850 Jahre Moskau

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-97 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

850 Jahre Mockba
Die russische Hauptstadt feiert ihre Geschichte

Überblick

Das „neue Russland“ revidiert seinen patriotischen Überbau. Dafür muss der nationale Wertebestand von Zeugnissen des sozialistischen Irrwegs bereinigt und durch Anleihen aus dem historischen Erbe der Zarenherrschaft bereichert werden.

850 Jahre Mockba
Die russische Hauptstadt feiert ihre Geschichte

Das offizielle Fest zum 850. Jahrestag der Gründung Moskaus wird als ein Fest des Pomps und nationalen Pathos begangen. Die Machthaber feiern die Geschichte dieser Stadt. Es versammeln sich die herrschende Elite und geladene Honoratioren am Reiterstandbild Juri Dolgorukis, um Jelzins Eröffnungsrede zu lauschen. Der Präsident feiert Moskau und seinen neuen, volkstümlichen Bürgermeister namens Luschkow, in der Sicherheit, daß die Gloriole, mit der er die beiden Geehrten versieht, in erster Linie auf ihn, den Vorsteher des russischen Gesamtladens zurückfällt. Bürgermeister Luschkow, der moderne, von Jelzin ernannte und vom Volk gewählte Stadtherr Moskaus, weiht zu Ehren des großen Tages eine Statue des Zaren Peter des Großen ein. Auch er ist sich sicher, daß dieses zu 80 Metern Höhe gediehene Werk der Bildhauerkunst vor allem ihm selbst als seinem Auftraggeber zur Ehre gereicht. Anerkannte Vertreter der Weltkultur – Pavarotti, Copperfield – tragen ihr Scherflein zur Botschaft bei, daß Moskau eine Weltstadt ist.

Wie ihre Herrscher bei ihrer Feier bleiben auch die Untertanen ganz unter sich, wenn sie den Geburtstag Moskaus für sich zum Erlebnis machen. Russischer Zirkus, russische Chorkunst und Nachstellungen russischer Militärgeschichte im Siegespark stiften frohe Laune. Den Eindruck, daß bei der Feierstunde des nationalen Kollektivs auch sie – irgendwie – mit dabei sind und geehrt werden, unterstreichen 250 Baudenkmäler, die als Chronik der Steine angestrahlt werden.

Moskau landet also 1997 bei genau demselben Drehbuch, nach dem jede nur halbwegs auf sich haltende Metropole dieser Welt ihre feierlichen Anlässe begeht. Haufenweise nationales Pathos und Pomp sowie der Rückblick auf Glanz und Elend vergangener Jahrhunderte überhöhen die gerade real existierende Herrschaft zusammen mit ihren Knechten zu einer idealen, dem Alltagsleben nicht entlehnten, dafür historisch verbürgten Gemeinwesenschaft der höheren Art. Alte wie neue Werke von Bildhauern, Architekten, Dichtern und Choreographen adeln die amtierende Herrschaft, indem sie Größe & Gediegenheit des Gemeinwesens vor Augen stellen, welches sie in seiner Tradition hervorgebracht hat. Zugleich statten sie dem Volk die ihm gebührende Ehre ab, indem sie in Wort und Bild die patriotische Botschaft vom unverwüstlichen Kontinuum der historisch gewachsenen, gebeutelten und dadurch wieder gewachsenen Einheit von Volk und Staat versinnlichen.

Doch einen kleinen Unterschied zum herrschaftlichen Normalfall gibt es im neuen Rußland schon. Was in den europäischen Metropolen der ruhmreichen kapitalistischen Herrschaft schon immer zur Normalität ihrer jeweiligen Selbstdarstellung gehört, ist für die neue Hauptstadt Rußlands ohne eine kleine Perestroika im patriotischen Überbau nicht hinzukriegen. Was die unmittelbar zurückliegenden 70 Jahre betrifft, ist die Tradition, mit der das neue Rußland renommieren will, nach heutigem Urteil ein einziger Irrweg der Nation. Die etwas längere Periode vor der sozialistischen Epoche war ihrerseits in Rußland nicht gut beleumundet, und auch nach allen aktuell geltenden Geschmackskriterien gehören knackiger Despotismus und feudalistisches Knechtschaftswesen nicht unbedingt zu Posten, mit denen Nationen für ihre Tradition Ehrenpunkte zu sammeln pflegen. Also gilt es, die Tradition Rußlands von dem sozialistischen Irrweg zu säubern, umgekehrt die davorliegende Herrschaftszeit zu rehabilitieren: Daß die dem Sozialismus zum Opfer gefallen war, reiht sie allein schon in den Wertebestand ein, auf den man in Rußland heute stolz sein möchte.

Der Grundstein der ruhmreichen Geschichte: Moskau, die Zarenkapitale

Freilich artet der Rückgang zur Tradition Rußlands vor der Revolution 1917 nicht gleich in eine Hymne auf die Auspeitschung der Landbevölkerung aus. Das wäre zwar ehrlich, aber nicht passend für den Zweck, für den Bürgermeister Luschkow in seiner Stadt rote Sterne abräumen und an ihrer Stelle den russischen Adler aufpflanzen läßt. Den herrschaftlichen Glanz, mit dem die Autokraten ihr mittelalterliches Moskau versahen, hat er dazu auserkoren, das neue Moskau in seiner uralten russisch-herrschaftlichen Seele widerzuspiegeln und ihm darüber heutige Größe zu verleihen. Erfolgreiche Anleihen beim historischen Erbe der Zarenherrschaft setzen also eine sehr interessierte Befassung mit allem voraus, was so beeindruckend aus der stolzen Parole des Zarentums spricht – über Moskau ist der Kreml und über dem Kreml ist nur noch Gott.

Moskau als Zarenkapitale war Zentrum der Staatsgründungskriege. Krieg, Brandschatzungen, Verwüstungen und Hungersnöte waren an der Tagesordnung. Zu kämpfen gab es viel. Nach außen gegen die Tataren, nach innen um die Macht; Bojaren kämpften gegen den Großfürsten, dieser gegen jene; offene Waffengänge waren die Regel, Meuchelmord und Vergiftungen lichteten die Stammbäume der herrschenden adligen Klasse ohne größeren Aufwand; Popen, in Wehrklöstern vorwärtsverteidigend um den Moskauer Kreml gruppiert, mischten in dieser abwechslungsreichen Zeit tatkräftig mit, segneten und krönten dann den jeweils überlebenden Großfürsten; ab Iwan III. nannte sich dieser Herrscher der gesamten Rus, dann Zar; russische Mönche bemühten die Etymologie, um ihren Herrscher über Cäsar von Gott herzuleiten; darüber wurde Moskau drittes Rom, trägt also seitdem das Erbe des Abendlandes mit.

Die im Laufe der Jahrhunderte gewonnene Macht der Zaren suchte und fand ihren sinnfälligen Ausdruck. Der Kreml, anfänglich eine schlichte Befestigungsanlage, beherbergte schließlich nur noch den Zaren selbst, den Metropoliten, die Garde und den Hofstaat, und wurde darüber zum Gesamtkunstwerk veredelt. Das heißt keineswegs, daß die Herrschaft der Zaren damit ihre Bindung zum Volk verloren hätte, im Gegenteil. Von dem mußte der Reichtum ja kommen, damit er zur kulturvollen Weihe der Macht verwendet werden konnte, und in ausreichender Menge mußte er von dem auch eingesammelt werden, damit er neben der Befriedigung der allfälligen Prunksucht der Herrschenden auch eine ewig bleibende Erinnerung an ihre schönsten Kriegserfolge hergab.

So zeugen die fünf Kathedralen mit ihren echt vergoldeten Kuppeln und den anderen wertvollen Zutaten, mit denen der Kreml zur Ehre seiner Zaren veredelt wurde, von ganz viel Mord, Totschlag und reichlich Elend der vielen Russen. Aber eben auch von ihrer Geduld, letzteres zu ertragen, und das macht die Volksseele so russisch und den Prunk ihrer Herren erhaben: Was der Kreml in seiner Pracht widerspiegelt, sind Größe und Erfolg des gesamtrussisch-nationalen Herrschaftswerks, zu dem es Zaren einmal brachten, und genau das besticht einen modernen russischen Nationalisten wie Luschkow. In dieses Erbe möchte er sich gerne stellen und entdeckt daher im Programm der Zaren, dem Sammeln russischer Erde, gleich das Projekt, das es heute als Rußlands Einheit fortzuschreiben gilt:

„Alles was Peter I. und Katharina II. erobert haben, wird wieder in Rußlands Schoß fallen, Sewastopol wird russisch.“

Die Metzeleien und vielen Opfer der Russen, mit denen einst Zaren eine russische Großmacht zuwegebrachten, stehen ihm stellvertretend für den ewiggleichen Leidens-, aber eben auch Erfolgsweg, den ein Volk zusammen mit seiner Herrschaft auf dem Weg zu Macht und Ruhm der Nation nun einmal zu beschreiten hat. Diese Botschaft ist der Auftrag, zu dem sich ein Luschkow von der russischen Tradition verpflichten lassen will und die ihm der russische Adler symbolisch vertritt.

Unrühmliches Zwischenspiel: Moskau, Hauptstadt der UdSSR

Das realsozialistische System wurde von den neuen Machthabern bekanntlich vollständig, die Symbolik seiner roten Sterne weitgehend abgeräumt. Letzteres muß jetzt unbedingt vollendet werden, weil der Überbau dieser Herrschaft überhaupt nicht dazu taugt, das neue Rußland an seiner Hauptstadt widerzuspiegeln.

Wirkliche Volksherrschaft, d.h. ein Staat der Einheit von Arbeitern und Bauern zu sein, war die Losung der bolschewistischen Revolutionäre. Das Programm zeugte einerseits von ihrem Gegensatz zur Herrschaft und Produktionsweise des Feudalismus wie zu der des Kapitalismus. Andererseits aber schon auch vom Willen zur Versöhnung der Klassengegensätze – durch, mittels und über den volksfreundlichen Staat nämlich. Zum Kommunismus reichte die antikapitalistische Systemkritik der KPdSU daher nicht. Nur das bürgerliche Lager registrierte anfänglich eine – blöderweise – verwirklichte Utopie, nach längerer Haltbarkeit derselben ein marodes System und hielt beides für typisch Kommunismus.

An der Macht erarbeiteten die Bolschewiken einen Generalerneuerungsplan für Moskau. Kriegs- und Hungersnot, Elendsviertel, Seuchen und Analphabetentum wurden beseitigt. Kanalisation und Metro wurden gebaut, Schulen, Krankenhäuser und Universitäten, Stadtviertel und Gartenstädte sowie handgezählte sieben Hochhäuser waren Teil der zivilisatorischen Leistungen, mit denen die Herrschaft ihrem ideellen Auftraggeber – dem Volk, dem zu dienen sie sich vornahm – gegenüber aufwartete. Die von ihr organisierte Planwirtschaft, die den dafür nötigen gesellschaftlichen Reichtum erbrachte, war allerdings keine. Sie war nur eine sehr aufwendige Methode, den Nutzen, den das Volk von seiner Herrschaft haben sollte und auch erwarten durfte, als Dienstverhältnis des Volkes am vom Staat verwalteten Gemeinwesen zu organisieren. Diese Lebenslüge der KPdSU, die von ihren proletarischen Massen verlangten Dienstleistungen und die staatlicherseits gewährten Dienste als einen ewigen Äquivalententausch zwischen Herrschaft und Volk zu inszenieren, gab schon wieder einen höheren Auftrag zur Repräsentation her. Auch im realen Sozialismus gelangten Kunst & Kultur zur Blüte, weil auch der ohne eine idealisierende Tilgung des Gegensatzes nicht auskommen wollte, in dem er als Herrschaft zu seinen Untertanen stand.

Im Vergleich zur Zarenherrschaft wie auch zur Herrschaft der westlichen Demokratie waren allerdings die Hauptdarsteller der genuin realsozialistischen Widerspiegelungen ziemlich einmalig: Ein Mausoleum für den Revolutionär Lenin, viele beeindruckende Monumente für Bauern und Arbeiter sowie noch beeindruckendere Monumente für die Produktivkräfte, die es im sozialistischen Produktionsverhältnis ja endlich frei entfesselt zu bewundern galt. Das alles sind sicherlich Zeugnisse hoher Kultur. Mit Sicherheit aber nicht davon, daß da ein organisierter Verein endlich einmal Vernünftiges in seiner freien Zeit anstellt, sich also auch das Reich der Notwendigkeit vernünftig eingerichtet hat: Auf die Verehrung des verstorbenen Führers des eigenen kommunistischen Aufbruchs legt nur eine Partei wert, die dazu übergegangen ist, ihren Kommunismus mit dem Vaterland gleichzusetzen, in dem er sich abspielt. Dann kann diese Partei auch getrost darauf verzichten, ihre Massen mit ein paar guten Gründen von dem Projekt zu überzeugen, dem sie stellvertretend für sie vorsteht. Deren Zustimmung versichert sie sich dann sehr pauschal und abstrakt, indem sie ihnen eine Gelegenheit zur patriotischen Huldigung des gelungenen Staatswesens offeriert, in dem sie leben dürfen.

Bauern und Arbeiter, wenn es sie auch noch überlebensgroß in Stein, Bronze und gemalt gibt, künden davon, daß die gewissen Entbehrungen, die die Werktätigen in ihren sozialistischen Fabriken und Kolchosen erfahren, kein Mangel sind, sondern ihnen unbedingt zur Ehre gereichen. Nach der praktischen Vollendung ihrer moralischen Kritik an der bürgerlichen Herrschaft mußten die Sozialisten offenbar auch noch unbedingt den bürgerlichen Herrscherkult vom Kopf auf die Füße stellen. Von Marx hatten sie gelernt, daß der stoffliche Reichtum und damit die Grundlagen auch einer sozialistischen Herrschaft von der Arbeit und der Natur kommen, und damit waren sie sehr zufrieden. Was ihnen noch fehlte, waren künstlerische Leistungen, die ihren produktiven Bemühungen, dieser Einsicht gerecht zu werden, ihrererseits gerecht wurden, und genau die bestellten sie sich. Das Motto vom Genossen Stalin, wonach der Arbeiter das größte Kapital der Nation sei, war zwar nicht die Wahrheit in dem Sinne. Es konnte aber so ungefähr für selbige gehalten werden, wenn die Kunst sich um seine schöne Darstellung widmete. „Sozialistischer Realismus“ nannte sich dann die Bemühung, die reaktionäre Idealisierung menschlicher Schöpferkraft für das hohe Niveau des erreichten gesellschaftlichen Fortschritts sprechen zu lassen.

Auch die Moskauer Metro war nicht einfach eine arbeitsteilig zu organisierende und technisch zu meisternde Ingenieursaufgabe. Verlangt war ein architektonisch durchgestyltes Lob der Produktivkräfte, weil die eben nur der Sozialismus so richtig freisetzen kann. Diesem Anspruch genügt keine U-Bahn, die nur fährt. Ein unterirdisches Gesamtkunstwerk aber schon eher. Dann nämlich werden Bahnhöfe zu Kathedralen des Volkes und spiegeln den Massen wider, mit was für einer Errungenschaft sie es überhaupt und landesweit zu tun haben, wenn sie nur unter der Erde durch Moskau fahren.

Für die modernen Vertreter russischer Macht sind diese Hinterlassenschaften einer realsozialistisch-herrschaftlichen Angeberei ein bleibendes Ärgernis. Nicht direkt aus ästhetischen Gründen, sondern weil sie die heutigen Machthaber Rußlands so unmittelbar darauf stoßen, zu welcher Größe es die alte Macht ausgerechnet mit der Staatsräson gebracht hatte, die sie selbst als unbrauchbar aus dem Verkehr zogen. Das Verlangen, die Größe einer russischen Macht heute vor Augen zu stellen, geht unmöglich mit repräsentativen Werken zu befriedigen, die zwar durchaus eine ruhmreiche Etappe in der Tradition des Herrschens auf russischem Boden bezeugen, aber doch so eindeutig den verdammten politischen Zweck dieser Herrschaft verraten. An den möchten sich die amtierenden russischen Machthaber nicht einmal mehr symbolisch erinnern lassen. Daß ihre einzig reelle Grundlage, mit einer Macht Rußland anzugeben, in dem besteht, worüber sie an Mitteln aus dem Erbschaftsfonds der Sowjetunion noch verfügen, irritiert sie dabei keineswegs.

Endlich alles modern und normal: Moskau, Hauptstadt des demokratischen Rußlands

Seitdem Freiheit und das Recht auf private Bereicherung die Raison sind, nach der die russische Gesellschaft regiert wird, spiegelt die Hauptstadt die Konsequenzen des neuen Systems wider, das nun herrscht.

Ein großer Teil der neuen zivilisatorischen Kultur kommt ohne größeres Zutun einfach dadurch zustande, daß mit der Einführung der Rechnungsarten des Kapitals der Staat seine Dienstleistung am Volk für im wesentlichen beendet hält. Die sozialen Hinterlassenschaften des alten Systems, Krankenhäuser, Bibliotheken, Freizeitparks, Schulen, Kinderspielplätze usw. verrotten, längst ausgestorbene Volkskrankheiten ziehen wieder in der Stadt ein, die Verelendung der Bevölkerung ist flächendeckend. Für den Bürgermeister ist dies – es herrscht ja Demokratie – durchaus auch ein Problem. Er würdigt das Elend als Ordnungsfall und Repräsentationsverlust seiner prächtigen Stadt, und beides bewältigt er in bewährter russischer Tradition: In einem Feldzug für Ordnung läßt er seine Polizei die Vorzeigestraßen und Vorzeigeplätze von neuartigen Phänomenen wie verarmten Rentnern, Bettlern, unversorgten Kriegsgeschädigten und zeitgenössischen Kriegsflüchtlingen, Zigeunern und Wohnungslosen säubern – Fürst Potemkin läßt grüßen; bei jedem Bombenattentat auf Mercedesautos, Metro und Trolleybusse klärt er seine Stadtbevölkerung dahingehend auf, daß dies das Werk einer tschetschenischen Diaspora sei – den Stamm der Rus fürderhin reinzuhalten will er den Moskowitern also unbedingt garantieren.

Auch sonst ist der Bürgermeister in positiver Hinsicht rührig und kümmert sich um das architektonische Bild seiner Stadt. Hauptverantwortlich betreut er den Erfolg des Projekts, Grund und Boden der kapitalistischen Bewirtschaftung zu überantworten, und die Spekulation kriegt selbstverständlich eine neue Stadtsilhouette hin. So wird viel und hoch gebaut in Moskau, mitten ins übrige Elend hinein, und das ist gut so, denn einer Weltstadt muß man schon auch ansehen können, daß sie eine solche ist.

Die Einführung der Rechnungsarten des Kapitalismus hat auch sonst, in zwischenmenschlicher Hinsicht, positiv Neues geschaffen, eine neue Klasse zum Beispiel. Die ist zwar uralt, für Moskau aber neu. Man nennt ihre Mitglieder die neuen Reichen, ein Konglomerat aus hartarbeitenden Jungunternehmern, Verantwortungsträgern aus dem Bereich von Grundstücks- und Finanzgeschäften sowie Leuten, die es mit viel Einsatz zu Fabrikdirektoren gebracht haben. Jeder auf seine Weise paßt darauf auf, ordentlich reich zu werden, dabei aber auch am Leben zu bleiben, denn Geld schafft ja bekanntlich viele Neider. Die einen verschachern Restreichtümer der alten Staatsmacht, die anderen zweigen aus den wenigen Quellen der neuen etwas für sich ab, an vielen bleibt viel von dem Geld hängen, mit dem im Banken- und Finanzsektor, den es nun auch in Moskau gibt, fleißig spekuliert wird. Privater Reichtum ist also schon zu machen, und daß er in seiner Abstraktheit ordentlich zur Schau gestellt gehört, ist normal und versteht sich nun auch in Moskau von selbst. Dort gibt es nun endlich auch – wie in jeder gescheiten Metropole – gleich neben dem Elend postmoderne Glaspaläste für Banken und Ölkonzerne, von einer Privatpolizei bewachte Reichensiedlungen, feine Boutiquen, Restaurants für die ausländischen und einheimischen Reichen und eine ausgedehnte Sphäre der Edelprostitution.

Freilich gibt es in einer Stadt, in der die Arbeiter der Metro streiken, um auf deren Ruin aufmerksam zu machen, und in der die Qualität des Trinkwassers rapide sinkt, für einen Bürgermeister immer noch Gutes zu tun. Es gibt auch noch soziale Zwecke, für die dieser Staat Geld übrig hat, und so wird in der Rekordzeit von nur zwei Jahren die Christus-Erlöser-Kirche wiederaufgebaut. Stalin hatte diese niederreißen, ein anderer KP-Chef an ihrer Stelle dann ein großes Schwimmbad bauen lassen, dessen Instandhaltung gleich mit der ersten Perestroika Gorbatschows zu teuer wurde. In der zweiten, die den kulturellen Überbau des neuen Staates und seiner Metropole betrifft, erinnern sich die Machthaber ihres kulturellen Erbes. Sie denken an die Blütezeit der russischen Seele während des Zarenreichs und denken auch noch ein letztes Mal an Marx – und geben seiner Auskunft über die Rolle des Glaubens – Opium des Volkes- bedingungslos recht. Der einzige Dienst am Volk, den sie wirklich für unentbehrlich halten, ist die Spende einer Stätte, in der endlich wieder russisch-orthodox das Jammertal auf Erden beweint und Erlösung erfleht werden kann.

PS 1: Die Moskauer Intelligentsia widmet sich dem neuen Moskau mit dem Besinnungsaufsatz 850 Jahre Mockba und der Frage, warum wir Moskau lieben. Übereinstimmend liebt sie Moskau trotzdem. Trotz Armut, Obdachlosen, Flüchtlingen, Bettlern, trotz abgerissenen Fliederbäumen, umgepflügtem Manegeplatz, Dreck und Feuer in der Metro, trotz verlorener guter Sitten, Mafia, und Korruption, trotz verlustig gegangener Bedeutung, Macht, Werte, Kunst und Kultur. Der russische Geist leidet offenbar streng patriotisch an der Differenz von Schein und Sein russischer Macht.PS 2: Hierzulande sieht man sich nicht dazu veranlaßt, das alte Feindbild gegen das starke Moskau und seinen modernen Statthalter auszugraben. Die Presse berichtet anläßlich Moskaus Geburtstagsfeier von einem wenig geglückten Versuch, Hollywood zu imitieren. Hier weiß man offenbar von der Differenz von Schein und Sein russischer Macht.


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