Aids in Afrika

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-00 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Die USA entdecken Aids in Afrika:
Ein ganzer Kontinent – unheilbar!

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Die USA erklären die Ausbreitung von Aids in Afrika zu einer globalen Sicherheitsbedrohung und sich damit zuständig für die Betreuung des Verfalls afrikanischer Staaten. Indem sie diesen Verfall als pures Sicherheits- bzw. Seuchenproblem behandeln, bekunden sie ihre Absage an jegliche Form von Entwicklung; den politischen Kredit, der vormals ein kleines Stück afrikanischer Staatlichkeit gestiftet hat, halten sie für entbehrlich – doch sich selbst überlassen wollen sie den hoffnungslosen Fall Afrika deswegen noch lange nicht.

Die USA entdecken Aids in Afrika:
Ein ganzer Kontinent – unheilbar!

Anfang des Jahres übernimmt Amerika turnusmäßig die Präsidentschaft im UN-Sicherheitsrat und lässt sich etwas ganz Besonderes einfallen. Unter dem Motto: „Ein Monat für Afrika“ werden dort den ganzen Januar über „so viele Probleme Afrikas debattiert wie sonst in Jahren nicht.“ (SZ, 12.1.) Vor allen blutigen Konflikten, die den klassischen Diskussionsstoff des Gremiums abgeben, besteht US-Vizepräsident Al Gore darauf, die Debattenserie mit dem Thema „Aids in Afrika“ zu eröffnen:

„Wenn eine einzelne Krankheit alles, von ökonomischen Anstrengungen bis hin zur Friedenssicherung, bedroht – sind wir mit einer Sicherheitsbedrohung von größter Wichtigkeit konfrontiert.“ (Eröffnungsrede, 10.1.)

1. 20 Millionen HIV-infizierte Afrikaner, das sind zwei Drittel aller Infizierten weltweit; jede Minute stecken sich weitere 10 Menschen an; ersten Hochrechnungen zufolge sterben in 5 Jahren täglich 13000 Afrikaner an Aids: Wovon Gore Bericht erstattet, zeugt von der gänzlichen Abwesenheit von so etwas wie einem staatlichen Gesundheitswesen in den betreffenden Ländern. Die Ausbreitung der Seuche ist also ein Ausdruck – sicher nicht der Grund – des zerrütteten Zustands, in dem sich die Staaten Afrikas insgesamt befinden.

2. Diesem Zustand widmet sich Gore als Vertreter der amerikanischen Weltmacht: Grundsätzlich für alles zuständig, was auf der Welt passiert, bezieht die es selbstverständlich auch auf sich, wenn auf einem ganzen Kontinent die Staatenwelt verfällt. Betroffen blickt sie in Gestalt ihres Vizepräsidenten auf das restlos verschuldete Armenhaus des Weltmarkts, dessen Erträge aus dem Rohstoffexport mitsamt ihren Quellen längst allesamt dutzendfach an irgendwelche amerikanischen und europäischen Konzerne verpfändet sind, in dem sich all das, was man höflich „staatliche Strukturen“ zu nennen pflegt, in Auflösung befindet und durch Bürgerkriege aller Art endgültig zerstört wird. Die reichste Nation der Welt macht sich Sorgen nach dem Motto: Was machen die uns schon wieder für Probleme!

3. Bei diesen Problemen hätte man freilich schon gerne erfahren, welche „Anstrengungen“ zur Verbesserung der ökonomischen Lage und zur Beförderung friedlicherer Verhältnisse in Afrika der Mann aus Amerika eigentlich im Auge hat, wenn er darüber Klage führt, dass dieselben durch die Ausbreitung der Krankheit allesamt zum Scheitern verurteilt seien. Er redet gar nicht über existente Bemühungen; vermutlich erinnert er sich mit Grausen an den UN-Somalia-Einsatz unter amerikanischer Beteiligung oder hält die Aufbruchsstimmung für nicht mehr angebracht, die Clinton auf seiner letzten Afrika-Reise unbedingt verbreiten wollte – jedenfalls legt er entschieden Wert auf die Mitteilung, dass derlei Anstrengungen, was Afrika betrifft, von vornherein gar nicht wert sind, in Angriff genommen zu werden.

4. Zur Begründung seiner Absage an jegliche Vorstellung von ‚Entwicklung‘, da hat der Mann schon recht, passt nun Aids freilich wie der Deckel auf den Topf: Man kann ja verschiedene ‚Ursachen‘ für den Zustand afrikanischer Staaten verantwortlich machen. Gegenüber dem Standardvorwurf ‚korrupte Regierung‘, dem immer noch irgendwie die Forderung nach einer Änderung der Lage innewohnt, die eine bessere Regierung durch Abstellen des Fehlverhaltens herbeiführen möge, hat die Vorstellung einer anonymen Seuche, die einfach naturwüchsig um sich greift und jede wohlgemeinte Hilfe zur Selbsthilfe schon im Keim zunichte macht, zweifellos den Vorteil, dass aus ihr absolut keine praktische Konsequenz folgt.

5. Wenn Amerika die Sache so sieht, dann folgt daraus freilich schon was. Wenn die USA als maßgebliches Subjekt des Weltmarkts Afrika zum hoffnungslosen Fall erklären, dann schreiben sie „von ökonomischen Anstrengungen bis hin zur Friedenssicherung“ alles ab, was sie dort jemals unternommen haben, weil es ihnen wichtig war. Den politischen Kredit, mit dem sie so etwas wie afrikanische Staatlichkeit gestiftet und die Eingliederung des Kontinents in den Weltmarkt betrieben haben, halten sie in Hinkunft für entbehrlich. Für den Abtransport der natürlichen Reichtümer, die andernorts von kapitalistischem Interesse sind, haben sie gesorgt, was aus den Gebilden wird, die sie abliefern, geht sie weiter nichts an. Wenn der imperialistische Weltmarkt die Masse der Afrikaner praktisch zur kapitalistisch unbrauchbaren Überbevölkerung erklärt, schließen sie sich diesem Urteil an und stellen sich zum Verfall von Land und Leuten als Betroffene einer quasi subjektlosen Katastrophe. So bleibt es garantiert dabei, dass dort ganze Völkerschaften nicht nur an einer Krankheit krepieren.

6. Der Ober-Ami lässt es sich nicht nehmen, seinen Beitrag zum Thema „Aids in Afrika“ in eine „neue Sicherheitsagenda für das 21. Jahrhundert“ einzukleiden, weil es ihm noch auf eine weitere Botschaft ankommt. Eine Krankheit als Herausforderung des Sicherheitsrates – diese Aufgabenstellung passt zwar nicht so recht auf das UN-Institut, das satzungsgemäß für „bewaffnete Konflikte zwischen Nationen“ zuständig ist. Umso mehr aber passt sie zu dem, was Amerika von diesem Institut hält. Mit der verächtlichen Statuszuweisung, die den Sicherheitsrat in die Nähe der Weltgesundheitsorganisation rückt, stellt Gore einmal mehr klar: Damit mag sich die UNO befassen, Weltpolitik ist und bleibt Entscheidungssache der USA.

7. Gores Auftritt hat schließlich noch die Wirkung, dass sich die Weltöffentlichkeit wieder einmal einige Tage für „Aids in Afrika“ interessiert. Nach dem Motto: ‚Was lehrt uns die Seuche?‘ zeichnet sie liebevoll und im Hinblick auf die spannende Frage, ob die wohl aufgehen, die schäbigen Berechnungen des amerikanischen Wahlkämpfers nach: Natürlich möchte Al Gore als Präsidentschaftskandidat der Demokraten ins Rennen gehen, und dieses Thema kann die Stimmen der schwarzen Wähler bringen. Umfassend wird die Menschheit unterrichtet, dass die Sterberate unter den Eliten zahlreiche Länder in ihrer Regierungs- und Verteidigungsfähigkeit bedroht, Aids aber insgesamt nicht das ausufernde Bevölkerungswachstum in Afrika zum Erliegen bringen wird. Man erfährt außerdem manches über das Sexualverhalten fremder Völker, aber auch über die Verantwortungslosigkeit der katholischen Kirche, die einfach keine Kondome zulassen will. Man ist also wieder einmal bestens informiert.


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