AKW-Pannenserie

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-07 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

AKW-Pannenserie in der Ausstiegsrepublik
Der Störfall einer „völlig missratenen Informationspolitik“ beschädigt das Vertrauen in die Atombranche – Politik und Öffentlichkeit stellen es wieder her.

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Auf einmal qualmt nach einem Kurzschluss in der Stromversorgung tagelang das Atomkraftwerk Brunsbüttel, kommt es „zeitnah“ im benachbarten Meiler Krümmel zu einer „Pannenserie“, und beide, vom Betreiber Vattenfall noch vor Kurzem als „Klimaschützer der Woche“ plakatierten Atomkraftwerke, müssen „per Hand heruntergefahren“ und per Schnellabschaltung vom Netz und unter Kontrolle gebracht werden. „Mehrere Unfälle in wenigen Tagen – Zufall?“ „Vattenfall, bitte melden!“ ruft eine sensibilisierte Öffentlichkeit, verlangt schleunigst Aufklärung und kriegt sie – mit Verspätung.

AKW-Pannenserie in der Ausstiegsrepublik
Der Störfall einer „völlig missratenen Informationspolitik“ beschädigt das Vertrauen in die Atombranche – Politik und Öffentlichkeit stellen es wieder her.

Der Störfall einer „völlig missratenen Informationspolitik“ beschädigt das Vertrauen in die Atombranche – Politik und Öffentlichkeit stellen es wieder her.

Die Nation der „historischen Atomwende“ steckt mitten in der schönsten Debatte um die Haltbarkeit des rot-grünen Atomkonsenses. Unter Anleitung durch die „Klimakanzlerin“ und ihre Union darf sich die Republik fragen, wie lange ein weltwirtschaftsmächtiger Kapitalstandort wie der unsere sich noch den ökologischen Luxus leisten kann, die rentable und garantiert kohlendioxidarme Produktion billigen Atomstroms im perspektivischen Auslaufstatus zu belassen, anstatt die Laufzeiten für Kernkraftwerke gehörig zu verlängern. Immerhin explodieren die Öl- und Gaspreise auf „unseren“ Rohstoffmärkten und zudem haben „wir“ ehrgeizige Ziele im Kampf gegen den Klimawandel.

Auf einmal qualmt nach einem Kurzschluss in der Stromversorgung tagelang das Atomkraftwerk Brunsbüttel, kommt es „zeitnah“ im benachbarten Meiler Krümmel zu einer „Pannenserie“, und beide, vom Betreiber Vattenfall noch vor Kurzem als „Klimaschützer der Woche“ plakatierten Atomkraftwerke, müssen „per Hand heruntergefahren“ und per Schnellabschaltung vom Netz und unter Kontrolle gebracht werden. „Mehrere Unfälle in wenigen Tagen – Zufall?“ „Vattenfall, bitte melden!“ (Die Zeit) ruft eine sensibilisierte Öffentlichkeit, verlangt schleunigst Aufklärung und kriegt sie – mit Verspätung. Damit ist der eigentlich gravierende Störfall eingetreten: Der Betreiber Vattenfall ist im Erklärungsnotstand und die Nation tagelang im Informationsvakuum. Der Skandal ist perfekt, und Umweltminister Gabriel, der wegen der rot-grünen Erblast des Ausstiegsbeschlusses in der Klimadebatte „in die Defensive geraten war..., erlebt einen vergnüglichen Sommer“ (SZ), weil der aktuelle Beweis erbracht ist, dass die Atomkraftnutzung immer noch eine Risikotechnologie ist.

Aus den Kraftwerken nichts Neues: Produktion auf GAU komm heraus und scharfes Rechnen mit dem Atomausstieg

Das, was jetzt „schonungslos“ an das Licht der Öffentlichkeit kommt hinsichtlich der minutiös nachgezeichneten „Pannenserie“ und ihrer Ursachen, sowie des allseits ausgebreiteten Betriebsalltags deutscher Kernkraftnutzung überhaupt, ist das Gleiche, was immer herauskommt bei solchen Gelegenheiten. Es zeigt sich einmal mehr, wie unsicher ihrer Natur nach AKW-Meiler sind und, dass sie je älter desto störanfälliger sind. Niemand wird im Unklaren gelassen. Regelmäßige Störfälle der kleineren oder schwerwiegenderen Art, auch und gerade in den sichersten Atomkraftwerken der Welt sind kein Zufall, vielmehr an der Tagesordnung in dieser Abteilung rentabler Stromproduktion. Der Normalbetrieb ist zudem ein einziger Praxistest darauf, inwieweit Trafos und Notfallsysteme und darüber hinaus das ganze bestrahlte Material den zusätzlichen Belastungen durch die permanente Optimierung der Reaktorökonomie, das so genannte Meiler-Tuning, auf das ein großer Teil der Nachbesserungen entfällt, noch gewachsen sind. In weniger regelmäßigen Abständen passieren so in deutschen Hochsicherheitsreaktoren (SZ) auch Unfälle, die eigentlich nicht passieren können, weil sie nicht passieren dürfen, wie

„das ‚Vorkommnis‘ einer Wasserstoffexplosion im Dez. 2001 mit Abriss einer Kühlleitung im Atomkraftwerk Brunsbüttel, die sich ‚sogar zum größtmöglichen Unfall hätte auswachsen können‘ (bmu)“ (Die Zeit)

Und was den subjektiven Faktor des Unfallgeschehens angeht, das überforderte Bedienungspersonal, kriegt man mitgeteilt, dass das menschliche Versagen durchaus seine Systemursache hat: Es wird an manpower gespart, rationalisiert und outsourcing betrieben. Ja, auch in einer Risikobranche unterliegt das AKW-Personal samt seiner Ausbildung einer Kostenkalkulation.

Wie unsere Stromwirtschaft mit dem Atomausstieg kalkuliert, kommt im Zuge der öffentlichen Ursachenerforschung auch nicht zu kurz. Er wird für die Branche zum Motor für Berechnungen, die in der Nation der historischen Atomwende die Restunsicherheit, das sogenannte Restrisiko (SZ) des atomaren Nutzungsbetriebs noch ein wenig mehr herausfordern: Die ganzen in Revisionen festgestellten „Mängellisten“, die „best gehüteten Betriebsgeheimnisse“ die jetzt publik werden dürfen, arbeiten die Betreiber – wenn überhaupt – so schleppend ab, wie es die Fristen der Atomaufsicht noch erlauben; manchmal auch mit langmütiger Duldung verständnisvoller Behörden so langsam, wie es die Vorschriften nicht erlauben.

Und dabei handelt es sich nicht um grobe Fahrlässigkeit, vielmehr um nüchternes betriebswirtschaftliches Kalkül. Einen Meiler im Auslaufstatus lässt die Atomwirtschaft eben nicht noch aufwendig nachrüsten und auf den „neuesten Sicherheitsstand“ bringen. Was sie andererseits nicht daran hindert, umso vehementer die generelle Verlängerung der Betriebslaufzeiten zu verlangen und im besonderen die Übertragung von Restlaufzeiten von jüngeren AKWs wie Brunsbüttel auf ihre dienstältesten Reaktoren wie Krümmel. Den Atomausstieg gilt es mit aller Macht offen zu halten und in jedem Fall zu verhindern, dass in dieser Legislaturperiode auch nur einer der hochrentablen Pannenkönige abgeschaltet werden muss. So lautet die Devise. Und dafür nimmt die Branche selbst längere Stillstandszeiten wegen nicht erfolgter Nachbesserungen in Kauf, weil diese Ausfallzeiten gemäß den Bestimmungen des Atomausstiegs nicht auf die festgelegte Reststromproduktion angerechnet werden, so dass die Betreiber hoffen können, auf diese Weise das Abschalten der „Pannenreaktoren“ so lange hinauszuzögern, bis am Atomstandort D eine neue atomfreundlichere Koalition regiert. Schließlich verweisen die Kanzlerin und ihre Union beständig darauf, dass unter anderen Mehrheitsverhältnissen der Ausstieg wieder revidiert würde, um Deutschland endlich wieder vom Schaden einer von Rot-Grün auf Restlaufstatus gesetzten Atomkraftnutzung zu befreien. Alle diese Kalkulationen und Rechnungen werden liebevoll in den Medien ausgebreitet.

Und, auf welches erschreckende System der Ursachen wirft das jetzt ein bezeichnendes Schlaglicht? Auf die Risikofreudigkeit dieser Republik etwa, die auch der Atomkonsens wegen der sicheren, billigen und lohnenden Versorgung ihrer kapitalistischen Ökonomie mit Energie noch Jahrzehnte lang nicht aufkündigen will? Auf die Rücksichtslosigkeit, mit der der Bedarf nach dieser sachnotwendig „risikoreichen“ Technik geltend gemacht wird? Stehen jetzt Wirtschaft und Politik schlecht da, die soviel Wert auf die strahlende Atomkraft als weitgehend heimische Energiequelle legen und sie mit ganz viel Staatsknete mittels einer tüchtigen atomindustriellen Unternehmerschaft zur schlagkräftigen Profitquelle ausgebaut haben? Natürlich nicht. Die rückhaltlose Aufarbeitung der AKW-Störfälle soll stattdessen einmal mehr ein ganz schlechtes Licht auf ein erschreckendes Zusammentreffen von Pech, Dummheit und Vertuschung (SZ) werfen.

Die einzige Gefahr im Umkreis der AKW: Eine falsche öffentliche Debatte

Was das im Zentrum aller Kritik stehende Störfallmanagement angeht, das nach der Schnellabschaltung der Reaktoren in Gang kommt, läuft es nach altbewährtem Muster ab. Es wird ein berechnender Umgang mit den Informationen zum Ablauf der nuklearen Unfälle und ihrer Folgen gepflegt. Noch während es unübersehbar brennt, steht die Harmlosigkeit der Störfalle fest und wird öffentlich gemacht: Alles ist unter Kontrolle, die eigentliche Reaktoranlage vom Brand in einem Nebengebäude natürlich nicht betroffen, und der Reaktor ist, wie immer, nur vorsorglich heruntergefahren worden. Radioaktivität ist sowieso nicht ausgetreten, und eine Gefahr für die Bevölkerung hat nie bestanden. Vertuschen, verharmlosen und die Gefahr herunterspielen. Nur das preisgeben über den Ablauf, die Schwere und den Umfang des Störfalls, was sowieso unumgänglich ist. So lautet von jeher die Aufklärungsdevise und das Credo verantwortungsbewusster Informationspolitik in dieser gesellschaftlich umstrittenen Branche. Und diese „Rationierung“ der Information erfolgt durchaus in Abstimmung und im Zusammenspiel mit den Aufsichtsbehörden: Die haben – solange keine atomrechtlichen Meldepflichtverletzungen zu beanstanden sind – ganz viel Verständnis für die im nachhinein so gescholtene Bunkermentalität der Atomwirtschaft. Schließlich wäre für ein reibungsloses Atomstromgeschäft eine öffentliche Debatte schlimmer ... als ein Unfall im Reaktor.(Die Zeit) Gerade weil Störfälle von mehr oder weniger gravierender Natur notwendig ihr risikoreiches Gewerbe begleiten, nimmt die Atomlobby in ihrem Meldewesen das Misstrauen, das sie mit ihren Pannen hervorruft, vorweg und stiftet Sicherheit durch wohldosiertes Mauern. Und selbst dieser, jetzt schwer in die Kritik geratenen Politik der Informationszurückhaltung mit ihren ganz beruhigenden Auskünften, zu welchen Folgen es garantiert nicht gekommen ist, lässt sich ja durchaus eines entnehmen: Nämlich mit welchen Unfällen und Schäden im Atomstromgeschäft laufend gerechnet und kalkuliert wird.

Qualmende Reaktoren können vorkommen – schlechte Öffentlichkeitsarbeit ist unverzeihlich

Mit diesem gewohnten Störfallmanagement gibt sich das oberste Sicherheitssystem der marktwirtschaftlichen Atomkraftnutzung, die freie und unabhängige Öffentlichkeit, dieses Mal nicht zufrieden und legt die nukleare Unfallmeldung nicht einfach in ihren Archiven oder unter der Rubrik Vermischtes ab, wie die in die Hunderte gehenden jährlichen Störfallereignisse sonst. Bei einer Pannenserie, einem unübersehbar qualmenden AKW und schon gleich mitten in einer neuen Atomausstiegsdebatte, ist es natürlich ihre oberste Pflicht nachzubohren. Es ist immerhin eine nüchterne Betrachtung der Chancen und Risiken der Atomenergie verlangt (SZ), also ein über jeden Zweifel erhabenes deutsches Atomstromgeschäft.

Damit nimmt das Vattenfalldesaster seinen Lauf. Und es kommen Pannen, Sicherheitsmängel und ein Versagen ganz anderer und viel schwerwiegenderer Natur ans Licht und in die Kritik als die inzwischen zum sicherheitsrelevanten Nichtereignis heruntergestuften Atomunfälle: Mehrere Unfälle in wenigen Tagen und der Betreiber – im Erklärungsnotstand; der Energiegigant verspricht Aufklärung – hält aber Informationen zurück; die Ermittlung des Unfallgeschehens und die Befragung des Reaktorführers dazu – gerät zum öffentlichen Kriminalfall. Ausgerechnet die vierte Aufsichtsgewalt der Demokratie erfährt nur peu a peu, scheibchenweise und nur in dem Maße, wie sie nachbohrt (SZ), davon, dass bei diesem Störfall gar nicht alles von Anfang an so im Griff und so harmlos war, wie vom Betreiber Vattenfall ursprünglich behauptet. Skandal! Und was jetzt rauskommt – Zustände herrschen vielleicht in unseren AKWs, dass man glatt den Eindruck gewinnen könnte, dass es um die Sicherheit der sichersten Atomkraftwerke der Welt grundsätzlich schlecht bestellt ist: Kommunikationsprobleme im Leitstand; statt kontrolliertes und automatisiertes Herunterfahren erfolgt eine spontane Schnellabschaltung des Reaktors von Hand; und die Reaktormannschaft ist ein labiler und schlecht ausgebildeter Hühnerhaufen, der bei Notfällen im Kommandostand leicht die Nerven verliert und überreagiert usw. usf. Es offenbart sich bei Vattenfall also ein erschreckender Mangel in der Sicherheitskultur. Bezüglich des sicheren Umgangs mit Störfällen fehlt es also schwer an der verlangten Kunst, unsichere Kernkraftwerke und ihre Störfälle souverän zu steuern und zu meistern. Wo doch Umweltminister Gabriel erst jüngst wieder allen eindringlich eingeschärft hat, dass diese Risikotechnologie einfach keine Fehler verzeiht, also im System Mensch – Maschine das Bedienungspersonal gefälligst störungsfrei zu funktionieren hat und keine gefährliche Schlaffheit (Spiegel) an den Tag legen darf, wenn schon das Material unter der Strahlenbelastung dauernd ermüdet. Aber was noch viel schwerer wiegt und den Skandal perfekt macht: Das Versagen der Öffentlichkeitsarbeiter von Vattenfall auf ganzer Linie! Ausgerechnet ein Betreiber des strahlenden Gewerbes verliert mit einer völlig missratenen Informationspolitik von Verharmlosung und Informationszurückhaltung die Deutungshoheit über sein unfallträchtiges Geschäft. Wer soll da den ungeliebten Klimaschützern, die gerade für längere Laufzeiten streiten, in Zukunft noch abnehmen, dass das Restrisiko bei ihnen in den besten Händen liegt, wenn sie es laufend verschweigen.

Damit ist in der freiheitlichen Nutzung der Kernkraft der eigentlich gravierende Störfall eingetreten, den ein durch den historischen Konsens in Sachen Kernkraft befriedeter Atomstandort D überhaupt nicht brauchen kann. So wird nur größte anzunehmende Unsicherheit in der Bevölkerung hinsichtlich der Sicherheit des atomindustriellen Handwerks gestiftet und damit die gesellschaftliche Akzeptanz der Atomkraft als eine noch lange unverzichtbare „Übergangstechnologie“ in der nationalen Energieversorgung untergraben. Mit dieser „Pannenserie“ gerät die Nuklearwirtschaft ins Zwielicht und in die Kritik und muss sich deshalb eine öffentliche Sicherheitsprüfung bezüglich ihrer Glaubwürdigkeit als zuverlässiger Betreiber von Gefährdungsreaktoren (Gabriel) gefallen lassen.

Der richtige Weg: Das Bekenntnis zum unvermeidbaren Risiko

So wird zielstrebig die Systemfrage des „Restrisikos“, das notwendig mit dem atomindustriellen Geschäft einhergeht und das in den Störfällen in Brunsbüttel und Krümmel einmal mehr zutage getreten ist, in die Vertrauensfrage hinsichtlich der AKW-Betreiber überführt. Diesbezüglich hat die kritische Öffentlichkeit jetzt also beim Verharmloser Vattenfall, der damit die ganze Branche in Misskredit bringt, schwere Defizite in Sachen Transparenz ausgemacht. Die macht aus jedem Störfall eine einzige Vertrauenswerbung für das strahlende Gewerbe und seine Akteure. Durch ein korrekt beachtetes Meldewesen und die damit verbundene schonungslose Aufklärung wird nämlich die betroffene Menschheit

„immer wieder daran erinnert, dass eine 100-prozentige Sicherheit auch bei der Hochtechnologie Kernkraft nicht zu erreichen ist, nie zu erreichen sein wird“ (SZ),

dass also im Grunde jeder Störfall ein einziger Beweis für sein Gegenteil ist, nämlich dafür, wie wenig haftbar doch die AKW-Betreiber für das von ihnen einkalkulierte und gestiftete Restrisiko zu machen sind. Durch die fehlerhafte Informationspolitik der Firmen kommt gar nicht mehr richtig heraus, wie sehr sie sich gerade um Risikominimierung und laufend um 100-prozentige Sicherheit bemühen, obwohl die jenseits des Menschenmöglichen liegt. Jetzt ist das Image der ganzen Branche befleckt, und droht der Verlust allen Vertrauens in die Technologie und die vier deutschen Betreiberkonzerne. (SZ) Also muss die Atomwirtschaft schleunigst wieder raus aus dem Zwielicht, in das sie sich gebracht hat.

Der Vertrauensverlust wird heruntergefahren

Dementsprechend werden von der Politik und Öffentlichkeit lautstark Konsequenzen aus den Störfällen gefordert, und die Lehren aus dem „Vattenfalldesaster“ gezogen: streng entlang der Leitlinie, dass der Vertrauensverlust abgeschaltet gehört und keinesfalls die AKWs. Also braucht das Atomstromgeschäft ein paar neue Regeln hinsichtlich seiner „Sicherheitskultur“, und vor allem kriegt das gegenüber der Kernkraft immer noch misstrauisch eingestellte Publikum jede Menge zynischer Debatten serviert, die es mit den nötigen Gesichtspunkten versorgt, ihre alten Ängste nicht mit neuer Energie befeuern zu lassen.

  • Natürlich, unsichere Atomkraftwerke müssen sofort abgeschaltet werden (CDU-Ministerpräsident Wulff), darin besteht durch die Bank Einigkeit. Aber die gibt es bei uns schon aus Prinzip nicht. Beweis: Wenn das stimmte, was da an Gefahren bestehen soll, wären die Kraftwerke längst stillgelegt. (CDU-Fraktionsvize Reiche) Der Sachwalter des rot-grünen ökologischen Erbes, die SPD, fände es trotzdem schön, wenn die Betreiber als vertrauensbildende Maßnahme die Anträge, ältere Kraftwerke länger laufen zu lassen, zurücknehmen, weil solch eine Übertragung von Restlaufzeiten zwar nicht den Buchstaben, aber in jedem Fall dem Geist des Atomkonsenses widerspricht. Schließlich wollte Rot-Grün durch seine weltweit einmalige Kernenergiebewirtschaftung ja das nationale Restrisiko deutscher Kernkraftnutzung darüber vermindern, dass die Betreiber z. B. ältere störanfällige Reaktoren früher vom Netz nehmen und sie dafür im Gegenzug ihre modernen nuklearen Stromfabriken umso länger betreiben dürfen. Die werden zwar dann auch immer älter und störanfälliger... aber so geht eben national verantwortungsbewusste Risikobewirtschaftung. Also muss, wenn es nach dem Umweltminister geht, in dieser Frage der Atomkonsens nachgebessert werden. Auch ein schärferes Schwert für die Atomaufsicht wird in Erwägung gezogen, damit der Branche nicht auf einmal Wirtschaftlichkeit vor Sicherheit (Gabriel) geht: In Zukunft – so die Idee – könnte doch der Betreiber nachweisen, dass Stör- und Unfälle keine atomrechtlichen Zweifel an der Betreiberlizenz begründen. Doch der Vorschlag der Beweislastumkehr wird, kaum angedacht, gleich wieder verworfen. Soviel Misstrauen und Behinderung ihres Gewerbes hat die deutsche Nuklearwirtschaft schließlich nicht verdient. Auf deren reibungsloses Geschäft – und das kann in der Aufarbeitung des „Skandals“ nicht oft genug klargestellt werden – kann eben nur schwer verzichtet werden, weil sonst für die sichere und wettbewerbsfähige Energieversorgung unserer weltwirtschaftsmächtigen Nation viel schwerwiegendere Risiken drohen als nur ein wenig Restunsicherheit in Sachen radioaktiver Verseuchung.
  • Wo sich der Vertrauensverlust mit V wie Vattenfall (FAZ) buchstabiert, darf zur richtigen Einordnung der Störfallserie natürlich der Hinweis nicht fehlen, dass die Unzuverlässigkeit schwedische Nationalfarben trägt und der Betreiber bereits mit einen Beinahe-GAU im schwedischen Meiler Forsmark auffällig geworden ist, weshalb man schon gleich nicht die vier deutschen Betreiberkonzerne über einen Kamm scheren und in Sippenhaft nehmen dürfe. Der angeklagte Betreiber Vattenfall verspricht Läuterung und bekämpft den angedrohten Lizenzentzug in bewährter und von allen Seiten anerkannter Manier. Er tauscht die Chefs seiner PR-Abteilung und seines Deutschlandgeschäfts aus; die neuen Herren richten sofort Medientage und Besichtigungstouren durch den stillgelegten Reaktor ein und loben 5 Millionen Euro für eine unabhängige Expertenkommission aus, die nachträglich Sicherheit in den Erklärungsnotstand und Licht in 18 Tage Nebel (SZ) bringen soll. Die Sicherheitskultur wird optimiert. Vattenfall verspricht verbesserte Kommunikationsstrukturen im Reaktorleitstand und intensiveres Training der Bedienungsmannschaft und garantiert für die Zukunft als Nonplusultra der Vertrauensstiftung den gläsernen Störfall; falls das alles für die atomrechtliche Lizenz zur Weiterführung der Unglücksmeiler nicht reicht – wovon niemand wirklich ausgeht –, stehen logischerweise die Konkurrenten Eon und Konsorten mit ihrer deutschen und deshalb höheren Reputation schon mal in den Startlöchern, um die hochrentablen Pannenkönige zu übernehmen und sie in ihren bekannt sicheren und zuverlässigen Händen weiter zu betreiben. Mit dieser Eigentümerrotation wurden schon früher erfolgreich die Zweifel der Atomaufsicht bezüglich der Zuverlässigkeit eines Betreibers bekämpft.
  • Was die Ursache des Vertrauensverlustes angeht, der auf diese Weise repariert werden muss, können selbstkritische Fragen aus dem seriösen Presselager natürlich auch nicht ausbleiben, ob nicht der von Politik und Öffentlichkeit verlangte blinde Veröffentlichungseifer (FAZ) bezüglich Mängellisten und Vorkommnissen mit daran Schuld trägt, dass die Nation einen ganz falschen Eindruck vom Sicherheitszustand ihrer eigentlich grundsoliden Reaktoren gewinnt.
  • Wo ein tagelang rauchendes Atomkraftwerk der Ausstiegsnation sichtbar in Erinnerung ruft, dass in ihr immer noch ein unsichtbares Restrisiko herumsteht, darf eine umfassende und grundsätzliche Sicherheitsdebatte natürlich auch nicht fehlen und die betroffene Menschheit am Atomstandort D sich fragen: Wie sicher sind eigentlich die immer noch sichersten Kernkraftwerke der Welt, speziell die dienstältesten? Von den öffentlichen Risikoexperten kriegt sie die beruhigende Auskunft, dass Störfälle und das Platzen der Dinger nicht unbedingt eine Frage des Alters sein müssen, vielmehr Sicherheit eine Frage der Sorgfalt sei. In jedem Fall soll sich niemand was vormachen und sich in falscher Sicherheit wiegen, was die Haltbarkeit auch einer Hochtechnologie wie der Nukleartechnik angeht, denn jedes Glas bricht einmal entzwei. (SZ) Was natürlich nicht als Argument fürs Abschalten misszuverstehen ist. Vielmehr ist dies ein Plädoyer dafür, dass sich die notorisch risikoscheue deutsche Menschheit in der von oben neu aufgemachten Debatte über den Ausstieg aus dem Atomausstieg nicht durch eine AKW-Pannenserie von einer nüchternen Betrachtung der Chancen und Risiken der Atomkraftnutzung abbringen lassen soll, was der Nation hinsichtlich ihrer nationalen Energieversorgung gut tut.
  • Die geschäftstüchtigen und risikofreudigen Betreiber der Gefährdungsreaktoren und ihre Lobby mischen sich offensiv in die Debatte ein, wenn sich schon alle Welt um das befleckte Image ihrer Branche sorgt. Sie gerieren sich als Opfer und als eigentlich Geschädigte der Störfälle, die sie gerade verursachen. Sie warnen vor der politischen Ausschlachtung der im Grunde lächerlicher Pannen und verlangen, sie nicht leichtfertig um die Früchte der ganzen schönen Klimadebatte zu betrügen, die die Kohlendioxidreinheit ihrer Profitmacherei ins rechte Licht der Menschheitsrettung gerückt und die politische Auseinandersetzung um die Haltbarkeit des Atomkonsenses und den Kampf um die Verlängerung der Restlaufzeiten für ihre atomindustriellen Gelddruckmaschinen so schön forciert hat.

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So bleibt nach vier Wochen „rückhaltloser“ öffentlicher Aufräumarbeit nur noch eine Frage ungeklärt: Cui bono? Welcher der politischen Sachwalter deutscher Kernkraftnutzung und ihres nationalen Restrisikos kann aus der Pannenserie und der Gefahr radioaktiver Verstrahlung politisch Kapital schlagen? Und welche Partei schafft es am besten, die Betroffenheit auf ihre Vertrauensmühlen in der demokratischen Machtkonkurrenz umleiten? Und wo sich die Republik am Ende darum sorgt, ob unter dem Parteiengezänk nicht womöglich die Sachauseinandersetzung um die Revision des Atomkonsenses Schaden nehmen könnte, da ist zumindest das politische Restrisiko schon eingedämmt: Das nämlich, dass sich die betroffene Menschheit mit ihren alten Ängsten in die neu aufgeworfene Kernkraftfrage störend einmischen könnte.

(Alle Zitate aus SZ, FAZ, Zeit vom 5.7 -1.8.07, sowie Spiegel Nr. 29 und 30)


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