gegenüber dem Gläubiger zu erfüllen. So wird die Kreditwürdigkeit zum Kriterium, also zum Zweck des produktiven Geschäfts.

Die Branche, die sich derart fördernd und bestimmend ins kommerzielle Geschäftsleben einschaltet, finanziert ihre einschlägigen Dienstleistungen ihrerseits mit Schulden: mit fremdem Geldvermögen, für dessen Benutzung sie Zinsen zahlt; finanztechnisch mit dem Geld der Gesellschaft, das sie praktisch flächendeckend durch verbuchte Forderungen und Verbindlichkeiten und deren Verrechnung ersetzt. Banken konzentrieren so die Privatmacht des Geldes in ihren Händen, machen sie als Kredit fürs kapitalistische Wachstum verfügbar und bereichern sich an Zinserträgen, also vermittels des Rechtsverhältnisses, das der Gläubiger mit dem Kreditnehmer eingeht. Im Geschäftsverkehr untereinander und mit privaten Geldbesitzern machen sie diese Art der Geldvermehrung in Gestalt von Wertpapieren der verschiedensten Art zur Handelsware. Mit dieser Vermarktung von Schulden als Geldkapital beteiligen sie alle Welt an den Erträgen, auf die sie ein Recht haben, wie an den Risiken, die sie eingehen, wenn sie die Zahlungspflichten der kreditierten Unternehmen wie einen sich vermehrenden Vermögenstitel behandeln. So macht die Branche für sich selbst das kapitalistische Ideal wahr, dass jeder Geldsumme ein Recht auf Zuwachs innewohnt. Den kreditierten Unternehmen verleiht sie die Macht, sich über die Abhängigkeit ihrer Kommandogewalt über Arbeit und Produktionsmittel von den eigentumswirksamen Leistungen der kommandierten Arbeit hinwegzusetzen und den praktischen Beweis anzutreten, dass allein die Größe der vorgeschossenen Geldsumme die gekaufte Arbeit rentabel, also das Kapital, das sich die Arbeit rechtsförmlich inkorporiert hat, produktiv macht.

Die Freisetzung dieser Produktivkraft durch den Kredit hat allerdings ihren Preis: Sie verschärft die Konkurrenz zwischen den Unternehmen um lohnende Gelderträge aus dem steigenden Vorschuss, die sie aus ihrem Produktionsfaktor Arbeit herauswirtschaften. Kredit stärkt erfolgreiche Kapitale ebenso, wie er anderen über Schwächen und sogar Niederlagen hinweghilft. Am Ende führt die Spekulation der Finanzinstitute und Geldanleger die Entscheidung in den Konkurrenzkämpfen der kreditierten Unternehmen herbei. Auf Grund des kreditfinanzierten Wachstums aller Konkurrenten fällt diese Entscheidung periodisch gegen alle aus, schädigt folglich auch die Finanzbranche selbst. Der zugrunde liegende politökonomische Widerspruch – zwischen den Bemühungen des Kapitals um maximale Verwertung des vorgeschossenen Geldes und dem dafür eingesetzten Mittel, der Minderung des Kostenaufwands für Arbeit durch die kostenaufwändige Steigerung ihrer Produktivkraft – macht sich geltend als Missverhältnis zwischen der Masse des in den Konkurrenzkämpfen allseits eingesetzten Kredits und dem damit tatsächlich erzielten allgemeinen Wachstum: Was das Finanzgewerbe an Finanzmitteln schafft und zirkulieren lässt, wird nicht als das Geldkapital gerechtfertigt, als welches das Gewerbe sie in seinen Büchern stehen hat. Die Emanzipation des Kapitals von den Schranken der Eigentumsvermehrung durch menschliche Arbeit, die es selber mit den Methoden der Steigerung seiner Produktivität zugleich enger zieht, bewirkt immer wieder das paradoxe Ergebnis, dass zu viel Kapital in der Welt ist, als dass sein Gebrauch sich noch rentieren und weiteres Wachstum bewirken könnte.

Für die fällige Entwertung ihres Reichtums lässt die Klasse der Eigentümer, die in der Marktwirtschaft „die Wirtschaft“ heißt, die andere Klasse haften: Der Faktor Arbeit war nicht rentabel genug; sein letzter zweckdienlicher Gebrauch besteht in seiner Stilllegung. So ergibt sich stets von neuem das bekannte Krisenszenario eines „unvermittelten Nebeneinander“ von ganz viel überschüssigem Geldvermögen und einem gewaltigen Überschuss an lohnabhängiger Erdbevölkerung.

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Ein Geschäftsleben findet, wie jeder weiß, nicht bloß an den Märkten statt, auf denen unternehmungsfreudige Arbeitgeber die Ware, die sie haben produzieren lassen, profitbringend zu Geld machen. Die eindrucksvollsten Abteilungen kapitalistischer Erwerbstätigkeit sind in den Börsensälen zu Hause, wo das Fernsehpublikum den Brokern bei der Produktion von Zickzack-Kurven zusehen darf, oder spielt sich gleich elektronisch in jenen sagenhaften Computern ab, die in Sekundenschnelle Multimilliardenbeträge rund um den Globus verschieben. Das schnellste Geld jedenfalls und die größten Vermögen werden in Sphären gemacht, wo die Geldbesitzer bzw. deren Agenten ganz unter sich sind, und mit Papieren, auf denen nichts als spekulative Erfolgsversprechen notiert sind.

Das alles ist, wie abgehoben auch immer von jeder schlichten Warenproduktion und -zirkulation, dennoch nicht ohne Bezug auf die Abteilungen der kapitalistischen Ökonomie, die im Kontrast dazu „Realwirtschaft“ heißen. Wenn eine Bank wegen Fehlspekulationen zusammenbricht oder umgekehrt ein Aktienkurs in ungeahnte Höhen steigt, dann rechnet jeder mit materiellen Auswirkungen auf Industrie und Handel, auch wenn gar nicht klar ist, mit welchen. Umgekehrt kann „Vollbeschäftigung“, worunter man mittlerweile alle einstelligen Arbeitslosenquoten versteht, einen ganzen nationalen Aktienindex herunterdrücken, weil z.B. wegen der Vollbeschäftigung höhere Löhne, wegen der Löhne mehr Inflation, wegen der Inflation höhere Zinsen und wegen der Zinsen sinkende Aktienkurse befürchtet werden – ganz gleich, wie verkehrt jedes dieser vier „wegen“ in der Sache ist; eine Massenentlassung wiederum kann Kurssprünge nach oben auslösen, weil ein Börsenmakler darin ein Signal für mehr Rücksichtslosigkeit beim Profite-Steigern erblickt und zwischen der Maßnahme und ihrem Erfolg nicht unterscheiden mag; usw.

Dass die verselbständigte Welt der Spekulation auf zinstragende Schuldscheine und ähnliches Zeug etwas mit der Arbeitswelt zu tun hat, wird also allgemein angenommen. Gemeingut ist auch die Erkenntnis, dass diese Beziehung von seltsamer Natur, undurchschaubar und nicht selten von einem überraschend offenen Zynismus geprägt ist. Weniger geläufig dürfte sein, dass und inwiefern sich mit dem Kredit das kapitalistische Regime des Eigentums über die Arbeit der Gesellschaft vollendet.

1. Von der Konkurrenz der Unternehmen mit Kredit um die rentabelste Arbeit zum Einsatz rentabler Arbeit in der Konkurrenz der Unternehmen um Kredit

Jeder Unternehmer gerät in seiner Geschäftstätigkeit an seine Grenzen: Beim Einsatz verfügbarer Gelder für seinen Konkurrenzkampf erweist sich sein Vermögen allemal als zu klein. Es hilft nichts, dass es wächst: Wenn es investiert ist, liegt es erst einmal fest und steht für eine „flexible Reaktion“ auf die Konkurrenzlage nicht zu Gebote; es fehlt für womöglich unabdingbare, weil von der Konkurrenz diktierte Rationalisierungen; und Investitionen, die durchschlagenden Erfolg versprechen, kosten ohnehin regelmäßig weit mehr, als sich vom einlaufenden Ertrag abzweigen lässt. Es ist also nicht bloß so, dass kapitalistische Unternehmer allemal gerne mehr verdienen und dafür mehr „unternehmen“ würden; ihr Eigentum ist wegen seiner begrenzten, im Vergleich zu den Konkurrenten sehr relativen Größe auch nie die optimale Konkurrenzbedingung, die es sein soll.

Der Kredit hilft über diese Schranke hinweg.

– Kapitalistische Produzenten und Kaufleute, die untereinander Handel treiben, pflegen einander mit Zahlungsversprechen zu bezahlen. Als Mittler fungieren Banken, die den Rechnungsbetrag dem einen Konto gutschreiben, auf dem anderen als Schuld verbuchen, für die sie bis zum Eingang von Zahlungen Zinsen berechnen. So verfügt der Verkäufer schon über den Geldwert seiner Ware, hat seinen Kapitalvorschuss insoweit bereits wieder in der Hand und kann als Produzent seinen Betrieb fortführen, noch bevor der Warenwert definitiv in Geld realisiert ist. Das aufgewandte Kapital liegt nicht mehr für die Dauer der Vermarktung der fertigen Ware fest, es lässt sich sofort wieder für die Herstellung neuen Eigentums einsetzen, sobald das Produkt die Werkshallen verlassen hat: ein bedeutender Beitrag zur Kapitalproduktivität, auf die es schließlich ankommt.

– Und es bleibt nicht dabei, dass produzierter Warenwert durch von Banken verbuchte Schulden eines Käufers unverzüglich in ‚Liquidität‘ verwandelt wird. Das Kreditgewerbe steht auch dafür bereit, Unternehmer mit einem zusätzlichen Kapitalvorschuss auszustatten, also einen Warenwert zu beleihen, der durch das kreditierte Geschäft erst zustande kommen soll. Durch Schulden, also die Verpfändung zukünftiger Erlöse kommen Unternehmen an die Mittel, die sie brauchen, um ihren Umsatz auszuweiten, wo immer sich Absatzchancen für ihren Geschäftsartikel erschließen lassen; um in die Steigerung der Produktivkraft der benutzten Arbeit zu investieren; um neue Geschäftszweige zu eröffnen oder, der Aussicht auf bessere Renditen folgend, in andere Branchen zu wechseln; usw. Benötigt werden solche zuschüssigen Mittel im Interesse beschleunigter Bereicherung; einem Interesse, das als Notwendigkeit auf die Unternehmen zurückwirkt, weil sie alle dieses Interesse in Konkurrenz gegeneinander verfolgen. Dafür verschafft der Kredit den Firmen die Freiheit, sich von den einschränkenden Bedingungen ihres bisherigen Geschäftsgangs zu lösen und ihren Kapitaleinsatz ganz an den Chancen für beschleunigtes Wachstum und den Erfordernissen ihres Kampfes um Marktanteile auszurichten.

Die Freiheit hat natürlich ihren Preis. Sie kostet Zins oder anders definierte Zahlungspflichten, also Abzüge von den Erträgen, die mit dem durch Schulden vergrößerten Kapitalvorschuss erwirtschaftet werden; im günstigen Fall nur einen Teil des Zuwachses beim Gewinn. Auf jeden Fall muss das Unternehmen mit seinem Profit auch das Geldkapital des Kreditgebers produktiv machen. Diese rechtlich festgeschriebene Pflicht bedeutet für das kreditierte Geschäft mehr als nur einen Abzug vom Ertrag. Ihre Erfüllung hat rechtlich Vorrang vor dem ökonomischen Bedürfnis, das das Unternehmen sich mit seiner Verschuldung erfüllt, und sogar vor seinem ökonomischen Erfolg. Vor allem andern kommt der Dienst am ökonomischen Erfolg des Gläubigers: der wirkliche Erlös der Firma hat seine Vorwegnahme im Kredit zu rechtfertigen, also auch den im Zinsanspruch vorweggenommenen Zuwachs zu erbringen und so dafür zu sorgen, dass die verliehene Summe sich für den Kreditgeber als Geldkapital bewährt. Dass damit ein neues Erfolgskriterium ins kapitalistische Geschäftsleben Einzug hält, macht sich nicht erst im Nachhinein bemerkbar, wenn es an die Verteilung des zusätzlichen Geldreichtums, der Ausbeute aus der angewandten Arbeit, geht. Schon vorweg muss das Unternehmen die Finanzwelt für sein Wachstum interessieren, von der Höhe und Sicherheit der Erträge überzeugen, für die es das geliehene Kapital einzusetzen gedenkt. Um seine Konkurrenzkämpfe mit Kredit bestreiten zu können, muss es deren Erfolgsaussichten von Banken und Investoren prüfen und bewerten lassen; im Vergleich mit anderen Geldanlagen und mit den Geschäftschancen seiner Konkurrenten. Für den Konkurrenzkampf mit Kredit muss das Unternehmen die Konkurrenz um Kredit bestehen: Es muss seine Kreditwürdigkeit beweisen.

Mit der Freiheit von den Schranken des schon erwirtschafteten Eigentums kommt für das kapitalistische Unternehmen also zu seinem Eigeninteresse, das dank der Konkurrenz als „Sachzwang“ zum Erfolg wirkt, der zweite „Sachzwang“ hinzu, durch eigenen Erfolg den Erfolg des Geldverleihers bzw. Investors zu gewährleisten. Auch in der Symbiose, die Finanzier und kreditiertes Unternehmen miteinander eingehen, werfen eben nicht einfach ein paar Gleichgesinnte für ein gemeinsames Werk ihre Potenzen zusammen. Wo eigenes und fremdes Eigentum zu einer einzigen vergrößerten Kommandogewalt über Arbeit und Produktionsmittel kombiniert werden, bleibt das Privateigentum als ausschließende Größe, der Gegensatz der Privateigentümerinteressen erhalten.[20] Der Zusammenschluss produziert für beide Seiten einen Widerspruch: zwischen Freiheit und Sachzwang auf Seiten des Kreditnehmers, zwischen Vorrecht auf und Abhängigkeit vom fremden Geschäftserfolg auf Seiten des Geldgebers. Geltend macht sich das in einer Vielzahl von Konflikten, die sich um Kosten und Bedingungen von Finanzierungsgeschäften drehen; da streitet die eine Partei um den Preis der Freiheit, die ihr ein geliehener Zuwachs an Kapitalgröße bringt, die andere um die Sicherheit des Geldkapitals und die Höhe der Rendite, die die Gegenseite ihr schuldet. Den kapitalistischen Unternehmenszweck ändert dieser Streit in genau einem Sinn: Er steigert das Anspruchsniveau hinsichtlich der Kapitalproduktivität, um deren Maximierung es sowieso geht.

Die Belegschaften, die mit ihrer Arbeit und ihrem Entgelt für eine Kapitalrendite mobilisiert und haftbar gemacht werden, die diesem Anspruchsniveau genügt, sind auf diese Weise mit der Tatsache konfrontiert, dass hinter der Kommandomacht über ihre produktive Tätigkeit mehr als bloß das Eigentum einzelner Eigentümer steht. Nämlich in erster Instanz die Symbiose dieses Privateigentums mit dem Kredit, der dessen Macht und Ertragsanspruch steigert. Hinter diesem Kredit steht in der modernen Marktwirtschaft wiederum nicht bloß der eine oder andere Privateigentümer, der gerade zufällig Geld übrig hat. Das Kreditverhältnis ist in Gestalt von Banken und anderen Geldinstituten in einer Weise professionalisiert, dass darin die Kommandomacht des Reichtums der gesamten Klasse, die von ihrem Geldbesitz lebt, konzentriert zuschlägt. Das zuständige Gewerbe kombiniert die Privatvermögen aller potenten Marktteilnehmer – und mittlerweile sogar die Privatmacht allen Geldes, das überhaupt verdient wird und zirkuliert – systematisch zu einer Macht, die mit all ihren inneren Widersprüchen, Interessengegensätzen und Abhängigkeiten etwas ganz anderes darstellt als die bloße Addition von Geldsummen. Der ‚Faktor Arbeit‘ bekommt es mit dem monströsen Widerspruch einer wirklichen Vergesellschaftung des Privateigentums zu tun.

2. Die politökonomische Eigenart des Finanzgeschäfts und seine Leistung: Freisetzung des Wirtschaftswachstums durch Vergesellschaftung der Privatmacht des Geldes

Mit seinem Dienst an den Konkurrenzanstrengungen und Wachstumsstrategien der Unternehmenswelt betreibt das Kreditgewerbe sein Geschäft und sein Wachstum. Das funktioniert auf seine eigene Art und Weise.[21]

a) Das Finanzgewerbe etabliert Geldvermehrung als ein jeder Geldsumme inhärentes Recht

Wenn Kreditunternehmen Geld verleihen, dann schaffen sie damit auf ihrer Seite eine Forderung: ein verbrieftes Recht auf Geldzuwachs. Das Geld ist in fremder Hand; in ihren Händen entsteht stattdessen Geldkapital in Form eines Rechtstitels, der die Vermehrung der weggegebenen Geldsumme durch vereinbarungsgemäße Zahlungen des Kreditnehmers repräsentiert. Die produktive Unternehmenswelt lässt geldförmigen Reichtum schaffen, bezieht den darin enthaltenen Überschuss über die vorgeschossene Summe auf den eigenen Vorschuss als Quelle und bemisst daran den Erfolg des Einsatzes eigenen Vermögens. So macht sie Geld zur Geldquelle. Diese Kapitalpotenz des Geldes existiert in der Hand des Finanzkapitals als Rechtsanspruch getrennt von jedem materiellen Verwertungsprozess, verselbständigt gegen den wirklichen Gebrauch der verliehenen Geldsumme. Die Zweckbestimmung des marktwirtschaftlichen Reichtums, als Kapital verwendet und dadurch mehr zu werden, wird zum Recht des Kreditgebers auf einen Geldzuwachs und in dieser Form zu seiner Einnahmequelle.[22]

Die Banken bedienen sich für ihr Leihgeschäft des Geldes, das die Kundschaft bei ihnen hinterlegt. Der gegenüber gehen sie ihrerseits Verbindlichkeiten ein, gründen ihre Gläubigerposition also auf eigene Verschuldung. Die Verfügungsmacht über das fremde Geld sichern sie sich dadurch, dass sie selber Zinsen zahlen, ihre Einleger also an der Verwandlung von Geld in Geldkapital teilhaben lassen; gerechterweise in umso höherem Maß, je dauerhafter sie über die Depositen als Manövriermasse für ihr Kreditgeschäft verfügen dürfen.[23] Die Differenz zwischen den ökonomischen Erträgen der Rechtsverhältnisse, die sie nach den beiden Seiten hin, als Schuldner aller Geldbesitzer und Gläubiger aller Kreditnehmer, eingehen, lässt das Kapital wachsen, das die Banken selber vorschießen.

Selbstverständlich beruht diese Leistung des Bankgewerbes auf dem Produktionsprozess, mit dem die Gesellschaft ihren materiellen Stoffwechsel bewerkstelligt; es verselbständigt ja dessen ökonomische Eigenart. Die Freisetzung der Kapital-Natur des Geldes im Kredit setzt voraus, dass mit den Dienstleistungen des Gewerbes für die Unternehmenswelt unablässig ein Überschuss an privatem Eigentum geschaffen und in Geld realisiert wird. Seine Voraussetzung kennt das Kreditwesen freilich nur als eine Ansammlung von guten und weniger guten Risiken – dafür nämlich, dass die akkumulierten Rechtsansprüche auf Geldvermehrung auch vereinbarungsgemäß erfüllt werden; und das heißt praktisch: in Form von Gründen für messerscharf unterschiedene Aufschläge auf den Mindestzinssatz, die es seinen kommerziellen Schuldnern je nach deren Bonität berechnet, bzw. in Form von Kursen, zu denen es deren Schuldpapiere kauft und verkauft. Das Risiko, der spekulative Charakter des Kreditgeschäfts, erhält eine Preisform und wird so zum Mittel des Bankgeschäfts. Auf die Weise nimmt es seine Grundlage: die kapitalistische Firmenwelt, die sich für ihr Wachstum der Arbeit ihrer Angestellten bedient, konsequent im Sinne und nach Maßgabe seiner Geschäftsinteressen, nach dem Kriterium seines Wachstums in Anspruch.

b) Das Finanzgewerbe vervielfacht sein Kreditgeschäft durch Geschäfte zwischen den Finanzakteuren und macht so aus seinen Risiken eine haltbare, belastbare, äußerst potente Einnahmequelle

Natürlich geht damit jedes Kreditinstitut tatsächlich Risiken ein. Mit jeder Finanzierung übernimmt es Zahlungspflichten, die allein durch die Sicherheit „gedeckt“ sind, dass die finanzierten Schuldner auch fristgerecht zahlen und damit die Verbuchung des weggezahlten Geldes als Geldkapital rechtfertigen. Aus der Masse und dem Gang ihrer Finanzierungsgeschäfte schöpft die Bank die Potenz und die Mittel, Verbindlichkeiten, die sie eingegangen ist, zu bedienen und neue einzugehen. Mit ihrem Geschäftsvolumen vervielfacht sie also ihre Sicherheiten, weil ihre zinspflichtigen Schuldner. Sie vervielfacht damit aber zugleich ihre (Ausfall-)Risiken.

Für die Ausgestaltung dieser waghalsigen Art der Bereicherung zum Prinzip einer ganzen Geschäftssphäre greifen die Finanzinstitute aufeinander zurück: Es betreiben nicht nur viele Finanzinstitute dasselbe. Sie geben und nehmen untereinander Kredit, stehen mit ihrer Art der Bereicherung also nicht alleine da, sondern teilen ihre Risiken, verdienen aneinander und machen sich vom Geschäftserfolg ihrer Konkurrenten abhängig. Sie tun das nicht nur in der Weise, dass sie einander Geld leihen, Forderungen stunden, Zahlungsversprechen als Zahlung gutschreiben usw. Sich selbst und ihren kreditbedürftigen besseren Kunden verschaffen sie fremdes Geld, indem sie die Beteiligung an zukünftigen Geschäftserträgen in Form von Anrechtsscheinen unterschiedlicher Art zum Handelsobjekt machen, das sie einander sowie interessierten Geldbesitzern ver- und auch wieder abkaufen. Sie schaffen einen Finanzmarkt, der sich gerade nicht durch den Austausch von Äquivalenten, sondern durch eine Leistung eigener Art auszeichnet: Der Geldanleger kauft ein Wertpapier, das ein Recht auf Vermehrung der investierten Summe repräsentiert; was er „kauft“, ist die Verwandlung des gezahlten „Preises“ in ein Wachstum versprechendes Geldkapital. Das Wertpapier seinerseits erfährt mit seiner erfolgreichen Vermarktung seine Anerkennung als ein Stück rechtlich verbriefte Geldvermehrung: als wirklicher Repräsentant des Zuwachses an Geldvermögen, das sein Emittent verspricht. Zusätzlich zur Finanzierung ihrer „realwirtschaftenden“ Kundschaft inszenieren die Kreditunternehmen so einen großen Kreislauf der Re-Finanzierung, in dem sie als Emittenten, Käufer, Zwischenhändler, Vermittler und Designer von Investments aktiv sind. Sie bewirken damit die wechselseitige ökonomische Beglaubigung ihrer Risiken als Geldkapital, machen sich füreinander zur Verdienstquelle und zur neuen Sphäre ihres Wachstums. Zugleich etablieren sie eine allseitige Abhängigkeit ihrer Finanzmacht vom Geschäftserfolg ihrer finanzkapitalistischen Partner, also von der im Handel bestätigten Haltbarkeit des vermögenswirksamen Vertrauens der Gemeinde in die Ertragskraft ihrer Ertragstitel.[24]

Dass sie mit der Ausweitung ihres Geschäfts auch ihre Risiken vermehren, muss man Bankern nicht erzählen. Sie haben das Riskante ihrer Art der Bereicherung längst geschäftlich verarbeitet: Kredite und Zinszahlungen lassen sich gegen Ausfall sowie der Wert von Vermögenstiteln gegen Verfall versichern – und auch daran verdienen sie. Mit der Verwandlung von Rechten und Pflichten aus solchen Vereinbarungen in besondere Handelsobjekte und der Schaffung eigener Märkte für solche Produkte haben sie auch daraus schon wieder einen umfangreichen Geschäftszweig gemacht. Der ist seinerseits die Basis für eine Spekulation, die sich vom Versicherungszweck trennt und allein die Risikoeinschätzung als solche zum Gegenstand von Geschäften macht. Diese gleichen einer Wette, sind von Spezialisten des Finanzgewerbes aber gleichfalls zu einer seriösen Bereicherungsquelle und Investitionssphäre ausgestaltet worden.

Die Techniken und Milliardenumsätze dieses – mitunter als „Zockerei“ verschrienen – Geschäftszweigs geben dem Publikum viel zu staunen. Weniger Beachtung findet seine politökonomische Leistung; zu Unrecht. Denn mit dieser völlig auf sich selbst bezogenen Spekulation vollendet er, was mit dem Kreditverkehr zwischen den Bankhäusern anfängt: Die Branche vergesellschaftet die Risiken, die sie auf sich nimmt und vervielfacht. Mit dem Leihverkehr zwischen den Banken, dem Wertpapierhandel, dem Versicherungsgeschäft und der Derivate-Spekulation – und allen möglichen Geschäften dazwischen – kollektiviert sie die gewagte Gleichung von Kreditvergabe und Geldkapital, die allen Kreditunternehmen als Bereicherungsquelle dient. Dadurch stiftet sie die Sicherheit, die sie für ihr Funktionieren braucht.

Die Gegensätze in den Geschäftsinteressen der Beteiligten schaffen die Finanzmarktakteure damit natürlich ebenso wenig aus der Welt wie das Risiko, dass Wertpapiere ökonomisch nicht halten, was sie rechtsförmlich versprechen, oder die Gewissheit, dass bei Finanzwetten eine Seite verliert. Was sie zustande bringen, ist das paradoxe Kunstwerk einer ökonomischen Vergemeinschaftung von Privateigentümern. Sie bringen es zustande vermittels der Konkurrenz der einzelnen Akteure um die sicherste und ertragreichste Geldanlage. Als Gläubiger und Schuldner, als Wertpapier-Emittenten und Investoren etc. gleichermaßen scharf auf Teilhabe an fremden Geschäften wie voller Vorbehalte, was deren Sicherheit betrifft, wirken sie auf vielerlei Weise zusammen und bestätigen einander und insgesamt die Kapitalqualität ihrer Kreditengagements. Als Konkurrenten geschäftlich miteinander verbunden, ermächtigen sich die Unternehmen der Branche dazu, aus ihren Risiken ein wachsendes Vermögen zu immer mehr Finanzgeschäften zu generieren. So begründen sie die Macht, an der sie alle partizipieren: die Macht des gesellschaftlichen Finanzkapitals, sich als quasi autonomer, nur am eigenen Kalkül orientierter Schöpfer und Verteiler der Vorschüsse zu betätigen, mit denen kapitalistisch gewirtschaftet wird.

c) Das Finanzgewerbe macht den Kredit zum Ausgangs- und Endpunkt aller Geschäftstätigkeit und vollendet so die Verachtung des Kapitals für die Arbeit, die es zu seiner Quelle macht

Der Dienst am marktwirtschaftlichen Betrieb, den die Branche damit leistet, wird von der Fachwelt als „Kreditschöpfung“ gewürdigt und als „systemisch“ anerkannt. Sie hat dabei den Umstand im Auge, dass das moderne Bankwesen keineswegs bloße Hilfsdienste am Wachstum in anderen Geschäftssphären versieht, sondern alle anderen Wirtschaftsbereiche, zusammengefasst unter dem Titel „Realwirtschaft“, von der Beschränkung ihres Geschäftsgangs und Wachstums aufs jeweils schon Verdiente freisetzt, sich zum allgemeinen Motor der Kapitalakkumulation und diese dafür von seiner Fähigkeit und Bereitschaft abhängig macht, allseits Wachstumsmittel bereitzustellen.[25] Mit seinem Kredit steht das Bankgewerbe am Anfang, mit seinem Recht auf Bestätigung seiner Spekulation steht es am Ende der Produktion des Reichtums, auf den es in der Marktwirtschaft ankommt: des Zuwachses an privatem Geldvermögen. Dank seiner eigennützigen Dienstleistung fungiert nicht bloß Kredit als zusätzlicher Kapitalvorschuss, sondern der Kapitalvorschuss als Finanzinvestition: Das moderne Finanzgewerbe macht die Welt der kapitalistischen Produktion zur Anlagesphäre. Damit setzt es die Gleichung: Kapital ist Kredit, in Kraft.

Diese Gleichung hebt die Interessengegensätze zwischen Kreditgebern und Schuldnern nicht auf. Finanzkapital und „Realwirtschaft“ sind und bleiben nicht bloß verschiedene Branchen, sondern verfolgen entgegengesetzte Ansprüche – freilich in Bezug auf dasselbe Geschäftsmittel: Gerade weil für die eine Seite Kredit ihr Geschäft ist und für die andere ihre unentbehrliche Ressource, streiten sie ohne Ende um die Konditionen ihrer Symbiose. Dieser Streit belegt also nicht nur die prinzipielle Interessenidentität zwischen den beiden Sorten von Kapital, sondern auch die Unterordnung des kapitalistischen Produzierens unter den Kredit. Dabei hat sich längst auch unter Industriellen und Kaufleuten der Standpunkt des Finanzgewerbes eingebürgert, für das die „Realwirtschaft“ nichts weiter als ein Ensemble konkurrierender Investments darstellt. Auch die Vertreter von Handel und Gewerbe stellen sich zum eigenen Unternehmen als einer Geldanlage, die sich im Vergleich mit alternativen Investments rentieren muss: Aktiengesellschaften trennen ausdrücklich und rechtsförmlich zwischen Eigentümern und Unternehmensleitung, damit letztere das Vermögen der Aktionäre in seiner Eigenschaft als Geldanlage mit eigenem Börsenkurs wachsen lässt. Und für die „Selbständigen“, die sich gerne „Mittelstand“ nennen lassen, versteht es sich von selbst, dass ihr Vermögen ein eigenes Recht auf anständige Verzinsung hat und ihr persönlicher Einsatz im Betrieb für die Erzielung einer entsprechenden Kapitalrendite einen davon unterschiedenen Unternehmerlohn verdient. So spiegelt das interessierte Kalkül der in Produktion und Handel engagierten Arbeitgeber selber den Standpunkt und die Macht ihrer Kreditgeber wider: den Standpunkt, dass der Kredit dem Geld sein Recht verschafft, sich als Kapital zu verwerten, und die Macht, Geld „arbeiten zu lassen“, d.h. als Quelle seiner Vermehrung in Umlauf zu bringen. Die Arbeit, die von ihren Anwendern schon auf ihre Leistung, geldwertes Eigentum hervorzubringen, festgelegt ist, die mit dieser vom Unternehmen gekauften Leistung zur Selbstvermehrung des kapitalistischen Eigentums herangezogen wird und die nur als Instrument für die Produktivität des Kapitals überhaupt in Aktion tritt, fungiert in letzter Instanz als abhängige Variable eines Investments, das ein Geldanleger bereits als sein wachsendes Vermögen verbucht.

In dieser Eigenschaft nimmt der „Faktor Arbeit“ auf seine systemgemäße Weise teil an dem eigentümlichen Auf und Ab des Konjunkturverlaufs, den das Regime des Finanzkapitals dem Lebensprozess der aufs Geldverdienen festgelegten Gesellschaft aufprägt.

3. Der notwendige Kollateralschaden des durch Kredit freigesetzten Wirtschaftswachstums: Nach dem Aufschwung die Krise

Ihre Wachstumsziele verfolgen marktwirtschaftliche Unternehmen in Konkurrenz zueinander; ihre Kredite setzen sie im Kampf um Marktanteile gegeneinander ein. Die Erfolge, die das Finanzgewerbe von seinen Schuldnern einfordert und auf die es sein Kreditgeschäft und sein eigenes Wachstum gründet, addieren sich nicht einfach; sie werden immer auch auf Kosten anderer Firmen errungen. In „guten Zeiten“, die eben deswegen so heißen, kommt dennoch ein allgemeines Wachstum zustande; schließlich geben die einzelnen Unternehmen mit ihren Wachstumsanstrengungen einander auch zu verdienen, direkt und auf dem Umweg über die Löhne, die sie zahlen. Das ändert zwar nichts an der Notwendigkeit, dass noch so umsichtig finanzierte „Risiken“ an der einen oder anderen Stelle immer auch auf eine Pleite zusteuern und die zuständige Bank vor der Alternative steht, fragwürdige Kredite zu verlängern, womöglich aufzustocken, damit sich doch noch ein Erfolg einstellt, oder mit der Streichung benötigter Geldmittel einen Konkurs herbeizuführen und einen Schaden am eigenen Geschäft zu realisieren, um drohende größere Verluste zu vermeiden. Bis zu einem gewissen Grad lässt sich aber auch das noch als Abzug von einer insgesamt positiven Wachstumsbilanz – der betroffenen Bank und überhaupt – verkraften.[26]

Dass die Sache bisweilen gründlich anders ausgeht, gehört allerdings auch zur marktwirtschaftlichen Lebenserfahrung. Die kennt Konjunkturen, ein Auf und Ab des allgemeinen Geldverdienens; und darin kommen immer wieder Phasen vor, in denen es an Wachstum fehlt, Pleiten sich häufen, Kredite nicht bedient und daher auch nicht mehr vergeben werden oder auch umgekehrt; in denen die Börsenwerte von Firmen schrumpfen, „Kurse abstürzen“ und auch Kreditinstitute zusammenbrechen. Spätestens dann herrscht Krise. Von allen nützlichen Gütern ist dann zu viel da: zu viele Gebrauchsgüter aller Art, die sich nicht lohnend verkaufen lassen, deswegen ungenutzt liegen bleiben und am Ende entsorgt werden; zu viele Produktionsmittel, die sich nicht mehr für lohnende Geschäfte einsetzen lassen, deswegen verramscht werden oder verrotten; oft genug auch zu viel Wohnraum, an dem sich nichts verdienen lässt und der deswegen leer steht, während auf der anderen Seite an Interessenten kein Mangel herrscht, die sich aber weder die verlangte Miete noch ein Baudarlehen leisten können. Und überhaupt gibt es in Phasen der „Wachstumsschwäche“ zu viele Leute, die sich an den brachliegenden Produktionsmitteln nützlich machen und vieles von dem hergestellten Überfluss auch gut gebrauchen könnten, an deren Arbeitskraft aber kein geschäftliches Interesse besteht. Die Glanzleistung der Marktwirtschaft, den gesamten gesellschaftlichen Produktions- und Lebensprozess für das Wachstum des kapitalistischen Eigentums zu funktionalisieren und von dessen Erfolg abhängig zu machen, zeitigt hier die absurde Konsequenz, dass der akkumulierte Überfluss kein schöner Erfolg und schon gar nicht der Auftakt zu mehr Bequemlichkeit im ökonomischen Getriebe ist, sondern ein Schadensfall, und dass er kaputt gehen muss, bevor und damit es „wieder aufwärts“ gehen kann.

Der marktwirtschaftliche Sachverstand ordnet diesen offenkundigen Irrsinn, ohne ihn wirklich als solchen ernst zu nehmen, dem Reich der Zu- oder unberechenbaren Störfälle, der vermeidbaren Missgriffe und der irgendwelchen besonderen Umständen geschuldeten Fehlentwicklungen zu – entgegen der Erfahrung, dass er ziemlich periodisch auftritt, was immerhin für eine systemeigene Notwendigkeit spricht. Die Regel, dass jeder Krise eine Phase des Wirtschaftswachstums vorausgeht, oft genug sogar ein besonders lebhaftes Geschäft, wird mit der Vorstellung quittiert, offenkundig wäre dieses Wachstum ein irgendwie verkehrtes, womöglich ein bloß scheinbares gewesen; der Widersinn, dass rasante Bereicherung sich als kontraproduktiv für den Fortgang der Bereicherung herausstellt, wird theoretisch mit der Metapher „Überhitzung“ bewältigt. Tatsächlich enthält das kapitalistische Wachstum selber schon den Grund dafür, dass es immer wieder ganz heftig an seine Grenzen stößt: Mit der Sache, um die es geht – dem Überschuss, den ein jedes Unternehmen in Konkurrenz gegen andere aus dem Einsatz bezahlter Arbeit herauswirtschaftet und am Verhältnis zu seinem Gesamtaufwand bemisst –, und mit den Mitteln und Methoden, die alle Konkurrenten dafür einsetzen – die Verbilligung der Produktion durch Steigerung der Produktivkraft der Arbeit und entsprechende Einsparung von Arbeitskosten –, produziert die marktwirtschaftliche Unternehmenswelt die Schranken ihres Wachstums immerzu selbst. Denn so steigt bei sinkenden Verkaufserlösen für die konkurrenzfähig produzierte Ware der Anspruch auf Profit; oder anders gesagt: Im Interesse des Gewinnanteils am Wert der produzierten Waren senken die konkurrierenden Unternehmen mit den Lohnstückkosten auch den Marktpreis, den sie für ihre Ware erlösen und aus dem sich ihr Gewinn errechnet. Mit immer größerem Kapitaleinsatz zum Zwecke eines nachhaltigen Konkurrenzvorteils aus verbilligter Produktion konkurrieren die Unternehmen darum, bei sinkender Profitrate durch den Verkauf von mehr Waren eine steigende Profitmasse zu realisieren und kämpfen so um die größtmögliche Rendite aufs eingesetzte Kapital; mit dem Ergebnis, dass die Erfolgreichen mit mehr Kapital dessen Produktivität kaum oder gar nicht steigern, womöglich sogar senken, und dafür die weniger Erfolgreichen auf der Strecke bleiben. So widerstreitet die im Konkurrenzkampf angewandte Methode dem angestrebten Effekt – ein Widerspruch, dessen letzter Grund im vorigen Kapitel schon erläutert worden ist: Das Kapital eignet sich kraft seiner Macht über den Produktionsprozess an, was unter dem Regime des Eigentums den Nutzen aller Produktion ausmacht, nämlich das Eigentum am Produkt, das im Verkauf zur Geldsumme wird; im Bemühen, von dieser Summe möglichst wenig an die Arbeitskräfte wegzahlen zu müssen, deren Arbeit dem Eigentum des Unternehmens seinen Zuwachs beschert – und dabei nebenher noch dafür sorgt, dass das Betriebskapital in der verkäuflichen Ware wiedererscheint und in Geldform zu seinem Eigentümer zurückkehrt –, mindert die Firma das Quantum Arbeit, die mit ihrem Beitrag zum Produktionsprozess das ganze neue Eigentum schafft, also das Quantum Wert, von dem sie unbedingt mehr für sich behalten will.

Der Konkurrenzkampf, mit dem die Unternehmen der „Realwirtschaft“ diesen Widerspruch praktisch durchsetzen, wird durch das Regime des Finanzgewerbes nicht bloß verschärft, sondern auf eine neue Stufe gehoben. Der Kredit überwindet die Begrenzung des Wachstums auf die Größe des realisierten Ertrags, also auch dessen Beschränkung durch den kontraproduktiven Effekt des Kapitaleinsatzes für Rationalisierungen zwecks Markteroberung: Dass mit den Anstrengungen zur Steigerung der Ertragskraft des eingesetzten Kapitals die Erträge tendenziell sinken, muss nicht einmal den Konkurrenzverlierern die Fortführung und Ausdehnung ihrer Geschäftstätigkeit unmöglich machen; sie agieren ja schon mit Kredit und bereiten mit ihren Misserfolgen ihren Geldgebern die – schon erwähnte – Qual der Wahl, weiter auf zukünftige Erfolge zu setzen oder den Spielabbruch zu verfügen. Der Widerspruch in der Konkurrenz um Rendite und Wachstum findet folglich nicht mehr einfach als Kampf der Fabrikanten um Marktanteile statt, sondern als Konflikt zwischen dem Finanzgewerbe, das den Unternehmen den Stoff für ihre tendenziell ruinösen Kämpfe um Absatz und Profit bereitstellt, um daran selber zu verdienen, und den Kreditnehmern, die einander und im Endeffekt auch sich selbst die Erzielung einer hinreichenden Kapitalrendite stets von neuem schwer und tendenziell immer schwerer machen. Es ist Sache der Banken und Investoren, mit Kreditschöpfung und Geldanlage auf Wachstum in der Unternehmenswelt zu setzen oder ein Missverhältnis zwischen den eigenen Vor-Leistungen und den zu geringen Gegenleistungen der Firmen zu konstatieren, denen sie mit ihren Investitionen die Pflicht auferlegt haben, Erfolg zu haben und dem geliehenen Geld seine Qualität als Geldkapital zu bestätigen. Und es sind die Banken und Investoren, die mit ihren Urteilen und Entscheidungen auch die Konjunkturen der Marktwirtschaft machen: Wie den Aufschwung, so bewerkstelligt das Finanzwesen mit seinem Geschäftsgebaren auch den Umschlag des allgemeinen kreditgetriebenen Wachstums in Abschwung und Krise: Mit einer allgemeinen Verschärfung der Finanzierungskonditionen und massenhaften Kreditstreichungen verfügen sie den marktwirtschaftlichen Ernstfall eines allgemeinen Geschäftsniedergangs.

Damit wird der „Realwirtschaft“ der Bescheid erteilt, dass nach dem maßgeblichen Urteil der Finanzmärkte die Produktivität des Kapitals nur ausnahmsweise befriedigend, insgesamt aber zu gering ist, um den für sie geschöpften und an sie vergebenen Kredit zu rechtfertigen und neue Kredite zu verdienen – dass also eingetreten ist, wovon weder Produzenten noch Geldgeber, weder Banken noch kommerzielle Bankkunden und erst recht weder Spekulanten noch Sachverständige etwas wissen wollen: Angetrieben durch eine Kreditschöpfung, die sich nunmehr also als übermäßig herausstellt, hat die Unternehmenswelt es wieder einmal dahin gebracht, mehr Ansprüche auf Wachstum des kapitalistischen Eigentums zu produzieren, als sich mit dem Verkauf der Waren, in denen dieses Plus an Reichtum stecken soll, am zunehmend heftig umstrittenen Markt realisieren lassen. Die Schaffung von geldwertem Eigentum durch Arbeit ist wieder einmal insgesamt und eklatant hinter dem Maß zurückgeblieben, in dem die Unternehmen mit Rationalisierungen auf Zuwachs hin produziert und die Kreditgeber den dafür verbrauchten Vorschuss hergeliehen und als Geldkapital bilanziert haben. Dieses Verdikt lassen die Finanzinstitute ganz praktisch, in Form einer Kreditklemme ergehen. Und indem sie lahmlegen, was sie selbst zur wesentlichen Bestimmung des geldförmigen Reichtums gemacht haben, nämlich seine Verwandlung in Geldkapital, führen sie herbei, wovor sie mit der Verschärfung von Kreditkonditionen, dem Abbruch von Kreditbeziehungen und dem Herunterfahren ihres Wertpapierhandels ihr Geld zu retten suchen: seine Nutzlosigkeit.

Bei diesem Umschlag von Hochkonjunktur in Krise agieren die Profis des Finanzgeschäfts – bei aller Entscheidungsfreiheit des einzelnen Finanzmanagers – in ihrer Konkurrenz untereinander um die ertragreichsten und dabei sichersten Geldanlagen als Kollektiv – „Herdentrieb“ nennen das die Vulgärpsychologen der Kreditmärkte; gelehrte Interpreten des Geschehens sprechen auch gern von „prozyklischem Investitionsverhalten“. Aber was auch sonst: Guten und sicheren Erfolg versprechende Investitionen darf sich kein Geldanleger entgehen lassen; dem Aufschwung der Geschäfte, in einer Sparte oder insgesamt, der dadurch in die Gänge kommt, kann sich erst recht kein verantwortlicher Banker entziehen. Mit dem entsprechend angefachten Boom akkumulieren sich in dessen Büchern die Risiken, womit sich das Problem des rechtzeitigen Ausstiegs aus der Konkurrenz um die Finanzierung einer zunehmend schärferen Konkurrenz stellt: Nicht zu früh, vor allem aber nicht zu spät müssen Gelder abgezogen und in Sicherheit gebracht, wenn nicht sogar in die Spekulation auf Pleiten und Verluste gesteckt werden. Dass die Finanzhäuser auf die Art herbeiführen, worauf sie setzen, entspricht vollkommen der Logik ihres Geschäfts: Das besteht ja darin, aus laufenden Kreditgeschäften mit dem Rest der Firmenwelt und miteinander die Macht zu weiteren Engagements abzuleiten, soweit sie die laufenden Geschäfte als sicher und neue Investitionen als verheißungsvoll einschätzen, und sich wechselseitig daran zu beteiligen und einander so für ihre Risiken in Anspruch zu nehmen. So funktioniert das Wachstum in dem Gewerbe; und genauso, per Kettenreaktion, geht es mit dessen Geschäftstätigkeit dahin, wenn Kreditverhältnisse abgebrochen und Finanzmarktaktivitäten eingestellt werden. Dann schwindet nämlich mit der Sicherheit die Bereitschaft, „Risiken“ fortzusetzen und neue einzugehen; und mit dem Interesse, sich bei der Konkurrenz und an den verschiedenen Finanzmärkten zu engagieren, schwindet die auf diese Art der Vergesellschaftung des kapitalistischen Reichtums gegründete Macht der Banken, ihre Geschäfte auszuweiten oder auch nur aufrechtzuerhalten.

Dabei ist es die Regel und systematisch auch ganz in Ordnung, dass, wie der Aufschwung, so auch die Wachstumskrise dort losgeht, wo die Kreditunternehmen miteinander ihre eigenen Produkte bewirtschaften; als Crash an den Börsen normalerweise, wo immerzu Firmen aller Art unter dem Blickwinkel und nach den Kriterien der Kreditwirtschaft, nämlich als „Risiken“ bewertet werden. Dass da die Konkurrenzprobleme der Firmen aus der „Realwirtschaft“ immerzu im Visier sind, versteht sich von selbst; ob eine Häufung von Absatzschwierigkeiten zum Anlass für die Finanzmarktakteure wird, in solchem Umfang auf Geschäftsabbruch zu setzen, dass daraus ein allgemeiner Rückschlag fürs Kapitalwachstum wird, entscheidet sich im Kredit- und Handelsverkehr zwischen denen. Krise ist dann, wenn dieser Verkehr zum Erliegen kommt; wenn also die Finanzunternehmen unter- und gegeneinander das Prinzip ihres eigenen Geschäfts: die Gültigkeit der Gleichung, dass verliehenes Geld Geldkapital ist, in Frage stellen. Selbst der Niedergang einer ganzen Branche wird zur Wirtschaftskrise nur dadurch, dass, und nur in dem Maße, wie die Kreditgeber deswegen einander die wechselseitige Anerkennung ihrer Schulden als Finanzvermögen versagen und ihr Geld nicht mehr dem Risiko aussetzen, das mit seiner Verwendung als Kredit nun einmal verbunden ist.[27] Aus den Höhen dieses Finanzgeschäfts ergeht dann an die Welt der Ausbeutung produktiver Arbeit in der Form einer Kreditklemme, unter der das Finanzgewerbe selber leidet, die Botschaft, dass die Methoden der Steigerung der Kapitalproduktivität durch Steigerung der Produktivkraft der Arbeit in einen Gegensatz zu ihrem Ergebnis geraten sind; ein Gegensatz, der zur massenhaften Vernichtung von sachlichem Reichtum und zur umfangreichen Streichung von Vermögenstiteln führt.

4. Die Verachtung des Kredits für seine Grundlage, die Lohnarbeit – und die systemgemäße Antwort der Betroffenen: Hilflose Gesuche um Beschäftigung

Ausgerechnet in Krisenzeiten – also dann, wenn die Arbeiter in extraordinärem Umfang von den Fortschritten des kapitalistischen Geschäfts per Entlassung, Lohnkürzung oder jedenfalls der Eskalation ihrer Existenzunsicherheit betroffen gemacht werden – zeigt sich eine erstaunliche Errungenschaft, zu der es die demokratische Klassengesellschaft gebracht hat: die Solidarisierung von eben diesen Arbeitern mit „ihren“ Arbeitgebern, jedenfalls den „ehrlichen“ und „bodenständigen“, gegen das Finanzkapital. Wenn kleine und große Betriebe aus der „Realwirtschaft“ infolge einer allgemeinen Kreditklemme oder gar des Zusammenbruchs des gesamten Kreditsystems unter mangelndem Zufluss von fremdem Eigentum leiden, gewohnte und/oder angesichts von krisenbedingten Absatzschwierigkeiten umso nötigere Finanzierungskonditionen verweigert bekommen, vielleicht sogar von der Schließung bedroht sind, dann führen auch ihre Angestellten Klage gegen die „Zocker“ von der Börse, die sich mit dem spektakulären Zusammenbruch ihrer „Spekulationsblase“ bis auf Weiteres gründlich diskreditiert haben. Die Kenntnisnahme des Umstandes, dass die gesamte marktwirtschaftliche Reichtumsproduktion, also auch ihr Lebensunterhalt von den Konjunkturen finanzkapitalistischer Geschäfte abhängt, gerät bei modernen Arbeitnehmern im Krisenfall nicht selten zu einer entschiedenen – durch nichts als das eigene Interesse an Lohnarbeit motivierten – Parteinahme für die produktive Fraktion der Unternehmerschaft gegen die Abteilung Finanzjongleure. Die werden beschuldigt, aus lauter „Profitgier“, „Casino-Mentalität“, jedenfalls egoistischer Unverantwortlichkeit heraus die Milliarden vernichtet oder auch in ihre eigenen Taschen gewirtschaftet zu haben, die sie den Warenproduzenten, also letztendlich deren Beschäftigten jetzt vorenthalten. Damit ist klar, wer für ihre miese Lage verantwortlich zeichnet – und wer nicht. Dass es ihre Arbeitgeber sind, die ihnen massenhaft auf die eine oder andere Weise den gewohnten Lebensunterhalt aufkündigen, wird von ihnen nicht als der Unvereinbarkeitsbeschluss des gesamten kapitalistischen Systems, der er ist, aufgefasst, sondern als die Folge einer Zwangslage, in die die eigene Firma nur durch die Machenschaften von Spekulanten geraten ist, die ohnehin noch nie etwas anderes als ihre Geldvermehrung im Sinn hatten und die „Wertschöpfung“ aus solider Arbeit einfach nicht zu würdigen wissen.

Diese Sorte Kritik am Finanzkapital hat in den harten Zeiten der Krise zwar ihre periodische Blüte, existiert aber mit den entsprechenden Modifikationen in allen Konjunkturphasen. Von einfachen Arbeitern über Gewerkschaftsfunktionäre bis in die Wissenschaft und die politischen Parteien hinein finden sich allerorten und immer wieder Beschwerdeführer, die den Finanzkapitalisten den Vorwurf machen, ungeachtet der enormen Geldsummen, die sie täglich bewegten, blieben sie jeden Beitrag zur „Beschäftigung“ schuldig; sie vermehrten ihr Geld bloß spekulativ, statt mit den dafür eingesetzten Summen „Arbeitsplätze zu schaffen“.

Solche Beschwerden haben etwas Perverses an sich, weil sie im Namen der Arbeiter von dem erpresserischen Charakter der „Lebenslage“, in der „Beschäftigung“, im Klartext also: Arbeit gemäß kapitalistischen Ansprüchen, zum notwendigen Bedarf der Arbeiter wird, total absehen. Sie liegen außerdem schon deswegen daneben, weil „Beschäftigung“ auch sonst nie ein kapitalistisches Anliegen ist; auch für redliche Warenproduzenten, die vielen Leuten Arbeit geben, sind beschäftigte Arbeitnehmer allemal Mittel für einen Zweck, den sie mit sämtlichen Spekulanten teilen und dessen Verwirklichung Entlassungen ebenso einschließt wie Arbeit in dermaßen verdichteter Form – und zwar nur solche –, dass sich wirklich niemand ohne Not eine solche „Beschäftigung“ wünschen kann.

Die Anklage ist außerdem ungerecht. Denn was immer kapitalistische Arbeitgeber an Arbeitsplätzen schaffen, das schaffen sie nur mit den unerschöpflichen Mitteln jenes Gewerbes, das aus erhofften Gewinnen eine verfügbare Finanzmasse zur Beschaffung der erforderlichen „Produktionsfaktoren“ verfertigt. Das gilt auch und gerade in den „guten Zeiten“, in denen die Auftragsbücher der Unternehmen voll sind und der Arbeitsmarkt im Vergleich zur Krise relativ leer ist. Wenn die Geschäfte – den Misserfolg einzelner Konkurrenten, für den diese dann sachgerecht ihre Beschäftigten bluten lassen, eingeschlossen – allgemein florieren, die Unternehmen im Zuge der Ausdehnung der Produktion für ihren Zugriff auf Arbeit am Ende vielleicht sogar einmal ein bisschen mehr Lohn zahlen (müssen), dann verdanken sie alle zusammen ihren „Aufschwung“ letztendlich dem allgemeinen Gelingen der Finanzgeschäfte. Mit Leihkapital führen die Warenproduzenten ihren anspruchsvollen Konkurrenzkampf um die geringsten Lohnstückkosten – was zwar nur die „Arbeitsplätze sichert“, die jeweils noch nötig sind, und auch das nur solange, wie sie das Unternehmen samt Kreditverpflichtungen rentabel machen; aber andere Arbeitsplätze sind von kapitalistischen Arbeitgebern sowieso nicht zu haben. Was die Unternehmer im Boom an Marktchancen auftun, an Gelegenheiten also für die Betätigung ihres prinzipiell unersättlichen Interesses, von solcherart rationalisierter und komprimierter Arbeit so viel wie nur möglich unter eigenem Kommando verrichten zu lassen – auf Kosten der Konkurrenz, versteht sich, was die Gesamtzahl der „Beschäftigten“ auch wieder nicht unbedingt steigert... –, das verdanken sie gleichfalls der Finanzindustrie, die sie mit der Freiheit versorgt, unabhängig vom Marktgeschehen agieren zu können, so dass sie den Markt überhaupt erst richtig zu ihrem Kampfplatz herrichten können.

Das Kreditgewerbe leistet sogar noch mehr: Es macht den Warenproduzenten nicht bloß Angebote zur forcierten Steigerung ihrer Profitproduktion, die keiner ablehnen kann, der im Geschäft bleiben will; es nötigt ihnen den immer ausgiebigeren Gebrauch von immer sparsamer, also produktiver eingesetzter Arbeit als Bedingung ihrer Kreditwürdigkeit auf. Denn es kümmert sich zwar nicht um den Unterschied zwischen dem materiellen Reichtum der Gesellschaft und dem Eigentum daran, geschweige denn um den Zusammenhang zwischen der eigentumschaffenden Arbeit und dem Geld, das sie kostet und bringt. Aber dass sein selbstvermehrtes Vermögen in Anrechten besteht, deren Erfüllung die restliche Unternehmenswelt ihm deswegen schuldet und nur um den Preis ihres eigenen Ruins schuldig bleiben kann, das macht das Geldkapital seinen Schuldnern klar genug. Lohnarbeit, gewinnträchtig und zugleich massenhaft genug, um das Unternehmen rentabel zu machen und mit ihm einen Berg von Krediten, von Wertpapieren, die auf die Unternehmensentwicklung spekulieren, oder auch auf das Wachstum mehrerer Firmen, oder auf die Wertentwicklung eines Index für die Entwicklung ausgewählter Firmen... : das setzen die Kreditmanager in der denkbar wirksamsten Form durch. Sie setzen es nämlich einfach voraus und lassen jedes Unternehmen an Kreditmangel zugrunde gehen, das vor ihren Maßstäben versagt.

Insofern ist die im Namen der Arbeiter erhobene Anklage, die Finanzkapitalisten ließen es an beschäftigungswirksamem Engagement fehlen, schließlich auch noch reichlich verharmlosend. Denn immerhin bringen die Geldinstitute mit ihren Krediten vor allem den Widerspruch voran, dass immer weniger Arbeit immer mehr Kapital nach immer anspruchsvolleren Kriterien rentabel machen muss. Sie fördern die Konkurrenzanliegen der warenproduzierenden Kapitalisten in beliebigem Umfang und fordern Erfolge; und mit den Mitteln zur Steigerung der Produktivkraft der Arbeit setzen sie auch den Maßstab für die zu erzielende Rentabilität in die Welt. Damit diktieren sie sowohl den Standard, dem die Arbeit genügen muss, um ihren Lohn noch wert zu sein, als auch das Maß der fälligen Nicht-Verwendung von Arbeitern. Denn ihre Ansprüche sind schon allein um der Sicherheit ihrer Spekulationsgeschäfte willen so hoch, dass immer weniger Arbeit ihnen genügt – in zweifachem Sinn:

Rentabel genug kann Arbeit nur sein, wenn der Lohnanteil am geschaffenen Warenwert gegen Null geht – mit all den im vorigen Kapitel erwähnten und sowieso bekannten Folgen: für die Bequemlichkeit des Arbeitens; für das Verhältnis zwischen geschaffenem Reichtum und den im Lohn abgegoltenen Lebensnotwendigkeiten von Arbeitern; außerdem für die Zahl derer, die mitten im „Reich der Notwendigkeit“, sich durch Arbeit für andere einen Lebensunterhalt zu verschaffen, von der Gelegenheit dazu „freigesetzt“ sind. Die Leistungen des Kredits fügen noch eine weitere Folge hinzu: Er finanziert nicht bloß den „technischen Fortschritt“, der für die Einsparung von Arbeitsplätzen samt Inhabern sorgt, sondern auch den ausgiebigen Gebrauch der Arbeit an den neugeschaffenen Plätzen – bis sich herausstellt, dass diese als Mittel der Konkurrenz ziemlich allgemein versagen, weil insgesamt viel zu viel Arbeit geleistet wird im Verhältnis zu dem, was sich lohnend verkaufen lässt. Die Agentur, die diese praktische Einsicht herbeiführt, ist wiederum das Kreditgewerbe; das trifft seine Entscheidungen über die Kreditwürdigkeit der konkurrierenden Unternehmen und zwingt ihnen den jeweils entsprechenden „Beschäftigungsabbau“ oder den Ruin auf – offenbart also, dass sämtliche Arbeitsplätze auf nichts als seine Spekulation gegründet sind und dass diese Spekulation zeit- und phasenweise gar nicht mehr recht aufgehen will. Das Ergebnis ist die schubweise Vergrößerung der Arbeitslosenquote, die erst recht auf die kapitalistisch verwendbare Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft durchschlägt, womit sich noch mehr von der bislang geleisteten Arbeit als überflüssig herausstellt; deswegen haben „Rezessionen“ die bekannte unangenehme Eigenart, „sich“ zu „vertiefen“. Der irgendwann unausweichliche Aufschwung findet dann auf der Basis eines „gesundgeschrumpften“ Geschäftslebens statt und selbstverständlich auf Basis der effektivsten Produktionstechniken, so dass die Unternehmen endlich wieder wachsen und kreditwürdige Gewinne machen, das angesammelte Arbeitslosenheer aber nur zögerlich abnimmt, wenn überhaupt. Denn dass weniger Arbeit gebraucht wird, um soviel Kapital rentabel zu machen, wie überhaupt rentabel zu machen ist: das Ergebnis bleibt von der jeweils letzten Geschäftskrise erhalten. So wächst mit den Potenzen des Kapitals, sich in Gestalt antizipierter Geschäftserfolge selbst zu vermehren und die kapitalistisch kommandierte Arbeit für die Glaubwürdigkeit seiner Selbstvermehrung zu funktionalisieren, auf der anderen Seite das der Marktwirtschaft eigentümliche „Phänomen“ einer „Reservearmee“ von Arbeitskräften, für die sich kein Einsatzbedarf absehen lässt. Dem periodisch revidierten Überschuss an kreditfinanzierter Geschäftstätigkeit entspricht eine Überbevölkerung, deren Überzähligkeit sich allein aus dem fehlenden Nutzen so vieler Leute für eine Arbeit nach den Maßstäben hinreichender Rentabilität ergibt – sonst nämlich gäbe es kein Hindernis dafür, dass sie sich ein anständiges Leben verschaffen; sogar die Produktionsmittel wären noch da, stillgelegt während der jeweils letzten Geschäftskrise.

Denen, die zur Mannschaft der Überzähligen dazugehören, und allen andern, denen klar genug ist, dass sie jederzeit dazugehören können, wird damit die Sorge um Arbeit aufgenötigt; eine extrem widerwärtige Sorge, weil denjenigen, die sie haben müssen, gar keine zweckmäßigen Mittel zu Gebote stehen, um sie zu bewältigen. So recht hoffnungslos wird die Sache dann, wenn sich Anwälte der Arbeitersache dieser Lage bemächtigen, die die von den Kapitalisten geschaffene, von ihnen also auch ganz bestimmt nicht abzuschaffende Notwendigkeit zur Forderung machen und nach „Arbeit“ rufen. Die üble Erfahrung, dass der kapitalistische Geschäftsgang im Zuge der Ausbeutung der Produktivkraft der Arbeit auch deren massenhafte Lahmlegung einschließt, wird in Anspruch genommen, um den Leuten diesen Geschäftsgang – nein, eben nicht als erwiesenermaßen untaugliche Lebensbedingung madig zu machen, sondern als ihr ureigenes Interesse aufzudrängen. Dass kapitalistischer Gebrauch von Arbeit sein soll, wird da verlangt – nur und ausgerechnet deswegen, weil die Kapitalisten, die nichts lieber als genau das wollen, zugleich um des ökonomischen Effekts willen die alleranspruchsvollsten Bedingungen dafür aufstellen.[28] Davon, dass Arbeiter ihrerseits einige Bedingungen für ihren Gebrauch zu fremdem Nutzen zu stellen hätten, ist in dem Ruf nach Arbeit nicht einmal mehr eine Erinnerung enthalten – oder nur noch als Absage: „Um der Arbeitsplätze willen“ sind Forderungen solcher Art schlichtweg obsolet.

Das gilt erst recht, wenn sich moderne Arbeitnehmer – gewerkschaftlich angeleitet und von Politik und Öffentlichkeit darin durchaus konstruktiv betreut – in einen „Kampf um Arbeitsplätze“ verwickeln lassen. Als ihre Gegner – die, die ihre Arbeitsplätze gefährden – sollen sie dabei nämlich keineswegs die Unternehmer, die sie mit Entlassung bedrohen, begreifen, sondern die Arbeitsplätze anderswo. Dass die rentabler sind als die „eigenen“, wird als der entscheidende Umstand ausgemacht, der sich für einen guten Ausgang des Kampfes zu ändern hat. Wenn innerhalb eines Unternehmens Entscheidungen über die Vergabe von Produktionskapazitäten an einzelne Werke anstehen, wenn gar Standortschließungen zur Debatte stehen oder mal wieder ein ganzer Konzern „umstrukturiert“ werden muss; wenn die Konkurrenz zwischen den Unternehmen mal wieder zu einem veritablen Verdrängungswettbewerb gediehen ist; wenn die Abhängigkeit der produktiven Geldvermehrung von den Entscheidungen des Finanzkapitals sich als ultimative Forderung nach radikalen Einschnitten bei den Beschäftigten geltend macht, dann sollen die nichts folgerichtiger finden, als ihren Arbeitgebern Sonderangebote in Sachen Billigkeit und Willigkeit zu machen – dafür werden die Betriebsräte und Gewerkschaften als Organisationshilfe in Anspruch genommen –, um damit „unsere“ Arbeitsplätze, bis zur nächsten Bedrohung, zu sichern. Dass dieses Konkurrenzmanöver, wenn es nach wie auch immer definierten Kriterien erfolgreich ist, letztlich Kollegen anderswo arbeitslos macht, wird bisweilen noch peinlich berührt zur Kenntnis genommen und mit gewissen Reminiszenzen an die „Solidarität aller Beschäftigten“ quittiert. Dies allerdings umso weniger, je mehr sich der Kampf um „unsere“ Arbeitsplätze gegen Standorte, Firmen und Arbeiter im Ausland richtet...

[1] Der vorliegende Artikel ist der erste Teil einer verbesserten Neufassung des alten Artikels „Arbeit und Reichtum“ aus GegenStandpunkt 4-96 und 1-97. Der zweite Teil, der die Rolle behandelt, die der Lohnarbeit in der Konkurrenz auf dem Weltmarkt zukommt, folgt im nächsten Heft. (Kapitel V: Der Weltmarkt (1): Preis und Produktivkraft der Arbeit im internationalen Vergleich; Kapitel VI: Der Weltmarkt (2): Die Rolle der Arbeit in der Staatenkonkurrenz)

[2] Der Zweifel, den die Frage nach der „Machbarkeit“ von planmäßiger Wirtschaft ausdrückt, bezieht sich nämlich nie im Ernst auf die dafür notwendigen Mittel, sondern negiert das Vorhaben unter dem Vorwand, man könnte sich seine Durchführung nicht vorstellen – wie auch, wenn es den gesellschaftlichen Zusammenhang, in dem ein gescheiter Plan aufzustellen und durchzuführen ist, eine organisierte freie Beratung ohne „ökonomische Sachzwänge“, gar nicht gibt, und wenn stillschweigend die Marktwirtschaft mit ihren verdinglichten Zwecken und etablierten Verfahrensweisen, einschließlich der dazugehörigen menschlichen Charaktermasken, als die Szenerie unterstellt wird, in die die Planwirtschaft eingeführt werden sollte. Man muss das Vorhaben einer freien, vernünftigen Organisation der Bedürfnisse und ihrer Befriedigung ja nicht teilen; man sollte aber wenigstens nicht so tun, als wäre man schwer dafür, wenn die Kommunisten bloß nicht immer die praktikablen „Rezepte“ und „Modelle“ dafür schuldig blieben – die sind wirklich der leichteste Teil, wenn eine aufgeweckte Arbeiterklasse erst einmal weiß, was sie will.

 Eine bittere Ironie der Geschichte sei an dieser Stelle noch erwähnt. Der große weltgeschichtliche Anlauf zu einer sozialistischen Planwirtschaft, den seine Veranstalter selbst als Fehlversuch aus dem Verkehr gezogen haben, hat eben den Fehler in die Tat umgesetzt, die kapitalistische Einrichtung der Wirtschaft vom Stundenlohn bis zum Kredit als „die ökonomische Realität“ zu unterstellen und, statt den kapitalistischen Zweck darin aufzuspüren, ein Modell zu entwickeln, wie damit arbeiterfreundlicher zu wirtschaften wäre. Mit staatlicher Gewalt geht da natürlich vieles; damit geht ja sogar der richtige Kapitalismus... Als wären sie selber den Zweifel nie losgeworden, ob eine grundsätzlich andersartige Ökonomie „überhaupt geht“, haben die regierenden Ostblock-Sozialisten ihrem Machwerk stolz den verräterischen Ehrentitel real ausgestellt und einen Sozialismus praktiziert, in dem alle Sachzwänge des Kapitalismus als „ökonomische Hebel“ zur trickreichen Bedienung des volkswirtschaftlichen „Apparats“ gehandhabt wurden – im Vergleich zum kapitalistischen Original mit mäßigem Erfolg, jedenfalls was den der Staatsmacht verfügbaren Reichtum betrifft.

[3] Eine fundamentale Kritik an der „Kommerzialisierung aller Lebensbereiche“ kennt die bürgerliche Gesellschaft freilich auch. Die zielt entweder auf die Gesinnung der Leute, die sich in diesem System des Geldverdienens zu bewähren haben und weithin scheitern, fordert nämlich Bekenntnisse zu höheren Lebensmaximen als den wirklich verbindlichen – und als „Ordnungsprinzipien“ auch durchaus anerkannten – Notwendigkeiten des geldbezogenen Materialismus. Die Ablehnung des „Mammon“ will den Kommerz um einen moralischen Gestus ergänzen, mit dem der Einzelne sich bescheinigt, ihm nicht „verfallen“ zu sein – die Wechselfälle einer marktwirtschaftlichen Existenz geben ihm reichlich Gelegenheit, die Stichhaltigkeit dieser ehrbaren Haltung zu beweisen. Typischerweise richtet sich diese „Kritik am Kapitalismus“ denn auch weniger an die Reichen, die sich Demonstrationen einer auf Edleres gerichteten Gesinnung leicht leisten können, als – Stichwort „Sozialneid“ – an Leute, die ihre Nöte zur Tugend des Verzichts verklären sollen. In ihrer anderen Variante will die Rüge für die „Alleinherrschaft des Geldes“ Sphären benennen, die dem „bloßen Kommerz“ entzogen werden sollten; um ihrer höheren Ansprüche und Angebote willen. Jedes derartige Plädoyer enthält also das Eingeständnis, dass die Marktwirtschaft auch alle höheren Güter wie Gott oder Liebe, Musik oder Gerechtigkeit, Dichtkunst oder Naturschönheit längst zur käuflichen Ware gemacht bzw. den Anforderungen des Geldverdienens unterworfen hat. Wie auch nicht? Diese Güterangebote aus den Bereichen der moralischen Notwendigkeit und des luxuriösen Tiefsinns sind mit den Grundsätzen der Erwerbsarbeit, von denen im Folgenden die Rede ist, nicht besser und nicht schlechter vereinbar, haben im dafür gezahlten Geld kein weniger angemessenes Maß als jede andere Produktion oder Dienstleistung, an deren „kommerziellem“ Zweck niemand Anstoß nimmt. Und die Handelsvertreter des Höheren, die das beklagen, wissen das nicht nur: Ihr Antrag geht eindeutig dahin, wer in Sachen Sinn unterwegs ist, sollte wenigstens selber finanziell sorgenfrei leben können.

[4] Der Zusammenhang von produktiver Arbeit und Eigentum am Arbeitsprodukt ist im fertigen Kapitalismus aus dem Erfahrungsbestand der produktiv tätigen Arbeitskräfte verschwunden; im Kalkül der Arbeitgeber kommt er gar nicht vor; vom wissenschaftlichen Sachverstand wird er nicht weiter thematisiert – und wenn, dann eher in Abrede gestellt. Aus Gründen, die noch zu erläutern sind, ist im marktwirtschaftlichen Normalfall der Eigentümer des Produktionsprozesses der „Produzent“ und damit der berechtigte Eigentümer der Güter, nicht der unmittelbare Produzent, der die Arbeit in der Fabrik tut.

 Geläufig ist der eigentumsbegründende Charakter der produktiven Tätigkeit einer Rechtsperson ausgerechnet beim „geistigen“ Eigentum, wo das Produkt seinem Gebrauchswert nach gar nicht als Objekt exklusiven Verfügens taugt: Erkenntnisse kann man nachdenken, ohne sich ihrer materiell bemächtigen zu müssen, und sie werden nicht dadurch „weniger“, dass andere sie nachvollziehen, sie sich also zu eigen machen – ihre Hervorbringung nennt Marx daher „allgemeine Arbeit“. Gerade deshalb wird im Recht der exklusive Charakter dieser allgemeinen Arbeit extra fixiert und umständlich gesichert. Durch urheberrechtliche Regelungen schützt der Staat die eigentumswirksame Leistung der geistigen Tätigkeit, also ihre Vermarktungsfähigkeit, stiftet so – über Patente und Lizenzen – in einer Welt von Eigentümern ein Geldinteresse an der Produktion von Wissen und regelt zugleich den Zugang des Geldes zu den Resultaten von Forschung und Entwicklung.

[5] In ihrem unverwüstlichen Zynismus hat die Wirtschaftswissenschaft unter Verweis auf diese Sorte Freiheit das Dogma aufgestellt, dass grundsätzlich ein jedes ökonomisch handelnde Subjekt mit nichts anderem als der Optimierung seines Nutzens befasst ist, und daraus mathematische Modelle des Marktgeschehens abgeleitet, die allesamt beweisen, wie gut ein jeder auf seine Kosten kommt, weil schließlich noch die kleinste Geldsumme eine Nutzenpräferenz transportiert: Der Preis, den einer zahlt, repräsentiert das Optimum an Nutzen des gekauften Guts für seinen Käufer – würde er ihn sonst zahlen! Schlimmer als diese zirkulären Gedankenkonstrukte ist allerdings die Gewohnheit der „Marktteilnehmer“ selber, die Kunst, sich einzuteilen, als verwirklichte Freiheit anzusehen und sogar einen perversen Stolz zu entwickeln, wenn es mal wieder gelungen ist, mit Sparsamkeit und Schnäppchen trotz wenig Geld über die Runden zu kommen. Planwirtschaft können sich solche Helden der privaten Freiheit dann nur als das Gegenteil, nämlich als Gängelei in der Armut vorstellen.

[6] Sogar elementar Notwendiges wird nicht von selbst produziert, wenn es an Zahlungsfähigkeit dafür mangelt; sogar zerstört, wenn das dem Gelderwerb dient. Deswegen ergeben sich für die öffentliche Gewalt, die das marktwirtschaftliche System mit ihrer Eigentumsgarantie in Kraft setzt, aus dessen Wirken haufenweise Notwendigkeiten für kompensierendes Eingreifen. Dass der ganze Laden überhaupt läuft, obwohl auch die öffentliche Gewalt ihn keineswegs planend dirigiert, hat den frühen Apologeten dieses „Systems“ einige Ver- und Bewunderung abgenötigt und sie auf das sinnreiche Wirken einer „invisible hand“ „hinter dem Rücken“ der auf Gelderwerb und sonst nichts programmierten Akteure „schließen“ lassen. Die weniger fromme Wahrheit ist die, dass alles, was es in der Marktwirtschaft an materiellem gesellschaftlichem Zusammenhang gibt, die überhaupt nicht geplante Wirkung des allseitigen Bemühens um das Geld der andern ist – und ja auch dementsprechend aussieht: Es kürzt sich einfach alles heraus, was fürs Geldverdienen nichts taugt.

[7] Von den Konsequenzen dieser Gleichung zwischen eigentumsbildender Arbeitsmenge und dem Reichtumseffekt der Arbeit wird im Folgenden noch zu reden sein.

[8] Die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft stellt in ihren modellhaften Ableitungen des Marktgeschehens die Sache auf den Kopf und postuliert eine prinzipielle Unersättlichkeit der menschlichen Triebe, denen die kapitalistische Produktion durch sinnreiche Beschränkung das optimale, maximale und denkbar ausgewogene Maß an Befriedigung verschaffen würde. Den Menschen wird ein naturgegebener maßloser Materialismus zugeschrieben, zu dem sie bei aller historisch erworbenen Interessenvielfalt gar nicht fähig sind, um die Ökonomie des Eigentums, die den Ausschluss von allen benötigten Gütern zum Ausgangspunkt des Erwerbslebens macht und den so erzeugten Mangel mit der Arbeit, die sie organisiert, nie beseitigt, als einen einzigen Kampf gegen „die Knappheit“ zu rechtfertigen.

[9] Marx nennt das den „Umschlag des Eigentumsgesetzes“: Vorausgesetzt „(…) das Eigentumsrecht eines jeden an seinen eigenen Produkten und die freie Disposition über sie (…) sehn wir, dass dialektisch umschlägt, durch eine sonderbare Konsequenz, das Eigentumsrecht auf Seiten des Kapitals in das Recht auf fremdes Produkt oder in das Eigentumsrecht auf fremde Arbeit, das Recht, sich fremde Arbeit ohne Äquivalent anzueignen, und auf Seiten des Arbeitsvermögens in die Pflicht, sich zu seiner eigenen Arbeit oder seinem eigenen Produkt als fremdem Eigentum zu verhalten. Das Eigentumsrecht schlägt um in das Recht auf der einen Seite, sich fremde Arbeit anzueignen, und die Pflicht auf der andren, das Produkt der eigenen Arbeit und die eigene Arbeit selbst als andern gehörige Werte zu respektieren. (…) Die völlige Trennung zwischen Eigentum und noch mehr Reichtum und Arbeit erscheint jetzt als Konsequenz des Gesetzes, das von ihrer Identität ausging.“ (Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (MEW Band 42), Berlin 1974, S. 370 f.) Diese „sonderbare Konsequenz“ liegt in der dargestellten Trennung von Eigentum und Arbeit begründet.

[10] Gewiss, es gibt auch noch andere Auflösungen. Die Marktwirtschaft kennt allerlei Selbständige, vom Bauern- bis zum Ärztestand, die sich mit dem für ihren Beruf nötigen Eigentum und eigener Erwerbsarbeit durchschlagen; in unterschiedlichen Zusammensetzungen repräsentieren sie den Gegensatz zwischen Arbeit und Eigentum in der eigenen Person, relativieren ihn also nicht übermäßig. Außerdem gibt es den Staat, der mit per Steuern enteigneten Geldern die Rolle des Arbeitgebers spielt, ohne durch seine Arbeitnehmer Eigentum schaffen zu lassen; in all seiner Hoheit über die Klassen seiner Gesellschaft respektiert also auch er die Alleinherrschaft des Geldes über die Arbeit, die er einrichtet, indem er seine professionellen Dienstkräfte bezahlt; und dabei kalkuliert er das Entgelt um so genauer nach den Kriterien der privatwirtschaftlichen Lohnzahlung, je niederer die entgoltene Tätigkeit. Man sollte überhaupt aus den diversen funktionellen Unterabteilungen der marktwirtschaftlichen Erwerbsgesellschaft kein Rätsel machen – wo doch schon die maßgeblichen staatlichen Instanzen gar kein Problem damit haben, beim Eintreiben von Steuern wie bei der Einrichtung von Sozialkassen mit auf ihre Art eindeutigen ökonomischen Klasseneinteilungen auf ihre Bürger loszugehen. Im Übrigen – dies als methodischer Tipp – sind die Prinzipien der politischen Ökonomie des Kapitalismus sowieso keine Schubladen, deren Wahrheitsgehalt durch ihre Brauchbarkeit fürs Einsortieren der Menschheit zu beweisen wäre und durch Zweifelsfälle fraglich würde.

[11] Worauf es bei dieser wahrhaft eigentümlichen Verdoppelung der Arbeit in die produktive Tätigkeit der bezahlten Leute und den dem Unternehmen gehörenden Prozess der Wertentstehung ankommt, das ist den Betroffenen praktisch übrigens überhaupt kein Geheimnis: Jeder Arbeiter kennt seine Arbeit als Job, mit dem ihn letztlich nichts weiter verbindet als die Entscheidung des Betriebs, ihm eben diesen Arbeitsplatz zuzuweisen und den so auszustatten, wie es dem Unternehmen in seine Aufwands-Ertrags-Rechnung passt. Der zukunftsweisende Management-Einfall, Arbeiter an der „Gestaltung“ „ihres“ Arbeitsplatzes zu „beteiligen“, kehrt dieses Verhältnis nicht um, sondern reagiert berechnend auf dessen nicht misszuverstehende Einseitigkeit.

 Auch jahrelange Eingewöhnung schützt nicht davor, sich im Zuge einer fälligen Unternehmens-„Modernisierung“ vom Gewohnten verabschieden zu müssen. Dass es um abstrakte Arbeit für fremdes Eigentum geht, macht sich in der kapitalistisch durchgestylten Arbeitswelt höchst konkret bemerkbar – auch wenn mancher nicht wahrhaben will, was er am eigenen Leib erfährt, und zäh auf seinem Recht besteht, seine Funktion als Anhängsel des Kapitals für eine ihm zustehende Heimat zu halten.

[12] Die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft hat zwar auch noch nie abgeleitet, welchen Preis die Arbeit wert wäre. Die Ideologie, mit dem Lohn würde genau das bezahlt, was die Arbeit – im Unterschied zu dem andern „Produktionsfaktor“, dem Kapital – zum Produktwert beigetragen hätte, vertritt sie aber umso unbefangener und beruft sich dafür mit der diese Wissenschaft kennzeichnenden entwaffnenden Dialektik aufs Ergebnis: Daran, was die Lohnarbeiter vom Gesamterlös des Unternehmens abbekommen und was die Unternehmer für sich behalten, sieht man doch,was die einen und die andern jeweils dazu beigetragen haben – Beweis: sonst hätten sie es ja gar nicht gekriegt...

 Plausibel wird diese „Theorie“ der „Faktorkosten“ ausgerechnet durch die andere, die technische, gebrauchswertmäßige Seite des Verhältnisses, das sie zum Gegenstand hat: Ohne „Kapital“ im Sinne des gegenständlichen Betriebsvermögens, der Maschinen und der Arbeitsstoffe, an denen sie sich zu schaffen macht, wäre eine Belegschaft genauso unproduktiv wie dieses „Kapital“ ohne Arbeitskräfte, die es benutzen. Für die Herstellung nützlicher Dinge sind Naturstoffe in roher oder schon aufbereiteter Form und Gerätschaften, in denen einiges an technologischer Nutzanwendung von Erfahrungswissen und Wissenschaft steckt, ebenso nötig wie menschliche Fertigkeiten und deren Einsatz.

 Nur würde die Analyse dieses Verhältnisses nie auch nur auf die Idee hinführen, gleichartige, nur quantitativ unterschiedliche Beiträge zweier Faktoren zum Gesamtprodukt auseinanderdividieren zu wollen, geschweige denn auf eine Bezifferung dieser Beiträge. Letzteres stammt aus der marktwirtschaftlichen Rechenart, die alles, was für die Herstellung einer Ware nötig ist, nach seinem Preis, also als gleichartige quantitative Größe in Rechnung stellt. Da werden sachlich inkommensurable Größen unter Eigentumskategorien subsumiert und als Geldgrößen gleichartig. Dem Grunde nach, also was die Entstehung des in Geldgrößen gemessenen Eigentums betrifft, kann allerdings auch da nicht von einer sachlich gebotenen Aufteilung des Gelderlöses auf Arbeit und Kapital als gleichartige Faktoren die Rede sein. Denn dass das Produkt als Vermögenswert zählt, hat seinen Rechtsgrund darin, dass sich darin die produktive Tätigkeit eines Rechtssubjekts niederschlägt; insofern ist der ganze Warenwert Produkt menschlicher Arbeit. Sofern diese Arbeit vom Unternehmen bezahlt ist, also eigentumsmäßig ihm gehört, ist konsequenterweise auch der ganze Warenwert Unternehmenseigentum; den Arbeitskräften gehört davon gar nichts; was ihnen zukommt und rechtlich zusteht, ist der ausgehandelte Lohn; mit dessen Zahlung eignet sich das Unternehmen die ganze eigentumswirksame Leistung der Arbeit an.

 Das Konzept der Faktorkosten gefällt sich in der Idee einer automatischen Gerechtigkeit bei der Verteilung des Reichtums, zu dem Geldeigentümer und Nicht-Eigentümer so auffällig verschiedene Beiträge leisten und von dem sie so auffällig unterschiedlichen Nutzen haben. Das weltanschauliche Bedürfnis verbürgt die Haltbarkeit dieser Anschauung.

 Im Interesse einer tiefergehenden Sinnstiftung hat die wirtschaftswissenschaftliche Forschung darüber hinaus eine Möglichkeit entdeckt, Kapitalgebern und Arbeitnehmern doch eine gleichartige Leistung zuzuschreiben, die im Preis des Produkts enthalten und aus ihm zu vergüten wäre: Beide Seiten leisten für einen gewissen Zeitraum auf ein Stück ihres Eigentums Verzicht – die einen auf ihr Verfügungsrecht über ihre Zeit, die anderen auf ihre Freiheit, das eigene Vermögen anderweitig zu benutzen. Enthaltsamkeit ist also, in zweierlei Gestalt, die Quelle marktwirtschaftlichen Reichtums; und was ein jeder von dem bekommt, das hat sein Maß und seinen gerechten Grund darin, wie hart einen jeden das produktive Verzichten ankommt – Beweis: Entspräche die Vergütung nicht dem Verzicht, hätte ja ein jeder das Seine behalten...

[13] In dieser Rechnungsweise ist ein Widerspruch enthalten, der in der Konkurrenz der Unternehmen sehr folgenreich wirksam wird: In der Welt der Marktwirtschaft, in der gearbeitet wird, um Geld zu verdienen, in der also Arbeit als Eigentumsquelle fungiert, kann gar nicht genug gearbeitet werden. In derselben marktwirtschaftlichen Welt, in der Arbeit von Arbeitgebern als Eigentumsquelle angewandt und ihre entsprechende Wirkung ins Verhältnis zu dem dafür notwendigen Kostenaufwand gesetzt wird, kann dieser Aufwand gar nicht gering genug sein, ist also im Interesse des Überschusses äußerste Sparsamkeit beim Einsatz bezahlter Arbeit geboten. Wie dieser Widerspruch wirksam wird und was er bewirkt, ist Thema des folgenden Kapitels III.

[14] Auf diese Leistung der Warenproduzenten pflanzt sich im modernen marktwirtschaftlichen Gemeinwesen das Kreditgewerbe drauf. Mit seiner Kreditschöpfung setzt es sich an den Anfang, mit seinen Zinseinnahmen ans Ende des kapitalistischen Geschäftsgangs; mit seinem Recht auf Gewinn aus Kreditgeschäften befähigt es sich zur Ausstattung der Geschäftswelt mit Zahlungsfähigkeit und die Geschäftswelt zur Bedienung seiner Rechtsansprüche auf Gewinn. So macht es die Stiftung und Beschlagnahme gesellschaftlicher Zahlungsfähigkeit zu seiner Sache. Was das für die Arbeit im Dienste des kapitalistischen Reichtums bedeutet und was daraus wiederum für den kapitalistischen Geschäftsgang folgt, wird Gegenstand einiger Überlegungen im nächsten Kapitel IV.

[15] Wenn die Sachverständigen der Marktwirtschaft den Konjunkturverlauf beobachten, dann registrieren sie die Folgen dieser schlichten Wahrheit: Es sind nicht erratische Schwankungen des Publikumsgeschmacks, geschweige denn vernünftige Entscheidungen über gesellschaftliche Prioritäten, was zu wechselnden Konditionen des allgemeinen Warenverkaufens und Geldverdienens führt, sondern eingestandenermaßen die unberechenbaren Auswirkungen der Konkurrenz um immer mehr Absatz. Dass diese Konkurrenzanstrengungen mit großer Zuverlässigkeit nach Phasen der Expansion zu allgemein bemerklichen Rückschlägen führen und umgekehrt, hat bei den weisen Männern der Wissenschaft kein Interesse am Begriff dieses Irrsinns geweckt; stattdessen beschäftigt sich ein ganzer Forschungszweig mit der Entwicklung mathematischer Modelle des Unberechenbaren, die sich allein dem Standpunkt verdanken, die Wissenschaft wäre der kapitalistischen Gesellschaft eine quantifizierende Prognose über deren eigenes freies Wirtschaften schuldig.

[16] Die marktwirtschaftliche Lebenserfahrung, nach der die Preise hauptsächlich steigen, und zwar so allgemein, dass die einzelnen Erhöhungen sich zu einer Teuerungsrate addieren, wird hoffentlich niemand für einen Einwand halten. Dass die kapitalistischen Produzenten für ihre Waren in der Gesamttendenz immer mehr verlangen und auch gezahlt bekommen, indiziert keine Wertsteigerung der Waren, sondern die Entwertung des Geldes – eine Tatsache, von der die bürgerliche Welt ganz selbstverständlich ausgeht, wenn sie ein „inflationsbereinigtes“ Wachstum ausrechnet. Diese Geldentwertung hat ihren Grund in der kapitalistisch unproduktiven Aufblähung der gesellschaftlichen Zahlungsfähigkeit, die das Kreditgewerbe mit seinem professionellen Beitrag zum Wirtschaftswachstum durch Kreditschöpfung, also mit der produktiven Aufblähung der Zahlungsfähigkeit der Unternehmen immer auch bewirkt und zu der vor allem der Staat mit seinen gar nicht auf „Wertschöpfung“ berechneten, gleichwohl auf Dauer angelegten Haushaltsschulden maßgeblich beiträgt. In der modernen Marktwirtschaft repräsentiert das gesetzliche Zahlungsmittel selber ökonomisch den in der Gesellschaft zirkulierenden Kredit – dazu in den folgenden Kapiteln ein paar Anmerkungen –; deswegen gehört eine durch Inflationierung des Geschäftsmittels verursachte Tendenz zu allgemeiner Teuerung zum funktionierenden marktwirtschaftlichen Geschäftsleben – und zu einigen Formen seiner krisenhaften Entgleisung erst recht.

[17] Weil es dem Kapital beim Einsatz arbeitssparender Produktionsmittel um die Ersparung nicht von Arbeit, sondern von bezahlter Arbeit geht, lässt sich durch Intensivierung der Arbeit kapitalistisch gesehen derselbe Effekt erzielen. Die Praxis der „Rationalisierung“ bemüht sich denn auch, beide Effekte zu kombinieren, also die Einsparung von bezahlter Arbeit mittels Arbeitsersparnis mit der Einsparung von bezahlter Arbeit durch ihre Intensivierung zu verknüpfen. Zudem macht die Steigerung der Produktivität der Arbeit unter der Regie des Kapitals durch die Revolutionierung von Arbeitsabläufen nicht nur bezahlte Arbeitskräfte überflüssig, sondern dient auch nach allen Regeln kapitalistischer Arbeitsplatzbewertung als machtvolles Instrument für umfangreiche Neueingruppierungen der noch beschäftigten Arbeitskräfte – nach unten. Es gehört zu den Schönheiten dieses Systems, dass in ihm die Verarmung durch absolute Lohnsenkung, der intensivere Verschleiß der Arbeitenden und die Ersparung von Arbeit durch Steigerung der Produktivität – kombinierbare – Instrumente derselben „ökonomischen Rationalität“ sind.

[18] Unter dem Gesetz des Eigentums sind alle Potenzen der Arbeit – auch die geistigen Potenzen – solche des Kapitals, das deshalb auch den guten Ruf als „Motor“ des technischen Fortschritts verbuchen kann. Forscher, Techniker und Ingenieure stehen dem Kapital als eine Sonderklasse von Arbeitskräften käuflich zu Gebote und die Ergebnisse ihrer geistigen Arbeit sind als Verkaufsartikel und/oder Produktionsmittel Instrumente von Geschäftsleuten. Der vom Staat organisierte Wissenschafts- und Ausbildungsbetrieb braucht dabei gar nicht unmittelbarer Dienstleister des Eigentums zu sein. Mit der Herstellung nützlicher Geister auf dem Feld der Naturbeherrschung steht nämlich von vornherein fest, wer sich dieser – neben der Staatsmacht selbst – für welche Zwecke bedienen kann. Und diese Zwecke sind – ausweislich der Rolle fortschrittlicher Technologien als Kostensenkungsinstrumente – so beschaffen, dass die geistigen Potenzen der Arbeit sich als feindliche Macht gegen die unmittelbaren Produzenten richten: Sie erleichtern ihnen nicht die Arbeit, sondern dienen dazu, ihnen das Regime intensiver Arbeit aufzuzwingen, oder machen sie gleich überflüssig.

[19] Diesen Widerspruch hat K. Marx bereits in Heft VII der Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie auf den Begriff gebracht, und das so präzise, dass wir uns hier einmal einen ausdrücklichen Rückgriff auf den ersten Autor der hier vorgetragenen Kritik an Arbeit und Reichtum in der Marktwirtschaft gestatten.

 Marx hält dort die Tatsache fest, dass unter der Regie des Kapitals wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Errungenschaften in großem Stil in den gesellschaftlichen Produktionsprozess eingeführt werden und deswegen immer weniger Arbeit immer mehr Güter zustande bringt: „... die Schöpfung des wirklichen Reichtums (wird) abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder ... in keinem Verhältnis steht zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet, sondern vielmehr abhängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie.“ Er macht darauf aufmerksam, dass der gesellschaftliche Reichtum sich nicht in der hergestellten Gütermenge erschöpft; viel entscheidender ist die Potenz, sie quasi nach Belieben herzustellen: Der wirkliche Reichtum manifestiert sich … im ungeheuren Missverhältnis zwischen der angewandten Arbeitszeit und ihrem Produkt wie ebenso im qualitativen Missverhältnis zwischen der auf eine reine Abstraktion reduzierten Arbeit und der Gewalt des Produktionsprozesses, den sie bewacht. Die Gesellschaft verfügt dann eben nicht nur über einen Haufen nützlicher Sachen, sondern befreit sich weitgehend von der Notwendigkeit, für den Fortbestand dieses Reichtums beständig schuften zu müssen. In dieser Freiheit erkennt er den eigentlichen gesellschaftlichen Wohlstand: „Wahrhaft reich ist eine Nation, wenn statt 12 Stunden 6 gearbeitet werden. Reichtum ist ... verfügbare Zeit außer der in der unmittelbaren Produktion gebrauchten für jedes Individuum und die ganze Gesellschaft.“

 Entsprechend fassungslos steht Marx vor der anderen Tatsache, dass bei aller explosionsartigen Entwicklung der zum Einsatz gebrachten Produktivkräfte von einer Verminderung der Arbeitszeit bei den tätigen Arbeitern nicht die Rede sein kann, deren Inanspruchnahme im Gegenteil jedes vernünftige Maß übersteigt: Die entwickeltste Maschinerie zwingt den Arbeiter daher, jetzt länger zu arbeiten als der Wilde tut oder als er selbst mit den einfachsten, rohsten Werkzeugen tat. Dass daran nicht die Maschinerie schuld ist, sondern das Kommando über ihre Anwendung, weiß er natürlich und stellt daher fest: Es (sc. das Kapital) vermindert die Arbeitszeit ... in der Form der notwendigen, um sie zu vermehren in der Form der überflüssigen. „Überflüssig“ ist ein wachsender Teil der vom Kapital organisierten Arbeit in dem Sinne, dass er zur Erhaltung der arbeitenden Leute und für deren Lebensgenuss nicht notwendig ist; als Formbestimmung der Arbeit drückt Marx diese Tatsache aus, weil das Kapital es genau auf diesen Teil der aufgewandten Arbeitszeit anlegt und den Arbeitsprozess so organisiert, dass da nicht bloß eine zufällige Restgröße übrig bleibt, sondern planmäßig in zunehmendem Maß über das Quantum des für die arbeitende Menschheit selbst Erforderlichen hinaus geschuftet wird: Es setzt ... die überflüssige in wachsendem Maß als Bedingung ... für die notwendige Arbeit.

 Das Kapital bereichert sich also, indem es sich eine relativ und absolut wachsende Menge an gesellschaftlich aufgewandter Arbeitszeit aneignet – und gleichzeitig selber dafür sorgt, dass es für die Schöpfung des wirklichen Reichtums immer weniger auf das Quantum angewandter Arbeit ankommt. Der Reichtum, um den es dem Kapital – und damit in der nach ihm benannten Produktionsweise – geht, besteht eben nicht in nützlichen Gütern und freier Zeit, sondern in dem von ihm angeordneten und okkupierten Aufwand an gesellschaftlicher Arbeitszeit; dabei löst es selber jedes technisch begründete Maßverhältnis zwischen Arbeitszeit und stofflichem Reichtum auf. „Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch (dadurch), dass es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, während es andererseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt... Nach der einen Seite hin ruft es also alle Mächte der Wissenschaft und der Natur, wie der gesellschaftlichen Kombination und des gesellschaftlichen Verkehrs ins Leben, um die Schöpfung des Reichtums unabhängig (relativ) zu machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Nach der anderen Seite will es diese so geschaffenen riesigen Gesellschaftskräfte messen an der Arbeitszeit und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffenen Wert als Wert zu erhalten“ – nämlich als seinen Reichtum, der sein Maß in der Menge der angeeigneten Surplus-Arbeitszeit hat. Die Produktivkräfte und gesellschaftlichen Beziehungen – beides verschiedne Seiten der Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums – erscheinen dem Kapital nur als Mittel und sind für es nur Mittel, um von seiner bornierten Grundlage aus zu produzieren. (alle Zitate: K. Marx, Grundrisse a.a.O., S. 600ff. Die ganze Passage ist entnommen: Wolfgang Möhl/Theo Wentzke, Das Geld. Von den vielgepriesenen Leistungen des schnöden Mammon, Gegenstandpunkt-Verlag, München 2007, Anhang II. zu dem Kapitel „Geld – das ‚reale Gemeinwesen‘“: „Das Maß des kapitalistischen Reichtums: ‚Surplus-Arbeitszeit‘“, S. 60 ff.)

[20] Das gilt sogar da, wo der Form nach eben das passiert, nämlich Privateigentümer Gelder zusammenlegen, um ein Gemeinschaftsunternehmen zu finanzieren, an dessen Erträgen sie alle je nach der Höhe ihres in Aktien verbrieften Anteils beteiligt sind. Der Interessengegensatz zwischen Investor und Investment bekommt hier die weiterentwickelte Form, dass das Unternehmen mit seinem Konkurrenzkampf als Grundlage für das geschäftliche, in der Regel professionell betreute Interesse der Aktionäre fungiert, sich an Dividenden und vor allem an Kursgewinnen ihrer Wertpapiere zu bereichern. In dem Bemühen der angestellten Unternehmensleitung, eben diese Funktion optimal zu erfüllen, also das Unternehmen am Markt voranzubringen und dadurch die Shareholder zu bedienen, finden die beiden Seiten ganz sachgerecht wieder zusammen.

[21] Eine systematische und ausführliche Erklärung dieses Geschäfts ist unter dem Titel „Das Finanzkapital“ in vier Teilen in der Politischen Vierteljahreszeitschrift GegenStandpunkt in den Heften 3-08, 2-09, 1-10 und 1-11 erschienen.

[22] Die Gleichung, dass Geld nicht bloß allgemeines Äquivalent ist, sondern in den Händen des Kreditgewerbes seine eigene Vermehrung repräsentiert, setzt konsequent die Logik der politischen Ökonomie fort, die mit dem Warencharakter aller marktwirtschaftlich produzierten Güter und Dienstleistungen anfängt: Produziert wird für den Tausch, in dem sich das Rechtsverhältnis des Eigentums, nämlich des Ausschlusses aller Interessenten vom Gebrauch des hergestellten Bedarfsartikels, als Mittel zur Aneignung fremden Eigentums bewährt. Im Geld verselbständigt sich diese dem marktwirtschaftlichen System eigene Zweckbestimmung des Produzierens. In ihm existiert die Aneignungsmacht, auf die es bei der Ware ankommt, getrennt vom Produkt: allgemeine Verfügungsmacht als Ding. Mit der Verwendung von Geld als Kapital wird der Zweck des Gelderwerbs in der Weise zum Prinzip des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, dass es nicht mehr um die Schaffung neuen Eigentums überhaupt geht, sondern darum, dass der Eigentümer der Produktionsmittel als Rechtssubjekt der geleisteten Arbeit aus dem Warenverkauf mehr Geld erlöst, als er in die Produktionsmittel hineingesteckt hat und für Arbeitskräfte zahlen muss. Die Absurdität, dass die Arbeit, die neues Eigentum schafft, vollständig unter ihre Bezahlung subsumiert ist und in diesem Sinn das vorgeschossene Kapital zum Grund seiner eigenen Vermehrung wird, bekommt im Kreditgeschäft ihre selbständige Gestalt: Kapitalproduktivität als solche wird in Form eines Anrechts zur Eigenschaft jeder Geldsumme, die das Kreditgewerbe in die Hand bekommt.

[23] Außerdem nutzen die Banken ihre Dienstleistung am gesellschaftlichen Zahlungsverkehr sachgerecht aus: Praktisch alles in der Gesellschaft verdiente Geld taucht bei Banken und Sparkassen auf, wird dort als Guthaben verbucht, also durch Zahlungsversprechen der Institute ersetzt. An dieser Verwandlung von Geld in Verbindlichkeiten der Bank ändern die Verfügungen, die die Kontoinhaber über ihr Verdientes treffen, nichts: Zahlungen werden bekanntlich innerhalb und zwischen den Geldhäusern mit der Umbuchung von Guthaben abgewickelt und münden in der Verrechnung resp. dem Austausch von Geldforderungen unter den Banken. Damit verschafft das Gewerbe sich die Freiheit, so gut wie sämtliche Geldeinnahmen der Gesellschaft – einschließlich dessen, was seine Kreditnehmer mit dem geliehenen Geld an Zahlungen leisten, also anderswo an Geldzufluss stiften – als Finanzmasse zu behandeln, die ihm innerhalb gesetzlich vorgeschriebener Grenzen für Ausleihungen zur Verfügung steht. Die Zahlungsmittel, mit denen die Geschäftswelt ihre Umsätze bewerkstelligt und die Insassen der modernen Marktwirtschaft ihren Lebensunterhalt bestreiten, bestehen folglich – soweit nicht bares Geld – in elektronischen Geldzeichen, die nichts anderes und nichts Geringeres bezeichnen als die Kreditgeschäfte, die ihre Bank damit anzettelt: Das zeitgemäße marktwirtschaftliche Umlaufmittel besteht aus Kreditzeichen.

[24] Der marktwirtschaftliche Sachverstand legt sich diesen Sachverhalt mit Hilfe der lateinischen Wurzel des Wortes ‚Kredit‘ gerne moralisch bzw. psychologisch, nämlich so zurecht, dass die schönen Leistungen des Kreditgewerbes auf dem Vertrauen beruhen, das die Akteure einander entgegenbringen sowie an den von ihnen geschaffenen Finanzmärkten genießen – eine arg verniedlichende Deutung der Macht, die die Akteure des Finanzgewerbes aus ihren (Re-)Finanzierungsgeschäften herausholen. Worauf da mal mehr, mal weniger vertraut wird, ist die Erfolgsträchtigkeit des rücksichtslosen Zugriffs, den die Agenten des Kredits auf alle ökonomischen Aktivitäten der Gesellschaft als Mittel der Vermehrung ihres Reichtums vornehmen. Hinter diesem Zugriff steht erst recht keine Vertrauensfrage, sondern die Staatsgewalt mit ihrem Rechtsapparat.

[25] Welche Freiheiten die Banken sich dabei herausnehmen, wird an der Schranke deutlich, die sie sich dafür setzen – resp. durch die staatliche Aufsicht setzen lassen müssen: Wann immer aufgrund genommener und vergebener Kredite Zahlungen fällig werden und nach Verrechnung von Forderungen und Verbindlichkeiten tatsächlich zu leisten sind, muss ein seriöses Finanzinstitut auch zahlen können; das heißt: es muss über Reserven verfügen, die bei seinesgleichen, also für seine konkurrierenden Partner Kreditwürdigkeit verbürgen. Mit seiner Liquidität steht das einzelne Unternehmen für die Zahlungsfähigkeit ein, die es bei seiner Kundschaft stiftet – und das Gewerbe insgesamt für die Liquidität des ganzen kapitalistischen Ladens.

[26] Dass das Kreditgewerbe insgesamt mehr Zahlungsfähigkeit schafft und als Kapitalvorschuss in Verkehr bringt, als dann tatsächlich erfolgreich in Wachstum verwandelt, also als kapitalistischer Reichtum bestätigt wird, ist in der modernen Marktwirtschaft die Regel; nicht zuletzt der Staatshaushalt, soweit durch Kredite finanziert, trägt zur Divergenz zwischen Kreditschöpfung und deren ökonomischer Rechtfertigung wesentlich bei. Eine der Folgen ist als Inflation bekannt: als in Prozenten gemessener Wertverlust des geltenden Zahlungsmittels. Der Effekt kann in allen im Folgenden behandelten Konjunkturphasen auftreten, steht aber, je nachdem, für unterschiedlich verursachte und Unterschiedliches bewirkende Missverhältnisse zwischen Kredit und Überschuss. In den heißen Phasen eines Booms eilt das Finanzgewerbe mit seiner Spekulation auf ein rasantes Wachstum und eine entsprechende Wertzunahme seiner Investments dem Zuwachs an geldwertem Eigentum voraus, den das reichlich mit Wachstumsmitteln versorgte Kapital tatsächlich realisiert; solange diese Vorschüsse sich aber rentieren, wird keine Klage laut gegen die Vermehrung der Umlaufmittel, die sich in der allgemeinen Aufwärtsbewegung der Warenpreise bemerkbar macht. Die Teuerung überzeichnet in dem Fall ja bloß den schönen Gesamterfolg des Kapitals und schadet bloß denen, die die Preise nicht machen, sondern von ihrem festgelegten Entgelt zahlen müssen. Im Abschwung bleibt das kreditierte Kapital die Rendite schuldig, die den vergebenen Kredit erst rechtfertigen würde; dann signalisieren steigende Preise das kompensatorische Bemühen der maßgeblichen Instanzen der Kreditschöpfung – hinter denen in dem Fall allemal die Staatsgewalt steht –, mit der ökonomisch nicht mehr und noch gar nicht wieder gerechtfertigten Schaffung von Kaufkraft die Wirtschaft zu beleben oder überhaupt in Gang zu halten oder auch nur den staatlichen Bedarf zu decken. Lohnempfänger können an der Entwertungsrate wieder nichts weiter als das Tempo ihrer Verarmung ablesen. Ohne solche politischen Kompensationsbemühungen tritt im Abschwung leicht der noch größere ökonomische Schadensfall einer Deflation ein, einer Tendenz zur Abwärtsbewegung der Preise; das bedeutet, dass der Kredit, der nötig wäre, um ein Wachstum oder auch nur die Reproduktion des Kapitals zu finanzieren, gar nicht geschaffen oder nicht genommen, jedenfalls nicht wirksam in Verkehr gebracht wird. Der Wertverfall des ungenützten Kapitals äußert sich dann in einem Preisverfall der Produkte und der Produktionsmittel, zu denen in dem Fall die auch nicht mehr benötigten, also nicht mehr bezahlten lohnabhängigen Arbeitskräfte gehören.

[27] Deswegen passt es auch ins Bild, wenn das krisenauslösende Misstrauen der Finanzunternehmen sich im fortgeschrittensten Kapitalismus gar nicht an negativen Rückmeldungen aus der Welt der kreditfinanzierten „Realwirtschaft“ festmacht, sondern am Wertverlust von Derivaten seinen Ausgang nimmt.

 So geschehen in der seit 2007 andauernden Welt-Finanz-, Wirtschafts-, Staatschulden- und Währungskrise, mit deren Erklärung sich der GegenStandpunkt in den Heften 3-07, 4-07, 3-08, 3-09, 3-10, und 3-11 befasst.

[28] Deswegen passt die Forderung nach „Beschäftigung“, so unterwürfig sie ist, sachlich noch nicht einmal zum System der Lohnarbeit; denn eben weil Arbeit zuallererst Interesse und Anspruch der Kapitalisten ist – und nur deswegen Lebensbedingung aller anderen –, liegt es ganz bei ihnen, die Kriterien zu definieren, unter denen sie sie brauchen können. Systemwidrig ist daher erst recht die Forderung nach einem womöglich irgendwie einklagbaren „Recht auf Arbeit“ – und sie ist mit dem welthistorischen Ende einer Systemalternative zum Kapitalismus auch weitgehend verschwunden.

 Wenn heute politische Forderungen nach Beschäftigung laut werden, dann haben sie auch nichts mehr mit einer ideologischen oder sogar praktischen Relativierung des herrschenden Interesses zu tun, aus der Verwendung von fremder Arbeit solange Kapital zu schlagen, wie sie eben dafür taugt, und sie anschließend wegzuwerfen; solche Forderungen nehmen vielmehr im Namen der sozialen Notlage der von Arbeitslosigkeit Betroffenen umstandslos Partei für dieses Interesse: „Sozial ist, was Arbeit schafft.“ Dass es sich dabei nur um rentable Arbeit handeln kann, die Lebensumstände der auf Arbeit Verwiesenen also vollständig von der Rentabilität ihrer Arbeit abhängen, ist darin so selbstverständlich enthalten, dass es gar nicht mehr extra gesagt werden muss. Stattdessen buchstabieren Unternehmer, Wirtschaftspolitiker und Ideologen heutzutage ausführlich aus, was sie und am Ende auch noch die Arbeitnehmer selbst dafür tun können und müssen, dass das Kapital seine soziale Großtat – Schaffung, Erhaltung oder Rettung von Arbeitsplätzen – hinkriegt: Sie haben alle überkommenen Ansprüche an Lohnhöhe, Freizeit, Berechenbarkeit und Verträglichkeit dieser Arbeitsplätze zu streichen. Dabei handelt es sich nämlich bei Lichte betrachtet um nichts anderes als „Beschäftigungshindernisse“, die für den eigentlichen sozialen Skandal unserer Tage verantwortlich sind: Durch „Verkrustungen am Arbeitsmarkt“, „Bürokratie“ und anderes Teufelszeug werden massenhaft Leute daran gehindert, in den Genuss von „Beschäftigung“ zu kommen. Die gilt es umgekehrt nicht etwa gegen die Arbeitgeber durchzusetzen – wie sollte das auch gehen? –, sondern mit ihnen sozialpartnerschaftlich zu organisieren.


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